Ein Erotikthriller um die Liebe des Lebens

 1. Kapitel 

 

Düsseldorf 1989

 

 Das Mädchen hielt einen Zettel in ihren Händen, auf dem eine Adresse notiert war, und schaute sich unschlüssig um. Ein tristes und funktionales Betongebäude aus den Siebzigern sollte das Sacre Coeur, einen angesagten und elitären Nachtclub, beherbergen? Eigentlich hatte sie sich solche Lokale sehr auffällig und mit viel Leuchtreklame vorgestellt. Es gab in Düsseldorf auch einen Stadtteil, wo sich diese Etablissements angesiedelt hatten. Sie wusste davon, da ihr Bruder Marc, ein Polizist, dort öfters im Einsatz war.

»Komisch«, murmelte sie leise vor sich hin, doch es schien das richtige Gebäude zu sein. Das war eindeutig die Industriestraße. Die ihr genannte Hausnummer 22 prangte gut sichtbar an der geschlossenen weißen Stahltür, die den Eingang in den Hof ermöglichte. Unsicher verharrte sie einen Moment auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es dämmerte, und der sonst übliche Verkehr, der hier am Tag herrschte, war abgeebbt. Plötzlich sah sie, wie ein Mann mit hochgeschlagenem Kragen die Straße entlang kam. Er ging schnell auf die Stahltür zu, drückte dagegen und war, nachdem er sich einmal kurz umgedreht hatte, verschwunden.

Die Dunkelhaarige musste zwar schmunzeln obwohl diese Szene ihr Unwohlsein verstärkte. Doch die Anzeige klang so verlockend und die Bezahlung, die sie dort als Thekenkraft erhalten konnte, war sehr viel besser als in jedem Café in der Stadt. Letztendlich ging es ihr um eins: Schnell genug Geld zu verdienen, um nach dem Abitur die lang ersehnte Rundreise durch Südamerika anzutreten.

 

 Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Wenn sie pünktlich sein wollte, musste sie sich endlich trauen. Bei ihrer telefonischen Anfrage hatte eine nette Frau gesagt, sie solle durch die Stahltür gehen und an der nächsten Eingangstür die Klingel betätigen. Wichtig sei, betonte die Frau, dass sie auf jeden Fall drei Mal die Klingel drücke. Dies wäre das Signal, dass es sich nicht um einen Gast handele.

 Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, marschierte sie los, und kurze Zeit später saß sie in einer kleinen Lounge. Das Ambiente hier war hell und freundlich. Bordelle hingegen waren ihrer Meinung nach immer plüschig, rosarot und schummrig. Vielleicht kam das noch, schließlich befand sie sich erst im Entree. Leise Musik spielte, ein Zimmerbrunnen plätscherte vor sich hin, auf einem kleinen Tisch lagen Zeitschriften mit nackten Girls auf den Covern, die Bilder an den Wänden zeigten Frauen in eindeutigen Posen.

 

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam eine junge Frau herein, die ein schwarzes Kostüm trug, kombiniert mit mörderischen High Heels.

»Hallo, ich bin Jenny! Wir haben telefoniert«, sagte sie freundlich. »Schön, dass du gekommen bist. Ich bin hier die Hausdame und kümmere mich auch ums Personal.«

»Ja klar, mein Name ist de Alvarado.« Es klang steif und überrascht. Was hatte sie erwartet? Eine alte Puffmutter mit wehenden Gewändern, die ihre Mädchen durch den Laden scheuchte?

 Jenny lächelte und fuhr fort: »Du, wir reden uns hier mit Vornamen an. Ist alles locker hier.«

»Ja, ähm, klar. Ich bin Zoe.«

»Wenn du hier arbeiten wirst, dann bekommst du auf jeden Fall auch ein Pseudonym.« Und um weitere Nachfragen vorzubeugen, fügte Jenny hinzu: »Im Milieu arbeitet man, egal wo, auch im Barbereich, nie mit dem echten Namen.«

»Okay!« Zoe spürte, dass sie gerade dabei war, in eine andere Welt einzutauchen, sollte sie tatsächlich diesen Job annehmen.

 

Die Ausführungen von Jenny, die ihr schilderte, was sie erwartete, bestätigten diese Annahme. Flirten mit den Gästen, die auf ein Girl warteten, war allerdings auch Bestandteil des Jobs.

 »Ist das für dich okay?«, fragte Jenny.

 »Na ja, wenn ich nicht mehr machen muss. Ich meine, außer den üblichen gastronomischen Aufgaben.«

 »Nein, eigentlich nicht«, antwortete Jenny und taxierte ihre Gesprächspartnerin sehr genau. Jung, schlank, lange schwarze Haare, kleine feste Brüste, sexy und ausgesprochen hübsch. Dieses junge Ding wäre der Knaller! Die Männer würden ihnen die Bude einrennen.

 

Zoe hingegen konnte nicht wissen, dass man mit dieser Anzeige auch versuchte, neue Mädchen für den Bordellbetrieb zu gewinnen. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass ein Mädchen, das bereit war, in einem Bordell an der Theke zu arbeiten, unter Umständen auch aufgeschlossen genug sein konnte, andere Wege einzuschlagen. Für Außenstehende mochte dies unrealistisch klingen, doch der Inhaber des Clubs, Jaron König, allgemein bekannt unter seinem Rufnamen Janosch, hatte auf diese Weise schon das eine oder andere gute Mädchen für den »Zimmerservice« akquirieren können.

 

 »Und was meinst du? Ist der Job hier bei uns etwas für dich?«, fragte Jenny, nachdem sie alles Relevante erläutert hatte.

 Zoe überlegte eine Sekunde. 20 Mark Stundenlohn. Das war toll, plus Trinkgeld. Unfassbar viel Geld für eine Schülerin. Schnell überschlug sie im Kopf, wie lange sie arbeiten musste, um das nötige Geld für ihre Traumreise zu sparen.

»Ja, okay, ich mach‘s!«, kam es spontan, als sie die Summe vor Augen sah.

 »Prima! Dann komm mit ins Büro. Ich muss mir deinen Ausweis ansehen, damit ich weiß, dass du volljährig bist. Anschließend besprechen wir die Arbeitszeiten. Wenn du magst, zeige ich dir den Laden, und wenn der Chef da ist, stelle ich dich kurz vor.«

 »Machen wir einen Vertrag?«, fragte Zoe.

 »Wozu?« Jenny lächelte vielsagend. Mit diesen Worten erhoben sie sich.

 Genau in diesem Augenblick klingelte es einmal laut und lang.

