Erotischer Liebesroman mit Hochspannung

 

Prolog

 

Sommer 2008

 

Langsam rollte der SUV über die Kieseinfahrt auf das romantisch anmutende Haus zu. Die Julisonne stand am blauen Himmel, und als Jaron König ausstieg, schlug ihm dieser betörende Duft von blühenden Rosen entgegen, die wild und ungestüm an der geschieferten Hausfassade wucherten. Bis auf den Gesang der vielen Vögel war es ruhig. Das Haus lag abseits, direkt am Wald, sodass die typischen Geräusche der Stadt nicht bis hier durchdrangen. Es war ein romantischer Ort, doch dieses Gefühl erreichte ihn nicht. Geistesabwesend stand er da und seine Gedanken wanderten zu der Frau, mit der er hier hatte leben wollen.

 Es hatte aufgrund seiner Kontakte nicht lange gedauert, ihren Aufenthaltsort herauszufinden. Da er jetzt wusste, wo sie sich mit seiner Tochter aufhielt, würde er morgen in den Flieger steigen, um sie aufzusuchen.

Jaron hörte in Gedanken die Stimme einer Frau: »Lassen Sie ihr Zeit, wenn Sie ihr nicht diese Zeit geben, werden Sie sie und Ihre Tochter für immer verlieren!«

Ihr Deutsch klang spanisch akzentuiert. Er drehte sich um und erblickte eine Person, die aussah wie die Indios, die in den Fußgängerzonen die Andenmusik spielten. Auch ihre Kleidung wies den typisch traditionellen Stil auf.

»Bitte?«, fragte er irritiert. »Wer sind Sie?«

»Lassen Sie Zoe zu sich kommen. Sie braucht ihren Seelenfrieden, Zeit um zu sich zu finden«, antwortete die geheimnisvolle Frau, ohne auf seine Aussage einzugehen. »Vielleicht wird Ihnen eine zweite Chance eingeräumt, wenn die Zeit dafür gekommen ist!«

 

Jaron wandte seinen Blick wieder Richtung des Hauses. Er sah Zoe auf den alten Steinstufen sitzen, die zum Hauseingang führten. Es war die Szene, als er ihr den Schlüssel übergeben hatte – es war jedoch nicht nur der Schlüssel für ein Haus – nein, es war der Schlüssel zu seinem Herzen und zu einem gemeinsamen Leben gewesen. Ein Leben, das er sich so vorher nie hatte vorstellen können. Ein Leben auf einem wackeligen Fundament, einem Lügenkonstrukt, das mit dem Wiedererlangen ihrer Erinnerung zusammengestürzt war wie ein Kartenhaus.

 

Dieses Bild war so real, dass er ein paar Schritte nach vorn ging, um Zoe die Hand zu reichen, aber die Treppe war leer, dort saß niemand. Es schauderte ihn und abrupt drehte er sich um, wollte etwas erwidern, doch die Frau war verschwunden. Er kniff die Augen zusammen und schaute sich suchend um. Hatte er es geträumt, war es eine Vision, oder hatte sie tatsächlich mit ihm gesprochen? Er spürte eine steigende Anspannung, denn paranormale Ereignisse gehörten nicht zu den Dingen, denen er Glauben schenkte. Ihm hatten die Berichte über Kornkreise und UFOs stets ein müdes Lächeln abgerungen. Aber das, was sich gerade abgespielt hatte, irritierte ihn. Denn woher wusste sie, dass er morgen nach Peru fliegen wollte? Woher kannte sie Zoe und wusste um die Ereignisse? Wieso tauchte sie hier auf und genau zu diesem Zeitpunkt? War es möglich, dass es tatsächlich übernatürliche Kräfte gab? Er schüttelte den Kopf. Nein, das war Unsinn.

 

Trotzdem gingen ihm die Worte nicht aus dem Kopf. Was hatte diese geheimnisvolle Frau gesagt? Er solle Zoe noch Zeit geben?

 

Jaron König saß an diesem Sommerabend noch lange auf den Eingangsstufen des wunderbaren alten Hauses. Die Bäume wiegten sich sanft im Sommerwind und irgendwann tauchte die untergehende Sonne alles in ein unwirkliches Licht.

 

Der Platz 5A in der Businessclass des Fluges von Düsseldorf nach Atlanta, dem Luftdrehkreuz Richtung Südamerika, blieb unbesetzt.

