1. Kapitel: Alte Muster



Street-Art, unkonventionelle Shops und Restaurants treffen im Dreieck Shoreditch zusammen und verschmelzen zu einem aufregenden Teil Londons, in dem es jeden Tag etwas Neues zu sehen gibt. Seit Ende der neunziger Jahre entstanden rund um die Old Street Klubs und Bars und stellen eine unprätentiösere Alternative zum West End dar. Vertreter der IT-Branche und viele Kreative haben sich in dem Stadtviertel angesiedelt, da die Mieten im Vergleich zu anderen Stadtteilen erschwinglich sind. Die Verlagsgruppe der Modemagazine Fashion Lady und Fashion Girl war dem Trend gefolgt und hatte ihren Firmensitz bereits vor einiger Zeit dorthin verlegt.

Das Viertel ist berühmt berüchtigt für sein ausschweifendes Nachtleben, das jedoch an der Chefredakteurin Grace Middleton wieder einmal vorüberging. Die Kollegen hatten sich schon vor Stunden verabschiedet und läuteten das Wochenende in einem der zahlreichen Gourmetrestaurants ein. Grace hatte wie sooft dankend abgelehnt, sich ihnen anzuschließen. Das ständige Gefühl, den Aufgaben nicht gerecht zu werden, bewog sie abermals, sich in die Arbeit zu vergraben. Allerdings wollte es ihr nicht gelingen, sich zu konzentrieren. Eine unangenehme Unruhe hatte sie seit der letzten SMS ihres Freundes Tyler erfasst. Es war weniger seine Nachricht, als vielmehr ihre spärliche Reaktion, die sie im Nachhinein nervös werden ließ. In Emojis ausgedrückt hätte sie ebenso einen genervten Teufel senden können. Daraufhin hatte er nicht geantwortet. Ihr heimlicher Wunsch, sie dennoch zu überzeugen, wurde nicht erfüllt.
»Du bist unmöglich, Frau Chefredakteurin«, murmelte sie vor sich hin, als sie die Antwort zum wiederholten Mal las. Die blauen Häkchen verrieten, dass Tyler sie gelesen hatte. Unschlüssig, ob sie einlenken sollte, war sie aufgestanden und ging in die Kaffeeküche, um sich einen Tee zu kochen. Düster blickte sie auf die schmutzigen Tassen und Gläser, die auf der Spüle standen. »Sauhaufen!« Ärgerlich begann sie das Geschirr in die Spülmaschine einzuräumen. »Das wird Montag definitiv ein Thema für das Morgenmeeting.«
Sie öffnete die Dose mit ihrer Lieblingsteesorte. »Das gibt’s doch nicht!« Mit einem Scheppern stellte sie die leere Blechdose in den Schrank zurück. Da sie keine Lust auf einen anderen Tee verspürte, nahm sie einen Becher, füllte den mit Leitungswasser und lehnte sich an die Anrichte. Ihr Nacken fühlte sich verspannt an. Mit einigen Kopfbewegungen versuchte sie, dem zu erwartenden Kopfschmerz vorzubeugen. Die eleganten Pumps begannen zu drücken. Ihre Füße zeigten sich wenig erfreut, zwölf Stunden in eine unnatürliche Form gepresst zu sein. Kurzerhand schlüpfte sie aus den Schuhen. Ihre cremefarbene Seidenbluse hatte jegliche Frische verloren. Als würde man sie beobachten, prüfte sie, ob sie unter den Achseln nach Schweiß roch. »Zumindest riechst du nicht, wie du dich fühlst«, grummelte sie und ging zurück in ihr Arbeitszimmer.
Sie trat an das Fenster und ließ den Blick über die mit unzähligen Lichtern erhellte Gasse schweifen. Von der Straße drang das Stimmengewirr der Menschen zu ihr durch. Besonders an den Wochenenden suchten viele Besucher den Stadtbezirk auf und drängten sich in die Klubs und Bars.
In Grace breitete sich ein bleiernes Gefühl der Leere aus. Eine Einsamkeit, die sie überwunden geglaubt hatte. Mit einem Seufzer setzte sie sich in den Bürostuhl, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Ohne es zu merken, spielte sie unablässig an der langen Kette aus echten dunkelgrauen Perlen. Ein Geschenk von Tyler.
Warum entwickelte sich das Verhältnis zu ihm so problematisch? Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Auf der romantischen Schlittenfahrt zu Weihnachten hatte sie ihm versprochen, die Eislady zu begraben. Es hatte ein gemeinsamer Neubeginn werden sollen, nachdem sie sich auf abenteuerliche Weise nach Jahren erneut begegneten. Bereits an der Universität waren sie ein Paar gewesen. Es war damals eine komplizierte On-off-Beziehung, die keinen schönen Abschluss fand.