 »Jetzt musst du kurz warten, ein Gast. Komm.«

 

 Zoe folgte Jenny, die schnellen Schrittes die Lounge verließ. Offensichtlich würde hier in ein paar Sekunden ein Freier Platz nehmen. Sie gingen zu ihrer zukünftigen Arbeitsstätte, der Bar, und trafen auf einige Mädchen, die dabei waren, sich kichernd und durcheinander plappernd aufzustellen. Kein weiterer Gast hielt sich momentan im Thekenbereich auf, und Jenny bat die verunsicherte Zoe, dort zu warten.

Da sie die misstrauischen Blicke der Mädchen bemerkte, fühlte sie sich sehr unangenehm. Aber es war wohl sinnvoll, sich schnell an dieses Ambiente und diese Menschen zu gewöhnen. So beobachtete sie, was sich gerade abspielte.

 

Die Huren tingelten auf ihren High Heels und in aufreizenden Dessous zur Lounge und stellten sich dem Freier vor. Dann kamen sie zurück und warteten. Jenny führte anschließend ein Verkaufsgespräch mit dem Gast. Sie klärte die Wünsche ab, wusste, welches Girl welchen Service leistete. Das musste neben der Optik auch stimmig sein, denn nicht jedes Mädchen bot jede Praktik an. Für manche gehörte Analsex dazu, andere lehnten ihn ab. Küssen mit Zunge oder Blasen ohne Gummi waren zum Beispiel Extras, die der Freier zusätzlich buchen konnte und die natürlich, je nach Intimität, richtig viel kosteten. Im SC wurde keine gezwungen, einen bestimmten Service anzubieten. Jede durfte für sich entscheiden und im Vorfeld auch Gäste ablehnen.

 

Janosch König hatte da eine ganz klare Vorstellung. Seine Huren sollten sich wohlfühlen und ausschließlich das anbieten, wozu sie auch bereit waren. Nur so, das war seine Erfahrung, würden sie einen guten Job machen, und das wiederum würde auch ihm mehr Einnahmen sichern. Er kassierte immerhin fünfzig Prozent, und von den Extras mussten seine Mädchen dreißig Prozent abgeben. Ein sehr großzügiger Handel, der aber auch die Besonderheit des Clubs herausstellen sollte. Sogar die Arbeitsstätten, die sogenannten Mottozimmer, welche Zoe bei ihrem Rundgang bestaunen durfte, präsentierten sich anderes als in den üblichen Bordellen. König wollte sich von dem klassischen Metier abheben.

 

Die gut ausgestatteten Räume waren eine echte Innovation. Die »1001-Nacht-Suite« sollte das Flair des Orients vermitteln, die »Africa-Lounge« hatte viele Ausstattungselemente im Leopardenlook. Die Freier, die ihrem Besuch eine romantische Note geben wollten, buchten das »Rote Rosenzimmer« – ein Raum, der ganz im Zeichen dieser Blume stand –, und den Gästen gefiel es, denn es war eines der am meisten gewünschten Zimmer. Das ließ tief blicken, denn oft suchten die Freier nicht nur Sex. Manchmal wünschten sie sich mehr ... waren einsam, verbrachten ihren Geburtstag im SC, kamen regelmäßig und glaubten tatsächlich, die Huren wären ihnen persönlich gewogen. Aber diese Stammfreier waren eine Goldquelle, besonders dann, wenn sie sich verliebten, was gar nicht so selten vorkam.

 

Nach dem Rundgang plante Jenny, die neue personelle Errungenschaft ihrem Chef vorzustellen. Um ihn zu treffen, musste sie einen Bereich aufsuchen, der sehr speziell war. Manchmal hielt sich König dort auf. Direkt neben der Lounge gab es einen schmalen Flur. Hier wurden bestimmte Gäste hingeleitet und verschwanden am Ende des Ganges hinter einer schweren Tür mit Spion. Zu diesen Besuchern zählten ab und an auch Frauen, die sich in dem Hinterzimmer des Sacre Coeur dem illegalen Glücksspiel verschrieben hatten. Diese verbotenen Spielclubs gab es zu jener Zeit überall in den Städten und erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Primär jedoch konnte man mit einer solchen Einrichtung sehr viel Geld verdienen, da man die Gewinne nicht an den Staat abführen musste. Was bot sich da mehr an, in einem angesagten Nachtclub einen Bereich abzutrennen und auch dieses Geld mitzunehmen? König standen genügend Kontakte und Möglichkeiten zur Verfügung.

 

Mit dem Spielclub hatten die Huren jedoch nichts zu tun. Manchmal verprasste ein Spieler seinen Gewinn gleich wieder im Hause, aber es war ein separater Bereich. Doch im Gegensatz zum Bordellbetrieb stand dieser Geschäftszweig im Fokus von polizeilichen Ermittlungen. Justiz und Behörden verfolgten akribisch jeden Hinweis, um den illegalen Spielclub endlich auszuheben. Da König jedoch äußert geschickt vorging und den ermittelnden Behörden stets ein Stück voraus war, war dies bislang immer an den nötigen Beweisen gescheitert.

 

 Zoe erwartete, als man ihr ihren neuen Chef vorstellte, einen Luden der typischen Art: prollig, mit Goldketten behangen, Cowboystiefel, weißes Hemd, weit geöffnet mit entsprechendem Brusthaar darunter. Doch nun stand ein Mann vor ihr, der so gar nichts mit dem gemein hatte, was man sich unter einem Bordellbesitzer vorstellte. Sein Kleidungsstil war sehr elegant, Businesslook vom Feinsten, das konnte sie erkennen. Sein Teint war gebräunt, sein Gesicht markant, und diese tiefschwarzen Augen waren so ... sie wusste es nicht mit Worten zu beschreiben.

 

»Janosch, das ist unsere Neue für den Gastrobereich«, sagte Jenny und platzierte ihre Errungenschaft demonstrativ neben sich.

 »Hallo, ich bin Zoe ... äh, oder wie auch immer ich heißen werde!« Sie reichte ihm schüchtern die Hand. Dieses Gefühl, alles sei plötzlich in Watte gepackt, sie inklusive, war ihr völlig fremd. Was war das?

Sie traf hier auf einen Mann, der sie sofort faszinierte. Es war ein eigenartiges Gefühl, welches sie urplötzlich vereinnahmte.

Er nahm ihre Hand und lächelte. »Stella«, sagte er.

»Bitte?«, fragte Zoe leise und mit hochrotem Kopf, denn ihr war das, was sich in ihr abspielte, peinlich.

»Du wirst hier Stella heißen.«

»Super Name!«, fiel Jenny ihm ins Wort, verstummte allerdings sofort, denn Janosch sah sie scharf an. Er mochte es nicht, wenn er unterbrochen wurde.

