BDSM Romane die mitreißen

Erkenntnis

 

 

 Mit dem Schließen der Bürotür blieb auch die Geräuschkulisse der 30 Telefonisten, die im Akkord die eingehenden Anrufe der Hotline zu bewältigen versuchten, draußen. Lea Bechstein ließ sich erschöpft auf ihren Bürostuhl sinken.

 

 Die 38-jährige Teamleiterin war eigentlich stressresistent und ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Doch das, was die große Brünette gerade von ihrem direkten Vor- gesetzten erfahren hatte, katapultierte selbst ihren Puls in ungeahnte Höhen. Ihre Wangen glühten, und alles an ihrem 1,75 Meter großen und schlanken Körper bebte. Leas grüne Augen funkelten einerseits voller Entrüstung, andererseits war auch zu erkennen, dass sie Angst hatte. Angst um ihr Team und das, was auf sie alle zukommen würde, wenn Eric van Hooven, der kalte Ausputzer, wie er heimlich in der Firma genannt wurde, hier mit seinen Umstrukturier- ungsmaßnahmen loslegte. Schlimm auch, dass man sie vor vollendete Tatsachen stellte.

 

Der Stress war insgesamt schon enorm, da das Mutterhaus in Amsterdam einen großen Druck auf das Kölner Team ausübte, trotzdem gaben alle ihr Bestes, doch offensichtlich war das wieder einmal nicht genug.

Lea seufzte und klickte auf die eingehende Mail ihres Chefs, der, wie angekündigt, eine Aufstellung der Unterlagen schickte, die für den Termin mit van Hooven von ihr vorbereitet werden mussten.

 

»So ein Mist, das wird wieder ein langer Abend«, seufzte sie leise vor sich hin und begann den Mann, der für etliche Überstunden verantwortlich war, zu hassen. Dieser Job ließ kaum Freizeit zu, aber das war für Lea bisher in Ordnung gewesen, da sie der Meinung war, dass man nur mit hohem Einsatz und Disziplin seine Ziele erreichen konnte. Sie war das, was man einen modernen Großstadtsingle nannte. Priorität auf dem Job und unabhängig, ob finanziell oder emotional. Ihr Leben mehr oder weniger selbstbestimmt lebend. Alles war klar strukturiert und hatte seine gefühlte Ordnung. Liebesgedusel würde da, so ihre Erfahrung aus der Vergangenheit, nur stören und ihr Kraft rauben. Ihre bisherigen Beziehungen hatten immer im Chaos geendet. Meist war Lea die Schlussmacherin gewesen, denn die Männer konnten ihr nicht das geben, was sie wirklich wollte. Aber was genau ihr bei diesen Verbindungen gefehlt hatte, wusste sie auch nicht zu definieren. Ihre selbstbewusste Art verunsicherte viele Männer, obwohl sie das nicht nachvollziehen konnte, denn sie fand sich im privaten Bereich überhaupt nicht so selbstsicher. Gut, sie hatte klare Vorstellungen, und der Typ »Klammeraffe« war nicht gerade das, was ihr Herz höherschlagen ließ. Diese Typen waren oftmals viel zu nett, und nett ist ja bekanntlich der kleine Bruder von Scheiße. Auch sexuell war es eben nur nett und nicht WOW! Aus diesem Grund ging Lea manches Mal ihrem heißen und bizarren Geheimnis nach …

 

