1.  Neustart mit Hindernissen



Kurz bevor der Airbus die Landeerlaubnis auf dem Flughafen London Heathrow erhielt, kreiste er ein weiteres Mal über die Metropole, die aus der Luft wie eine Miniaturstadt wirkte.


Mit einem Seufzer lehnte sich Mary Joe in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen. London war ihr absolutes Traumziel, auf das sie ihr ganzes Leben hingearbeitet hatte. Schon im Alter von fünf Jahren, als sie begonnen hatte, die ersten Ballettfiguren und Tanzschritte einzustudieren, wusste sie, dass die Bühne ihre Welt sein würde. Die anderen Mädchen spielten mit Puppen oder tobten durch den Wald, doch Mary Joe verbrachte jede freie Minute in der Ballettschule.
Dieser Kindertraum hatte sich verfestigt, als ihre Eltern mit ihr eine Show in London besucht hatten. Sofort hatte sie das Flair, das diese Spielorte umgab, gefangen. Fasziniert verfolgte sie die Schritte und Figuren der Darsteller und versank in den Melodien.
Die Aufnahme in ein Programm für junge Talente einer renommierten Musicalschule ebnete den Weg für Mary Joes Zukunft. Die ganzen Jahre gab es für sie nur ein Ziel: Hauptdarstellerin in einer der Shows rund um den Piccadilly Circus zu werden.
Endlich setzte das Flugzeug zur Landung an. Mary Joe atmete tief ein und aus. Mit dem heutigen Tag kam sie ihrem Traum ein großes Stück näher. Doch die Umstände, die sie in die glitzernde Hauptstadt des Showbiz führten, hatten einen hässlichen Hintergrund. Grotesk, wie sich das Leben manches Mal entwickelte! Glück und Unglück lagen bei ihr eng beieinander. Drama oder Happy End? Mary Joe spielte ihre Rolle stets ohne Drehbuch.

Der voll beladene Gepäckwagen stellte für Mary Joe eine Herausforderung dar, da er entweder nach rechts oder links ausbrechen wollte – es kostete sie einige Mühe, ihn geradeaus zu schieben. Mary Joe kam der Gedanke, dass sie mit diesem Kofferwagen einiges gemeinsam hatte: auch in ihrem Leben lief es nicht geradeaus ...
Suchend sah sie sich nach ihrer Cousine Florence um, die versprochen hatte, sie abzuholen. Doch Florence war im Gewimmel der vielen Menschen nicht zu sehen. Die enorme Geräuschkulisse in der Empfangshalle von London Heathrow wirkte überwältigend. Leise fluchend kramte Mary Joe in ihrer Handtasche nach dem Handy. Nachdem sie das Telefon aktiviert hatte, erschienen einige Nachrichten auf dem Display, unter anderem eine von Florence, die ihre Verspätung ankündigte. Sie war im Stau stecken geblieben.

Genau wie in Berlin, dachte Mary Joe. Großstädte unterschieden sich in dieser Hinsicht nicht. Eine gewisse Erleichterung über die Unpünktlichkeit breitete sich in ihr aus. Sie hatte Zeit gewonnen, um ihre Beichte für Florence vorzubereiten.
Nachdem sie sich einen Kaffee geholt hatte, drifteten ihre Gedanken ab und sie fuhr erschrocken herum, als ihr jemand auf die Schulter tippte.
»Hey Mary Joe – herzlich willkommen in London!«, hörte sie Florences fröhliche Stimme und es folgte eine Umarmung, die Mary Joe innig erwiderte. Sofort erkannte sie, wie gut es ihrer Cousine ging. Den Babybauch hatte sie durch bequeme Kleidung kaschiert und ihre Augen strahlten.
»Ich freue mich auch«, antwortete Mary Joe verhalten und schluckte. Sie würde Florence die Wahrheit sagen müssen.
»Wo ist dein Gepäck?«, fragte Florence.
Mary Joe deutete auf den voll beladenen Rollwagen und ließ ihre Cousine dabei nicht aus den Augen.
»Oh!«, entfuhr es Florence. »Willst du bei uns einziehen?«
Es folgte ein Lachen, das jedoch verstummte, als Mary Joes Gesicht die Farbe einer überreifen Tomate annahm. Sicherlich ein schöner Kontrast zu meinen blonden Haaren, dachte Mary Joe. »Ist das jetzt schlimm?«, fragte sie zaghaft.
Florence seufzte. »Na ja, schlimm ist es nicht, aber ich hätte es gern vorher gewusst.«
»Ich habe mich nicht getraut …«, gab Mary Joe kleinlaut zu. »Ich weiß, das ist kindisch«, versuchte sie, ihr Verhalten zu erklären. »Aber ich wollte weg aus Berlin ... ich kann nicht mehr zurück …« Plötzlich waren die Tränen nicht mehr aufzuhalten. Florence umarmte sie tröstend.
