Eine prickelnde SM Liebesgeschichte

 1. Die Ankunft

 

 

Wie von Geisterhand öffneten sich die beiden Flügel des schweren Eisentores und gaben der schwarzen Limousine den Weg frei. Fast geräuschlos rollte der Wagen die lange und von alten und mächtigen Eichen gesäumte Auffahrt entlang. Claire saß regungslos auf der Rücksitzbank und sie spürte, wie ihre Aufregung immer gewaltiger wurde, je näher sie dem herrschaftlichen Haus kamen. Die Fahrt von ihrer Wohnung im Londoner Stadtbezirk Greenwich bis hierher irgendwo im Nirwana war wortlos verlaufen. Der Chauffeur, der sie zu Hause abgeholt hatte, hatte lediglich ein kurzes Wort der Begrüßung verloren, ansonsten waren seine schmalen Lippen verschlossen geblieben. Auf Claires Frage, wo sie genau hinfuhren, hatte er nicht geantwortet. Dieser Kerl wirkte in seinem äußerst korrekt sitzenden Anzug und mit den streng nach hinten gegelten Haaren wie ein Hotelpage. Allerdings ließ er die zu erwartende Freundlichkeit, die man dieser Berufsgruppe zusprach, vermissen. Für einen Moment hatte sie überlegt, den Wagen an einer roten Verkehrsampel fluchtartig zu verlassen und ihr irrwitziges Vorhaben vor dem eigentlichen Beginn abzubrechen. Sie hätte gern erfahren, wo man sie hinbrachte, wo genau sich die Villa von Sir Baxter befand, um ihrer Freundin Florence eine SMS mit der Nennung ihres Aufenthaltsortes zukommen zu lassen. Diese hatte darauf bestanden und sie für verrückt erklärt. Für die Freundin war es völlig unverständlich, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen. Nachvollziehbar, da Florence keinen Bezug zu dieser Art von Sexualität hatte.

 

Es war Teil der Vereinbarung, nichts über den Ort zu erfahren. In ihren Ohren hallten die Worte des Sirs wieder. Was hatte er gesagt? Sie müsse sich zu Hundert Prozent auf ihn einlassen, ihm vertrauen, sonst würde es nicht funktionieren. Es war eine Zusammenkunft der besonderen Art. Etwas, was sie noch nie vorher getan hatte und sich bislang auch nicht hatte vorstellen können. Doch sie hatte eingewilligt, sich auf dieses Spiel einzulassen, eine Entscheidung getroffen, die ihr, auch jetzt gerade noch, viel Mut abverlangte. Der Reiz des Unbekannten, die unbändige Lust, sich einem Mann, den sie nicht liebte, völlig auszuliefern, war größer als die Angst. Ihm, der sich sofort von der Masse der vielen User dieser BDSM-Plattform abgehoben hatte.

 

Sie erinnerte sich noch genau an diesen Abend vor zwei Wochen, als sie wieder einmal mehr oder wenig gelangweilt die Mailbox ihres Accounts überflogen hatte. Sie, die nach langer Zeit wieder auf der Suche nach einem dominanten Mann gewesen war. Einem Mann, der ihre Wünsche und Fantasien erfüllen und in den man sich unter Umständen verlieben konnte, weil er neben der dominanten Art auch die zwischenmenschlichen Komponenten mitbrachte. Einen Prinzen mit einer Mischung aus Pretty Woman, Shades of Grey und Schneewittchen gab es jedoch nur noch in ihren Träumen. Aus diesem Grund hatte sie bei der Registrierung, den Nicknamen „Traumtänzerin“ gewählt und sah sich wieder einmal bestätigt. Irgendwann hatte sie beschlossen, ihre Wünsche auf die Sexualität einzugrenzen – so wie sich die Herren dort präsentierten, sollte dies doch möglich sein. Sex ohne Gefühl. Wenn ihr schon der Mann ihres Herzens verloren gegangen war, dann wollte sie wenigstens mal wieder die pure Lustbefriedigung auskosten. Sie hatte keine Ahnung, ob dies für sie umsetzbar war, bislang hatte sie ihre devote Neigung nur in Verbindung mit einem tiefen Gefühl der Zuneigung ausgelebt. Es war nun mal kein einfacher Fick, den man als gut aussehende Frau jederzeit und überall bekommen konnte. Claire hatte jedoch die Hoffnung nach einigen vernichtenden Fehlversuchen, die schon im Ansatz gescheitert waren, aufgegeben. Bereits die Art der Konversation schreckte sie ab.