Die Zusammenstellung machte ihr heute keinen Spaß; immer wieder glitten ihre Gedanken ab. Gedanken darüber, wie einsam und unglücklich sie sich in der letzten Zeit fühlte. So registrierte sie zum Beispiel vermehrt Paare, die im Supermarkt zusammen ihren Wochenendeinkauf besprachen, nach dem Motto: »Schatz, soll ich uns noch ein paar süße Früchte in den Korb legen?« Vor geraumer Zeit hätte sie nicht die süßen Früchte, die sofort lustvolle Assoziationen bei ihr auslösten, sondern das Klopapier wahrgenommen, das in den Wagen gelegt werden sollte. Aber es war, wie immer im Leben, eine persönliche Wahrnehmung der Dinge. Es stellte sich auch die Frage: Wo einen Mann finden? Singlebörsen im Internet? Die seriösen Plattformen verlangten zum Teil recht üppige Beiträge, aber sie war (noch) nicht bereit, für so etwas Geld zu bezahlen. Früher hatten sich alle immer über die Anzeigen von Ehevermittlungsinstituten in der Tageszeitung lustig gemacht, und die meisten in ihrem Alter wären nie auf die Idee gekommen, eine solche Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Was war an den Internetportalen anders? Eigentlich nichts, das Ziel war identisch. Aber auch mit diesen ganzen Ü-30-Partys, die fast jedes Wochenende in Köln stattfanden, konnte sich Lea nicht anfreunden. Zu laut, zu voll, zu oberflächlich, eine für jedes Wochenende neu geklonte Spaßgesellschaft, so ein bisschen wie »Und täglich grüßt das Murmeltier« – immer die gleichen Gesichter und die gleichen Abläufe.

 

 Sie seufzte vor sich hin und kam mal wieder zu der Erkenntnis, dass es nur Kommissar Zufall sein würde, der ihr irgendwann jemanden vor die Nase setzte. Wahrscheinlich würde er plötzlich vor ihr stehen, wie aus dem Nichts, und …

 Lea grinste freudlos, da ihr der Prinz auf dem weißen Pferd gerade in den Sinn kam. Humor ist, wenn man trotzdem lacht, dachte sie und fragte sich, wann dieser Kommissar wohl seinen Einsatz haben würde – noch in diesem Leben?

 Doch jetzt musste sie ihren Fokus auf den Job legen. Sich noch mehr engagieren. Wahrscheinlich wurde es sowieso nicht gewürdigt, warum sonst sollte dieser Ausputzer hier sein Unwesen treiben? Wie dieser Mann wohl aussah?

 Die Firmenhomepage würde es vielleicht offenbaren. Nervös klickte sie sich durch die Seiten, den Blick angestrengt, und die Zornesfalte trug ihren Namen zu Recht.

 

»Der sieht bestimmt total fies aus!«, murmelte sie wieder im Selbstgespräch vor sich hin, ein Zeichen ihrer Angespanntheit.

 »Wer sieht fies aus?«, platzte Mia, die Gruppenleiterin des Sales-Teams und eine gute Freundin von Lea, herein.

»Herr Ausputzer van Hooven«, grummelte Lea. »Wir werden in der nächsten Zeit hohen Besuch haben.«

»Hohen Besuch?«, sagte Mia, und ihr war anzusehen, dass sie wusste, worum es ging.

»Ich habe es schon länger vermutet. Die Umsätze sind rückläufig, der Schnitt ist nicht optimal …« Lea wusste um die Schwierigkeiten.

»Wir geben unser Bestes!«

»Ich weiß das, aber ob es die Firmenleitung in Amsterdam auch so sieht, da habe ich gerade so meine Zweifel.« Ihr Blick war finster.

»Der Druck auf die Leute ist groß, und alle sind wirklich gestresst«, führte Mia weiter aus. »Die Erweiterung der Produktpalette hat das Anrufvolumen erhöht. Es knallt einem wirklich ein Anruf nach dem anderen aufs Ohr.«

Es war so, dass die Telefonisten sich immer im Pool der eingehenden Anrufe befanden. Wurde ein Gespräch beendet, signalisierte ein gemeiner Piepton, dass der nächste Anrufer aufgeschaltet war. So blieb kaum Zeit für irgendwelche Nacharbeiten oder zum Luft holen. Es sei denn, man drückte die Taste »Nachbearbeitung«. Diese Zeiten wurden aber penibel kontrolliert und durften eine gewisse Dauer nicht überschreiten. Sollte dies der Fall sein, war Lea angehalten, mit der Person ein Gespräch zu führen. Sie war maßgeblich für die Leistungserbringung ihres Teams verantwortlich. Da die Anforderungen stetig stiegen und die Bezahlung, gelinde gesagt, beschissen war, keine leichte Aufgabe.