»He, es wird alles gut und wir werden eine Lösung finden.«
»Danke«, schniefte Mary Joe und nahm dankbar das Taschentuch an, das Florence ihr reichte. Wie immer hatte sie selbst keines dabei.
»Wir fahren jetzt erst einmal in meine Wohnung. Dann kannst du zur Ruhe kommen«, schlug Florence vor. Mary Joe nickte erleichtert.

Auf der Fahrt fühlte sich Mary Joe sofort von der Atmosphäre der pulsierenden Metropole gefesselt. Als sie das Zentrum erreichten, sprangen ihr die Werbeplakate, die schier unzählige Musicals anpriesen, ins Auge. In Gedanken sah sie sich auf einer der Leuchtreklamen, welche die Straße säumten und die zahlreichen Touristen anlocken sollten. Der Shooting-Star aus Berlin … Mary Joe seufzte.
London war das Mekka für jeden Darsteller, das stand außer Frage. In diesen Minuten vergaß sie ihren Kummer.
Endlich erreichten sie ihr Ziel in Soho.
»Dann bin ich ja froh, dass ich die Wohnung nicht vermietet habe.« Florence schloss die Tür auf und Mary Joe wuchtete ihre Koffer herein.
»Ach, das ist deine eigene?«, fragte sie erstaunt.
»Ja, bei uns kauft man, man mietet nicht wie in Deutschland.«
»Mhm.« Mary Joe überlegte, ob sie, sobald sie einen Job hätte, die Wohnung übernehmen könnte.
»London ist teuer, stimmts?«, erkundigte sie sich.
»Unbezahlbar«, antwortete Florence und verschwand im Bad.
»Das ist ein echtes Problem, ich muss ständig auf die Toilette«, rief Florence durch die verschlossene Tür und ächzte: »Ich kann meine Füße nicht mehr sehen!«
Mary Joe grinste. »Besser ein Babybauch, als einen durch Schokoladeneis.« Früher hatte Florence ihren Kummer mit Unmengen dieser Kalorienbombe kompensiert. Jetzt hatte sie ihr Glück gefunden. Das schaffe ich auch! Dachte Mary Joe, und Wärme durchflutete ihr Herz.
Neugierig schaute sich Mary Joe um. Ein Wohn- und Schlafzimmer, eine schmale Küche, ein Bad, alles zusammengepresst auf höchstens vierzig Quadratmetern. Eine kleine Wohnhöhle. Fantastisch war allerdings die zentrale Lage, ein echter Glücksfall. Soho war ein Eldorado für jeden, der das Flair Londons liebte. Hier verbanden sich Lifestyle und Tradition. Die University of Arts, an der Florence studiert, und die Galerie, in der sie bis vor Kurzem gearbeitet hatte, lagen um die Ecke. Ideal war, dass die Oxford Circus Station und die Bond Street Station in wenigen Gehminuten zu erreichen waren. In London war die Tube das wichtigste öffentliche Verkehrsmittel.
Mary Joe warf einen Blick in die Runde. Die Wohnung wirkte gemütlich und mit Liebe eingerichtet. Allerdings spürte man auch, dass Florence hier nicht mehr lebte. Ein Zuhause verliert unweigerlich an Atmosphäre, wenn man es wie eine Durchgangsstation nutzt.
»Wohnst du bei Jayden in der Stadt oder auf seinem Landsitz?«, fragte Mary Joe.
»Meistens bin ich außerhalb«, antwortete Florence, die mittlerweile in die Küche gegangen war und sich auf dem einzigen Stuhl niedergelassen hatte. »Das Mäuschen wird immer schwerer.« Dabei strich sie sich liebevoll über ihre kleine Kugel.
»Habt ihr euch schon für einen Namen entschieden?«
»Wir überlegen noch, vermutlich werden wir ihn Maxim nennen.« Erneut streichelte Florence ihren Bauch.
»Ein schöner Name«, bestätigte Mary Joe. »Darf ich auch mal fühlen?«, platzte es aus ihr heraus. Florence nickte, Mary Joe kniete sich vor sie und legte die Hand auf ihren Bauch.
»Das bewegt sich ja!«, entfuhr es ihr. Florence lachte.
»Was denkst du denn?«
»Ach nichts ...« Mary Joe konnte nicht verhindern, dass sich wieder ein Kloß in ihrem Hals bildete.
»Jayden meint, dass mir die Ruhe auf dem Land besser bekommt«, fuhr Florence fort. »Manchmal glaube ich, dass er meine Schwangerschaft mit einer schweren Krankheit verwechselt.«
Mary Joe erhob sich, lehnte sich gegen die Anrichte und versuchte zu lächeln. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Florences Glück ließ ihr eigenes Unglück viel größer erscheinen: Das Leben ihrer Cousine verlief in geordneten Bahnen. Ein sicherer Job, ein wundervoller und gut situierter Mann – und nun ein Baby. Alles Dinge, die ihr vermutlich für immer verwehrt bleiben würden!
