erotisch & spannend

 

 

1. Kapitel: Kleine Herzen lieben ewig

 

 Die ersten Lichtstrahlen blitzten durch die weißen, wehenden Vorhänge des geöffneten Fensters. Bis auf das Gezwitscher der Vögel, die mit ihren unterschiedlichen Stimmen ein eigenwilliges Konzert gaben, war es still.

 

Sue spürte die frühsommerlichen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und öffnete verschlafen die Augen. Ihr Blick fiel auf den Mann neben ihr. Ein Lächeln umspielte sofort ihre Mundwinkel und ein warmes Gefühl voller Zärtlichkeit und Zuneigung durchflutete ihren Körper.

 

Leon lag mit dem Rücken zu ihr. Er war unbedeckt, sie musste ihm die Decke während des Schlafens weggezogen haben. Sue sah seine definierten Muskeln und wie sich seine Flanken durch die Atemzüge gleichmäßig hoben und senkten. Ein Arm lag angewinkelt wie eine Schutzmauer um seinen Kopf mit den dunkelblonden, kurzen Haaren. Sue ahnte, dass seine Augenlider im Schlaf sanft zuckten und dass seine Gesichtszüge in dieser Schlafphase entspannt aussahen. Ihr Blick wanderte zu dem wohlgeformten Hintern. Oft hatte sie ihre Fingernägel während der Ekstase leidenschaftlich in ihn gekrallt, um ihren explodierenden Gefühlen mehr Ausdruck zu verleihen. Sue liebte es, wenn sie ihre Beine um ihn schlingen konnte. Sie genoss es, wenn er sie mit Kraft nahm und dennoch unendlich zärtlich war. Eine Zärtlichkeit, die ihr fremd war. Ein Wonneschauer durchlief sie bei dem Gedanken an die unzähligen Liebesspiele, die sie von Mal zu Mal intensiver erlebte. Leon, ein Mann mit einer optischen Makellosigkeit, die ihr manchmal unwirklich vorkam. Sie seufzte, stützte ihren Kopf auf einem Arm ab und strich mit der anderen Hand kaum wahrnehmbar über seinen Rücken. Ihre Fingerspitzen zeichneten unsichtbare Herzen. Für weitere Minuten versank sie in Leons Anblick.

 

Er war ihr Freund, ihr heimlicher Beschützer und ihre Affäre. Sie wusste kaum etwas von ihm, viele Teile seines Lebens blieben ihr bislang verborgen. Es war eine Vereinbarung zwischen ihnen, die Umwelt während ihrer gemeinsamen Zeit für nicht vorhanden zu erklären. In ihrem eigenen Kosmos der Leidenschaften zu schweben, sich treiben zu lassen, als wäre es das letzte Mal, bevor die Welt in Flammen aufgeht.

 

In diesen Stunden verließen sie ihr beider Leben. Es gab keine erfolgreiche Profilerin und keinen Ehemann und Familienvater - alles wurde unwichtig, wenn sie beieinander waren.

 

Das, was sie voneinander wussten, lag Jahrzehnte zurück, doch es hatte nie aufgehört zu existieren.

 

Vorsichtig breitete sie die Decke über seinen Körper und wollte sich leise aus dem Bett stehlen.

 

»Sunny«, murmelte er unvermittelt und drehte sich zu ihr um. »Du wirst doch wohl jetzt nicht aufstehen!« Sein verschlafener Blick wurde von einem spitzbübischen Lächeln ergänzt. »Komm zu mir!«

 

Er legte sich auf den Rücken und Sue konnte nicht anders, als mit ihm gemeinsam unter die Decke zu schlüpfen und sich an seinen kräftigen und durchtrainierten Oberkörper zu schmiegen.

 

Zärtlich strich Leon über ihre verstrubbelten, blonden Haare. Sanft benetzte sie mit ihren Lippen seine Haut. Mit einem genießerischen Seufzer schwang Sue ein Bein über Leons Hüfte, sodass kein Blatt Papier zwischen sie passte. Seine gleichmäßigen Herzschläge schienen synchron mit den ihren zu sein. Sue schloss die Augen und saugte seinen Körpergeruch auf. Einen Menschen in jeder Situation riechen zu können, war für sie eine neue Erfahrung gewesen. Aber offensichtlich ließ sich die damals bestehende Vertrautheit nicht verleugnen. Leon war der Einzige, der sie Sunny nennen durfte — ein Spitzname aus einer früheren Epoche.

 

Unfassbar, dass sie ihn beinahe nicht erkannt hatte! Doch ihr Leben war ab einem gewissen Zeitpunkt an ihr vorbeigerauscht. Schule, Ausbildung und das konsequente Bestreben, ihren Traumjob als Profilerin in einem Spezialteam in London zu verwirklichen, hatten ihr wenig Raum für andere Interessen gelassen. Immer noch war es für eine Frau schwerer, die Karriereleiter nach oben zu klettern. Aber Sue hatte sich durchgebissen. Ihre Zukunft war durchgeplant, bis aus dem Nichts Leon aufgetaucht und in ihr Leben gestürmt war. Oder sollte sie zurückgekehrt sagen?