Der erste Abend ihrer bizarren Verzauberung begann sich in ihren Gedanken klar abzuzeichnen. Als öffne sich ein Vorhang in einem Theater und die Akteure betreten die Bühne. Die brennenden Kerzen, die Grace in ihrer Wohnung verteilt hatte, zauberten ein behagliches Licht. Im Badezimmer säumten etliche Teelichter den Rand der Wanne. Der Schaum knisterte in dem bereits eingelassenen Badewasser. Durch das heiße Wasser entstandene Nebelschwaden legten sich auf den Spiegel. Grace wischte ein Stück frei und ihr blickte eine Frau mit leuchtenden Augen entgegen. Sie fühlte sich glücklich und das entspannte ihre sonst üblichen strengen Gesichtszüge. Gegen ihre Gewohnheit verzichtete sie auf ein aufwendiges Make-up. Ihre langen geschwungenen Wimpern waren nicht getuscht, allerdings mit einer Wimpernzange in Form gebracht. Tyler hatte kürzlich erwähnt, dass er ihre Augen liebte und sie von Schminke absehen könnte. Auf den Lippenstift, der ihre wohlgeformten Lippen noch mehr zur Geltung brachte, wollte sie dennoch nicht verzichten. Komischerweise empfand sie sich unfertig, wenn sie keinen benutzte.
Ihrem neuen Lebensgefühl angepasst, hatte sie sich beim Friseur ihres Vertrauens einen legeren Stufenschnitt schneiden lassen. Bei dem Vorschlag die Haare bis zu ihren Schultern zu kürzen, hatte sie gestreikt. Trend hin oder her, das sprengte das Ausmaß ihres Veränderungswunsches. Die größte Überwindung bei dieser Neuerung stellte die Angleichung des Ponys dar. Doch gerade der schmerzliche Abschied gab der Frisur den lässigen Pfiff. Vorbei war die Zeit, in der sie ihre blonde Mähne streng zurückgekämmt, mit einem Knoten am Hinterkopf, stylen konnte.
Am Vortag hatte sie zusammen mit ihrer Freundin Mary in einem exklusiven Fetischladen sündhaft teure Reizwäsche erworben. Ein Body im Vintagestyle, wie ihn Dita von Teese oft auf ihren Fotos präsentierte. Der Clou war die Passform. Das Wäschestück schloss knapp unterhalb des Pos ab und der wohlgeformte Hintern blitzte dezent hervor. Mary hatte darauf bestanden, dass sich Grace echte Nylonstrümpfe kaufte. Mit einer schwarzen Fußspitze und Fußunterseite bis zur Ferse, die sich als Naht an ihrem Bein fortsetzte. Die Strümpfe, die an den Strapshaltern des Dessous befestigt wurden, unterstrichen die weiblichen Formen. »Tyler wird ausflippen, der wird sofort über dich herfallen«, klangen Marys Worte nach, da Grace dem Outfit zunächst skeptisch gegenüberstand. Normalerweise bevorzugte sie schlichte Unterwäsche, die nicht zwickte und sich unter ihrer figurbetonen Kleidung nicht abzeichnete.
Wie gewohnt plante sie das erste Rendezvous mit Tyler akribisch. Perfektion stellte bei dem, was sie anfasste, eine unabdingbare Voraussetzung dar. Da sie ihre Luxusküche eher als Dekoration betrachtete, bestellte sie bei einem Caterer zwei Platten mit leckeren Canapés. Den Gedanken selbst zu kochen hatte sie schnell verworfen. Sie besaß zweifelsohne einige Fähigkeiten, aber diese Gabe war an ihr vorbeigerauscht wie ein ICE. Vielleicht probierte sie es ein anderes Mal aus. Seit sie sich ihre Gefühle zu Tyler eingestanden hatte, schien alles denkbar.