Florence sah sie prüfend an. »Du siehst sehr traurig aus!«
Mary Joe seufzte und Tränen kullerten über ihre Wangen. »Ich bin gerade eine Heulsuse und kann nichts dagegen tun«, schluchzte sie und schniefte in das feuchte Taschentuch.
»Liebeskummer ist etwas Gemeines«, stimmte Florence ihr zu. »Ich weiß das nur zu gut. Ich kann mein Glück mit Jayden manchmal gar nicht fassen.«
»Ich beneide dich darum«, gab Mary Joe zu. »Du siehst fantastisch aus und strahlst so viel Zufriedenheit aus!«
Florence hatte sich ebenfalls erhoben, trat zu Mary Joe und nahm ihre Hand. »Du wirst darüber hinwegkommen! Eine Stadt wie London ist für eine Musicaldarstellerin der perfekte Ort für einen Neustart.«
Mary Joe nickte. »Ja stimmt, deshalb bin ich hier.«
»Du kannst hier wohnen, dich in Ruhe um einen Job kümmern und zu dir finden. Alles Weitere wird sich ergeben.«
»Ich danke dir von Herzen«, flüsterte Mary Joe und umarmte ihre Cousine.
Florence schaute auf die Uhr. »Sorry Liebes, ich muss los!«
»Ja, kein Problem, ich gehe unter die Dusche. Danach lege ich mich hin. Ich bin einfach platt.«
»Guter Plan! Der Schlüssel liegt auf dem Schrank im Flur, Bettwäsche findest du auf dem Bett, allerdings ist der Kühlschrank bis auf zwei Flaschen Wein leer«, zählte Florence die Annehmlichkeiten auf. »In der Nähe gibt es viele Möglichkeiten zum Einkaufen.« Für einen Augenblick hielt Florence inne. »Ein wenig wird mir dieser Trubel fehlen.«
»Ich würde jeden Trubel gern mit einer glücklichen Beziehung tauschen«, erwiderte Mary Joe geknickt.
»Das verstehe ich, aber glaube mir«, Florence nahm ihre traurige Cousine erneut in den Arm, »du wirst deinen Traummann finden und eine fantastische Rolle bekommen!«
Mary Joe schaffte es, zu lächeln. »Ich bin so froh, dass ich hier wohnen darf. Tausend Dank für alles!« Sie fühlte sich das erste Mal seit Wochen aufgehoben.
»Das ist doch klar!«, wehrte Florence ab. »Wir Frauen müssen zusammenhalten!« Sie knuffte Mary Joe liebevoll in die Seite. »So, jetzt ruft mein Herr und Gebieter.«
»Ich dachte, du hast das Sagen?«, neckte Mary Joe sie.
»Stimmt«, erwiderte Florence mit einem Augenzwinkern. »Aber ich lasse ihn in dem Glauben!«
Die beiden Frauen lachten. Florence verstummte und sah ihrer Cousine prüfend in die Augen. »Alles klar, Mary Joe?«
Mary Joe biss sich auf die Unterlippe und nickte tapfer.
»Wir sehen uns morgen früh, ich habe den ganzen Tag für dich eingeplant.«

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wanderte Mary Joe erneut durch die Wohnung. Im Wohnzimmer entdeckte sie einige Fotografien, die Florence mit Jayden und ihren Freunden zeigten. Sie erkannte Claire und Mason, Dominique und Simon. Sie brannte darauf, die vier kennenzulernen. Florence hatte ihr in der Vergangenheit viel von ihnen erzählt. Neidisch betrachtete sie die gut aussehenden Männer – woher kam nur dieses Vorurteil, die Briten seien grundsätzlich blass, mager und hässlich? Unbedarft öffnete Mary Joe eine Schublade und machte große Augen: Da lagen zwischen schwarzen Seidentüchern silbern glänzende Kettchen mit geschwungenen Klemmen, eine schön gearbeitete Reitpeitsche und ein Paar Handfesseln aus schwarzem Leder.
»Ups, was ist das denn?«, murmelte sie überrascht. »Hat die brave Florence etwa ein kleines Geheimnis?«
Mary Joe hatte ihre Cousine zurückhaltend, wenn nicht gar verklemmt, in Erinnerung. Bizarre Sexpraktiken? Das konnte sich Mary Joe bei bestem Willen nicht vorstellen. Vielleicht war sie nicht die Einzige, der Florence diese Wohnung als Rückzugsort angeboten hatte.
Um nicht auf weitere persönliche Dinge zu stoßen, beschloss sie, die Erkundungstour durch das Leben ihrer Cousine zu beenden und sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern.
Ein Blick auf die Armbanduhr erinnerte sie daran, dass sie die Zeiger eine Stunde zurückstellen musste. Obwohl gerade einmal später Nachmittag, fühlte Mary Joe sich erschöpft. Die letzten Nächte hatte sie kaum geschlafen und durch die überstürzte Abreise, die hastige Vorbereitungen erfordert hatte, war sie nicht zur Ruhe gekommen. Plötzlich fühlte sich dieser Ort wie eine Oase der Stille an.