 

 

***

 

 Die Bar und das Restaurant des Crowne Plaza Hotels in der Liverpooler City waren gut besucht. Der hohe Geräuschpegel aus Stimmengewirr und klapperndem Geschirr löste bei Sue Unwohlsein aus. Sie hatte einen anstrengenden Tag in der Polizeiakademie hinter sich. Obwohl die Aufgabe, für ihre jungen Kollegen über ihre Tätigkeit zu referieren, interessant war und ihr Spaß bereitete. Sue Brooks, Superintendent of Police, hatte in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Karriere gemacht. Vom Police Constable bis hin zu ihrem heutigen Rang. Ein Leben aus dem Koffer, da ihre Arbeit mittlerweile landesweit geschätzt wurde.

 

 Sue hatte sich auf einen gemütlichen Abend in ihrer Wohnung gefreut, aber ihr Rückflug nach London wurde aufgrund eines Schneesturms gecancelt. Sie konnte von Glück sprechen, dass sie in dem nahezu ausgebuchten Hotel ein Zimmer für eine weitere Übernachtung bekommen hatte.

 

Neben dem strapaziösen Seminar hatte sie vor wenigen Tagen ihre Affäre mit ihrem Vorgesetzten Chief Constable Paul McKinley beendet. Er tat sich schwer damit, das zu akzeptieren, und hatte sie die letzte Nacht regelrecht belagert, sodass sie kaum Schlaf gefunden hatte. Männer waren, wenn sie verlassen wurden, wie Kinder, denen man ihr Lieblingsspielzeug wegnahm. Sue wurden die Nähe und die Andeutungen, dass er sich von seiner Frau für sie trennen wollte, zu viel. Sie genoss den Sex mit ihm, nicht mehr.

 

Weshalb sie bislang niemals tiefergehende Gefühle für einen Mann entwickeln konnte, hatte sie nie hinterfragt. Vielleicht lag es an einer tiefverwurzelten Verlustangst. Ihre leiblichen Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sue war damals vier Jahre alt gewesen und hatte nicht verstanden, warum Mum und Dad von einem Tag auf den anderen verschwunden waren. Von der Betreuerin des Kinderheimes zu hören, dass ihre Eltern von einer himmlischen Wolke über sie wachten, hatte sie wenig getröstet. Sue hatte sich in ihren kindlichen Ängsten immer wieder die Schuld gegeben, Mum und Dad seien fortgegangen, weil sie ihr kleines Mädchen nicht mehr liebten. Ihre neuen Eltern erklärten ihr frühzeitig kindgerecht, dass der Tod von geliebten Menschen dazu gehörte und es dafür keine Erklärungen gab.

 

An vieles, was damals geschehen war, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Die wichtigsten Einschnitte in ihrem jungen Leben erfuhr sie aus den Erzählungen ihrer Adoptiveltern. Verwunderlich war das nicht, denn welches fünfjährige Mädchen erinnert sich an Details. Die Ereignisse verschwinden aus dem Bewusstsein und verlieren sich. Mit vierzehn Jahren hatte die Familie Brooks noch einmal über die Adoption gesprochen und Sue freigestellt, sich über ihre wahren Wurzeln zu informieren. Im Gegensatz zu vielen Kindern in ähnlichen Lebenssituationen, verzichtete Sue auf die Möglichkeit. Es war für sie nicht mehr von Bedeutung, da sie nie etwas vermisst hatte und nicht ein einziges Mal den Eindruck bekam, sie gehöre nicht dazu. Rückblickend war es eine herrliche Kindheit. Mr und Mrs Brooks waren gebildete Menschen der gehobenen Mittelschicht und ermöglichten Sue ein Leben, das es ohne die Adoption nicht gegeben hätte.

 

Ab und zu erinnerte sie sich an einen älteren Jungen, der sie immer beschützt hatte. Im Kinderheim war er ihre Bezugsperson gewesen und sie hatte ihn geliebt. Was aus ihm geworden war, nachdem sie das Heim verlassen hatte, wusste Sue nicht. Seltsamerweise empfand sie, wenn sie daran dachte, auch jetzt noch ein trauriges Gefühl. Bis heute fühlte Sue sich außerstande, sich auf eine engere Bindung einzulassen. Erst hatte sie ihre Eltern verloren und anschließend ihren einzigen Vertrauten. Die Verlustängste waren aus psychologischer Sicht eine nachvollziehbare Reaktion. Viele ihrer Freundinnen hatten geheiratet und eine Familie gegründet. Sue hingegen war mit ihrem Job liiert. Im Gegenzug genoss sie ihre Freiheit und die körperlichen Vorzüge der zwanglosen Affären. Wieso sich mit Alltagsdingen gegenseitig stressen? Verpflichtungen eingehen? Ihre Unabhängigkeit aufgeben? Nein, das kam für die taffe Polizistin nicht in Betracht.