 

Ansagen wie „Wenn du das liest, hast du dich hinzuknien“ oder „Bei unserem ersten Treffen, hast du einen kurzen Rock und darunter halterlose schwarze Strümpfe zu tragen“, die in der ersten Mail getroffen wurden, hatten ihr nur ein müdes Lächeln abgerungen. Obwohl sie eine devote Frau war, hieß es im Gegenzug nicht, sich jedem X-beliebigen Mann, der sie im Netz dazu aufforderte, hinzugeben. Die zum Teil lächerlichen Figuren, die, als sie diesen Forderungen eine Absage erteilte, förmlich sabbernd hinter ihr her waren, ließen für Claire jegliche Dominanz vermissen. Manchmal wurden diese Kerle derart frech und unverschämt, dass sie sie sperrte. In Momenten wie diesen war die Trauer nach dem, was ihr vor mehr als einem Jahr abhandengekommen war, besonders intensiv. Wehmütig dachte sie an ihren „Mr. Big“. Sie hatte ihrem Partner und Dom, der mit richtigem Namen Mason hieß, den Namen Mr. Big gegeben, weil er sie an den Schauspieler aus der Serie „Sex and the City“ erinnerte. Bereits als sie ihn das erste Mal auf einer beruflichen Veranstaltung gesehen hatte, war ihr der Name eingefallen und von da an geblieben.

 

Überraschenderweise hatte er sofort geahnt, dass sie diese Neigung in sich trug, und vom ersten Moment an war diese außergewöhnliche Verbindung spürbar gewesen. Es waren seine Blicke gewesen, die er ihr immer mal wieder zugeworfen und die sie innerlich aufgewühlt hatten.

 

Noch immer kam keiner an das heran, was sie bis heute für ihn empfand. Dieses wundervolle Gefühl sich seiner dominanten Art hinzugeben, seine Strenge aber auch seine Güte und Zärtlichkeit zu spüren, war bislang einzigartig geblieben und würde sich wahrscheinlich auch nicht wiederholen. Sie hatten gemeinsam gelacht, stundenlang geredet und eine wundervolle und intensive Zeit verbracht.

 

Er hatte ihre devoten und masochistischen Neigungen in einer ihr bis dahin unbekannten Art und Weise aus ihr „herausgeholt“, sodass sie mehr als einmal über ihre Grenzen gegangen war. „Mr. Big“ war ein Meister im Umgang mit Rohrstock und Peitsche. Niemals hätte sie vermutet, derart massiv auf dieses Gefühl von Schmerz zu reagieren. Sie hatte sich in diese gleichmäßigen Schläge hineinfühlt, sie genossen, und ab einem gewissen Punkt war es so gewesen, als würde sie fliegen und die Lust war ihr aus allen Poren geströmt. Ihre Geilheit hatte ihn ebenso angemacht, und wenn er sie anschließend mit seinem großen harten Schwanz gefickt hatte, war sie explodiert. Die Striemen und Blutergüsse auf ihrer empfindlichen Haut hatte sie wie Trophäen empfunden.