 

 

 

1. Kapitel

 

Berlin 2010

 

 

Kommissar Paul Wegener stand wenige Meter von der Leiche entfernt. Der Raum unterschied sich deutlich von den üblichen Tatorten, zu denen er sonst gerufen wurde. Todesopfer in Wohnungen, im Wald oder auch am Rande der Spree waren ihm vertraut. Der Anblick von Leichen, die je nach Todesursache wenig appetitlich wirkten, war durch seine Arbeit bei der Mordkommission kein schöner aber dazugehörender Teil seines Jobs. Er war sich auch nicht sicher, ob es hier überhaupt etwas zu ermitteln gab. Alles sah nach einem bedauerlichen Unfall aus. Er schaute sich in dem sogenannten Spielzimmer um und seine Stirn legte sich in Falten, als er das Equipment betrachtete. Peitschen, Stöcke, Ketten, Klammern, Flaschenzüge an der Decke im Gebälk verankert und ein quadratischer Käfig waren nur einige der Dinge, die sein Auge erspähte. Er schüttelte den Kopf bei dem Gedanken, dass das Gegenstände waren, die zur sexuellen Lustbefriedigung dienen sollten.

 

Der Anblick des Opfers mutete sehr bizarr an. Der Körper des Mannes steckte in schwarzer enger Latexkleidung. Kein Stück Haut war zu sehen, bis auf sein Geschlechtsteil, das nach seinem Ableben schlaff zwischen seinen Beinen baumelte. Den Ganzkörperanzug konnte man mit einem Reißverschluss öffnen, sodass die Domina, die sich seiner annahm, den Zugriff darauf hatte. Er war auf einem Stuhl fixiert, die Arme waren mit Handmanschetten aus Leder seitlich an dem Rahmen fixiert. Der Tote trug eine Maske, die sein Gesicht eng umspannte. Nur kleine Löcher an Nase und Mund erlaubten es dem Träger zu atmen, der Knebel in seinem Mund erschwerte das Luftholen zusätzlich. Offensichtlich war ihm diese Praktik der Atemreduktion zum Verhängnis geworden. Der Kick dieses Spiels bestand darin, so hatte er in einer ersten Zeugenaussage durch die Betreiberin des elitären Fetischclubs erfahren, dass die Gäste in diesen Positionen für längere Zeit verweilten. Eine durchaus gängige Praktik, da die Person trotzdem von der Domina unter Beobachtung stand. Die Inhaberin, eine Madame Monique, versicherte, dass bislang niemals so etwas vorgekommen sei und die junge Bizarrlady, die den Gast betreute, sehr zuverlässig und versiert sei. Sie könne sich das alles nicht erklären. Wegener schaute zu, wie die Gerichtsmedizinerin den Reißverschluss der Maske öffnete und diese vorsichtig über den Kopf zog.

»Und?«, fragte Wegener.

 

Die Gerichtsmedizinerin schaute sich das Gesicht des Toten genau an und hüstelte.

»Na herzlichen Glückwunsch!«, entfuhr es ihr. »Wir haben hier Politprominenz!«

Wegener trat näher heran und schaute ebenfalls in das Gesicht des Toten. Ein lauter Seufzer entglitt ihm, als er erkannte, wer es war.

»Friedrich Schlüter, unser hoch geschätzter Ex-Wirtschaftssenator«, gab er sich selbst die Antwort und wusste, dass alles, was ab jetzt passierte, unter der Beobachtung von ganz oben stehen würde. Wie er das hasste. Die Umstände von Schlüters Tod waren pikant und er sah seinen Chef bereits mit hochrotem Kopf etliche Telefonate führen. Egal, ob er durch einen Unfall oder möglicherweise durch Fremdeinwirkung gestorben war, die Presse würde sich darauf stürzen. Er sah schon die Schlagzeilen vor sich, die in großen Lettern die Gazetten füllen würden, wenn der Ort des Ablebens herauskommen würde. So oder so war Fingerspitzengefühl und höchste Diskretion gefordert. Und das alles wieder kurz vor seinem Jahresurlaub.

 

Mit hochrotem Kopf saß Hugo Schwarzenberger, der Leiter der Mordkommission, hinter seinem Schreibtisch, als Wegener das Büro seines Vorgesetzten betrat. Trotz der angespannten Lage musste er grinsen, denn dies entsprach genau seinen bildlichen Vorstellungen.