Unschlüssig, was sie mit dem restlichen Tag anfangen sollte, beschloss sie, zunächst eine heiße Dusche zu nehmen, da sie fröstelte. Die Temperatur war für einen Apriltag, im Gegensatz zu Berlin, eher frisch. Wahrscheinlich lag ihr Frösteln aber nicht am Wetter. Wer mit einer solchen Kälte abserviert wurde, musste unweigerlich frieren.
Um der Stille zu entkommen, schaltete sie den Fernseher ein. Sie beherrschte die englische Sprache, aber der Aussprache des Moderators konnte sie nicht folgen. Sie zappte durch die Programme, bis sie bei dem Nachrichtensender BBC gelandet war, wo ein verständliches Englisch gesprochen wurde. Mary Joe wusste aus Erfahrung, dass sie sich in kurzer Zeit an die Sprache und die umgangssprachlichen Redewendungen gewöhnen würde.
Erwartungsgemäß fühlte sie sich nach dem Duschen deutlich besser. Das erste Mal seit Tagen verspürte sie Appetit. Ein gutes Zeichen! Spontan entschloss sie sich, einige Lebensmittel zu besorgen. Vor allen Dingen brauchte sie Kaffee, ohne Kaffee ging am Morgen nichts. Außerdem freute sie sich auf die fertigen Sandwiches, die es in jedem Supermarkt gab, und die nicht mit denen zu vergleichen waren, die es in Deutschland zu kaufen gab.

In lässiger Kleidung schlenderte sie durch das belebte Viertel und unerwartet überkam sie Vorfreude auf das, was sie hier erwartete. Ihr Kummer fühlte sich für diesen Moment tausend Kilometer entfernt an.
Zum Glück konnte sie überall mit Euro bezahlen, da sie vergessen hatte, Geld umzutauschen. Vermutlich gab es noch viele Dinge, die sie bei ihrer überstürzten Abreise übersehen hatte.
Zurück in der Wohnung, genoss sie das kalorienhaltige Sandwich mit einer leckeren Marinade und anschließend ein Stück Schokoladenkuchen. Normalerweise achtete sie auf ihre Ernährung, aber zum Einstieg in ihr neues Leben wollte sie ausnahmsweise nicht zu streng mit sich sein.
»Wenn ungesund, dann richtig!«, sagte sie zufrieden zu sich und entschied, eine der Weinflaschen zu öffnen.
Mary Joe konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal allein zu Hause Wein getrunken hatte. Doch heute würde sie ihre Ankunft mit einem Glas besiegeln und auf sich selbst anstoßen!

Alkohol entfaltet in manchen Lebenslagen eine fatale Wirkung und Gefühle nehmen ungeahnte Dimensionen an. Auch an Mary Joe ging dieser Effekt nicht vorüber.
Der Weltschmerz erfasste sie mit voller Wucht, die positive Stimmung schmolz dahin wie Eis in der Sonne. Alle anderen lebten glücklich und zufrieden, nur sie nicht! Das Glück hatte sich von ihr abgewandt. Eine Woge aus purem Selbstmitleid erfasste Mary Joe.
Ein Tornado der Zerstörung war über sie hinweggefegt und hatte von ihrem bisherigen Leben nichts wie Schutt und Asche übrig lassen. Freund weg, Wohnung weg, Job weg – der komplette Zusammenbruch. Die im Sternzeichen Krebs geborene Mary Joe hatte immer Ruhe und Beständigkeit in ihrem Leben gesucht. Jetzt fühlte sie sich, als sei ihr der Boden unter den Füßen weggezogen worden.
Im wechselhaften Beruf einer Musicaldarstellerin hatte Mary Joe keine Sicherheit finden können. Dafür suchte sie umso mehr die Stabilität in ihrer Beziehung zu Chris. Fünf Jahre hatte sie seine Eskapaden ertragen. Die unzähligen Affären, sein finanzielles Chaos, die cholerischen Ausbrüche und Beleidigungen ihr gegenüber hatte sie mit stoischer Geduld ertragen.
Kopfschüttelnd hatte ihr Umfeld ihre Beharrlichkeit zur Kenntnis genommen. Alle Warnungen und guten Ratschläge hatte sie in den Wind geschlagen, unbeirrt hatte sie an Chris festgehalten. Wenn jemand einmal ihr Herz erreicht hatte, ließ sie sich nicht beirren, liebte leidenschaftlich und unerschütterlich!
Unzählige Male hatte sie sich schier die Augen aus dem Kopf geweint und geschworen, ihn zu verlassen. Doch Chris besaß einen ausgeprägten Instinkt, wann er einlenken musste. Charmant wickelte er sie um den Finger und gelobte Besserung. Mary Joe glaubte fest daran, dass man um eine Beziehung kämpfen musste. Die meisten Paare trennten sich, sobald die ersten Probleme auftraten. Die Wegwerfgesellschaft hatte auch in der Liebe Einzug gehalten. Im Zeitalter des Internets, wo man problemlos für eine Nacht einen Sexpartner finden oder wie auf einer Speisekarte in Partnerbörsen sich die nächste Liebe aussuchen konnte, schienen Tugenden wie Treue und Beständigkeit verloren gegangen. Mary Joe hatte beschlossen, um ihre Beziehung mit Chris zu kämpfen.
