Ein SM-Liebesroman über tiefe Gefühle


Prolog

In Französisch-Polynesien werden sie gezüchtet – die begehrten Tahiti-Perlen. Es dauert etliche Jahre, bis sie herangereift sind. Wer nicht so lange warten will, vertreibt sich die Zeit mit Schnorcheln, Schlemmen und Inselhüpfen.

Die Farm der Perlenzüchterin liegt in einer Lagune von Bora-Bora, jenem Atoll, das vor über zweihundertfünfzig Jahren von James Cook entdeckt wurde und nichts von seinem Zauber eingebüßt hat: weißer Strand, Palmen, türkisblaues Wasser und dahinter der breitschultrige Vulkangipfel des Mount Otemanu … durchaus ein Plätzchen, an dem man sich die Zeit angenehm gestalten kann.

Auf den Moment hat die junge Frau aus einem großen Perlenzüchterclan drei Jahre lang gewartet. Mit einer Art Geburtszange öffnet sie die untertassengroße Auster, dann fährt sie vorsichtig mit einem langstieligen Löffel in den schmalen Spalt und zieht einen dunkel schimmernden Schatz hervor: »Poe rava« – eine schwarze Tahiti-Perle ist geboren!
Beim Betrachten dieses bezaubernden Geschenks der Natur fragt sie sich, welche Frau sich mit dem Juwel schmücken wird.

 