»Ich weiß, dass unser Servicelevel Mist ist, aber warum muss man uns gleich so einen Arsch vor die Nase setzen?«

»Keine Ahnung, Süße.« Mia zuckte mit den Achseln. »Kannst du mir bitte mal den Preisnachlass gegenzeichnen?«

Lea nickte, und Mia schob ihr den Zettel vor die Nase.

»Ach, ich habe keinen Bock mehr«, seufzte Lea, schloss den Browser und beendete somit die Fahndung nach dem Gesicht des Ausputzers. Die konnten sie heute Abend alle mal gern haben.

»Was machst du heute noch?«, fragte Mia. »Lust auf einen Absacker?«

Lea überlegte kurz.

»Los, dann kannst du mir von deinem letzten Erlebnis erzählen!« Mia lachte, und Lea schoss die Röte ins Gesicht.

»Ach Süße, heute nicht. Ich bin platt, es war ein langer Tag!«

»Schade.« Mia hätte zu gern die neusten Ereignisse von Leas süßem Geheimnis erfahren. Sie war die Einzige, die davon wusste.

»Ich haue mir jetzt noch eine Pizza rein, und dann war‘s das für heute«, seufzte Lea und begann, ihre Sachen zusammenzupacken. »Machst du den Laden dicht?«, fragte sie ihre Freundin.

Mia nickte.

»Ich verspreche, dass ich dir zeitnah Bericht erstatten werde!« Sie lächelte, und dabei nahm ihr Gesichtsausdruck einen verklärten Blick an. Jedes Mal, wenn sie an diese Zusammenkünfte dachte, wurde ihr heiß und kalt, oder besser gesagt: heiß und feucht – zwischen ihren Schenkeln.

»Ich nehme dich beim Wort. Es ist immer so aufregend … was der alles mit dir macht«, kicherte Mia.

»Psst.« Lea musste die Freundin zur Ruhe mahnen, nicht dass noch irgendjemand etwas mitbekam.

»Ja, ja, schon gut!« Mia lachte frech. »Dann träum wenigstens heute Nacht von diesem Alex.«

»Mal sehen«, brummelte Lea.

Die Frauen umarmten sich, um dann gemeinsam das Teamleiterbüro, ein kleines Kabuff am Ende des Telefonisten-Saals, zu verlassen.

 

Eine kleine Pizza vom Lieblingsitaliener um die Ecke später hockte Lea mit einem Glas Wein in der Hand in ihrer Wohnung auf dem Sofa und starrte gedankenverloren ins Leere. Nur eine Kerze, deren Lichtschein unruhig hin und her flackerte, durchbrach die Dunkelheit. Es war ganz still. Dennoch glaubte Lea, ihr Herz klopfen zu hören. So wie sie es schlagen hörte, wenn sie Alex, wie er sich dort nannte, zu Füßen lag. Dort war da, wo sie ihr süßes und bizarres Geheimnis auslebte, ihre Lust nach sexueller Unterwerfung, den körperlichem Lustschmerz genoss, sich von harter, aber dennoch umsichtiger Hand führen ließ. Um sich dann am Ende des Abends in lustvoller Ekstase ihren schönsten Orgasmen hinzugeben.

Auf diesen Fetischpartys, die in regelmäßigen Abständen in ausgewählten Klubs an unterschiedlichen Orten stattfanden, lebte sie ihre Lust nach frivolen Spielen aus. Für diese Stunden war sie eine Sklavin – eine Bottom –, die sich dem Spiel von Lust, Schmerz und Unterwerfung hingab. So, wie auch alle anderen Besucher ihre Rollen als Dom oder Sub fanden, um nach einer Nacht feuchter Begierde wieder in ihre normale Welt zurückzukehren.