»Wegen der wunderbar grünen Augen«, fuhr er fort.

»Ja, ähm, danke.«

 

Janosch König stand diesem jungen Mädchen einen Moment gegenüber. Da war etwas, das von ihr ausging, was auch er befremdlich fand. Es entstand eine kurze Pause. Doch so schnell sich diese Empfindung in ihm aufgebaut hatte, so schnell war sie auch wieder verschwunden.

»Gut, fein und viel Erfolg«, sagte er, nickte unmerklich, und fügte an Jenny gewandt hinzu: »Wir reden gleich.« Mit diesen Worten verließ er die Runde.

»Okay, ich begleite dich hinaus und wir sehen uns übermorgen um 18.00 Uhr. Bitte sei pünktlich!« Mit dieser Mahnung brachte sie ihre neue Mitarbeiterin hinaus.

»Alles klar, ich bin zeitig da. Bis dann.«

 

Es war mittlerweile dunkel, als Zoe wieder durch die weiße Stahltür auf die Straße trat. Es schien sich etwas in ihrem so jungen Leben verändert zu haben. Sie lehnte sich an die Hauswand, ohne zu ahnen, dass man sie durch eine Videokamera beobachten konnte, steckte sich eine Zigarette an und fuhr sich durch ihre Haare. Dieses fremde Gefühl verunsicherte sie und sie hatte das Bedürfnis sich zunächst einmal sammeln zu müssen. Nachdem sie die Zigarette achtlos und erst halb aufgeraucht auf den Boden geworfen hatte, trat sie den Heimweg an.

 

Janosch König hielt sich im Büro auf und beobachtete die Szene. Er hätte viel darum gegeben, in diesem Moment ihre Gedanken lesen zu können. Er ließ sich lässig auf den Stuhl fallen, streckte die Beine aus und verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf. In diesem Moment kam Jenny herein gerannt.

 

»Und was denkst du über dieses Mädchen?«, fragte sie neugierig.

 »Ein echt heißes Ding!«, murmelte er.

 »Ja, aber ich glaube nicht, dass die sich fürs Zimmer entscheiden wird«, konstatierte Jenny.

 »Abwarten, abwarten ...«, brummte König, denn ihm war sofort aufgefallen, wie sie auf ihn reagiert hatte.

 »Chef, nee, ich glaube es nicht.«

 »Wann fängt sie an?«

 »Übermorgen, um 18.00 Uhr.«

 »Vielleicht nicht sofort, aber ... nun ja, wir werden sehen!«

 

 Mit diesen Worten griff er nach einem Zigarillo, steckte es an und nahm einen tiefen Zug. Er würde es als persönliche Herausforderung betrachten, sie für den Zimmerservice zu akquirieren. Sie war Zucker und wäre ein echter Brillant. Eine gute Einnahmequelle, und wenn ihm eines wichtig war im Leben, dann, wie er sein Vermögen schnell vermehren konnte. Mit seinen 35 Jahren hatte er es in diesen Kreisen bereits sehr weit gebracht. Durch seine Innovation und seine guten Kontakte, die er sich im Milieu und darüber hinaus hatte aufbauen können, war es ihm möglich, einen solchen Laden ungestört führen zu können. Insbesondere der Betrieb des Spielclubs bedurfte eines engmaschigen Netzwerkes an Helfern. Dazu waren einige Scheinchen in die entsprechenden Kanäle geflossen und taten es auch weiterhin.

 

Der Gentleman, wie man ihn gern nannte, hatte klare Vorstellungen von dem, was er wollte. Störte man ihn jedoch dabei, konnte es für den Störenden unangenehm werden. Je nachdem, was König für angebracht hielt - ob eine gebrochene Nase, ein demoliertes Auto oder ein paar gezielte Attacken auf den Leumund des Gegners -, führte es in der Regel zum gewünschten Erfolg, ohne dass er damit in direktem Zusammenhang stand. Er agierte stets im Hintergrund.

 

Als Zoe in der Straßenbahn saß, fühlte sie sich einerseits euphorisch, andererseits irritiert. Sie freute sich auf den Job, auch wenn der Ort sehr ungewöhnlich war. Aber sie wollte unbedingt diese Reise machen, schließlich war Peru einmal ihre Heimat gewesen. Die Eltern hatten das Land verlassen, als es durch den Terror mächtig durchgeschüttelt wurde. Da waren Zoe und ihr Bruder Marc acht und sechzehn Jahre alt gewesen. Die Eltern hatten für ihre Kinder in diesem zerrütteten und wirtschaftlich schwachen Land keine Zukunft mehr gesehen und ihr Glück im Land ihrer Vorfahren gesucht. Es waren glückliche Jahre, bis durch einen tragischen Verkehrsunfall beide Elternteile tödlich verunglückten und das Leben der Geschwister auf den Kopf gestellt wurde.

 

Marc, der zu dieser Zeit bereits mit seiner künftigen Frau Simone seinen Lebensmittelpunkt in Düsseldorf hatte und am Ende seiner Ausbildung zum Polizisten stand, bekam die Vormundschaft für seine jüngere Schwester. Es war ein zähes Ringen mit den Behörden gewesen. Doch manchmal siegte sogar bei den deutschen Jugendämtern die Vernunft, die erkennen mussten, dass das Mädchen besser bei ihrem Bruder aufgehoben war, als es komplett entwurzelt in einem Heim oder einer Pflegefamilie aufwachsen zu lassen. Somit wurde Marc ihre wichtigste Bezugsperson. Sie liebten sich auf eine ganz besonders intensive Weise. Es war keine einfache Zeit gewesen. Doch Zoe schaffte es, wieder ihre Mitte zu finden. Allerdings schien sie die Ereignisse zu verdrängen, lehnte auch psychologische Hilfe ab, besuchte nie das Grab der Eltern, schaute sich lange keine Fotoalben an. Erschrocken musste der Bruder manchmal feststellen, wie sie alle Bezüge zu den Eltern, zum Beispiel deren Todesjahr, komplett auslöschte.

 

Es war wohl ihre Art damit umzugehen - ein trauriges Muster, welches sich in ihrem Leben fortsetzen würde.

 

Als Zoe wieder zu Hause eintraf, hoffte sie inständig, niemanden anzutreffen. Doch sie hatte Pech. Marc war ebenfalls zu Hause und werkelte in der Küche.

 

»He Puppi!«, rief er ihr zu.

Zoe runzelte die Stirn. Dieser Kosename haftete, seitdem sie ein kleines Mädchen war, wie Kaugummi an ihr.