1. Kapitel


Das feudale Gutshaus lag idyllisch in der Nähe von Werder und Potsdam, nah genug an der pulsierenden Hauptstadt Berlin. Es hatte eine wunderschöne Parkanlage und einen eigenen kleinen See. Seit einigen Jahren war das Grundstück mit einem Zaun umgeben und die Zufahrt zu dem antiken Bauwerk durch ein großes, schmiedeeisernes Tor möglich.
Nachdem sie sich mit dem heutigen Codewort legitimiert und man ihr an der Pforte Einlass gewährt hatte, steuerte Victoria Du Mont ihren unscheinbaren Kleinwagen zielstrebig zum Haupthaus. Hinter dem Gebäude stand ein Parkplatz zur Verfügung, auf dem bereits etliche wie Zinnsoldaten aufgereihte Luxusfahrzeuge parkten. Die Lust auf ausgefallenen Sex, Fetischspiele und BDSM-Praktiken zog sich durch jede Gesellschaftsschicht. Im Schloss des Grafen tummelten sich diejenigen, die sich zu der gehobenen Mittelschicht zählten. Vermutlich auch Mitglieder des öffentlichen Lebens. Das blieb jedoch geheim.
»So, dann wollen wir mal«, murmelte sie, nachdem sie den Wagen eingeparkt hatte.
Der Blick in den Rückspiegel zeigte eine Frau mit schmalem Gesicht, großen dunkelblauen Augen, die von langen Wimpern umrahmt wurden. Den Regeln entsprechend griff sie nach ihrer Latexmaske, die auf dem Beifahrersitz lag. Vorsichtig zog sie sie über den Kopf, damit das dünne Gummimaterial nicht zerriss. Es handelte sich um eine Spezialanfertigung einer Halbmaske. Ihre vollen und rot geschminkten Lippen sowie das spitze Kinn blieben frei. Solche, die ihr gesamtes Gesicht bedeckten, verursachten bei Victoria Beklemmungen. Der schwarze Latex war an den Augen mit roter Farbe abgesetzt und gab ihrem Erscheinungsbild etwas Katzenhaftes. Routiniert drapierte sie ihre schwarzen Haare durch die Öffnung am Hinterkopf, was dem Anblick eines stolzen Pferdeschweifes gleichkam.
Es dämmerte bereits und das Haus war an diesem lauen Frühlingsabend in ein seichtes Licht getaucht. Doch dafür hatte sie keinen Blick. Flink stieg sie aus, griff nach einer Flasche mit speziellem Öl und rieb ihren schwarzen Latexanzug, der jede Hautfalte und Rundung offenbarte, an den Beinen, Armen, Bauch und Brüsten ein. Das verlieh dem Material einen auffälligen Glanz. Ebenso geübt zog sie sich das Korsett an und schnürte es mit Kraft zusammen. Mit dem Tausch ihrer Turnschuhe in fünfzehn Zentimeter hohe Plateaustiefel, die ihre natürliche Größe von einem Meter zweiundsiebzig noch eindrucksvoller wirken ließen, beendete sie mit regungsloser Miene ihre Vorbereitungen. Sie wusste, auch ohne sich im Spiegel zu betrachten, um ihre stattliche Erscheinung.
Bevor sie über den Kiesweg zum Herrenhaus marschierte, holte sie aus dem Kofferraum einen silberfarbenen Trolley mit ihrem Equipment.
»So, nicht straucheln.« Obwohl sie es gewohnt war, auf solch hohen Absätzen zu gehen, blieb der Untergrund eine Herausforderung.
Ein letztes Mal atmete sie tief durch, drückte die Klingel und nach wenigen Augenblicken öffnete ihr ein Mann in einem dunklen Anzug. Eine Art schwarze Vogelmaske, mit Federn am Hinterkopf und einem großen Schnabel auf der Höhe seiner Nase, sorgte dafür, dass sein Gesicht unkenntlich blieb.
»Mistress Du Mont.« Er machte eine einladende Armbewegung. »Im Namen des Grafen heiße ich Sie willkommen!«
»Vielen Dank, ich freue mich ebenfalls, wieder hier zu sein.« Sie nickte ihm freundlich zu.
Zum vierten Male schritt sie durch die mächtige und mit zahlreichen Intarsien und Schnörkeln versehene Eingangstür.
Wie zuvor wurde sie von dieser einzigartigen Atmosphäre eingenommen: Gregorianische Gesänge hallten aus unsichtbaren Lautsprechern und ließen den Eingangsbereich mit seinen alten Rüstungen und Ahnengemälden mystisch wirken. Der Ort ist etwas Besonderes für mich. Ein leichter Schauer lief ihr den Rücken herunter.
»Ihr Sklave erwartet Sie an seinem Platz«, setzte sie der Diener in Kenntnis.
»Es würde ihm nicht gut bekommen, sofern er es nicht täte.«
Ohne zu zögern stolzierte sie in das Kellerverlies des Herrenhauses, vorbei an verzückt wirkenden Personen, die in Lack- oder Ledergewändern oder mit Sklavengeschirren bekleidet ihren Weg säumten.
Gebäude wie diese vermochten bei entsprechender Inszenierung, eine stimulierende Atmosphäre zu vermitteln. Bevor sie an den Käfig herantrat, in dem ein nackter Mann kniete, öffnete sie den Koffer und entschied sich für eine kurze Peitsche mit einem Lederblättchen. Victoria schaute auf den am Boden kauernden Greis, dessen Gesicht eine Ledermaske zierte.
»Herrin, ich bin so glücklich, dass Sie mich heute wieder empfangen.« Seine Stimme zitterte und er hielt den Kopf gesenkt.
Spielerisch klopfte Victoria mit der Lederpeitsche gegen ihre Stiefel. »Ich war geneigt, es mir anders zu überlegen.«
»Oh nein, Herrin, das hätte ich nicht ertragen.« Der Körper des alten Mannes bebte.
»Es ist mir egal, was du erträgst oder nicht ...« Gespielt emotionslos öffnete sie die Käfigtür. »Begrüße deine Herrin angemessen.«
»Sehr gern.« Mit den Händen auf dem Rücken kroch er auf dem harten Boden auf sie zu. Mit Inbrunst küsste er ihre Stiefel. »Oh Herrin, wie göttlich Sie aussehen.«
Johannes von Hohenstein war einer ihrer ersten Kunden, nachdem sie vor sechs Jahren den »Fetischsalon«, ihr eigenes Dominastudio, in Berlin eröffnet hatte. Er gehörte zu den wenigen devoten Gästen, die das Spiel der Unterwerfung aus einer echten und tiefen Hingabe zelebrierten. Ein Sklave alter Schule, wie es Victoria zu sagen pflegte.
Die meisten ihrer Besucher wollten sich in ihrem Fetisch bespaßen lassen. Die Vorstellung, dass eine Domina ihre Neigungen und Spielchen auslebte und dabei die Männer dominierte, entbehrte jeglicher Realität. Das, was Lady Du Mont anbot, war eine Dienstleistung, die es für einen angemessenen Tribut zu erfüllen galt.
Diejenigen, die ihre Leidenschaft des BDSM real auslebten, besuchten Veranstaltungen wie diese oder Clubs, in denen sich die Szene traf.
 Am liebsten hätte Victoria ihm eine Matte auf den Steinboden gelegt. Doch er bestand darauf, nicht verschont zu werden. Für einen Mann seines Alters, der wahre devote Gefühle in sich trug, gab es kaum eine Gelegenheit, sich als Sklave mit allen Facetten hinzugeben. Der Weg, eine professionelle Domina aufzusuchen, blieb somit die einzige Chance und das auch erst seit wenigen Jahrzehnten.
Von Hohenstein hatte Wünsche, Träume, die sie ihm erfüllte, und sie mochte ihn. Ein liebenswerter und gebildeter Herr, der viel zu erzählen hatte. Fast nach jeder Session nahmen sie sich Zeit für eine Unterhaltung. Und wie sie mit einem Augenzwinkern betonte, ohne diese zu berechnen.
»Ich werde dich heute als mein besonderes Aushängeschild benutzen.« Es war immer das gleiche Spielchen. Er wünschte sich, von ihr vorgeführt und vor allen Augen benutzt zu werden. Es sollte für die Besucher aussehen, als wäre sie seine echte Domina. Die Gäste, die sich hier ihren frivolen Lustspielen hingaben, hatten für die professionellen Damen wenig Sympathie übrig. Es war eine absolute Ausnahme, dass der Veranstalter dieser bizarren Zusammenkünfte es zugelassen hatte – ein Gefallen an einen alten Freund, Adel verpflichtete.
Als sie einen Gong ertönen hörte, schaute sie auf die Uhr. Es war ein Zeichen, sich in der Eingangshalle zu versammeln.
»Blamier mich nicht!« Mit einem zielsicheren Griff prüfte sie, ob er seine Hoden abgebunden hatte, und zog ihn aus dem Käfig heraus.
»Herrin, sehen Sie, wie hart und groß mein Schwanz ist?« Seine Unterlippe zitterte. »Sind Sie ein bisschen stolz auf mich?«
»Ich bin begeistert.« Die Ironie in ihrer Stimme drang nicht zu ihm durch. Die für das Alter ungewöhnlich heftige Erektion löste bei Victoria Verwunderung aus. Nahm er Viagra? Sie musste es später in Erfahrung bringen, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt. »Ich erwarte, dass du dich wie ein gut erzogenes Hündchen verhältst.« Mahnend hob sie den Zeigefinger und legte ihm ein Halsband mit Leine um.
Langsam schritten beide zum Entree. Von Hohenstein quälte sich wunschgemäß auf seinen alten Knochen wie ein reumütiger Hund hinter ihr her.
Wispernd und flüsternd stand die Gesellschaft, dem Dresscode entsprechend in Fetischkleidung, im Eingangsbereich. Alle trugen die unterschiedlichsten Masken, niemand offenbarte sein Gesicht und somit seine Identität. Sonst gab es keine Körperteile, die dem Gegenüber verborgen blieben. Es waren schöne und weniger schöne Körper, große oder kleine Personen, die sich hier in frivoler Art präsentierten; ungezwungen, unter sich und mit dem Ziel, ihrer außergewöhnlichen Lust zu frönen.
 Ob die anderen wissen, dass ich eine Professionelle bin? Die vielen Blicke, die sie erhielt, hingen jedoch vermutlich eher mit ihrer Optik zusammen.
Nach ein paar Minuten trat ein stattlicher Mann in einem schwarzen Smoking im Stil der 20er Jahre und mit einem weiten Umhang auf die Empore. Es wurde still. Sein Gesicht war von einer Art Porzellanmaske bedeckt. Dies gab seinem ganzen Erscheinungsbild etwas Unheimliches. Die Gesichtsmaske war weiß, sodass die dunklen Augen intensiv hervorstachen. Der Gastgeber, der der Graf genannt wurde, eröffnete offiziell den Abend. Ein beinah erhebender Moment.
Sofort erfasste Victoria eine Gänsehaut, der Mann faszinierte sie. Das Geheimnisvolle machte ihn sexy.