 

Ihr war bis zum Beginn dieser Beziehung nicht klar gewesen, wie sehr sie diese Neigung in sich trug. Immer wieder musste sie an jenen Abend denken, als er ihr unmissverständlich klar gemacht hatte, wie devot sie war. Nach einem gemeinsamen Abendessen, welches sie zusammen in ihrer Wohnung eingenommen hatten, war es wieder einmal zu einem langen Gespräch zwischen ihnen gekommen. Claire war sehr nervös gewesen, da sie ahnte, dass es an diesem Abend passieren würde. Der erste Sex mit Mr. Big – viel hatte sie sich in ihren feuchten Träumen ausgemalt. Beide wussten um ihre jeweiligen Neigungen. Aber so richtig konnte sie es sich nicht vorstellen, da sie bislang wenig praktische Erfahrung hatte sammeln können. BDSM, der Herr und seine Sub, Schmerz und Lust – bisher alles flammende Fantasien. Sie erinnerte sich an jedes Wort.

 

»Ich weiß nicht, ob ich devot bin«, hatte sie sich arglos geäußert.

 

Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, spürte sie eine Veränderung bei ihm. Seine grünen Augen bekamen ein Funkeln und seine nachfolgenden Worte waren messerscharf und lösten ein innerliches Beben in ihr aus. »So, du weißt nicht, ob du tatsächlich devot bist?«

 

Verwirrt durch seine veränderte Tonlage und ihr Gefühl, hatte sie geflüstert: »Ich weiß es wirklich nicht!«

 

Ihre Blicke trafen sich, eine knisternde Spannung war entstanden, ihr Herz raste, ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet. Plötzlich, und ohne dass sie es hätte steuern können, erhob sie sich, trat einen Schritt näher an ihn heran, ging auf die Knie und kauerte sich in einer demutsvollen Haltung vor ihn. Es war ein fremdes Gefühl, so groß und ergreifend und Lust bringend, dass es ihr fast die Luft zum Atmen nahm. Mr. Big hatte sie mit einem süffisanten Lächeln angeschaut und wortlos signalisiert, dass sie näher an ihn heranrücken sollte, sodass er seine Hand um ihren Hals legen konnte. Sie hatte ein wenig den Kopf gehoben und ihn angeschaut. Obwohl er nur einen leichten Druck ausübte, hatte sie das Gefühl, als nehme er ihr die Luft. Der Wunsch, dass er fester zudrücken würde, erwachte in ihr. Ihr Höschen war durchnässt. Es war, als hätten sich von einer Sekunde auf die andere alle Säfte auf einen Punkt konzentriert. Ihr Kopf war auf der Höhe seines Schritts und seine Erregung zeichnete sich deutlich unter der schwarzen Anzugshose ab. Die Ärmel seines weißen Hemdes waren bis zu den Ellbogen hochkrempelt, sein Duft war herb und männlich.

 

»So, so«, wiederholte er ihre Worte mit klarer Stimme. »Du weißt also nicht, ob du devot bist?«

 

Sie schluckte und wusste, dass es eine rhetorische Frage war.

 

»Ich werde dir heute zeigen, was für ein kleines geiles devotes Stück du bist!«, sprach es aus und drückte fester zu. »Ich wette, dass du vor Geilheit triefst!«

 

Stumm hatte Claire genickt, sie traute sich nicht, nur ein einziges Wort zu sagen. Dieses überwältigende Gefühl tiefer Demut, das sie unerwartet ergriffen hatte, ließ es nicht zu. Er hatte sich nach vorn geneigt und sie spürte seinen Atem. Eine Hand lag fest um ihre Kehle, die andere griff gezielt nach ihrer Brustwarze, die sich trotz ihres BHs unter dem dünnen Stoff ihres Kleides abzeichnete. Er kniff zu und Claire sog Luft ein, da es schmerzte. Doch dieser Schmerz war süß und alles in ihr verlangte nach mehr.