»Du sollst mich doch nicht immer so nennen«, maulte sie und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite.

»Wie war‘s?«

»Was?«

»Na, Simone meinte, du wolltest dich wegen eines Nebenjobs informieren. Hast du?«

»Ja, ja ...« Zoe wollte nicht darüber sprechen.

»Aber bloß am Wochenende, wegen der Schule!«, mahnte Marc und wunderte sich über die Wortkargheit seiner sonst eher redseligen Schwester.

»Hallo? Ich bin achtzehn ... außerdem sind die Prüfungen easy.«

»Angeberin!« Er lachte, musste aber zugeben, dass sie tatsächlich ohne viel zu lernen einen sehr guten Notendurchschnitt erreichte.

Sie ging an den Kühlschrank und nahm sich ein Bier heraus. »Darf ich?«

»Was ist denn mit dir los?«, wunderte sich Marc.

»Ach, ich habe mal Lust drauf.«

 »Okay. Und was ist jetzt mit diesem Nebenjob?«

»Ja, ich fange übermorgen, also am Freitag, an. Ist ’ne kleine Disco am Stadtrand.«

»Wie heißt die denn?«

»Sag mal, was quetschst du mich denn so aus?« Zoe war es unangenehm und sie wollte nicht lügen. Aber es war undenkbar, ihrem Bruder den wahren Ort ihres künftigen Schaffens zu benennen. Er würde ausflippen und es ihr verbieten, und das wollte sie auf keinen Fall, denn so viel Geld würde sie nirgends verdienen, und wegen ... nein, das war absurd.

Sie schloss für einen Moment die Augen und sah diesen Mann, ihren neuen Chef, vor sich, und ein Schauer jagte durch ihren Körper.

»Hallo, Erde an Puppi!«

»Ja, wie gesagt ’ne Disse am Stadtrand. Und nun bin ich müde.« Zoe wollte unter allen Umständen vermeiden, dass Marc weiterfragte.

»Ist mit dir alles in Ordnung?«

»Ja, why not?« Zoe biss sich auf die Lippen, denn es war das erste Mal, dass sie ihren geliebten Bruder anlog. So küsste sie ihn schnell auf die Wange und verdrückte sich auf ihr Zimmer.

 

Marc blieb mit einem seltsamen Gefühl in der Küche zurück. Aber es gab keinen Grund, unruhig zu werden. Zoe war immer ehrlich und auch verantwortungsvoll. Er vertraute ihr.#

 

***

 

Der erste Arbeitstag wurde für Zoe, alias Stella, eine echte Herausforderung. Nicht die gastronomischen Anforderungen waren das Problem, sondern die Gäste, die sich an der Theke aufhielten. Es waren Männer, die nur aus einem Grund im SC waren: Sie waren geil und wollten Sex.

 Nach zwei Stunden war sie kurz davor, diesen Job hinzuschmeißen. Sie fühlte sich unwohl, die gierigen Blicke, die sie förmlich auszogen, und die verbalen Anzüglichkeiten verunsicherten sie zutiefst. Die anderen Mädchen ignorierten die Neue an der Bar, wohl wissend, dass dort vielleicht eine brandgefährliche Konkurrenz herangezogen wurde. Das ganze Treiben war für Zoe sehr fremd und sie fühlte sich wie in einem Film. Einige der Frauen tanzten an einer Stange, um so die Männer auf sich aufmerksam zu machen; andere wiederum hingen lachend und flirtend an den Kerlen, um diese zu motivieren, zunächst Getränke, im Idealfall eine Flasche Champagner, zu bestellen.

 

Es war ein bizarres Treiben, hemmungslos und völlig schambefreit. Da das Klientel im SC offensichtlich finanziell gut aufgestellt war, schienen Preise von 200,00 DM für eine Flasche keine Probleme darzustellen. Zoe fragte sich in diesem Moment, was wohl die Ehefrauen dieser Männer gerade machten und wie sie reagieren würden, wenn sie von diesem Szenario Kenntnis erlangten. Was trieb Männer dazu, sich hier so hemmungslos fallen zu lassen? Waren sie alle in ihren Ehen sexuell unzufrieden? Waren ihre Ehefrauen allesamt unerotisch und prüde, sodass sie sich in solchen Etablissements aufhalten mussten?

Zoe fand an diesem Abend keine Antwort.

 

 Molly, eine erfahrene Hure, die ihrem Namen alle Ehre machte, registrierte als Einzige, dass die Neue sich zunehmend unwohler fühlte. Sie war wesentlich älter als die anderen Frauen und wirkte abgeklärt. Zoe fühlte sich ihr sofort verbunden und glaubte, in dieser properen Frau jemanden zu haben, der ihr beistehen könnte, sollte sie wiederkommen. So nahm sie Mollys Hilfe dankbar an, als plötzlich eine Welle von Bestellungen einging und sie den Überblick zu verlieren drohte. Als ein Mädchen mit dem Namen Kessy ihrer Meinung nach nicht schnell genug die bestellte Flasche Champagner bekam und Zoe angiftete, griff Molly helfend ein. Die Krönung war indes ein angetrunkener Kerl, der an der Bar hockte und Zoe gierig anglotzte.

»He Süße komm mal her!«, lallte er.

 Zoe beugte sich vor, die Theke als Schutzwall nutzend, um ihn besser verstehen zu können. Statt jedoch eine Bestellung aufzugeben, grapschte er nach ihren Brüsten. Zoe, darüber erschrocken, sprang zurück und stieß dabei einige Gläser von einem Tablett, die krachend auf den Boden fielen.

»Was ist denn? Ich will doch lediglich mal vorfühlen!«, lallte der Kerl unbeeindruckt weiter. »Ich werde dich doch eh gleich ficken!«

Plötzlich stand Jenny neben dem Gast. »Schatz, da wirst du dir ein anderes Girl suchen müssen!«

»Wieso?« Der Mann glotzte auf Zoe, ihm lief förmlich der Sabber aus dem Mund. »So ein heißer Feger nur zum Angucken? Leute, Leute, ihr seid ja krass!« Er lachte albern, fügte sich aber, schaute Molly an und grunzte: »Ich mag es eh lieber drall. Komm, du geile Sau, dann werde ich dich eben beglücken!«

»Wunderbar!«, antwortete Jenny und zwinkerte Zoe zu.

Molly lachte und hakte sich bei dem Mann unter. »Dann los, mein scharfes Stück, du wirst meine dicken Titten lieben!« Mit diesen Worten zog sie mit ihm davon.