Aber dass er sie, Mary Joe, wegwarf, damit hätte sie niemals gerechnet. Oder hatte sie die Zeichen nicht erkennen wollen? Hatte sie etwas falsch gemacht?
Hätte sie Chris mehr unterstützen sollen? Hätte sie mehr Verständnis aufbringen sollen, seine sexuellen Wünsche besser erraten? Sich seinem Rhythmus anpassen und mit ihm bis zum frühen Morgen um die Häuser ziehen sollen? Oft war Chris allein losgezogen, weil sie nach einem ausgefüllten Tag mit Tanztraining, stundenlangen Proben und Auftritten am späten Abend einfach hundemüde gewesen war. Oft saß sie schon beim Frühstück, wenn Chris von seinen nächtlichen Touren heimkehrte und wortlos ins Bett fiel. Wie hatte sie nur so selbstsüchtig ihr eigenes Leben in den Vordergrund stellen können!
Wie eine Eisenfaust schlugen die Selbstzweifel zu und ließen sie nicht länger ruhig sitzen. Die Geräuschkulisse des Fernsehers nervte sie extrem. So, als wäre die Fernbedingung schuld an ihrem Elend, drosch Mary Joe wütend auf die Tasten ein, bis das Gerät endlich verstummte.
Sie trat ans Fenster und schaute in die Nacht. In einer Großstadt gab es keine Dunkelheit und Stille. Am Himmel zogen mächtige, bedrohlich wirkende Wolken dahin. Im aufkommenden Wind klapperte ein Fensterladen. Mary Joe erschrak, da sich die Umgebung fremd anfühlte und sie viele Geräusche nicht zuordnen konnte.
Hätte Chris sie nicht aus der gemeinsamen Wohnung werfen sollen? Hätte sie ihm seine Affäre mit einer Kollegin wieder verzeihen sollen? Chris hatte von der großen Liebe seines Lebens gesprochen, ihr eine dramatische Geschichte aufgetischt. »Sie würde es nicht verkraften, sie würde sich etwas antun, wenn ich sie jetzt verlasse. Ihm bliebe keine andere Wahl, sie müsse das verstehen und nicht immer nur an sich selbst denken.«
Wenn Mary Joe sich ehrlich erinnerte, kamen ihr diese Worte bekannt vor. Genau das gleiche Märchen hatte Chris einer seiner Exfreundinnen erzählt. Es wurde viel getratscht in Bühnenkreisen, deshalb hatte sie davon erfahren. Zu jener Zeit glaubte sie noch, bei ihr wäre alles anders, ihre Beziehung wäre einzigartig. Bitternis durchzog Mary Joes Herz. Chris würde das wieder und wieder durchziehen, bei immer neuen Frauen.
Ganz nebenbei hatte Chris dafür gesorgt, dass nicht sie, sondern diese neue Freundin die Rolle in einer vielversprechenden Show erhielt. »Sie braucht diese Rolle unbedingt, das musst du verstehen«, hatte Chris erklärt.
Mary Joe und Chris waren ein eingespieltes Tanzpaar gewesen. Viele schwierige Hebefiguren beherrschten sie meisterhaft und diese Harmonie hatte ihnen in der Vergangenheit regelmäßig Engagements gebracht. Mary Joe hegte den schlimmen Verdacht, dass Chris das gemeinsame Training bewusst boykottiert hatte, sie bewusst bei einem Vortanzen stürzen ließ. Kurze Zeit später hatte er mit der neuen Frau an seiner Seite eine perfekte Choreografie präsentiert. Der bitterste Moment, den sie je im Leben hatte ertragen müssen.
Mary Joe leerte das Weinglas mit einem Schluck und goss schluchzend nach.
Hatte sie übereilt gehandelt? Berlin zu verlassen und in London einen Neuanfang zu versuchen, kam ihr jetzt unendlich blauäugig vor. Beflügelt von Florences Einladung, der sie ihr Leid am Telefon erzählt hatte, hatte sie ein One-Way-Ticket gebucht. Gleich danach war bei Mary Joe ein Gedankenkarussell losgegangen, das sich auch im Schlaf unbarmherzig weiterdrehte. In einem ihrer wirren Träume war ihr eine Lichtgestalt erschienen, die ihr die Lösung all ihrer Probleme in London versprach. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Zufriedenheit hatte sie in einer Intensität erfasst, dass sie es bis in den nächsten Tag hinein verspürte. Es fühlte sich wundervoll an und ließ in ihrem verletzten Herzen Hoffnung aufkeimen.