Ihr einwandfreies Zeitmanagement erlaubte es, noch ein paar Minuten zur Ruhe zu kommen. Du bist aufgeregt wie ein Teenager, dachte sie schmunzelnd und goss sich ein Glas Wein ein. Zur Beruhigung! Ich fasse es nicht, mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
Um ihm nicht sofort in der aufreizenden Unterwäsche gegenüberzutreten, saß sie in einem körperbetonten Minikleid am Esstisch und wartete. Sie schaute permanent auf die Uhr und zählte einen stummen Countdown bis zwanzig Uhr. Nachdem die Uhr bereits zehn nach acht anzeigte, holte sie ihr Handy aus dem Flur. Möglicherweise hatte er eine Nachricht geschrieben, um die Verspätung anzukündigen. Der Verkehr in einer Stadt wie London konnte manches Mal nervtötend sein. Es wurde keine SMS angezeigt und sie prüfte umgehend, ob eine Funkverbindung bestand. »Mhhm, alles in Ordnung«, murmelte sie und ging zurück in die Küche. Ihr Blick wechselte zwischen Telefon und Uhr.
Oh Gott, hoffentlich versetzt er mich nicht. Was, wenn er einen Unfall hatte? Etliche Überlegungen ratterten ihr durch den Kopf. Oder ist er noch immer so unpünktlich wie früher? Ich hasse das! Zu der Vorfreude begann sich Ärger zu gesellen. Grace fiel es schwer, nachzuvollziehen, warum er bei ihrem ersten echten Date nicht pünktlich erschien. Sie hingegen wäre niemals verspätet bei ihm eingetroffen.
Seit Weihnachten hatten sie sich vier Mal zum Essen getroffen. Für Grace, die selten ausging, eine wahre Herausforderung. Da zu Beginn des Jahres umfangreiche Aufgaben im Verlag anstanden, eine bemerkenswerte Leistung. Sich die Freiräume zu schaffen, fühlte sich für die arbeitssüchtige Chefredakteurin ungewohnt an - was sie nicht müde wurde zu betonen. Dabei ging es ihr weniger darum, ihre Wichtigkeit im Job zu unterstreichen, sie wollte vielmehr Tyler signalisieren, welche Bedeutung die gemeinsame Zeit besaß. Dennoch schliefen sie nicht miteinander. Beide empfanden den Wunsch, sich langsam wieder anzunähern. Die Vergangenheit sollte nicht länger zwischen ihnen stehen.
Das aufregende Erlebnis im Domizil Lanarkshire, das alles ins Rollen brachte, hinterließ bei Grace einen nachhaltigen Eindruck. Es wühlte sie auf, dass in ihr die Neigung für bizarren Sex schlummerte. Sie hatte sich nach ihrer Rückkehr mit dem Thema BDSM im Internet auseinandergesetzt. Eine typische Herangehensweise für Grace, die jegliches Unbekannte genau ergründete. Die unterschiedlichen Praktiken lösten gemischte Gefühle in ihr aus. Während des überraschenden Aufenthalts in dem Bizarrhotel hatte sie einige Spielarten beobachten können und das Prickeln überwog.
Tyler hörte geduldig zu, wenn sie ihre Erkenntnisse analysierte, und antwortete bereitwillig. Das Gespräch nahm Züge eines Interviews für eine Reportage an.
»Ich habe gelesen, dass ein Mann eine Frau tatsächlich zum …« Sie stockte, da es ihr unangenehm war, die Frage zu formulieren. Anderseits brannte sie auf die Antwort, wie sie hoffte aus erster Hand. »… also, ähm … zum Abspritzen bringt.« Eine leichte Röte durchzog ihr Gesicht und sie ergänzte, um nicht ungebildet zu erscheinen: »Ich habe natürlich Genaueres nachgelesen.«
»Natürlich.« Seine blauen Augen hatten belustigt gefunkelt und um seine Mundwinkel zuckte es.
»Warum grinst du?«
»Weil ich es süß finde, wie du alles genaustens unter die Lupe nimmst.« Das Grinsen wurde breiter.
»Was ist so falsch daran?« Sie hatte sich ausgelacht gefühlt. »Ich muss doch im Bilde sein, was mich erwartet.«
»Ja, es ist immer gut, zu wissen, worauf man sich einlässt.« Es klang im Gegensatz zu seinem Gesichtsausdruck ersthaft. »Die Frage beantworte ich dir gern in der Praxis.«
Mit dem Satz brachte er Grace vollends durcheinander. Jedoch ergriff er zur Beruhigung ihre Hand und strich zärtlich über den Handrücken. Süße Wellen spülten sich durch ihren Körper und die Härchen an ihren Armen stellten sich auf, weil sich eine Gänsehaut anschloss.
»Es ist sehr intim«, murmelte sie. Zum x-ten Mal fühlte sie sich wie eine verklemmte Frau ohne sexuelle Erfahrung. »Aber das ist für mich schwer nachvollziehbar. Also, es passiert durch entsprechende Stimulation …«
»Psst!« Er beugte sich über den Tisch und legte ihr den Finger auf den Mund. »Bitte mache dir nicht so viele Gedanken.« Er schaute sie liebevoll an. Grace atmete tief ein. »Es wird sich alles ergeben.« Einer seiner unzähligen Versuche, ihr die Anspannung zu nehmen.