»Ungewohnt?« Jenny lächelte, machte sich aber Sorgen, ob ihr Neuzugang es aushalten würde, denn ihr war über die Kameras im Büro Zoes Abwehrhaltung aufgefallen.

»Na ja, ein wenig.«

»Du wirst dich dran gewöhnen.« Damit zog sie weiter, denn der nächste Gast, der ausschließlich die sexuelle Bespaßung suchte und keine Lust hatte, sich länger aufzuhalten, wartete in der Lounge.

 

Jenny informierte Janosch König darüber, dass sie glaubte, Zoe würde den Job nicht bewältigen. Auch von dem Zwischenfall mit Kessy hatte sie erfahren und gab diese Information an ihren Chef weiter.

 

»Ich glaube, die Kleine sehen wir nicht wieder!«, seufzte sie, als sie im Büro durch die Kameras erneut die Bar beobachtete. »Prüdes Ding!«, grummelte sie.

 

Janosch lachte leise, erhob sich und sagte selbstgefällig: »Das weiß ich zu verhindern«, und fügte hinzu: »Ach, und sage Kessy, wenn sie Stella noch einmal dumm von der Seite angequatscht, wird es Probleme geben.« Mit diesen Worten verließ er das Büro.

 

Jenny nickte verwundert und wollte ihren Augen nicht trauen: Der Boss, der sich nie mit den Mädchen beschäftigte, setzte sich zu der Neuen. Offensichtlich war er überzeugt, die Kleine für den Zimmerservice bewegen zu können, warum sollte er sonst so einen Aufwand betreiben? König beschäftigte sich normalerweise nur mit den Mädchen, wenn es gravierende Schwierigkeiten gab. Aber es blieb ihr keine Zeit, darüber nachzudenken, dafür gab es viel zu viel zu tun. Die Zimmer mussten wieder kontrolliert werden, denn oft verließen die Mädchen ihre »Arbeitsstätten« unaufgeräumt, Kondompapier flog auf dem Boden herum oder die benutzten Handtücher waren nicht gegen frische ausgetauscht worden.

 

Im SC durften solche Nachlässigkeiten nicht passieren, und dafür trug sie die Verantwortung.

 

Als Zoe Janosch König kommen sah, wurde sie nervöser. Sie wusste, dass sie sich nicht so verhielt, wie man es von ihr erwartete, ging davon aus, dass er ihr die Kündigung aussprechen würde.

 

Unsicher begrüßte sie ihn.

»Na Stella, wie ist es?«, fragte er und lächelte sie an.

Sie seufzte. »Na ja, es ist nicht alltäglich.«

Ohne auf die Aussage einzugehen, fragte er: »Möchtest du etwas trinken? Du kannst dich gern bedienen!« Er nickte ihr aufmunternd zu. »Los, zwei Champagner für uns. Zu deinem Einstieg.«

Sein Ton ließ keine Widerworte zu, also fügte sie sich.

Den anderen Mädchen blieb dieser außergewöhnliche Auftritt nicht verborgen und sie begannen zu tuscheln.

 

Mit einem Augenzwinkern prostete er ihr zu. Zoe mochte seine Stimme und konnte ihn gut riechen. Es benebelte ihr geradezu die Sinne. Was, verdammt, was war das? Sie seufzte erneut leise, als sie ihn so sah. Die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, wirkte er mit den breiten Hosenträgern wie ein amerikanischer Banker à la Michael Douglas aus dem Film „Wall Street“, der vor Kurzem erfolgreich in den Kinos gelaufen war.

»Erzähl mir ein wenig von dir«, forderte Janosch sie unvermittelt auf und beugte sich nach vorn, war ihr plötzlich ganz nah.

»Ach, da gibt es nicht so viel zu erzählen.« Was sollte sie diesem Mann auch sagen? Dass sie ein Kaninchen hatte? Dass sie bei ihrem Bruder lebte? Es gab nichts zu berichten, was mit seinem Glamour mithalten konnte.

»Was hast du vor im Leben?«

»Ich werde erst einmal, bald irgendwann, eine Reise machen. Also ich meine in ein paar Monaten, für ein paar Monate, deshalb arbeite ich auch hier … « Sie biss sich auf die Lippen. Sagte man einem Chef, wenn man eigentlich gar nicht plante, länger in seinem Laden zu bleiben?

»Das sind meine Pläne. Danach werde ich studieren. Habe da verschiedene Optionen.«

»Klingt doch gut. Das Geld, das du hier an der Bar verdienst, ist leicht verdiente Kohle, glaub mir.«

»Kann sein.« Sie nippte am Champagnerglas und hätte ihn am liebsten berührt. Aber es blieb ein Gedanke, zu groß war ihr Respekt vor ihm.

»Stella, entspann dich und du wirst eine Menge Trinkgeld mitnehmen.« Seine Stimme klang ruhig. Ein Lächeln umspielte seine dunklen Augen. »Ich brauche solche Mädchen wie dich hinter dem Tresen. Sie halten mir die Gäste im Haus, wenn alle Zimmer belegt sind oder das Wunschgirl nicht frei ist.« Er machte eine kurze Pause.

Zoe lächelte zaghaft.

»Der Job ist wichtig, und du kannst es.«

»Das ist nett, dass Sie ... ähm, dass du mich so einschätzt.« Es fiel ihr schwer, einem Mann wie ihn zu duzen. Zoes Herz klopfte. Ihre Hände waren feucht. Ihr Kopf glühte.

 

»Du bist ein sehr schönes Mädchen«, sagte er leise und schaute sie wieder durchdringend an. Anschließend reichte er ihr seine Hand. »Komm, versuche es!«

 

Sie schluckte. Ihre Hände berührten sich, erst sanft, und fanden sich zu einem festen Händedruck zusammen. Am liebsten hätte sie seine Hand nie wieder losgelassen.

 

Auch Stunden später hatte sie das Gefühl, sie könne ihn riechen, was Quatsch war, denn nach so viel Spülwasser wäre selbst eine in Parfüm getränkte Hand wieder geruchlos.

 

 Für Janosch König war das Ziel klar definiert: Er wollte dieses Mädchen für seinen Club. Sie war ein ungeschliffener Diamant, ihre grünen Augen leuchteten wie Smaragde. Ihre Schönheit war außergewöhnlich, das war ihm von der ersten Sekunde aufgefallen. Was wäre, wenn er sie unter anderen Umständen getroffen hätte? Doch diese Frage stand nicht zur Debatte. Offensichtlich lag er mit seinem ersten Gefühl richtig: Die Kleine fühlte sich zu ihm hingezogen. Daraus würde er seinen Nutzen ziehen. Allerdings musste er abwarten, durfte sie nicht drängen - aber wenn, dann würde es sich lohnen, da war er ganz sicher.