 

 Genervt bestellte sie ein zweites Glas Wein und ärgerte sich maßlos darüber, dass die Designer von Theken die marginalen Bedürfnisse einer Frau nicht berücksichtigten. Es gab keine Möglichkeit, ihre Handtasche vernünftig zu positionieren. Das teure Teil auf den Boden zu stellen, kam für sie nicht infrage. Sie auf den Schoß zu legen, fühlte sich störend an, und von der Lehne des stylischen Barhockers drohte sie bei jeder Bewegung herunterzurutschen. Die Welt hatte sich gegen sie verschworen, ausgerechnet ihre bevorzugte Weinsorte stand ebenfalls nicht zur Verfügung. Obwohl die Empfehlung des Barkeepers akzeptabel war, änderte das kein bisschen an ihrer Grundstimmung.

 

Sue hatte nicht einmal Lust, auf ihren Facebook-Account zu gehen und ihr Leid mit ihren Freunden zu teilen. Mürrisch knabberte sie einige Erdnüsse, als der Super-GAU eintrat. Eine unbedachte Positionsänderung und die Handtasche rutschte von der Lehne. Der Inhalt verteilte sich gleichmäßig auf dem Boden. Es war eine schlechte Angewohnheit von ihr, den Reißverschluss nicht zu schließen.

 

Vor Ärger kochend sammelte Sue die unzähligen Utensilien auf. Meine Güte, was sich alles in der Tasche befindet, dachte sie und schwor sich, diese zeitnah auszumisten. Das würde sie allerdings vor eine Herausforderung stellen. Denn sämtliche Dinge hielt sie aus ihrer Sicht für unverzichtbar. Taschentücher, Blasenpflaster, ein Basis-Set der nötigsten Kosmetikartikel, Kaugummis, Mundspray und eine Packung Kondome.

 

Sue hatte sich wieder ihrem Glas Wein zugewandt, als sie eine Stimme vernahm:

 

»Der gehört bestimmt Ihnen.«

 

Sie drehte sich um, fast wäre die Tasche erneut von der Lehne gerutscht, und ein Mann, nein, ein göttliches Abbild, hielt ihr mit einem charmanten Lächeln ihren Lippenstift entgegen.

 

Sue erinnerte sich noch heute mit einem Schmunzeln daran, dass es ihr die Sprache verschlagen hatte. Ihn hingegen schien es nicht zu verwundern. Offensichtlich war er es gewohnt, dass den Frauen bei seinem Anblick sprichwörtlich der Mund offenblieb. Normalerweise schlagfertig und wortgewandt, fiel Sue keine passende Antwort ein.

 

Allerdings fühlte sie sich nicht ausschließlich von seiner Ausstrahlung gefangen genommen — irgendetwas irritierte sie noch. Sie konnte dieses Gefühl nicht zuordnen. Es mutete sich an, als würden sie sich nicht zum ersten Mal begegnen. Da sie sich jedoch mit Sicherheit an einen solch attraktiven Mann erinnert hätte, verwarf sie den Gedanken. In ihrem Kopf tobten die mahnenden Stimmen, endlich zu ihrer gewohnten Souveränität zurückzukehren und sich nicht wie ein verschrecktes Huhn aufzuführen.

 

Nach einer peinlichen Pause hatte sie sich gesammelt und sagte mit einem leicht süffisanten Unterton: »Na, da habe ich aber Glück gehabt, dass es nur der Lippenstift war. Es hätte auch die Packung mit den Präservativen sein können!«

 

Diese pikante Ergänzung entlockte ihm ein Grinsen. Sue errötete unerwartet und ärgerte sich augenblicklich über ihre Äußerung.

 

»Ich bin zwar keine Frau«, erwiderte das göttliche Abbild, »aus zuverlässigen Quellen weiß ich jedoch, dass die Tasche einer Dame einem schwarzen und unergründlichen Universum gleicht.«

 

»So?«, fragte sie einsilbig. »Möglich.« Fieberhaft überlegte Sue nach einem sinnvollen Satz, um einen Smalltalk zu beginnen. Der liebe Gott meinte es offensichtlich doch gut mit ihr. Warum sollte er sonst einen solch faszinierenden Mann ihren Lippenstift aufheben lassen? »Sind Sie ebenfalls wegen des Schneesturms hier gestrandet?« Sie war festen Willens zumindest einen attraktiven Gesprächspartner an diesem Abend zu gewinnen.

 

»So in etwa«, sagte er freundlich und schaute Sue an.

 

Sofort lief ein Schauer über ihren Rücken. Seine Augen waren ausdrucksstark und lösten ein Kribbeln aus, das ihren Körper durch und durch erfasste. Wo in aller Welt hatte sie ihn schon einmal gesehen? Eine leise Ahnung breitete sich aus, die sie allerdings als absurd verwarf. »Möchten Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten?«, fragte sie stattdessen. »Ich bin nämlich gestrandet und eigentlich aufs Übelste gelaunt.« Kaum war es ausgesprochen, ärgerte sie sich erneut über die Wahl ihrer Worte. Vermutlich würde er jetzt endgültig das Weite suchen. Ein attraktiver Mann wie er, musste sich nicht mit einer Frau abgeben, die sich so uncharmant präsentierte. Manchmal war ihr Mund schneller als ihr Gehirn.