»Guten Abend, liebe Freunde der frivolen Lust!« Seine Stimme klang, obwohl durch die Maske verändert, dunkel und kräftig. »Ich freue mich, dass Sie den Weg in dieses Haus gefunden haben. Wie immer wird uns ein Abend voll feuchter Begierde und hemmungsloser Spiele erwarten.« Er hielt inne, da einige der Anwesenden applaudierten. »Wir haben etwas zu feiern.«
»Ah!«
»Oh?«
Victorias Blick haftete auf ihm. Was für eine Ausstrahlung.
»Unsere bizarren Treffen in ihrer gegenwärtigen Form finden heute auf den Tag seit exakt vier Jahren statt!« Eine weitere Applaussalve folgte.
Der Graf hob die Hand. »Das habe ich Ihnen, meine lieben Freunde, zu verdanken. Insbesondere deshalb, weil Sie ausnahmslos den unabdingbaren Ehrenkodex eingehalten haben.« Wieder legte er eine gewichtige Pause ein. »So konnten wir den elitären Kreis erhalten, den wir alle schätzen.« Es folgte allgemeines zustimmendes Gemurmel.
»Aus diesem Grund hebe ich mein Glas auf Sie und auf die frivole Lust! Zum Wohl!« Dass er die Gäste siezte, unterstrich respektvoll den vornehmen Charakter der Zusammenkunft. Etliche, die ebenfalls ein Glas in den Händen hielten, erwiderten seinen Toast.
»Meine lieben Bösen und Verdorbenen genießt das Spiel.« Der Satz entlockte Victoria ein Lächeln.
Das Entree leerte sich, denn die Spielenden suchten sich ihre Räume, Plätze und Orte. Mit der Rede wurde üblicherweise das Büffet eröffnet und ein Teil der Gäste genoss zunächst den kulinarischen Part. Der nicht geringfügige Eintrittspreis beinhaltete neben dem Büffet auch eine Auswahl an Getränken. Bei ihrem zweiten Besuch hatte Victoria die Zeit gefunden und die Leckereien ausprobiert. Wie nicht anders zu erwarten, entsprachen sie dem allgemein hohen Standard.