Sie hatte begonnen, konkrete Pläne zu schmieden. Da ihre Möbel, die sie vor Chris hatte retten können, in einen Container eingelagert waren und sie vorübergehend bei einer Freundin Unterschlupf gefunden hatte, deuteten sämtliche Signale in Richtung Neustart.
Mary Joe erinnerte sich an einen Artikel, den sie im Internet gelesen hatte: Nihil fit sine causa – nichts geschieht ohne Grund! Auch wenn uns die Erkenntnis in den Stunden der Verzweiflung verborgen bleibt, werden wir ihn zur gegebenen Zeit erkennen. Wir meistern gestärkt und mit neuer Kraft die Unwägbarkeiten des Lebens.
Ohne Zweifel hatte Chris sie in vielen Bereichen ihres Lebens blockiert. Die ständige Angst, ihn zu verlieren, hatte ihr sämtliche Energie und Lebensfreude geraubt. Schlafstörungen, ständige Nervosität und stechende Kopfschmerzen hatten sie gequält.
Unvermittelt spürte Mary Joe das Bedürfnis nach frischer Luft. Sie öffnete das Fenster. Eine Wohltat! Wie von Zauberhand waren die furchteinflößend dunklen Wolken verschwunden.
Die Trennung von Chris eröffnete ungeahnte Möglichkeiten und sie konnte frei entscheiden, wie es mit ihrem Leben weiterging!

Mit Ende zwanzig begann die Uhr für eine Musicaldarstellerin lauter zu ticken. Mary Joe verlangte ihrem Körper seit Kindertagen alles ab. Trotz großer Vorsicht blieben Verletzungen nicht aus. Ob sie es wahrhaben wollte oder nicht, die Sehnen und Gelenke zeigten erste Verschleißerscheinungen. Ihr war bewusst, dass diese anfänglich kleinen Wehwehchen zunehmen würden. Aus diesem Grund plante sie, sich vor allem stimmlich weiterzubilden, um sich ein zweites Standbein zu schaffen. In London gab es hervorragende Möglichkeiten dazu.
Der Umzug bot einen zusätzlichen Pluspunkt: Sie würde Chris nicht zufällig über den Weg laufen. Die Musicalszene Berlins war wie eine große Familie, man verkehrte in den gleichen Bars und Clubs. Mary Joe schluckte. Schrecklich hatte sich diese unfreiwillige Begegnung angefühlt. Der Schmerz brach bei seinem Anblick mit voller Wucht aus. Er sah verdammt gut aus, und wenn er wollte, konnte er so unendlich liebenswert und zärtlich sein. All diese schönen Erinnerungen fraßen sich in ihre Seele.
So hatte sie eine Positiv-Negativ-Liste entworfen, und die Aussagen, die sie mit ‚Positiv‘  gekennzeichnet hatte, wurden von den rot geschriebenen ‚Negativ‘-Punkten komplett überlagert. Danach überschlugen sich die Ereignisse, da das Datum des Fluges näher rückte.
Sie schloss das Fenster und schaute sich im Wohnzimmer um. Der Raum strahlte Gemütlichkeit aus. Der Haken: Es war nicht ihre Wohnung. Im Moment gab es für sie keinen Ort der Geborgenheit. Ein Neuanfang brauchte Zeit, das stand außer Frage. Wie lange würde es dauern, bis sie sich ‚angekommen‘ fühlte? Eine Woche, zwei Wochen oder gar Monate? Dieser Gedanke löste Beklemmung aus.
So schnell das optimistische Gefühl sie erfasst hatte, so schnell war es auch wieder verschwunden. Diese Stimmungsschwankungen zermürbten Mary Joe.
Der Wunsch, ihren Kummer erneut mit einer Freundin zu teilen, breitete sich in ihr aus. Es war ungewohnt, niemanden in ihrer Nähe zu wissen. Sie hatte niemals allein gelebt. Nachdem sie ihr Elternhaus verlassen und ihre Ausbildung begonnen hatte, war sie in eine Wohngemeinschaft gezogen ... und danach mit Chris zusammen gewesen.
Zurück in der Küche warf sie einen Blick auf ihr Handy. Florence hatte ihr einen Gruß geschickt sowie eine gute Nacht gewünscht, mit dem Hinweis, dass sie sich merken sollte, was die Traumfee ihr an schönen Dingen schicken würde. Mary Joe seufzte. Wenn sie, wie in den vergangenen Nächten, wieder von einem Albtraum gequält würde, wäre das kein gutes Omen. Der erste Traum in einer neuen Wohnung würde sicher in Erfüllung gehen.
Frustriert ließ sich auf den Stuhl sinken und stützte ihren Kopf in die Hände. Ohne dass sie es verhindern konnte, füllten sich ihre Augen erneut mit Tränen. Große Tropfen kullerten über ihr Gesicht. Warum behandelte sie das Leben so ungerecht? Ihr kam der Spruch von dem Hund und dem Baum in Sinn. Sie fühlte sich wie der Baum, der immer und immer wieder angepisst wurde.