 Grace verspürte trotzdem eine unterschwellige Furcht, ob sie Tylers Leidenschaft zur bizarren Erotik befriedigen konnte. Bei ihren Gesprächen kam deutlich zum Ausdruck, dass er eine Beziehung damit verknüpfte. Er vertrat die Meinung, dass er nicht auf eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollte, die diese Neigungen nicht erfüllte. Klare Worte, die Grace verunsicherten. Andererseits imponierte ihr die Haltung. Sie liebte Menschen, die wie sie keine Kompromisse eingingen.
Es war ungewöhnlich, dass sie ihre Gedanken und Ängste mit ihm teilte. In der Regel sprach sie nicht über ihre Sorgen oder Gefühle. Sie hatte im Vorfeld mit sich gerungen. Die mahnende Stimme ihres Gewissen, sich an ihre Neujahrsvorsätze zu erinnern, gewann schließlich Oberhand. Sie entschied, nicht bereits im Januar die gefassten Entschlüsse zu ignorieren. Auch ihr Herz riet ihr zur Offenheit. Wie eine sanfte Melodie flüsterte es: »Ich möchte nicht wieder traurig und allein schlagen. Ich wünsche mir, dass die Mauer um mich einstürzt.« Zum Einsturz war es noch ein langer Weg, aber kleine Mauerspechte hatten mittlerweile mit der Arbeit begonnen. Und wer weiß, vielleicht stürzte der Schutzwall ein. Sie verband die Hoffnung, dass Tyler die Geduld aufbrachte. Dem versuchte sie nicht im Weg zu stehen und alles dafür zu tun.
Bei dem letzten gemeinsamen Restaurantbesuch vor ihrer Verabredung in Grace' Wohnung rückte sie mit der Sprache heraus. »Ich bin mir nicht sicher, ob das was für mich ist. Es könnte ja sein, dass an jenem Abend nur die außergewöhnliche Atmosphäre dazu beigetragen hat …«
»Grace!« Tyler hatte ihre Hand genommen. Das spitzbübische Lächeln war verschwunden. »Ich möchte, dass du es fließen lässt. Es ist kein Projekt, das du steuern kannst.«
Sie hatte gespürt, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss.
»Es ist ein Spiel der Lust, etwas, was man gemeinsam erlebt und genießt.«
»Was aber, wenn ich es nicht mag?« Sie kam sich in der Sekunde unreif vor.
»Ich bin überzeugt, du wirst es mögen!« Dabei hatte er sie durchdringend angesehen.
Durch Grace rauschte wieder einmal eine heiße Welle. Seine Gegenwart wirkte auf sie wie ein Brandbeschleuniger.
»Ich werde dich, wenn du es zulässt, in diese Welt mitnehmen.«
»Schöne Worte«, murmelte sie und umklammerte Tylers Hand. »Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann, das hast du an unserem ersten Abend bewiesen.«
»Ohne Vertrauen wird es nicht funktionieren«, fuhr er fort.
»Ja.« Sie seufzte leise. »Der Gedanke, mich fallen zu lassen und nicht bestimmen zu können, was mit mir passiert, ist seltsam.«
»Grace, es ist mir bewusst, dass es dir schwerfällt die Kontrolle abzugeben. Das ist gegen dein Naturell.«
»Aber ich will es versuchen.« Sie schaute ihn an und ein Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet. Kaum hörbar ergänzte sie: »Dir zuliebe.« Die zwei geflüsterten Worte kamen einer Liebeserklärung gleich.
»Du bist eine wundervolle Frau.«
Grace blickte ihn überrascht an und in ihrem Bauch flatterten viele Schmetterlinge.
»Eines musst du mir versprechen.« Es klang unerwartet mahnend. »Ich möchte nicht, dass du etwas zulässt, was du nicht magst, oder schlimmer noch, was dir zuwider ist. Ich kenne dich, und der Wunsch nach Perfektion macht auch vor deinen Gefühlen nicht halt.«
»Ich habe dir auf der Schlittenfahrt versprochen, dass ich die Eislady begraben will. Um das zu erreichen, gehören Kompromisse dazu.« Grace wunderte sich einmal mehr, welche Worte über ihre Lippen kamen.