 Seine kleine persönliche Ansprache war von Erfolg gekrönt. Am gleichen Abend konnte man sehen, wie Zoe versuchte, sich mit ihrer Rolle als Stella zu identifizieren.

 

 Zunächst kam sie an den Wochenenden ins SC, da Marc es ihr nie erlaubt hätte, während der Woche und während der Abiturvorbereitungen nachts zu jobben. Zoe musste sich dem beugen, wollte keinen Ärger, auch weil sie sich sorgte, ihre Lüge würde auffliegen und sie würde ihn nie wieder sehen.

 Dieser Mann faszinierte die junge, naive Zoe auf eine ihr völlig fremde Art. Wenn er im Laden war, hoffte sie, dass er mit ihr sprach, ihr einen Blick zuwarf. Sie war enttäuscht, wenn er nicht anwesend war oder sie wenig beachtete. Ein ständiges Kribbeln in der Magengegend begleitete sie während ihrer Arbeitszeit und darüber hinaus. Sie redete sich immer wieder ein, wie blöd dieses absurde Gefühl doch war. Er war ihr Chef und dazu noch 17 Jahre älter. Außerdem konnte er ganz andere Frauen haben, was wollte er von einem Backfisch wie ihr? Es war ihr peinlich. Doch diese Stimmung ergriff immer mehr Besitz von ihr. Im Grunde war sie ein verliebter Teenager und begann schon bald, Tagebuch über den Mann ihrer Träume zu schreiben. Darin malte sie sich aus, wie es wäre, wenn sie sich außerhalb dieser Mauern treffen würden, fantasierte davon, dass er sie irgendwohin einladen würde, um sie ganz romantisch zu verführen. Es waren die Schmetterlinge, die in ihrem Bauch flogen, wenn sie an ihn dachte; ein so tiefes Gefühl wie nie zuvor im Leben vereinnahmte ihre zarte Seele. Ihre Empfindungen und Träume behielt sie für sich. Wie hätte sie dies auch erklären sollen? Dieses Umfeld passte überhaupt nicht in ihr Leben. Er passte nicht in ihr sonstiges Leben.

 

 Marc und Simone blieben die Veränderungen von Zoe nicht verborgen. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück, hörte lange Musik, warf träumerische Blicke ins Nichts, litt unter Appetitlosigkeit ... Insbesondere dann, wenn sie in die Disco zum Kellnern ging, schien ihr Puls ins Unermessliche zu steigen. Das sah ganz nach der ersten Liebe aus. Sicherlich freute sich Marc für seine kleine Schwester, die sich endlich verliebt zu haben schien. Es hatte ja lange genug gedauert, bis sie dieses Gefühl für sich entdecken durfte. Beunruhigt registrierte er die langen Nächte, zunächst am Wochenende und nach erfolgreichem Abitur mit Bestnote, auch unter der Woche. Aber seine Frau beruhigte ihn. Es sei normal, dass sie sich nach der Schule austobte, jobbte und mal alle Fünfe gerade sein lassen wollte.

 Es war nicht leicht zu akzeptieren, dass Zoe erwachsen wurde. Allerdings spürte er tief in sich eine Unruhe, die er sich nicht erklären konnte. Als ihr Bruder meinte er zu fühlen, dass irgendetwas nicht stimmig war, versuchte aber, diesem unguten Gefühl keine allzu große Bedeutung beizumessen. Es fiel ihm schwer. So lag er nächtelang wach und wartete, bis die Haustür aufgeschlossen wurde und sie endlich nach Hause kam – oft genug graute der Morgen.

 

Janosch Königs Plan schien aufzugehen. Zoe wurde zunehmend, wie er es nannte, geschmeidiger. Er nahm sich bewusst Zeit, schenkte ihr die Aufmerksamkeit, die ihr gut tat, die sie sich offensichtlich wünschte. Alles mit Kalkül, nichts dem Zufall überlassend. Manchmal, wenn er an der Bar saß und sie nervös hin und her wuselte, nahm er ihre Hand und drückte sie oder simulierte einen Handkuss. Lobte und überschüttete sie mit Komplimenten, lud sie nach Feierabend ein, mit ihm und einigen anderen einen Drink zu nehmen. Auch wurde sie von keiner der Huren je wieder dumm von der Seite angemacht.

 

Es waren Momente, in denen sich Zoe, die immer mehr zu Stella wurde, wünschte, sie wäre die Freundin dieses Mannes; er würde sie in seinen Arm nehmen, küssen und allen anderen verkünden, dass sie nun die Frau an seiner Seite sein durfte. Sie saß verträumt in dieser Runde, mit Menschen, die so gar nichts mit ihrem bisherigen Leben gemein hatten. Die verbotene und ihr so fremde Welt des Janosch König zog sie mehr und mehr in ihren Bann. Insbesondere, wenn er ihr manchmal zuzwinkerte und sie dabei anlächelte. Für Zoe waren es heimliche Signale, die ihre Fantasie anregten. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten: Wie war es möglich, dass er seine Gefühle, die vielleicht vorhanden waren, auch zeigte? Oder diese noch mehr zu wecken? Aber es wollte ihr nichts einfallen. Hätte sie doch einmal die Chance, mit ihm allein zu sein. Ein Traum, ein Wunsch, so winzig aber unerfüllbar.

 

Geplant oder Zufall – irgendwann, Wochen später wurde dieser Traum wahr! Um ihre Aufregung zu überspielen, begann sie, emsig hinter der Theke zu agieren, spülte die Sektgläser, leerte Aschenbecher. Unter keinen Umständen durfte sie ihm zeigen, wie aufgeregt sie war. Sie waren allein - unglaublich!  Tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf.

 

Janosch kam aus dem Büro, lehnte sich lässig an die Theke und fragte amüsiert, denn ihm war ihre Stimmung natürlich nicht entgangen: »Hast du Lust, einen Absacker mit mir zu nehmen?«

 Vermeintlich gelassen antwortete sie: »Och ja – klar! Jetzt kommt es auch nicht mehr drauf an.« Vor lauter Nervosität kicherte sie, was aber auch an dem vielen Champagner liegen konnte.

 

»Setz dich wieder ... auf das Sofa.« Er zeigte mit dem Kopf in die Richtung der Sitzgruppe. »Ich kümmere mich um eine gute Flasche.«

 Sie lächelte ihn selig an und folgte seiner Aufforderung. Steif wie ein Stock hockte sie zunächst auf der Sofakante. Janosch, der sich entspannt zurückgelehnt hatte, grinste sie belustigt an. Hätte sie sich zurückgelehnt, wäre sie in seinen Armen gelandet.