 

»Das merkt man Ihnen gar nicht an«, erwiderte er. Sein spitzbübisches Schmunzeln, löste bei Sue abermals ein Magenkribbeln aus.

 

Gott sei Dank, jubilierte sie; legte jedoch nach, als wolle sie ihn mit aller Gewalt vertreiben: »Reine Selbstbeherrschung.« Um zu retten, was noch zu retten war, setzte sie ihr bezauberndstes Lächeln auf. Ihre Hände fühlten sich feucht an und sie musste sich darauf konzentrieren, sie ruhig zu halten.

 

»Es spricht nichts dagegen«, griff er ihren Vorschlag auf und nahm neben ihr auf dem Barhocker Platz.

 

Sue atmete erleichtert auf. »Sue Brooks«, stellte sie sich vor und reichte ihm ihre Hand. Diese Berührung war wie ein Stromschlag. Erneut der befremdliche Gedanke, dass sie ihn nicht zum ersten Mal berührte.

 

»Leon«, sagte er und ein Lächeln umspielte seinen Mund.

 

»Okay, Leon, dann nur Sue«, kommentierte sie seine Vorstellung. Verdammt, schoss es ihr durch den Kopf, warum konnte sie sich nicht erinnern? Ihre innere Stimme signalisierte deutlich, dass sie ihn kannte. Sie hätte ihn fragen können, aber irgendetwas hielt sie davon ab.

 

Die Unterhaltung gestaltete sich im Anschluss erfreulich kurzweilig und in Teilen amüsant. Er teilte Sues Humor und sie trieben beide obsessiv Sport. So wie sie war er ein begeisterter Kletterer. Die Parcours, die er in den Hallen bislang absolviert hatte, bestätigten Sue in ihrem ersten Eindruck, dass er sehr gut durchtrainiert war und über enorme Kraft verfügte. Sehnsüchtig stellte sie sich vor, wie er, nur mit einem Muskelshirt bekleidet, die meterhohe Wand erklomm. Jeder Muskel zeichnete sich ab und seine Bewegungen ließen nicht vermuten, wie viel Energie dazu erforderlich war. Ein solcher Anblick verkörperte für Sue den Inbegriff von sexy. Nach dem zweiten Glas Wein entschuldigte sie sich für einen Gang zur Toilette.

 

In dem Vorraum stand sie vor dem Spiegel und blickte in ein gerötetes Gesicht. »Hallo, Sue Brooks«, murmelte sie. »Cool bleiben!« War es möglich, dass dieser Mann sie von der ersten Sekunde an berührte, etwas auslöste, was sie für sich ein Leben lang ausgeschlossen hatte? »Das geht nicht!«, sprach sie weiter mit ihrem Spiegelbild und zog ihre Lippen mit dem roten Lippenstift nach, der das Übel ausgelöst hatte. »So meine Liebe, du gehst jetzt zurück, verabschiedest dich und marschierst ins Bett, wie es sich für ein braves Mädchen gehört«, befahl sie sich.

 

»Komm nur nicht auf die Idee, ihn auf dein Zimmer einzuladen«, flüsterte der pflichtbewusste Engel. »Hast du nicht den Ring an seiner rechten Hand gesehen?«

 

»Das ist so was von egal«, schnaubte der Teufel der Lust. »Du hattest einen harten Tag, gönn dir was Gutes.«

 

Genervt rollte Sue die Augen. Ihre unterschiedlichen Meinungen im Kopf regten sie auf. Es gab nun einmal den Verstands-Engel und den Teufel der Sünde und der Wollust. Wem sollte sie heute folgen? Sie wusste es nicht. Üblicherweise traf sie die Entscheidung, ob sie sich etwas Gutes tun wollte oder nicht, nach ein paar Minuten …

 

Sie hatte ihn während des Gesprächs ausführlich gemustert. Aber es konnte unmöglich der sein, für den ihr Innerstes ihn hielt. Der einstige Abschied war unendlich schmerzlich gewesen und sie hatte das Erlebnis tief in ihrer Seele vergraben. Mit dem Auftauchen des Fremden kamen die Bilder zum Vorschein. Sollte dieser unfassbar attraktive Mann wirklich der Rabauke von damals sein? Sie atmete durch und begab sich zurück in die Bar.

 

»Der Lippenstift passt perfekt zu Ihnen!«, empfing er sie galant.