»... selbstverständlich Herr Oberbürgermeister, Sie können sich auf unsere absolute Diskretion verlassen!«, hörte er seinen Chef gestresst sagen. »Ja, und natürlich werden wir Sie über die Ermittlungsergebnisse engmaschig auf dem Laufenden halten«, Schwarzenberger nickte ihm zu und Wegener nahm vor seinem Schreibtisch auf einem Stuhl Platz.

»... und ja, er ist mein bester Mann!«

Damit war das Telefonat beendet und Schwarzenberger ließ den Telefonhörer unsanft auf den Apparat fallen.

»Mann, Mann, Wegener, hier ist was los, Sie können sich nicht vorstellen ...«

»Doch Chef, das kann ich«, antwortete er. »Mir wäre es auch lieber gewesen, dass die Todesumstände anders gewesen wären.« Er kratzte sich am Kinn und resümierte die Worte der Gerichtsmedizinerin, die ihm vor zwei Stunden das Ergebnis der Obduktion erläutert hatte.

»Atropin, lieber Kollege«, hatte sie gesagt. »Schlüter ist vergiftet worden!«

Sie hatte ihm erklärt, dass es sich um ein sehr giftiges Tropan-Alkaloid handelte.

»Atropin gehört zu den Parasympatholytika, auch Anticholinergika genannt. Atropin konkurriert somit an den muskarinischen Rezeptoren des Parasympathikus mit dem Neurotransmitter Acetylcholin. Atropin blockiert teilweise die Rezeptoren und hemmt somit den Parasympathikus. Die Wirkung des Acetylcholins vermindert sich. Der Einfluss des Parasympathikus sinkt, wodurch der Einfluss des Sympathikus überwiegt«, ergoss sich die Pathologin in Fachchinesisch.

»Bitte, keine Details«, unterbrach er sie. »Ich weiß, dass Sie es immer sehr genau nehmen, aber mich interessiert, wie ihm das Gift zugeführt wurde!« Er lächelte gequält.

»Nun ja«, fuhr sie fort. »Die Praktik mit dieser Atemreduktion war die perfekte Kombination. Denn das Gift löst unter anderem Atemlähmungen aus, die aber je nach Dosierung nicht tödlich verlaufen müssen, es sei denn ...«

»... es sei denn, die Atmung ist bereits eingeschränkt, wie zum Beispiel durch einen Knebel!«, ergänzte er.

Sie nickte und forderte ihn auf näher an die Leiche heranzutreten.

»Schauen Sie«, sie verwies auf eine winzig kleine Einstichstelle. »Das Gift wurde ihm in flüssiger Form mit einer Spritze beigebracht.« Wegener nickte.

»Ich bin durch seine großen Pupillen darauf aufmerksam geworden!«, erklärte sie weiter. »Ich weiß nicht, ob es dem Täter egal war, ob wir die Ursache finden, oder ob er ein Dilettant war.«

 »Tja«, murmelte der Kommissar. »Das werden wir herausfinden müssen.«

»Den Bericht erhalten Sie zügig«, schloss sie ihre Ausführungen und zog das grüne Leichentuch wieder über den gesamten Körper.

»Aber das ist noch nicht alles«, riss Schwarzenberger ihn aus seinen Gedanken. »So wie es aussieht, steht der Mord in Zusammenhang mit einer größeren Ermittlung von Europol.« Er ließ sich in den Bürostuhl zurücksinken und raufte sich durch seine nicht vorhandenen Haare. Die Brille war ihm weit über die große Nase gerutscht. »Da steckt viel mehr dahinter, als wir zunächst annehmen konnten.«

Wegener schaute ihn fragend an.

»Der Rücktritt Schlüters vor einigen Monaten ist für die Öffentlichkeit sehr überraschend gekommen. Er hat von persönlichen Gründen gesprochen«, führte Schwarzenberger aus.

Paul Wegener nickte. Er erinnerte sich, da es ihn sehr gewundert hatte, denn die Karriere des ehrgeizigen Mittvierzigers war sehr dynamisch gewesen und auch die Partei hatte große Stücke auf ihn gehalten.

»Von wegen private Gründe!«, schnaubte Schwarzenberger. »Alles eingefädelt, da in seine Richtung ermittelt wurde.« In seiner Stimme klang Empörung mit. »Es hat keiner von uns gewusst, die halten uns zum Teil wirklich klein!«, solche Praktiken ärgerten ihn. »Europol ist an einem Syndikat dran, das weltweit korrumpiert. Drogenhandel, Zuhälterei, Menschenhandel und das ganze Programm.«

Wegener setzte sich bei dieser Information aufrecht hin und hörte aufmerksam zu, was sein Chef ihm gerade vermittelte.