 »Ich freue mich, dass du am Ball geblieben bist. Du machst den Job hinter der Bar richtig gut.«

 »Danke«, hauchte sie verliebt. Ich will dich so gern einmal küssen, dachte sie und sehnte sich nach einer Berührung. Hastig leerte sie das Champagnerglas. Dabei verschluckte sie sich, musste husten und nach Luft hecheln. Wie peinlich war das denn?

 Janosch klopfte ihr auf den Rücken. »Bist du immer so hektisch?«, fragte er.

 Sie schüttelte mit dem Kopf. »Ich weiß auch nicht, normalerweise bin ich in der Lage, ohne Selbsttötungsabsicht ein Getränk zu mir zu nehmen.« Sie musste auch grinsen. »Okay, ich versuch‘s noch einmal.« Beherzt griff sie nach der Flasche und füllte ihr Glas, um gespielt divenhaft einen Schluck zu nehmen. »Siehst du!« lachte sie, als sie ohne weitere Erstickungsanfälle getrunken hatte. Plötzlich war ihre Anspannung verschwunden und sie drehte auf. Begann zu erzählen, redete, lachte.

 

Janosch, stets distanziert und emotionslos, genoss ihre Gesellschaft. Sie wirkte wunderbar ungezwungen und voller Esprit.

 Warum bist du so schrecklich unnahbar?, fragte sie sich verzweifelt. Er müsste doch jetzt eigentlich die Initiative ergreifen, Männer machten stets den Anfang, so war es in ihrem Teenager-Cinderella-Drehbuch vorgesehen. Der Alkohol gab Zoe Mut. Jetzt oder nie, schoss es ihr durch den mit Champagner durchzogenen Kopf.

 »Gefalle ich dir?«, platze es keck aus ihr heraus, und sie wunderte sich selbst über ihren Mut.

 

Er schmunzelte. »Du bist eine echt Süße!«

 

Bitte küss mich endlich, dachte Zoe und sie konnte nicht verstehen, dass er sie, wenn sie ihm offensichtlich gefiel, nicht küsste. Für sie war klar, er war ihr Traumprinz. Gut, das SC war nicht gerade ein Schloss und ungewöhnlich als Ort, der für das erste Mal herhalten sollte, aber es zählte der Mensch und nicht die Räumlichkeit. So hoffte Zoe sehnsüchtig, dass auch er das Bedürfnis verspürte, mit ihr zu schlafen. Mit seinen Erfahrungen, so ihre kribblige Vorstellung, musste es phänomenal werden. Sie ahnte jedoch nichts von seinem ungeschriebenen Gesetz, nie mit einem Mädchen aus seinem eigenen Laden Sex zu haben. Auch wenn es ausschließlich um die reine Lustbefriedigung ging, waren Probleme vorprogrammiert.

 

 Doch er war nur ein Mann, und sie war wunderschön und süß, wie sie derart unbeholfen mit ihm flirtete. Er fragte sich, was dieses Mädchen bei ihm auslöste. Es war nicht die Lust und Begierde, der Jagdtrieb nach einer schönen Frau, der ihn reizte. Es war anders. In diesem ganz besonderen Moment, als es langsam hell wurde und die Welt draußen anfing, sich wieder hektisch zu drehen, hatte es den Anschein, als würde Janosch König ein ganz kleines Stück von seinem eigentlichen Ziel abrücken. Als er diese junge Frau, die ein ganz besonderes Charisma umgab, gegen seine Vorsätze küsste, versank für diesen kurzen Moment die reale Welt.

 Fühlten sich so Prinzessinnen, fragte sich Zoe, als sie sich in diesen Kuss hineinfallen ließ. Eine heiße Welle nach der anderen durchflutete ihren Körper. Zum ersten Mal erlebte sie, was es bedeutete einen Körper zu begehren, sexuelle Lust zu verspüren. Sie wollte mehr und signalisierte es mit jeder Bewegung.

 

Es bedurfte ein hohes Maß an Konzentration, denn am liebsten hätte er seine Grundsätze über den Haufen geworfen. Doch er verbot sich diese Lust und vor allen Dingen dieses Gefühl. Das war absurd. Unvermittelt löste er sich von ihr, um sich dieser gefährlichen Nähe zu entziehen und ließ sie allein auf dem Sofa zurück.

 Zunächst von seinem plötzlichen Abgang irritiert, sackte sie wortlos in das Sofa, ihre Augen fielen zu, und der Schlaf übermannte sie innerhalb von Sekunden. Der viele Alkohol und die zahlreichen Stunden in Dunst und Rauch zollten ihren Tribut.

 

Janosch König betrachtete sie lange und verließ den Club, ohne sie zu wecken. Zoe wurde ein paar Stunden später von der Putzfrau geweckt.

 

Für Zoe, die mehr und mehr versuchte, Stella zu sein, wurde diese Sehnsucht nach Liebe - nach seiner Liebe - unerträglich. Insbesondere deshalb, weil sie sich dem Gedanken nicht erwehren konnte, er distanziere sich, weil sie auf dem Sofa eingeschlafen war. Ihr war es unendlich peinlich. Wäre sie doch nicht eingeschlafen, bestimmt wäre alles anders gekommen.

 Sie fühlte sich verunsichert. Das erste Mal verliebt zu sein, entpuppte sich als grausam. Wie oft hatte sie in Büchern von diesem Gefühl gelesen, aber es war etwas Anderes, es selbst zu erleben. Am liebsten hätte sie jeden Tag und jede Nacht im Club zugebracht, um Janosch nahe sein zu können, auch wenn er sie manchmal gar nicht oder nur im Vorbeigehen beachtete. Sie verstand sein Verhalten nicht.

 

König spielte sein Spiel. Er wusste, wie er ihr mit jeder kleinen Geste wieder neue Hoffnung machen konnte. Hoffnung auf was? Auf eine Beziehung? Auf Sex? Oder auf einen weiteren Kuss? Im Grunde war alles absurd. Es war jedoch seine perfide Zermürbungstaktik, seinem Ziel näher zu kommen. Irgendwann hielt er die Zeit für reif, seinen Plan in die entscheidende Phase zu führen, da er heimlich Zeuge eines Gesprächs geworden war. Dies würde die Sache viel lukrativer gestalten.

 

»Magst du ein Glas mit mir trinken? Komm, mach uns eine Flasche auf.«

 

Sie lächelte, seufzte und freute sich, dass er sich wieder einmal die Zeit für sie nahm, öffnete flink eine Flasche Champagner und füllte zwei Gläser. Kein weiterer Gast saß an der Theke, sodass niemand die Unterhaltung hätte mit anhören können. Die anderen Mädchen waren auf den Zimmern oder hingen auf den Sitzlandschaften herum.