 

Es bedurfte keiner weiteren Worte. Mit zittrigen Händen öffnete sie seinen Hosenreißverschluss und sofort sprang ihr das harte Objekt der Begierde entgegen. Vorsichtig begann sie, mit ihrer Zunge über die blanke und feuchte Eichel zu lecken. Er zwirbelte härter an ihrem Nippel und sein Griff an ihrem Hals verstärkte sich abermals, sodass sie ein leises röchelndes Geräusch von sich geben musste. Es war der stumme Befehl, sich seinem Schwanz mit mehr Intensität anzunehmen. Begierig begann sie daran zu saugen und genoss diesen Moment. In ihrem Kopf gab es nur noch einen Gedanken: Sie wollte ihrem Herrn gefallen und ihn zufriedenstellen. Mittlerweile hatte sich Mason zurückgelehnt und genoss ihr intensives Zungenspiel. Da er außerordentlich gut gebaut war, hatte sie Mühe ihn vollständig aufzunehmen, ohne dass ihr Zwerchfell einem Reiz ausgesetzt wurde. Doch er hatte kein Erbarmen und drückte ihren Kopf fester auf seinen harten prallen Schwanz. Obwohl es ungewohnt war, genoss sie es und das beklemmende Gefühl in ihrer Kehle verschwand.

 

Ja, er hatte ihr an diesem Abend deutlich gezeigt, wie devot sie war, denn was danach folgte, war eine erste Reise der bizarren Lust gewesen. Behutsam, aber mit der gebotenen Strenge, ließ er sie spüren, wie sich leidenschaftlicher Schmerz anfühlte. Es war ein perfektes Zusammenspiel mit seiner verbalen Dominanz gewesen.

 

Claire schüttelte sich, so als wolle sie die Gedanken aus ihrem Kopf verbannen. Nein, sie durfte nicht wieder an ihn denken, es war immer noch zu schmerzhaft, obwohl schon lange vorbei.

 

Im Grunde hatte sie es längst aufgegeben einen halbwegs vernünftigen „Spielpartner“, wie sie es nannte, in einer dieser Communitys zu finden.

 

An jenem Abend las sie die automatischen Vorschläge, die die gewiefte Software aus den Tausenden von Mitgliedern filterte. Heute bot ihr das System fünf Matches an. Gelangweilt klickte sie durch die ersten vier Profile, doch bei dem Fünften blieb sie hängen. Dieser Mann, der sich Sir Baxter nannte, hatte keines der üblichen Profilbilder eingestellt. Zu sehen war ein elegant gekleideter Herr. Vor ihm stand eine Frau in einem festlich schwarzen Kleid und sie hielt ihre Hände auf dem Rücken, die mit silbernen Handschellen fixiert waren. Man konnte jedoch das Gesicht des Mannes nicht sehen.

 

Doch es war nicht nur das geheimnisvolle Foto, welches Claires Aufmerksamkeit erregte, es waren vielmehr seine Worte, die sofort ein Kribbeln auslösten. Wenige gezielte Formulierungen, die sie berührten und genau das versprachen, was sie sich vorstellte. Aber war es nicht so, dass viele der Männer ihre Beschreibungen geschickt formulierten und in einem direkten Austausch aus ihrer Sicht versagten?

 

Frustriert schloss sie ihr Postfach und schaltete den PC aus. Es würde sowieso nur einen Mr. Big geben. Doch irgendetwas ließ sie nicht ruhen. Immer wieder tauchte dieses Bild vor ihrem geistigen Auge auf und ließ sie nicht schlafen. Irgendwann des Nachts stand sie, von sich selbst entnervt, auf um diesem Sir Baxter eine Mail zu schreiben. Sie formulierte genau das, was sie dachte, fühlte und es klang wenig devot. Sie hatte kein Interesse daran, im Vorfeld die hörige Sub zu mimen. Seine Antwort kam Tage später, Claire hatte nicht mehr damit gerechnet und ihn unter der Kategorie Blender abgelegt. Überrascht las sie seine Zeilen, und es klang sympathisch. Er begrüßte ihre Gedanken und dass sie sich nicht in der ersten Kommunikation als kleines devotes Fickstück anpries. Das würde die Angelegenheit für ihn reizvoll gestalten. Allerdings habe er genaue Vorstellungen, die er aber nicht per Mail mitteilen würde. Ihm sei es, so wie ihr, wichtig, wie man aufeinander wirke, wenn man den Schutz der virtuellen Welt verließ. Ohne große Umschweife schlug er ein Treffen am kommenden Samstag in einem Restaurant in Bermondsey, einem trendigen Viertel unweit der Tower Bridge, vor. Claire zog eine Augenbraue nach oben, als sie den Namen des Lokals im Internet suchte. Dies klang nach einem kostspieligen Abend. Aber sie ging davon aus, dass er als Gentlemen die Rechnung übernehmen würde. So willigte sie ein.