»Schlüter hat sich von dieser Mafia gut bezahlen lassen, es ging um Subventionsbetrug«, man konnte spüren, wie sehr er so was verabscheute. »Und, Wegener, ich kann Ihnen versichern, es waren keine Taschengeldbeträge.«

Schwarzenberger fuhr fort, um seinen Mitarbeiter auf den neuesten Stand zu bringen. Der Politiker hatte Subventionen für mehrere Scheinprojekte vorangetrieben. Als dieser Betrug aufgeflogen war, stellte sich heraus, dass Schlüter sehr eng mit dieser Organisation verknüpft gewesen war. Es gab einen Deal: Wenn er aussagen würde, käme er lediglich mit einer Bewährungsstrafe davon, die auch nicht in einem großen Prozess verhandelt werden sollte. Natürlich war er als Senator nicht mehr tragbar und ein Rücktritt unvermeidlich gewesen. Der Schaden ging in die Hunderttausende. Das Prinzip war simpel: Es wurden Scheinfirmen gegründet, die einen Subventionsantrag zur Förderung von Bauprojekten in Berlin und Umgebung gestellt hatten. Durch Schlüters Einflussnahme wurden diese Anträge schnell und verhältnismäßig reibungslos genehmigt. Die Förderung wurde ausbezahlt und kurze Zeit später meldete das Unternehmen Insolvenz an. Schlüter erhielt von den ausbezahlten Geldern eine Provision. Der Betrug fiel auf, da die Überprüfungen der Anträge verschärft wurden, weil die Bundesregierung dem Subventionsbetrug den Kampf angesagt hatte.

»Sie müssen sich mal vorstellen, Wegener, alles, ohne dass die Öffentlichkeit davon Kenntnis erlangt hat«, er schüttelte den Kopf. »Details werde ich noch erfahren, es war zunächst nur ein kurzer Abriss von dem, was dort am Laufen ist.«

»Das lässt den Mord in einem ganz anderen Licht stehen«, resümierte Wegener. »Es erscheint mir, als wäre es beabsichtigt gewesen, dass wir das Gift als Todesursache nachweisen.«

Sein Chef nickte.

»Die Lokalität war gleichermaßen gut gewählt, denn man kann davon ausgehen, dass alle Beteiligten nicht daran interessiert sind, dass dieser Ort öffentlich wird.« Er machte eine kurze Pause und schüttelte den Kopf. »Aber die Personen, die es betrifft, sollten informiert und gewarnt sein.«

»Natürlich hat ihn seine sexuelle Neigung erpressbar gemacht!«, ergänzte Schwarzenberger. Wegener empfand das Verhalten seines Vorgesetzten ungewöhnlich angespannt, aber er konnte sich den Druck, dem er ausgesetzt war, vorstellen.

»Wir müssen unter den neuen Voraussetzungen natürlich die Ermittlungen zu diesem Club intensivieren«, sagte Wegener.

»Leider können wir nicht so frei agieren, wie wir wollen“, Schwarzenberger seufzte. »Sie schicken uns jemanden von Europol, der uns bei den Ermittlungen unterstützen wird.«

Wegener zog die Stirn in Falten. »So, wann denn?«

»Ich denke, heute Abend oder spätestens morgen früh wird Sascha Vries eintreffen,« gab er zur Antwort. »Wie ich eingangs bereits sagte, das scheint ein großes Ding zu sein.« Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich den Schweiß von der Stirn.

»Nun ja, morgen werden wir mehr wissen«, stimmte ihm Wegener nachdenklich zu und erhob sich.

Offensichtlich stand ihnen eine interessante aber auch arbeitsreiche Zeit bevor. Gerufen zu einer Leiche, bei der man zunächst nicht wusste, ob es sich überhaupt um Mord handelte, schien sich dies zu einem internationalen Fall auszuweiten. Vermutlich würden seine Frau und seine Kinder ohne ihn in den Sommerurlaub reisen müssen.

 

 

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die junge Polizeianwärterin, als sie die blonde Frau, die mit einem großen Koffer den Fahrstuhl verließ und sich suchend umschaute, bemerkte.

»Ich suche Paul Wegener«, antwortete die Blonde und in ihrer Stimme schwang ein ausländischer Akzent mit.

»Wenn Sie den Flur entlang gehen, die letzte Tür auf der linken Seite!«

»Danke«, die Frau lächelte und begab sich in die ihr genannte Richtung.