 

Betont selbstbewusst lächelte sie und setzte sich zu ihm. Es entstand ein Moment des Schweigens und beide hingen ihren Gedanken nach. Abermals musterte Sue Leon aus dem Augenwinkel. Alles an ihm faszinierte sie. Die dunklen Augen, die etwas Warmes ausstrahlten, das kantig männliche Gesicht mit dem Dreitagebart, die dunkelblonden Haare, sein Kleidungsstil, und hatte er nicht so einen verschmitzten Blick, wenn er schmunzelte? Verdammt noch mal, dieser Mann war eine Lichtgestalt. Stopp, schrie es in ihr, aber die Warnung kam zu spät. In ihr hatte ein Sturm der Begierde angefangen zu toben und das Kopfkino startete. Wie mochte es sich anfühlen, ihn zu küssen? Wie schmeckten seine Küsse? Wie fühlte es sich an, wenn seine Zunge mit ihrer spielte und er mit seinen Händen zärtlich ihre Brüste massierte? Oh mein Gott, dachte sie irritiert, da sie kurz davorstand, die Kontrolle über ihre Gefühle zu verlieren. Am liebsten hätte sie ihre Anstandsregeln und die Zurückhaltung über Bord geworfen und sich ihm an den Hals geschmissen. Sie versuchte sich vorzustellen, dass ein Eimer kaltes Wasser sich über ihr ergoss und damit das Feuer der Lust auslöschte. Der Gedanke änderte allerdings nichts, da sie sich ihm auch klitschnass und frierend hingeben würde.

 

Die Bar hatte sich geleert und der Barkeeper signalisierte subtil, dass er den Feierabend einläuten wollte. Für einen kurzen Augenblick schloss Sue die Augen.

 

»Brav sein, Brooks«, sagte das Engelchen.

 

Der Teufel konterte: »Lass ihn nicht ziehen!«

 

»Es scheint, als schließe die Bar jeden Moment«, sagte sie leise. Für eine Sekunde war sie gewillt, dem Teufel den Sieg zuzugestehen und ihn direkt anzusprechen, ob er sie auf ihr Zimmer begleiten wolle. Vielleicht wurde sie erlöst und er ergriff die Initiative?

 

»Ja, sieht so aus«, antwortete er. »Zeit, um aufzubrechen!«

 

Sie schwieg enttäuscht und forderte die Rechnung. Um zumindest einen Hauch ihrer souveränen Art für sich zu behalten, sagte sie: »Ich lade Sie ein!« Für einen Wimpernschlag trafen sich ihre Blicke. Ist er es, kam erneut die Frage auf. Wenn dem so war, warum gab er sich nicht zu erkennen?

 

»Sie sind eine Frau, die genau weiß, was sie möchte und was nicht.«

 

Sue zuckte mit den Schultern. »Das bringt mein Beruf mit sich.«

 

»Das glaube ich Ihnen gern«, antwortete er und es klang, als wisse er Bescheid, obwohl sie kein Wort darüber verloren hatten.

 

Mehr als ein »Ah« fiel ihr darauf nicht ein und ihre Nervosität steigerte sich. Gemeinsam verließen sie die Bar und standen in der Lobby.

 

»Es war sehr schön, Sie getroffen zu haben, Leon«, sagte Sue und reichte ihm ihre Hand.

 

»Das kann ich uneingeschränkt zurückgeben«, bestätigte er ihre Worte.

 

Statt des üblichen schnellen Händedrucks verharrten sie eine gefühlte Ewigkeit. Zart und kaum spürbar strichen seine Fingerkuppen über ihre Haut. Es war der Moment, in dem Sue verlegen den Blick senkte. Sie ließ ihn los, wandte sich ab und ging zum Lift. Es ist besser so, dachte sie, als sie die Taste drückte. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis der Fahrstuhl das Basement erreicht hatte. Die Türen öffneten sich, und als sie die Kabine betrat, spürte sie einen Körper hinter sich.

 

»Sunny, darf ich dich begleiten?«, raunte Leons Stimme an ihrem Ohr.

 

Sues Beine wurden weich. Also hatte sie ihre Intuition nicht betrogen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Sie schluckte und ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet. »Leon für Leonard?«, fragte sie heißer. »Wie kann das sein?«

 

Ohne ein Wort drückte er die Taste für die vierte Etage. Es bestand für Sue keinerlei Zweifel, dass er wusste, in welchem Zimmer sie logierte. Warum hatte er sich im Vorfeld darüber informiert?

 

Sie standen sich stumm gegenüber, so nah, dass sie gegenseitig ihren Atem spürten. Sie berührten einander jedoch nicht.

 

In Sues Kopf tauchte abrupt die verdrängte Abschiedsszene auf: Sie winkte aus der Rückscheibe des wegfahrenden Autos, das sie irgendwo hinbringen würde. Kurz bevor der Wagen um die Ecke bog, und ihr Freund und Beschützer Leonard für immer aus ihren Augen verschwand, warf sie ihren Lieblingsteddy aus dem Wagenfenster. Im Anschluss hatte sich das traurige Mädchen herumgedreht und war mit ihren neuen Eltern in eine ihr fremde Welt gefahren. Ab diesem Moment hatte sie nicht mehr an ihn gedacht. Es hätte ihre Kinderseele zu sehr geschmerzt.

 

Als sie wortlos das Zimmer betraten, hatte Sue das Gefühl, dass die Zeit zurückgedreht wurde. Sie schauten sich an, Leon trat auf sie zu und legte vorsichtig den Arm um Sues Schultern. Es fühlte sich an, als hätte die Trennung nie existiert und sie ließ sich in seine schützende Arme gleiten.