 Von Hohenstein kniete zitternd neben ihr, auf seinem Rücken hatten sich Schweißperlen gebildet. Sie beugte sich zu ihm herunter. »Du wirst in wenigen Minuten deine Züchtigung erhalten, also reiß dich zusammen.«
»Ja, Herrin ... ich werde mich bis dahin ruhig verhalten.«
»Das will ich dir auch geraten haben.« Um dem Nachdruck zu verleihen, straffte sie mit einem Ruck die Leine.
Aus den Augenwinkeln registrierte sie, wie der Graf die breiten Treppenstufen herunterkam. Sein Gang war aufrecht, sein Schritt sicher. Er wirkte aristokratisch, strahlte Kraft aus. Für eine Sekunde erhöhte sich ihr Pulsschlag, da er direkt auf sie zusteuerte. Bislang hatte er kein Wort mit ihr gesprochen.
»Lady Du Mont, wie schön, Sie hier zu sehen.« Klang in seiner Stimme ein Hauch von Ironie?
»Diese Ehre weiß ich zu schätzen. Ich bin entzückt, dass Sie mich in Ihre heiligen Hallen gelassen haben.« Eine Spitze, die sie sich nicht verkneifen konnte.
Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Seine Maske ließ keine Mimik zu und verlieh seinem Antlitz absolute Unnahbarkeit. Es war ihr nicht möglich dem standzuhalten. Das gibt’s doch nicht, du Superdomina.
Fest mit einer Retourkutsche rechnend, straffte sie ihren Körper, um gewappnet zu sein.
»Ausnahmen bestätigen die Regel.« Er zwang sie förmlich ihn anzusehen.
Ohne es verhindern zu können, errötete sie unter der ihrer Halbmaske, heilfroh, dass er es nicht wahrnahm. Oder etwa doch? Es blieb sein Geheimnis, denn wortlos wandte er sich ab und ließ sie stehen.
»Was für ein Gentleman«, brummte sie leise und ärgerte sich am meisten über ihre ungewohnte Unsicherheit.