 

Die Tür des Großraumbüros stand offen, trotzdem klopfte sie an die Zarge, da sie niemanden entdecken konnte. Für einen Augenblick harrte sie an der Tür aus, betrat das Zimmer und erblickte die Beine eines Mannes, die unter einem Tisch hervorschauten.

Paul Wegener war ein Pedant in Sachen Kabel und er hasste es, wenn sich diese unter dem Tisch verknoteten. Er wollte den Arbeitsplatz für seinen neuen Kollegen herrichten, der sicherlich jede Minute eintreffen würde.

Plötzlich hörte er ein Hallo, und da er in seine Arbeit vertieft war, fuhr er erschrocken hoch und stieß sich den Kopf an der Schreibtischkante.

»Verflucht!«, zischte er und blickte zu einer Frau hinauf, die vor ihm stand und ihn angrinste.

»Ich suche Paul Wegener«, hörte er sie sagen.

»Ja, der bin ich!«, grummelte er und erhob sich umständlich. Er betrachtete sie, ihr Gesicht wirkte kantig, wenig feminin. Genau wie ihre Erscheinung, groß, dynamisch und sportlich. Trotzdem war sie nicht unattraktiv, die blauen und lebhaften Augen glichen den herben Eindruck aus.

»Hallo, ich bin Sascha Vries!«, begrüßte sie ihn und streckte ihre Hand aus.

Wegener stutzte und sein Gesicht glich einem Fragezeichen.

Sascha lachte. »Sie haben sicherlich einen Mann erwartet!« Ihre geraden Zähne blitzten ihn an. »Das passiert mir öfters.«

Er besann sich und reichte ihr ebenfalls die Hand. Ihr Händedruck war kräftig.

»Ja, wenn ich ehrlich bin«, gab er zu. »Es ist aber kein Problem.« Hätte er sich gestern Abend noch einmal mit ihrer Akte beschäftigt, wäre es ihm natürlich aufgefallen, dass es sich um eine Frau handelte, aber dazu war zu müde gewesen.

»Na, das hoffe ich«, erwiderte sie belustigt.

»Entschuldigung, wie dämlich«, jetzt musste auch Paul lachen. »Herzlich willkommen – Kaffee?«

 

Sascha nickte und musterte ihren neuen Kollegen auf Zeit. Es war immer spannend, auf wen sie bei ihren Einsätzen traf. Sascha war als Kriminalhauptkommissarin für Europol sehr viel unterwegs und unterstützte die Kollegen vor Ort, wenn es sich um eine Angelegenheit handelte, die Operationen von Europol betrafen. Und der Mord an Friedrich Schlüter stand definitiv mit der Operation „Liberandum“ in Zusammenhang.

 

Vor Kurzem hatte sich Europol neu aufgestellt und agierte nun als eine europäische Polizeibehörde mit Sitz in Den Haag. Eine der Hauptaufgaben sollte es sein, die Arbeit der nationalen Polizeibehörden Europas im Bereich der grenzüberschreitenden organisierten Kriminalität zu koordinieren und den Informationsaustausch zwischen den nationalen Polizeibehörden zu verbessern. Im Gegensatz zu Interpol arbeiteten die Fahnder direkt für Europol. Deshalb hatte sich auch Sascha im Rahmen ihrer polizeilichen Laufbahn dort beworben. In der Nähe von Den Haag mehrsprachig aufgewachsen und in Deutschland ihre Ausbildung als Kriminalkommissarin absolviert, wurden ihr gute Chancen für diesen Job eingeräumt. Sie wurde von ihren Vorgesetzten als sehr zielstrebig, teamfähig, weitblickend und körperlich außerordentlich fit beschrieben. So manches Mal triumphierte sie gegenüber ihren männlichen Kollegen bei sportlichen Trainingseinheiten. Sie war eine toughe Frau, die mit ihren 32 Jahren bereits viel erreicht hatte und ab heute also für einen zunächst nicht festgelegten Zeitraum in Berlin bleiben würde.

 

»Hat mit der Unterkunft alles geklappt?«, fragte Paul, als sie zusammen einen Kaffee tranken, der von einer Pad-Maschine stammte und erstaunlich lecker war. Da hatte Sascha so manches Mal eine geschmacklich böse Überraschung erlebt.