 

Zärtlich nahm er ihre Hand. Ein Schauer durchzog ihren Körper, und alles in ihr bebte. Lässig steckte er sich ein Zigarillo an. Auch Zoe nahm sich eine Zigarette; es half ihr, ruhiger zu werden.

 »Ja?«, fragte sie, und ihr Herz raste, war voller Sehnsucht.

 »Tja, wie soll ich es sagen?« Er ließ sich Zeit. »Es gibt da einen für mich sehr wichtigen Menschen, der hat einen Narren an dir gefressen ...«

 

Ihr Blick wurde düster.

 

»Er steht auf dich!« Janosch suchte ihren Blick, versuchte sie zu fixieren. »Ich komme gleich auf den Punkt. Dieser Mann würde dich gern buchen – mit dir aufs Zimmer gehen.«

 

 Als er diese Worte aussprach, hielt er ihrem Blick stand, ließ nicht zu, dass sie sich ihm entzog, und fügte hinzu: »Es wäre für mich sehr, sehr wichtig ...«

 Zoe nippte an ihrem Glas. Sie war enttäuscht, verwirrt. Alles Mögliche hatte sie erwartet, erhofft, aber eine solche Bitte?

»Das ist ein bisschen überraschend«, murmelte sie.

 

Janosch schaute sie an, war sich seiner Wirkung auf sie bewusst.

 In Zoes Kopf tobten die Gedanken, sie fühlte sich völlig überfordert. Zögerlich flüsterte sie: »Kann ich es mir überlegen?« Ihre Enttäuschung war nicht mehr zu verbergen.

»Klar«, antwortete er großzügig und drückte ihre Hand. »Denk darüber nach. Es muss ja nicht bedeuten, dass du das danach immer machst ...« Und in Gedanken fügte er hinzu: Das wäre aber genial!

 

 Aber was machte dieses Angebot für ihn so lukrativ? Was hatte er gehört?

 Durch Zufall war er Zeuge eines Gespräches zwischen Zoe und Molly geworden, da die beiden Frauen sich angefreundet hatten.

 »Ich bin noch Jungfrau!«

»Kind, das ist nicht wahr? Ich dachte, heute macht man es schon mit fünfzehn oder jünger.«

»Es hat sich nicht ergeben.«

»Ach wie schön«, seufzte Molly. »Bitte, heb dir das gut auf. Es ist etwas sehr Wertvolles!«

»Ja, ich träume auch davon.« Zoe lächelte verklärt.

 

Plötzlich hörten sie Schritte. »Kein Wort, zu niemandem!« Es war ihr peinlich und sie spürte, wie sie errötete.

 »Versprochen!« Molly nickte. Was für ein süßes Ding dachte sie und hoffte, dass sie den Richtigen finden würde. Allerdings war ihr nicht verborgen geblieben, dass die Kleine für Janosch schwärmte. Sie hoffte, dass sie deshalb keine Dummheiten machen würde.

 Für König war diese Information ein Hammer. Eine Jungfrau im Bordell! Normalerweise müsste man eine Versteigerung veranstalten, aber das fand er doch zu übertrieben. Allerdings kam ihm sofort eine Idee: Er stand in der Schuld eines guten »Freundes«, der beim Ordnungsamt der Stadt arbeitete. Ein momentan wichtiger Mann, bislang immer sehr loyal, insbesondere den Spielclub betreffend. Außerdem hatte er König eine Waffenbesitzkarte besorgt, die man ihm mit seinem kleinen, aber vorhandenen Vorstrafenregister niemals ausgestellt hätte. Eine seiner Huren hatte ihm erzählt, dass dieser Typ auf sehr junge Mädchen stand und er richtig in Fahrt gekommen war, als sie im Rollenspiel eine Jungfrau gemimt hatte.

 König war es lieber, dass man bei ihm Verpflichtungen hatte; deshalb versuchte er, seine Schulden immer so schnell wie möglich zu begleichen. Hier bot sich die perfekte Gelegenheit.

 »Glaub mir, das ist wirklich wichtig für mich.«

 Zoe wurde unsicher. War das die Gelegenheit, ihm zu zeigen, wie sehr sie ihn liebte? Konnte sie ihn damit für sich gewinnen? Wenn sie ihm wirklich damit helfen konnte?

 »Ich weiß nicht, ob ich das kann«, sagte sie leise und entzog sich seinem Blick. »Ich wüsste doch gar nicht, was ich da wie machen sollte.«

 Die Frage war ernst gemeint, doch er grinste sie an. »So schwer ist das nicht. Glaube mir, das haben andere auch hinbekommen.«

 »Wie witzig!«, antwortete sie, und ihre Stimme nahm einen zickigen Klang an. Zum Scherzen war ihr gerade nicht zumute.

 »So war das nicht gemeint«, lenkte er ein. »Ich kann dich natürlich nicht zwingen, das würde ich niemals tun. Aber du hättest auf jeden Fall auch etwas davon.«

»Was?«

»Tja«, begann er und kam ihr ganz nah. »Es hängt viel davon ab, der Laden und meine Zukunft.« Dicker hätte man nicht auftragen können. »Vielleicht auch deine, unsere Zukunft?«

»Hast du Probleme?«, fragte sie unsicher.

»Nicht direkt«, antwortete er. »Weißt du, unser Geschäft ist knallhart, und da draußen tobt ein steter Kampf. Da braucht man Freunde ... und wenn du mich lieben würdest, dann ...« Er brach den Satz ab.

Zoes Herz pochte, das Blut rauschte in ihren Adern. Ja, sie liebte diesen Mann! Es musste Liebe sein, was sonst sollte solche Reaktionen in ihr auslösen?

 

Er strich ihr sanft über den Kopf und schaute sie an.

 Hoffnung keimte in ihr auf, dass er ähnlich empfand. Zoe war sich nicht sicher, ob dieses unbändige Gefühl von Liebe sie an ihre Grenzen brachte oder das Wissen, dass er um ihre Zuneigung wusste? All das überforderte sie, denn diese Emotionen waren ihr fremd.

 »Ich überlege es mir«, sagte sie und lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln.

 

Er nickte, und seine Hand strich sanft über ihren Kopf, über ihre Wangen. Im Anschluss legte er seinen Zeigefinger auf seine Lippen, küsste ihn und drückte ihn auf ihre zarten Lippen. Eine sanfte Geste, die ihre Wirkung nicht zu verfehlen schien.