 

Die Tage bis zum Samstag schlichen vor sich hin und wollten nicht vergehen. Die Frage, ob er dieses Gefühl in ihr auslösen würde, das sie bei Mason empfunden hatte, machte sie kribbelig. Er war der erste Mann, von dem sie hoffte, er könne diesen Status erreichen. Ihr Job als Sekretärin in einem Anwaltsbüro versprach ebenfalls wenig Abwechselung von ihren aufgeregten Gedanken. Im Gegenteil. Claire war nicht in der Lage sich zu konzentrieren. Immer wieder malte sie sich aus, wie dieser Mann in der Realität sein würde. Groß, klein, schlank, dick, dünn. Das Profilbild konnte ein Fake sein – die Gestalt darauf ließ auf eine optimale Größe und eine stattliche Figur schließen. Hatte er braune oder blonde Haare oder überhaupt welche? Wie würde er riechen? Für Claire ein wichtiges Detail. Würde sie der Klang seiner Stimme fesseln? Hatte er tatsächlich eine dominante Seite? Oder war es eine dieser lächerlichen Witzfiguren, die im Umgang mit den gängigen Instrumenten, wie einem Rohrstock oder einem Bondageseil, nicht vertraut waren. Fragen über Fragen, die mit einem ständigen Vergleich einhergingen. Auch wenn sie versuchte, die Gedanken an Mason zu verdrängen und diesem Sir Baxter eine reelle Chance einzuräumen, gelang es ihr nicht. Aber es fühlte sich aufregend an und es klang ein Funken Hoffnung mit. Egal, was dabei herauskommen würde, diese Verabredung gab ihr endlich wieder einmal das Gefühl von Leichtigkeit. Eine Leichtigkeit, die sie nach der Trennung von Mason nicht mehr hatte spüren können, da ihr Herz schwer wie ein Stein geworden war.

 

Sie kam sich wie ein Teenager vor dem ersten Date vor. Die Frage nach dem passenden Outfit trieb sie um. Was sollte sie anziehen? Sexy, leger? Rock oder Hose? Stiefel oder Pumps? Würde bereits an diesem Abend etwas passieren? Wenn sie es zuließ, musste sie sich sorgfältig rasieren und schöne Unterwäsche tragen. Sie beschloss ein umfangreiches Beautyprogramm zu zelebrieren, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Es lenkte sie ab, da die Uhr an diesem Samstag kaputt zu sein schien. Immer wenn sie einen Blick auf das Ziffernblatt warf, hatte sich der Zeiger kaum verändert. Ihre Katze zog sich beleidigt zurück, da Claire den Berg von Klamotten, die sie aus dem Kleiderschrank gezerrt und auf ihr Bett geworfen hatte, nicht als Spielhöhle für das beliebte Spiel „Jag und finde mich“ nutzte. Auf der Suche nach einem passenden Outfit war sie auf eine Kiste im hintersten Bereich ihres begehbaren Kleiderschrankes gestoßen. Dieser Karton, den sie bewusst aus ihrem täglichen Sichtfeld geräumt hatte, löste sofort wieder einen ziehenden Schmerz in ihrer Seele aus. Einen Blick auf die schönen Korsetts und Vintage-Dessous verbot sie sich jedoch und sie verzichtete ebenfalls darauf, eines der schönen Stücke anzuziehen. Es waren Geschenke von Mason, der es geliebt hatte, wenn sie sich in schöner Wäsche für ihn präsentierte.