»Ja, danke, das Appartement habe ich noch nicht gesehen, aber auf den Bildern im Netz sah es gut aus.« Sie streckte ihre langen Beine aus und befand den ersten Kontakt als gelungen. »Ich wollte gestern mal wieder einen Abend mit meinen Eltern, die in Hamburg leben, verbringen und deshalb bin ich heute erst angereist«, erklärte sie.

»Bei Ihrem Job kommt das Privatleben sicherlich öfters zu kurz?«, fragte Paul.

»Privatleben?«, Sascha lachte. »Kennen Sie das Wort?«

»Ich versuche, es immer mal wieder zu benutzen«, er atmete tief ein und aus, da ihm der bevorstehende Sommerurlaub mit seiner Familie in den Sinn kam, den er bereits innerlich abgehakt hatte. Es sei denn, es würde ein Wunder geschehen und der Fall würde zügig aufgeklärt. Natürlich konnte er die Ermittlungen an einen Kollegen übergeben, aber dazu war er wiederum zu ehrgeizig.

»Für mich ist es okay, ich bin frei und ungebunden und habe Lust zu reisen und mich den spannenden Aufgaben zu widmen«, fuhr sie offenherzig fort. »Aber wenn man Familie hat, ist dies sicherlich eine andere Ausgangssituation.«

»Wohl wahr«, stimmte er ihr zu. Da er Sascha Vries sofort sympathisch gefunden hatte, sagte er: »Wenn du magst, können wir uns duzen, das ist hier unter uns Kollegen üblich.«

Sascha lächelte, diese Offerte war ihr ebenfalls sehr angenehm, denn sie würden wahrscheinlich viele Stunden miteinander verbringen.

»Wann ist das erste Meeting angesetzt?«, fragte sie.

Paul schaute auf die Uhr. »Jetzt!«.

Damit erhob er sich und Sascha folgte ihm in das große Besprechungszimmer. Dort würde sie auf ihre weiteren Kollegen treffen und sie nach einem ersten Briefing und einer darauf folgenden Video-Konferenzschaltung nach Den Haag hoffentlich als genauso angenehm empfinden wie Paul Wegener.

 

Das Team um Paul Wegener reagierte im ersten Moment gleichermaßen überrascht, auf eine weibliche Kollegin zu treffen. Schwarzenberger, der ebenfalls anwesend war, stellte Sascha Vries in wenigen Worten vor und übergab ihr die Gesprächsführung.

 

»Vielen Dank, Herr Schwarzenberger für die freundliche Begrüßung«, begann sie. »Ich hoffe ebenfalls, dass wir erfolgreich zusammenarbeiten werden. Ich werde Sie nachfolgend darüber informieren, was sich hinter der Operation „Liberandum“ verbirgt und welche Rolle das Mordopfer gespielt hat.«

 

Alle Augen waren erwartungsvoll auf Sascha gerichtet, aber ihr war keine Spur von Nervosität anzumerken.

»Bei diesem Syndikat handelt es sich um einen europaweit agierenden Ring, der sich auf allen erdenklichen Feldern der Kriminalität bewegt«, begann sie mit ihren Ausführungen. »Hierzu gehört auch groß angelegter Subventionsbetrug!“

Sie startete den Beamer und das Foto eines Mannes wurde auf dem großen Bildschirm angezeigt.

»Victor Passlack, Kopf des Syndikats«, mit diesen Worten ließ sie eine Reihe Aufnahmen von Passlack über den Screen laufen. »Millionenschwer, skrupellos und äußerst geschickt im Führen seiner Geschäfte.«

Die Bilder zeigten einen großen kräftigen Mann mit schütterem Haar an verschiedenen Stellen. So wie man sich einen Mann seines Genres vorstellte, trug er auf einigen Bildern einen Mantel mit einem pelzbesetzten Revers.

»Weitere Details über die Zielperson erhalten sie per Mail.«

Die Videokonferenz begann und die Kollegen aus Den Haag wurden zugeschaltet. Berlin und Den Haag begrüßten sich.

»Das Syndikat hat in vielen großen Städten Europas seine Mittelsmänner, die die Geschäfte vor Ort kontrollieren. Es herrscht eine sehr klare Hierarchie, aufgebaut wie eine Pyramide – unten die kleinen Fische, bis hin zum großen Hai, der jedoch nie zu fassen ist«, führte Sascha weiter aus. »Unser Mordopfer war nur ein ausführendes Organ und durch seine sexuelle Neigung erpressbar.«

Dumm gelaufen, dachte Wegener, geldgeil und pervers, keine gute Mischung.