Ein lauter Seufzer entfuhr ihr, und sie nippte am Weinglas. Die ganze letzte Zeit war schon wieder geprägt von wilden Gedanken, verrückten Fantasien …

Wie würde es sein, wenn sie Alex, ihrem Dom, wieder begegnete? Er verstand es, ihre Lust so vortrefflich herauszukitzeln, dass diese Spielabende phänomenal waren. Sie hatten beide ihre wahren Identitäten abgegeben; aus Lea wurde in dieser Zeit Sally, die kleine devote Lustschlampe, die gern provozierte, um sich von ihrem Dom gezielt ihre perfekten Bestrafungen abzuholen. Wie er sie dann manches Mal packte, ihren Kopf in den Nacken zog, sie durchdringend anschaute und sie dann immer weiter in die Knie zwang, ihr mit leisen Worten zu verstehen gab, dass sie seine Lustsklavin war und sein Spielzeug … Dass er sie nehmen würde, egal wie oft, dass sie seinen Schwanz zu blasen habe oder er sie an der Leine auf allen vieren den anderen Anwesenden vorführte.

 

Dieses Kopfkino löste bei Lea ein wahres Feuchtgebiet aus. Sie saß auf ihrem Sofa und spürte, wie ihr ganzer Körper anfing, zu vibrieren. Lust, solche Lust! Zu allem Übel verkörperte Alex auch noch das, was Lea bei Männern mochte: ausgesprochen attraktiv und noch jung. Wie jung, konnte sie nur ahnen, wie auch er ihr Alter nur ahnen konnte. Dass sie älter war als er, war ihm durchaus bewusst. Doch es spielte keine Rolle. Der Kontakt zwischen ihnen bestand nun schon seit Monaten, und sie tauschten sich per Mail aus, wann und wo sie sich wieder treffen würden. Sonst gab es keine Informationen, die auf die wahre Identität des anderen hätten schließen können. Er kam aus München sie aus Köln. Das war‘s! Auch fanden zwischen ihnen keine Gespräche im üblichen Sinne statt. In der Regel gab Alex ein Szenario vor, sie musste sich vorbereiten. Das bedeutete zum Beispiel, in einem Käfig auf ihn warten … er war da sehr kreativ.

Ja, just fühlte sie sich wieder wie Sally.

 

Langsam spreizte sie ihre Schenkel, glitt vorsichtig mit ihrer Hand in den Hosenbund und streichelte sanft ihren Venushügel. Sie stellte sich Alex vor, wie er sie auf dem Strafbock positionierte; sie war wie ein Fragezeichen über das Möbel gespannt. Die Beine gespreizt, sodass sie ihm ihre feuchte Mitte präsentierte und keinen Einfluss auf das hatte, was er damit anfangen würde. Dann klatschte er mit der flachen Hand mehrmals auf ihren nackten Po.

Oh Gott, wie geil, dachte Lea und führte erregt zwei Finger in ihre Muschi ein. Er leckte sie gern, saugte so lange an ihrem Kitzler, bis es nicht mehr zum Aushalten war, um sie dann plötzlich hart mit seinen Fingern zu ficken, sodass sie fast abspritzen musste, sich Ströme von Lustsäften aus ihr ergossen.

 

Oh Gott! Immer schneller und härter rieb sie sich, bewegte ihr Becken auf und ab, alles an ihr zitterte, immer mehr, immer intensiver. Sie stöhnte laut, glaubte, seinen harten Schwanz in sich zu spüren, und in einer süßen Welle rauschte ein wundervoller Höhepunkt durch ihren Körper.

Es war unfassbar, welche Geilheit dieser Mann in ihr auslöste.

Nach diesem herrlichen Spiel mit ihrem eigenen Körper hatte Lea das Gefühl, wenigstens etwas Schönes an diesem Tag erlebt zu haben. Es wäre so wundervoll, wenn sie Alex bald wieder treffen könnte. Leider hatte er sich nicht mehr gemeldet, und so beschloss sie, ihm eine kurze Mail zu schreiben. Sie loggte sich in ihren »Sally die kleine Lustbitch«-Account ein. Süffisant beschrieb sie Alex, wie sie sich gerade selbst befriedigt hatte. Spielerisch und demütig bat sie um einen neuen Termin, da sie dringend eine Behandlung benötigte und es unter keinen Umständen in Ordnung sei, dass sie masturbierte.