 

Nach langem Hin und Her entschied sich Claire für einen legeren Kleidungsstil aus enger Jeans, die sie mit einem Blazer und flachen Stiefeln kombinierte. Sie hielt die Garderobe für angemessen. Einen wetterfesten Trenchcoat, der dem typischen englischen Regenwetter trotzte, vervollständigte ihre Wahl, als sie gegen 18.00 Uhr das Haus verließ. Von ihrer Wohnung bis zum Treffpunkt war man mit der Tube eine gewisse Zeit unterwegs, bis man die Tower Hill Station in der Nähe des Treffpunktes erreichte.

 

Als sie pünktlich das Restaurant betrat, wurde sie sogleich von einem Kellner angesprochen. Wie verabredet fragte sie nach Sir Baxter. Ob dies tatsächlich sein richtiger Name samt Titel oder frei erfunden war, blieb unklar.

 

»Sie werden erwartet«, erhielt sie zur Antwort.

 

Ein kurzer Schreck jagte ihr durch den Körper. War sie etwa zu spät? Doch ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass es sogar fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit war. Ein Mann mit Manieren, dachte Claire, da sie sich ziemlich blöd vorgekommen wäre, wenn sie vor ihm eingetroffen wäre. Sie wurde durch das gut besuchte Lokal über eine Treppe auf die Empore geführt. Hier verebbte der Lärm und die Beleuchtung war nicht so gleißend wie im Basement, da man auf elektrisches Licht verzichtet hatte. Unzählige Lüster mit großen Kerzen, deren Flammen sich durch einen kaum spürbaren Luftzug hin und her bewegten, spendeten Licht. Es sah aus, als würden die Flammen einen sanften Tanz vollführen.

 

An dem Tisch, auf den sie zugingen, saß eine Gestalt, die dem Profilbild ähnlich sah. Claires Herz pochte derart laut und heftig, dass sie befürchtete, man würde es hören. Es war ein spannender Augenblick gewesen, als sie sich gegenübertraten. Würde er derjenige sein, der sie Mr. Big vergessen ließ?

 

Es hatte den Anschein, sonst würde sie heute nicht in diesem Wagen sitzen und die Auffahrt zu einer mondänen Villa entlangfahren. Vielleicht hatte sie diesem Treffen auch nur deshalb zugestimmt, um sich selbst zu beweisen, dass sie sich von Mason distanziert hatte. Sir Baxter, ein unverschämt gut aussehender Mann, der es verstand gute Konversation zu betreiben und deutlich und klar formulierte, was er sich vorstellte, hatte sie lediglich einen Moment zögern lassen.

 

Mittlerweile hatte der Wagen vor dem Eingang gehalten und der Chauffeur war ausgestiegen und öffnete die Tür. Claire schaute ehrfurchtsvoll auf dieses mondäne Haus, dessen Fassade mit Efeu bewachsen war. Sie wusste, wenn sie durch die große schwere Eingangstür ging, gab es kein Zurück mehr. Das, was Sir Baxter von ihr verlangte, war anders, als das, was sie mit Mr. Big erlebt hatte. Sie waren sich stets auf Augenhöhe begegnet. Es gab Tabus und Claire hatte den Umfang und die Intensität mehr oder weniger bestimmt. Auch hatte er sie niemals als seine Sklavin bezeichnet. Diesen Begriff hatte Mason stets für unangemessen gehalten. Doch das war genau das, was sie jetzt erwartete – sie würde alle ihre Rechte verlieren, sich zu einhundert Prozent auf einen Mann einlassen, den sie kaum kannte, dem sie vertrauen musste und bei dem sie nur hoffen konnte, dass er wusste, was er tat. Der hoffentlich seine und ihre Grenzen richtig einschätzen konnte. Sie war ihm ausgeliefert – sie würde seine Sklavin für eine Nacht sein!

 

 

BDSM Roman - Leseprobe