 

Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie klammerte sich an seinen Oberkörper. Seine Hände strichen wie damals, wenn sie traurig gewesen war, beruhigend über ihren Rücken und seine Lippen benetzten ihre Haare.

 

Aus der toughen Profilerin Sue Brooks wurde in diesen Minuten das Mädchen mit den Zöpfen und den Segelohren, das von allen anderen Kindern im Heim gehänselt worden war. Bis zu dem Zeitpunkt, als Leonard kam und sie vor allem Bösen beschützte. Ab da hatte sie niemals mehr Angst vor den größeren und stärkeren Gören.

 

»Was ist aus dir geworden?«, stammelte Sue leise. »Wieso bist du hier? Woher weißt du, dass ich in diesem Hotel bin?«

 

»Pscht, du kleiner Naseweis«, flüsterte Leon zärtlich. »Manchmal passieren schicksalhafte Dinge, denen sollte man sich fügen. Es gibt dafür keinerlei weltliche Erklärungen.«

 

Sue schaute ihn mit Tränen erfüllten Augen an und nickte. Ja, es musste Schicksal sein, dass ihr Flug gecancelt wurde und sie an diesem Abend auf ihn getroffen war.

 

In der Nacht redeten sie ausschließlich über ihre vergessen geglaubte Zeit. Sie lagen eng umschlungen zusammen und es fühlte sich für Sue vertraut und wohlbehütet an. Eine Geborgenheit, die ihr bislang niemand wieder hatte geben können. Nicht ihre liebevollen Adoptiveltern, keiner ihrer Freunde und gleich gar nicht eine ihrer zahllosen Affären.

 

»Ich habe dir das Kartenspielen beigebracht, weißt du noch?«, griff er eines der zahlreichen Details auf. »Obwohl du die Herzdame viel schöner fandest, hast du nie verstanden, warum das Pik-Ass eine höhere Punktzahl erzielt«, erinnerte er Sue an ihren Sturkopf, seine Stimme verriet Belustigung. »Du warst manchmal ein unbelehrbares Mädchen, und wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hattest, dann bist du keinen Millimeter davon abgerückt!«

 

»Ich habe mich dahingehend nicht verändert«, murmelte sie, und plötzlich tauchten die Bilder deutlich vor ihrem geistigen Auge auf. Es fühlte sich an, als wäre es erst ein paar Tage her.

 

In jenen Stunden, als der Schneesturm die Stadt in ein tiefes Weiß hüllte und alles zum Erliegen kam, begriff sie, dass sie ihn, seitdem sie denken konnte, geliebt hatte. Damals als ihren Beschützer und großen Bruder. Sie hatten sich geschworen, immer für einander da zu sein. Sie war zu jung gewesen, um das Unvermeidliche abzuwenden. Ab dieser unwirklichen Nacht jedoch liebte sie ihn als den Mann, der ihr Herz berührte und den sie nie wieder gehen lassen wollte. Seine Nähe hatte in ihr ein Gefühl ausgelöst, welches ihr fremd war. Unverhofft empfand sie sich frei und losgelöst, als würde man ihr eine Last nehmen. Fühlte sich so Liebe an?

 

 Irgendwann war sie von Leons Berührungen aufgewacht und hatte seine Lippen auf ihren gespürt. Ein zärtlicher Kuss, dem sie sich nicht entziehen wollte. Sues Herz klopfte heftig an ihre Brust und sie wusste, dass ihre Seele Feuer fing. Sie verspürte den innigen Wunsch, sich ihm bedingungslos hinzugeben. Ihn zu genießen, ihm ihren Körper zu schenken. Dass er verheiratet war, spielte für sie keine Rolle. Es zählte nur das Hier und Jetzt!

 

»Lass mich dich ausziehen«, flüsterte er, als Sue sich entkleiden wollte.

 

Sie hielt inne, und unter ihrem Zittern öffnete er die Knöpfe ihrer Bluse. Jede Berührung löste Lust aus, die sich stetig steigerte. Es war, als wäre sie eine Surferin, die sich der perfekten Welle näherte. Eine, auf die man schon immer gewartet hatte und die es selten gab. Er hatte sich auf das Bett gekniet und seine Hände strichen über ihren Oberkörper, ohne jedoch ihre Brüste zu berühren.

 

Sue schloss die Augen und ließ sich in das fallen, was sich anzubahnen begann. Leon öffnete ihre Hose. Sie hob das Becken, sodass er sie herunterstreifen konnte. Lustvoll spreizte sie ihre Schenkel und ihre Bauchdecke hob und senkte sich vor Erregung.

 

»Schließ deine Beine«, gab er flüsternd vor.

 

Seine streichenden Bewegungen wurden intensiver und Sue konnte nicht verhindern, dass sie vor Begehren immer feuchter wurde. Es waren süße Qualen, dass er ihre intimste und vor Lust triefende Stelle ausließ.