 

Es dauerte nicht lange, und es kam eine Antwort:

Du kleines, geiles Miststück! Ich habe auch sehr stark das Gefühl, dass du dringend wieder mal eine ausgiebige Behandlung von deinem Herrn brauchst. Aber wenn ich Grundlage deiner Geilheit bin, will ich mal von einer aktuellen Bestrafung absehen.;-). Ich melde mich zeitnah!«

 Wie süß, dachte Lea entzückt, und Vorfreude machte sich in ihr breit. Mit dieser Option ließ es sich doch wunderbar einschlafen. Wohlig und schon wieder mit feuchten und heimlichen Begierden träumte sie sich in den Schlaf …

 

Irgendwann am nächsten Tag fiel Lea ein, dass sie sich das Gesicht des Mannes anschauen wollte, der nun für viel Unruhe sorgen würde. Aber als sie die Firmenhomepage durchsuchte, fand sie keinen Hinweis auf ihn. Das war aber seltsam. Warum wurde er nicht vorgestellt wie alle anderen Führungskräfte? War er etwa in geheimer Mission unterwegs – der unsichtbare Ausputzer, der die Läden optimierte?

 

Auf dem letzten Teamleitermeeting im Mutterhaus hatte sie schon von ihm gehört. Seit einigen Monaten wurde er in allen Callcentern eingesetzt und trieb dort aus Sicht ihrer Kollegen sein Unwesen. Er galt als unnahbar, arrogant und rücksichtslos.

 

Lea fühlte sich mehr als unwohl bei dem Gedanken, dass er nun auch ihren Laden umstrukturieren wollte. Was für ein sarkastischer Begriff für Kündigungen und soziale Einschnitte der Beschäftigten. Aber was sollte sie tun? Sie musste sich den Gegebenheiten beugen. So war das einfach in einem großen Konzern mit über 50 Callcentern in mehr als vier Ländern.

Durch das hektische Tagesgeschäft fand Lea allerdings keine Zeit, sich weiter auf die Suche nach dem Gesicht eines Eric van Hooven zu machen. Erst als sie abends zu Hause vor dem Fernseher hockte, fiel es ihr wieder ein.

Da das Fernsehprogramm sich öde gestaltete, begann sie in ihrem Handy erneut mit der Suche.

Sie gab den Namen Eric van Hooven ein und klickte die Anzeigeoption Bilder an. Die Verbindung war ungewöhnlich träge. Es dauerte, bis sich endlich eine Seite aufgebaut hatte. Da das Display sehr klein war, waren die Bilder sehr undeutlich. Aber zumindest wurden Ergebnisse angezeigt. Er war also doch kein Phantom. Ein Hoch auf die transparente Internetgemeinde …

Doch als Lea endlich mit spitzen Fingern über das Display ihres Smartphones strich, um das Foto zu vergrößern, konnte sie ein lautes »Ach du Scheiße!« nicht zurückhalten.

 

 

An diesem Montag lag eine große Anspannung über dem Callcenter. Auch wenn Lea sich gut vorbereitet fühlte, konnte sie ihre Nervosität nur schwer verbergen. Die letzten beiden Wochen waren von den unterschiedlichsten Emotionen geprägt gewesen. Einerseits die beruflichen Herausforderungen, die darin bestanden, Unmengen an Statistiken zu erstellen, ihr Team zu puschen, zu briefen und alles nur Erdenkliche auf die Beine zu stellen, damit die Zahlen besser wurden. Sie hatte sich entschieden, ihr Team darüber zu informieren, dass das Mutterhaus einen Controller schickte. Das sorgte zwar für Unruhe, doch Lea hatte darauf gesetzt, ihre Kollegen alle für das sensibilisieren zu können, was auf dem Spiel stand.