Ihr Blick fiel auf die Flasche Wein, und ohne zu überlegen, goss sie sich ein weiteres Glas ein. Starr ins Nichts blickend, saß sie wie gelähmt da. Der Alkohol half ihr nicht, ihre Situation gelassener zu sehen. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Promillewert verstärkte sich die Wut über das, was Chris ihr angetan hatte, auf ein gefährliches Maß, gleich einem Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand.


Mit zusammengekniffenen Lippen betrachtete Mary Joe ihr Handy. Wie gern würde sie diesem Mistkerl ihre Meinung sagen!
Wohlweislich hatte sie die Nummer gelöscht, da sie ihre impulsive Art kannte und sich auf diese Weise vor Kurzschlusshandlungen schützen wollte. Doch ihr Gehirn spielte ihr einen Streich, und die Zahlen formierten sich wie von selbst in der richtigen Reihenfolge.
»Lass es sein«, flüsterte der Engel.
»Los, sag ihm deine Meinung«, forderte der Teufel sie auf.
»Nein, du wirst es bereuen!«, riet der Engel.
»Ja, du doofer Engel, du hast ja recht«, kicherte sie. »Ich kann ja schreiben, dass ich ihn nicht verlieren möchte, oder so!«
Der Teufel lachte höhnisch. »Der hat dich doch eh abgeschossen!«
»Wenn du ihn beschimpfst, wirst du nichts erreichen. Denk an das Geld, das er dir schuldet!«, mahnte der Engel besorgt.
»Zeig ihm deine Krallen!«, bohrte der Teufel weiter.
»Oh Mann, lasst mich beide in Ruhe!«, blaffte sie ihre imaginären Ratgeber an.
Wieder griff sie zur Flasche.
»Oh, leer!«, murmelte sie und entschied sich kurzerhand, die zweite aus dem Kühlschrank zu holen.
»Jetzt ist es auch egal«, grummelte sie und griff beherzt nach der Flasche. »Auf dich, du Wichser!«
Hasserfüllt hob sie das Glas und prostete Chris zu.
»Du wirst schon noch deine Strafe bekommen!«
»Ja, ja, gib es ihm!«, forderte der Teufel sie auf. Der Engel schwieg, vermutlich wurde es ihm zu anstrengend und er erkannte die aussichtslose Lage.
Plötzlich brach der Vulkan aus. Ihre Finger flogen über das Display und sollte sie noch einen Funken Schamgefühl besessen haben, verschwand dieses jetzt endgültig.
Das, was sie seit ihrer Trennung tapfer unterlassen hatte, holte sie jetzt ungezügelt nach.
Sie sah, dass er die Nachrichten gelesen hatte, aber es kam keine Reaktion.
»Du Arschloch«, fluchte sie. »Hab‘ jetzt zumindest Eier in der Hose und antworte!«
Da nichts passierte, steigerte sich ihre Wut. Nach weiteren wüsten Beschimpfungen stellte sie fest, dass die Nachrichten nicht mehr zugestellt wurden. Ein Zeichen, dass er das Telefon ausgeschaltet haben musste.
»Du mieser Feigling!«, schrie sie ihr Handy an und warf es über den Küchentisch. In letzter Sekunde konnte sie verhindern, dass es über die Kante hinausschoss, da das empfindliche Gerät den Absturz niemals unbeschadet überstanden hätte.
Obwohl ihr der Wein nicht mehr schmeckte, kippte sie ein weiteres Glas hinunter. Der Hass verschwand und machte erneut bohrendem Kummer Platz.
»Ich will das nicht mehr«, weinte sie leise vor sich hin und stützte den Kopf in die Hände. Das schreckliche Gefühl der Einsamkeit hatte jede Faser ihres Körpers und ihrer Seele ergriffen. Da sie kein Taschentuch griffbereit hatte, wischte sie sich die laufende Nase an ihrem Ärmel ab.
Eine unangenehme Unruhe erfasste sie. Mary Joe begann, in der Wohnung hin- und herzulaufen. Irgendwann explodierte sie erneut und wählte die verbotene Nummer. Wie zu erwarten, war sein Telefon immer noch ausgeschaltet. Die Mailbox meldete sich. Nach dem Piep ergoss sich Mary Joe aufs Neue in Vorwürfen, bis die maximale Kapazität erreicht war und die Aufnahme durch die Computerstimme des Providers beendet wurde.
Für eine Sekunde blitzte der Gedanke auf, dass sie diese Aktionen bitter bereuen und auf den Engel hätte hören sollen.
»Oje, mir ist schlecht«, lallte sie vor sich hin.
Von der einen zur anderen Sekunde drehte sich alles, Mary Joe wankte in Richtung Schlafzimmer. Sie suchte verzweifelt in dem dunklen Raum nach dem Lichtschalter und stieß mit dem Fuß an eine Kante. Sich den kleinen Zeh anzustoßen, war die Krönung ihres persönlichen Dramas. Die Bettwäsche lag unberührt auf der Matratze. Das hatte sie auch noch vergessen.