 

»Du bist wunderschön«, sagte er. »Fast zu schön, um von dieser Welt zu sein.«

 

»Bitte, gib mir mehr«, flehte Sue. Sie hatte das Gefühl zu schweben.

 

Leon zögerte einen Moment. Sue öffnete ihre Augen und suchte seinen Blick. Es sah aus, als tobe ein Sturm in ihm, während er einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Die Ruhe, die er noch vor wenigen Minuten ausgestrahlt hatte, schien verloren. Sie schwieg und wartete. Sie mochte ihn nicht drängen. Wenn sie zusammen schliefen, sollte es mit uneingeschränkter Hingabe sein.

 

Ein kaum hörbarer Seufzer entwich ihm. Er stand auf und Sue durchfuhr ein Schreck. Wollte er gehen? Sie atmete erleichtert durch, als sie sah, dass er sich auszog. Der Anblick seines Körpers ließ Sue innerlich explodieren. Jeder seiner Muskeln zeigte sich definiert, er war das perfekte Abbild eines Mannes. Ja, dieser Körper war schön, wunderschön, obwohl man das bei Männern für gewöhnlich nicht so formulierte. Sue fand jedoch keinen anderen Ausdruck. Alles an ihm war stahlhart, und als er in sie eindrang, glaubte sie, in eine mächtige Welle einzutauchen. Das Gefühl, wenn man das tosende Meer über sich wahrnimmt und mit den Wassermassen verschmilzt. Der Mensch und das gewaltige Element vereinten sich. Pures Adrenalin durchströmte sie.

 

In der Phase der größten Ekstase drangen seine Worte an ihr Ohr: »Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht da! Warum ist das alles passiert?«

 

Urplötzlich umfasste seine Hand ihren Hals. Es fühlte sich aufregend an. Der Griff wurde fester und seine Stöße härter. »Schau mich an!«, sagte er laut und es klang unerwartet drohend.

 

Sie blickte ihn erschrocken an. Was geschah gerade mit ihm? Obwohl sich ein unangenehmer Schmerz auf ihrem Kehlkopf ausbreitete und ihr das Luftholen erschwerte, wehrte sie sich nicht. Niemals zuvor hatte sie Sexspiele mit Atemreduktion erlebt, aber es erregte sie unendlich. Ihr Blick signalisierte genau das. Er drückte fester zu, Sue begann zu röcheln. Für einen Moment löste er seine Hand.

 

»Setz dich auf mich!«, forderte er sie auf.

 

Wie in einem Rausch folgte sie seinen Worten. »Ich liebe diese Stellung«, hauchte Sue und merkte, wie der Wunsch aufkam, dass er zum zweiten Mal ihren Hals umfasste.

 

Als habe er ihre Gedanken erraten, legte er seine Hand erneut um ihre Kehle und steigerte den Druck. Sue suchte seine Augen, und in der Sekunde, in der keine Luft mehr durch ihre Luftröhre strömte, durchspülte sie ein heftiger Orgasmus, der sie jedoch noch weiter puschte.

 

In manchen Situationen genoss es Sue, hart gefickt zu werden. Es bot einen besonderen Reiz, wenn ein Mann sie dominant nahm, und sie ließ es willig geschehen. Dieses Spiel ging meistens mit einem heißen Dirtytalk einher. Mit Leon fühlte es sich anders an. Für eine Sekunde kam die Frage in ihr auf, wie sie reagieren sollte, wenn er seine Hand nicht löste. Hatte sie gegen ihn eine Chance? Da sie ihm allerdings vertraute, überkam sie keinerlei Angst und sie gab sich wieder vollends dem stürmischen Sex hin.

 

Leons Körper spannte sich an und sein Blick ruhte ohne Unterlass auf ihrem. Abermals hatte sie den Eindruck, er ringe mit sich.    

 

Mein Gott, was war das? Wie konnte es sein, dass sie dabei explodierte? Plötzlich wurde es zur Gratwanderung, da er den Griff nicht lockerte. Für eine Sekunde erfasste sie Panik und sie versuchte sich dem zu entziehen. Aber genau in dem Moment zuckten alle Muskeln und er spritzte mit einem lautstarken Stöhnen, das einem Schrei der Erleichterung glich, ab. Leons Anspannung löste sich, er schloss die Augen und sein Atem ging stoßweise. Aus seinen Poren strömte der Schweiß.

 

Liebevoll beugte sich Sue zu ihm und schlang ihre Arme um Leons Schulter. Sie benetzte mit ihren Lippen seinen Hals, die glühenden Wangen und hauchte ihm einen Kuss auf die geschlossenen Augenlider. »Es ist alles gut«, flüsterte sie, da das Bedürfnis in ihr aufkeimte, ihm zu zeigen, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete und dieses außergewöhnliche Liebesspiel genossen hatte. »Du hast mich gefunden und dafür bin ich dir dankbar«, sagte sie mit gedämpfter Stimme. Ihre Worte schienen auf Leon eine beruhigende Wirkung zu haben.