»Durch seine Aussage konnten wir sehr genau in Erfahrung bringen, wie der Subventionsbetrug sich im Detail darstellt und dies ist auf andere Länder übertragbar, da es sich um europäische Fördermittel handelt und sich das Antragsverfahren somit ähnelt.«

 

Sie machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck Wasser. »Unsere bisherigen Ermittlungen haben ergeben, dass der Mord scheinbar eine klare Warnung an alle war, die sich gegen den Ring stellen – einmal Mitglied, wird es kaum möglich sein, diesen lebend zu verlassen.«

Ein Raunen ging durch die Reihen.

»Wieso glauben Sie, dass der Mord mit dem Syndikat in Zusammenhang steht?«, fragte ein Kollege.

»Aufgrund der Todesursache. Es gab ähnliche Tötungsdelikte, die wir der Passlack-Organisation zuordnen konnten«, beantwortete Sascha die berechtigte Frage. »Signifikant ist auch, dass Passlack sich immer Handlanger sucht, die erpressbar sind.«

 

Sie erklärte, dass es sich überwiegend um Männer handelte, die öffentliche Ämter bekleideten und die entweder schwul waren, sich bizarren Leidenschaften oder anderen außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben hingaben.

»Sie können sich sicherlich vorstellen, dass diese Personen nicht daran interessiert sind, dass ihre Neigungen an die Öffentlichkeit gelangen.«

»Wie findet Passlack diese Personen?«, fragte Wegener.

»Das ist seinem perfekten Netzwerk geschuldet«, antwortete Sascha. »Er hat überall seine Mittelsmänner, auch hier in Berlin.«

»Interessant«, murmelte Wegener.

»Personen, die in der Regel einen Bezug zum Milieu haben oder anderweitig in die jeweilige Szene involviert sind und ebenfalls kriminelles Potenzial besitzen. Schlüter wurden seine regelmäßigen Besuche in Dominastudios zum Verhängnis«, erläuterte die Polizistin. Alle Anwesenden merkten, wie gut sie sich vorbereitet hatte und mit dem Fall vertraut war.

»Hat er unterschiedliche Studios aufgesucht?«, wurde die Frage in den Raum geworfen.

»Nach unserer Erkenntnis war er ausschließlich in der

„Residenz of Pain“ Gast, dem Club, in dem er auch ermordet wurde«, meldete sich eine Kollegin aus Den Haag zu Wort. »Andere Erkenntnisse liegen uns derzeit nicht vor.«

»Das heißt, den Club sollten wir auf jeden Fall etwas genauer unter die Lupe nehmen«, resümierte Wegener.

»Selbstverständlich werden wir unsere Befragungen dort sehr intensiv durchführen.«

»Gibt es Erkenntnisse über den Mittelsmann in Berlin oder Deutschland?«, fragte Wegener.

»Ja«, antwortete Sascha und spielte das Foto eines Mannes ein, welches diesen vor einem Berliner Nobelrestaurant zeigte. Zu sehen war ein attraktiver und eleganter Mann mit silbergrauem Haar und gebräuntem Teint. Seine dunklen markanten Augen stachen sogar bei dieser Aufnahme hervor.

»Jaron König«, erklärte Sascha. »Ein Mann, der sich, ähnlich wie Victor Passlack, in den besten Kreisen bewegt. Durch seine guten Kontakte in der Wirtschaft aber auch in den einschlägigen Kreisen, ist er der ideale Mann.«

»Auch wieder so einer, der mit seiner weißen Weste nicht zu packen ist!«, fügte Schwarzenberger hinzu. »In den achtziger Jahren als Bordellbesitzer angefangen und nach und nach in die gehobene Gesellschaft aufgestiegen, Selfmade-Millionär, unter anderem durch geschickte Grundstücksdeals zur Wendezeit«, führte Schwarzenberger Königs Vita aus. »Eine Person, der man nie etwas nachweisen konnte, perfekt aufgestellt.«

»Jaron König ist unser Mann, er ist nah an Victor Passlack dran und hat ganz sicher seine Finger im Spiel, was den Tod von Schlüter betrifft«, ergänzte Sascha.

»Wir lassen Ihnen alle Informationen über König zukommen!«, sagte Van Bergen, er war der direkte Vorgesetzte von Sascha und hatte sich erst vor wenigen Minuten zugeschaltet.