»Das geht jetzt nicht mehr«, murmelte sie und kämpfte sich wackelig aus ihrer Kleidung, die sie achtlos auf den Boden warf. Mit einem Seufzer ließ sie sich auf die Matratze fallen.
Hoffentlich muss ich mich nicht übergeben, dachte sie verzweifelt, als sich alles um sie zu drehen begann. Seit ihrer Jugend hatte sie Alkohol nicht vertragen und Übelkeit begann sich in ihr auszubreiten.
Kurz bevor sie in einen unruhigen Schlaf fiel, kam ihr wieder der Spruch ‚Nichts geschieht ohne Grund‘, in den Sinn. »Scheiß Neustart«, murmelte sie in die Kissen.

Eine alkoholträchtige Nacht endet oft jäh und man ist sofort hellwach. Mary Joe erging es genau so.
Für einen Moment versuchte sie, sich in dem abgedunkelten Raum zu orientieren und tastete nach ihrem Handy. Ein Blick auf das beleuchtete Display des Weckers zeigte ihr eine wahrhaft unmenschliche Uhrzeit: Es war fünf Uhr morgens, eine Zeit, in der sie normalerweise niemals munter wurde, auch wenn es nach Berliner Zeitrechnung eine Stunde später war.
»Oh Gott«, stieß sie aus, da ihr sofort der beklemmende Gedanke kam, dass sie etwas Schlimmes angestellt hatte.
Der fade Geschmack in ihrem Mund und ein unangenehmer Kopfschmerz erinnerten sie an ihren übermäßigen Alkoholkonsum. Wann sie ins Bett gegangen war, wusste sie nicht, alles lag unter dem Schleier ihres einsamen Gelages. Das, was in ihrem Gedächtnis geblieben war, zog ihr den Magen zusammen.
Ihr Regelbruch stellte eine Katastrophe dar. Warum hatte sie sich nicht im Griff gehabt? Opfer einer Todsünde geworden zu sein, fühlte sich beschissen an. Wenn es noch eine minimale Chance gegeben hatte, ihn umzustimmen, dann hatte sie die mit ihrer nächtlichen Aktion endgültig zunichtegemacht.
Als könne sie auf diese Weise der Realität entkommen, zog sie die Bettdecke über den Kopf. Ein winziger Hoffnungsschimmer blieb. Vielleicht waren die letzten Nachrichten nicht zugestellt worden?
Es half nichts, sie musste sich der Wahrheit stellen, außerdem verspürte sie das dringende Bedürfnis, zur Toilette zu gehen. Genervt schlug sie die Decke zur Seite und quälte sich aus dem Bett.
Jetzt galt es, sich mit den Tatsachen auseinanderzusetzen. Mary Joe ging in die Küche, da sie vermutete, ihr Handy dort zu finden. Als sie in den Spiegel im Flur blickte, fragte sie laut: »Guten Morgen, wer sind Sie und wie kommen Sie hierher?«
Oh Mann, ich sehe aus wie ein Zombie, dachte sie zerknirscht. Und ich fühle mich auch wie eine Untote ...
Auf dem Teppich im Wohnzimmer wurde sie fündig. Sie setzte sich auf den Boden und sichtete die Nachrichten. Die schiere Menge der abgeschickten Mitteilungen stach ihr sofort ins Auge. Sie raufte sich die Haare und begann zu lesen.
Die Schamesröte schoss ihr ins Gesicht und sie wollte nicht wissen, was sie Chris auf die Mailbox gesprochen hatte. Wie peinlich! Warum bestand nicht die Option, gesendete Nachrichten bei dem Empfänger zu löschen, fragte sie sich niedergeschlagen. Sich bis auf die Knochen blamiert zu haben, fühlte sich schrecklich an. Was in dem Moment noch schwerer wog, war die Erkenntnis, es sich für alle Zeiten bei ihm verscherzt zu haben. Sie kannte ihn. Einen solchen Ausbruch würde er nie vergessen und bei jeder Diskussion auf den Tisch knallen.
Nach der Trennung hatte sie darauf Wert gelegt, ihm ihre Wut und Trauer nicht zu zeigen und sich erhobenen Hauptes aus Berlin zu verabschieden. Alle Anstrengungen der letzten Zeit waren in einer Nacht zunichtegemacht.
»Bravo, Mary Joe, das hast du ja super hingekriegt«, schimpfte sie. Um das Absenden der Peinlichkeiten visuell aus dem Kopf zu bekommen, löschte sie die Nachrichten auf ihrem Telefon.
Nach dem missglückten ersten Abend in ihrem neuen Leben schwor sie sich eines: Egal wie lange es dauern würde, bis sie die Trennung überwunden hatte, niemals würde sie erneut in diesem Maß die Kontrolle verlieren! Einen Funken Ehrgefühl galt es zu behalten. Es blieb die Hoffnung, dass sich ab heute alles änderte!