 

Leidenschaftlich küssten sie sich, die Zungen spielten das Spiel der Verführung. Zärtlich, innig und unendlich vertraut. Das, was folgte, war eine weitere Symbiose der Lust, wie eine Feuersbrunst, die alles überrollte. Es war der Anfang von etwas Ungewöhnlichem. Allerdings sollte sich das Lustspiel mit der Atemreduktion niemals mehr wiederholen.

 

***

 

 Das erste Zusammentreffen lag mittlerweile einige Monate zurück und der Frühling hatte Einzug gehalten. Sie hatten lediglich ihre Mailadressen ausgetauscht und schrieben sich in unregelmäßigen Abständen und ausschließlich zu dem Zeitpunkt, wenn die Sehnsüchte und das Begehren erwachten. Wie von einer magischen Hand geleitet, fühlten sie den Wunsch, den anderen zu sehen, in den gleichen Momenten. Es war eine unsichtbare Verbindung, die sie leitete.

 

Obwohl Sue bei ihren Treffen merkte, wie angespannt er war, fragte sie nicht nach dem Grund. Es hatte sich gezeigt, dass er im Laufe der Zeit ruhiger wurde.

 

»Die gemeinsamen Stunden tun mir unendlich gut«, murmelte sie. »Ich liebe es, mit dir zusammen zu sein; es gibt mir so immens viel.«

 

»Kleine Sunny, mir auch«, antwortete Leon schläfrig.

 

Sue wusste, dass er für ihre Treffen der Leidenschaft einiges auf sich nahm, damit seine Frau keinen Verdacht schöpfte. »Ich genieße es, zu spüren, wie du dich beruhigst und den Alltag hinter dir lässt«, fuhr sie fort. Heute hatte sie das Empfinden, er sei besonders nervös. »Was ist nur mit dir los, wenn du in deiner Welt bist?«

 

»Sunny, es ist meine Welt und es ist besser, du bleibst ebenfalls in deiner«, sagte er leise. »Lass uns diese nicht vermischen und damit den Zauber zerstören.«

 

Sue seufzte. Natürlich hatte er recht!

 

Sie stiegen stets in demselben Hotel ab. Es war ein kleines gemütliches Haus und lag in Bath, in der Grafschaft Somerset. Eine beschauliche Gegend, die mit Sues Leben in London wenig gemein hatte. Auch Leons Alltag in Liverpool verlief hektischer und war nicht vergleichbar mit der herrlichen Ruhe und den weitläufigen Landschaften dieser Region.

 

Neben ihren ausgiebigen Liebesspielen unternahmen sie ausgedehnte Wanderungen. Es gab einen Ort, den beide liebten. Die berühmte Palladian Bridge, die wie ein Viadukt in Miniaturformat aussah, hatten sie eher zufällig entdeckt. Der Ort hatte etwas Verwunschenes. Manchmal saßen sie längere Zeit auf einem Stein und ließen die Atmosphäre auf sich wirken.

 

Auch damals als Kinder, waren sie gemeinsam durch die Wälder und über die Weiden geschlendert und hatten ein vergleichbares Bauwerk gefunden. Neben ihrem Baumhaus hatten sie dieses als Lieblingsort auserkoren. Die kleine Sunny hatte ab und zu einen Kopfschmuck aus Gänseblümchen geflochten. Erstaunlicherweise wuchsen rund um den Viadukt ebenfalls eine große Menge der Blümchen. Sue hatte sich an die früheren Zeiten erinnert und abermals einen Haarschmuck gebastelt. Wie damals, hatte ihn Leon ihr auf ihre blonden Haare gesetzt. Wenn Sue an diese Augenblicke dachte, überkam sie ein Gefühl von Wehmut, aber auch von Freude. Warum waren sie getrennt worden? Weshalb trafen sie sich nach so vielen Jahren wieder? Welche Macht hatte entschieden, dass sie sich immer noch liebten? Hatte es etwas zu bedeuten?

 

 Sue hatte Hunger bekommen und löste sich von Leon, um sich ein paar Kekse aus ihrer Handtasche zu holen. Da sich der Aufenthalt in ihrem persönlichen Wunderland dem Ende zuneigte, aktivierte sie ihr Smartphone. Sofort erschien auf dem Display die Benachrichtigung über eine Mail von ihrem Londoner Vorgesetzten. Die unweigerliche Konfrontation mit der Realität hatte begonnen. Sie überflog die Nachricht und seufzte. Wie immer war es dringend.

 

Der Abschied fiel Sue dieses Mal ausgesprochen schwer, aber sie ließ es sich nicht anmerken.

 

»Kleine Kinderherzen lieben ewig«, flüsterte Leon Sue bei ihrer letzten Umarmung zu. »Wie schön, dass wir uns das erhalten konnten!« Mit diesen Worten löste er sich und stieg in das herbeigerufene Taxi. Wie gewöhnlich schaute er sich nicht mehr um.

 

Sue atmete tief ein und aus. Sie straffte ihren Körper und murmelte: »Superintendent Brooks, die Arbeit ruft!«