Wegener seufzte leise. Es würde eine Menge geben, in das er sich einlesen musste, um auf den Stand zu gelangen, der für die Ermittlungen im Fall Schlüter notwendig war. Andererseits war es jedoch ein reizvoller Gedanke, Teil des Ermittlungsteams von Europol zu sein. Mit dem Wegfall aller Grenzkontrollen und dem Einführen der einheitlichen Währung war der Kriminalität Tür und Tor geöffnet worden. Er fragte sich manchmal, ob es nicht besser gewesen wäre, dass es nie zu diesem vereinten Europa gekommen wäre. Aber was hatte der kleine Bürger zu sagen, wenn die Mächtigen dieser Welt Entscheidungen trafen? Nicht viel, somit war es müßig darüber nachzudenken. Ihn ärgerte es jedoch, denn er als Kriminalbeamter musste letztendlich mit den Auswirkungen leben. Seine Kollegen und er waren die, die junge rumänische Frauen aus Bordellen holten, sich mit den Opfern aus Streitigkeiten der rivalisierenden osteuropäischen Banden auseinandersetzen mussten und nicht die, die solche Entscheidungen trafen.

»Wir werden heute noch den Club aufsuchen und mit den Befragungen beginnen!«, sagte Sascha. »Paul, wie schätzt du die Kooperationsbereitschaft ein?«

»Die wird vorhanden sein, wenn wir das Thema Finanzamt ansprechen«, beantwortete Paul Saschas Frage mit einem Augenzwinkern. »Soviel ich weiß, nimmt der Laden an dem Düsseldorfer Verfahren teil und somit haben wir zumindest einen ersten Überblick über die Damen, die dort arbeiten.«

 

 

 

Das Düsseldorfer Verfahren war eine spezielle, vereinfachte Praktik zur Besteuerung von Prostituierten. Im Rahmen einer freiwilligen Teilnahme an diesem System konnten Bordellbetreiber von den selbstständigen Huren eine Pauschale einbehalten und an die Finanzverwaltung abführen. Die Teilnahme am Düsseldorfer Verfahren wurde mit der Steuerfahndung vereinbart und sollte zu einer Verschonung vor regelmäßigen Kontrollen durch die Finanzbehörden führen. Ein positiver Nebeneffekt in diesem Fall war, dass die Mitarbeiterinnen namentlich aufgeführt wurden. Eine Garantie, dass die Listen vollständig waren, gab es selbstverständlich nicht, denn das Gewerbe bewegte sich nach wie vor in einer Grauzone zwischen Legalität und Illegalität.

»Ich werde die Unterlagen bei der Finanzbehörde anfordern«, sagte Paul. »Dann haben wir eine Basis.«

Sascha nickte.

»Gibt es noch Fragen?«, Schwarzenberger schaute seine Mitarbeiter und die Kollegen aus Den Haag an. Alle schüttelten mit den Köpfen oder verneinten seine Frage.

»Gut, dann würde ich sagen: Die Arbeit kann beginnen!«

Mit diesen Worten löste sich die Runde auf. Alle wussten, dass das, was sie die nächste Zeit erwarten würde, nicht ungefährlich war.

 

Kurze Zeit später lag die Liste mit den Namen der Damen vor, die in der „Residenz of Pain“ steuerlich geführt wurden. Sascha überflog die Aufstellung. Es wurde einmal das Pseudonym, unter dem die Frauen arbeiteten, aufgelistet, aber auch, und das war interessant, der richtige Name. Sie stutzte, als sie den bürgerlichen Namen einer „Lady Marie Claire“ las.

 

»Moment mal«, murmelte sie und loggte sich in ihren Laptop ein. »Das wäre der Hammer ...«, entfuhr es ihr, als sie in einer Datei den Namen eingab, um diesen in einem bestimmten Dokument zu suchen.

Paul, der Saschas Reaktion bemerkte, schaute sie fragend an. »Stimmt was nicht?«

»Das gibt’s nicht«, murmelte sie erneut, als der Suchbegriff gelb unterlegt in dem File angezeigt wurde. Sie ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken.

Nach einem kurzen Moment setzte sie sich wieder mit geradem Rücken auf und überflog die Passagen in der Akte des Jaron König, die den Polizistenmord an einem Marc Waldmann thematisierten. In diesem Zusammenhang tauchte ein Name auf, ein Name, den sie gerade auf der Steuerliste gelesen hatte.

»Zoe de Alvarado«, murmelte Sascha. «Du bist meine Verbindung zu Jaron König!«