 

»Wow, was hast du dich rausgeputzt!« Diesen Kommentar konnte sich Mia nicht verkneifen, als sie auf Lea traf, die in ihrem dunkelblauen Kostüm und den etwas zu hohen Schuhen ungewöhnlich schick daher kam. »Willst du ihn gleich mit deinem Sex-Appeal vereinnahmen?«

Es war als Scherz gemeint, doch Lea reagierte extrem gereizt: »Soll ich heute in Jeans und Chucks aufschlagen, oder was?«

»Oh Mann! Bleib mal locker!«, entgegnete Mia überrascht. »Es war als Kompliment gemeint!«

»Sorry, Liebes, ich bin total angespannt!«, entschuldigte Lea sich.

»Süße, es wird alles gut werden! Wir rocken den Laden!«, gab Mia sich optimistisch.

»Wenn du meinst!«, sagte Lea wenig überzeugt.

 

Schweißnasse Hände, ein Puls auf 180, jeder Muskel angespannt, so schritt sie auf den Besprechungsraum zu. In diesem Raum erwartete sie die gefühlte Inquisition. So mussten sich einst die armen Hexen auf dem Weg zum Scheiterhaufen gefühlt haben.

Eric van Hooven war nun schon seit über einer Stunde im Haus, und nun endlich war der Anruf gekommen, der sie hinzu bat. Jetzt fühlte sie sich wie in einer Slow-Motion. Alles wie in Watte gepackt.

Lea öffnete die Tür des Besprechungszimmers. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, das Blut pulsierte.

Eric van Hooven saß am Kopfende des großen Besprechungstischs. Innerhalb der letzten Stunde hatte er den Anwesenden klar gemacht, um was es hier ging.

 

»… und so kann ich nur davon ausgehen, dass Sie alles daran setzen werden …« Er brach seinen Satz ab, als Lea den Raum betrat. Eric van Hooven, stets immer alles unter Kontrolle, stockte.

 

Ihre Blicke trafen sich. Es war nur ein kurzer Moment. Ein so verdammt kurzer Moment. Doch Lea und Eric erkannten sich.

 

Für eine Sekunde waren sie Alex und Sally.

 

Leas Erkenntnis, als sie das Foto im Internet sah und dass van Hooven der Mann war, mit dem sie sich seit Monaten auf den unterschiedlichsten Sexpartys traf, war so bizarr wie das, was sie dort gemeinsam erlebten. Diese Tatsache hatte sich in ihre Gedanken eingebrannt und ließ sie keine Minute zur Ruhe kommen. Immer wieder malte sie sich das Zusammentreffen in allen Varianten aus. Einerseits fürchtete sie sich vor dem Moment, andererseits kribbelte es unablässig in ihr. Die Frage, wie er sich im normalen Alltag bewegte, welche Klamotten er trug, ob er diese ungewöhnliche Anziehungskraft auch hier auf sie ausüben würde, beschäftigten sie unentwegt. Lea fragte sich natürlich auch, wie diesem Mann geschäftlich ein solch negativer Ruf vorauseilen konnte? Alex war auf jeden Fall einfühlsam und ein echter Sympathieträger. Das, was sie bislang von Eric van Hooven gehört hatte, passte so gar nicht zu dem Mann, den sie so bewunderte. Aber wenn er als Geschäftsmann wirklich so gnadenlos war, vielleicht konnte sie ihre persönliche Verbindung nutzen, damit er nicht ganz so restriktiv in Köln vorging. Vielleicht konnte sie darauf Einfluss nehmen, und seine Umstrukturierungsmaßnahmen würden ihr Team nicht ganz so hart treffen? Möglich wäre es. Vielleicht würden sie richtig gut zusammenarbeiten? Sie waren sich sympathisch, es passte auf der sexuellen Ebene perfekt, warum sollte sich das nicht auch in den beruflichen Alltag übertragen lassen? Auf jeden Fall würde sie versuchen, ihn mit ihrer Kompetenz zu überzeugen und zu beeindrucken.

 

Möglicherweise würden sie am Tag konstruktiv und effizient zusammenarbeiten und sich dann abends zum »Spielen« verabreden? Ein heißer Gedanke.

 

Was würde nun passieren? Der Augenblick der Wahrheit näherte sich …