»Das weiß ich.« Tyler zwang sie mit seinem Blick, ihn anzusehen. »Ich finde es schön, dass du versuchst, den Vorsatz in die Tat umzusetzen, aber es wird dir nur gelingen, wenn du authentisch bleibst.«
»Vermutlich hast du recht.« Sie spielte nervös an ihrem Ring. Ein Schmuckstück, das sie niemals ablegte. Es war ein Geschenk ihres Bruders Jamie, den er zur Abschlussprüfung zum Goldschmied selbst entworfen und angefertigt hatte. Ein Erinnerungsstück von unschätzbarem Wert.
»Ich wünsche mir, dass du, wenn wir uns lieben und zusammen eine Session erleben, abschaltest und dich deinen Gefühlen hingibst.«
Darauf hatte sie geschwiegen. Sie konnte ihm nichts vormachen. Ob es daran lag, dass sie sich von früher kannten und ein Paar gewesen waren? In ihrer Studentenzeit hatten sie sich emotionale Schlachten geliefert. Obwohl es bereits lange Jahre zurücklag, bestand zwischen ihnen eine Vertrautheit, die insbesondere Grace überraschte. Widerspruch wäre einer Rechtfertigung gleichgekommen, denn es entsprach der Wahrheit.
Selten gelang es ihr, die Seele baumeln zu lassen. Irgendetwas ratterte immer durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich an eine Situation, die in keiner Komödie hätte besser dargestellt werden können. Lustvolles Stöhnen des Mannes in höchster Ekstase, das Klatschen nackter Haut. Sie hatte es bis zu dem Moment genossen, bis ihr abrupt einfiel, dass sie vergessen hatte, an ihren Boss eine Mail zu schreiben. Nichts Dramatisches oder etwas, das die Existenz des Verlages bedrohte - nein, eine banale Information. »Stopp«, hatte sie gerufen und er hatte sie mit gerötetem Gesicht angesehen. »Ich muss schnell was erledigen!« Ohne den geringsten Funken Schamgefühl oder sich der Absurdität bewusst zu sein, sprang sie auf, um den Gedanken in die Tat umzusetzen. Kurze Zeit später fiel die Wohnungstür mit einem lauten Knall ins Schloss. Den Mann hatte sie nie wiedergesehen.

Mittelweile zeigte die Uhr einundzwanzig Minuten nach acht. »Das akademische Viertel ist nun auch vorbei«, brummte Grace und goss sich ein zweites Glas Wein ein. Gern hätte sie es heruntergestürzt. Die Erinnerung an ihren ersten Abend im Bizarrhotel ließ sie jedoch innehalten. Unter keinen Umständen wollte sie ihm betrunken gegenübertreten. Wie sie Verspätungen hasste. Mit zusammengekniffenen Lippen starrte sie auf die Canapés, die sie am liebsten in den Mülleimer geworfen hätte.
Endlich klingelte es und sie zuckte zusammen. Gedanklich hatte sie mit Tylers Erscheinen abgeschlossen und begonnen, Rachepläne zu schmieden. »Na warte«, brummte sie, festen Willens ihm deutlich zu sagen, dass sie sein Verhalten unverschämt und respektlos empfand. Sie riss die Wohnungstür auf und baute sich im Türrahmen auf. Über ihrer Nasenwurzel zog sich eine Zornesfalte.
»Was fällt dir eigentlich ein?«, polterte sie umgehend los. »Es ist kurz vor neun!« Zur Untermalung tippte sie mit dem Finger auf ihre Armbanduhr. »Ich hasse Unpünktlichkeit.« Das letzte Wort betonte Grace besonders scharf und spie es ihm förmlich entgegen.
»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, erwiderte er gelassen und lächelte charmant.
Seine Ruhe fachte Grace' Wut zusätzlich an. »Kannst du nicht Bescheid geben? Ich sitze hier rum und …«
Unerwartet packte er sie, zog sie heran, griff in ihre Haare und zog den Kopf in den Nacken. Seine Augen funkelten sie an. Grace, von der Reaktion völlig überfahren, verschlug es die Sprache. Augenblicklich vibrierte ihr Körper. »Ich weiß, du bist richtig sauer, aber ich habe es nicht früher geschafft.« Der Ton klang ungewohnt dominant. »Es ist alles andere als ein gelungener Auftakt für einen gemeinsamen Abend.«
Grace schluckte und spürte, wie ein fremdes Gefühl in ihr aufstieg. Eine Kombination aus Respekt und einem Funken Angst. Das, was sie jedoch am meisten irritierte, zeigte sich in Form eines höchst stimulierenden Prickelns. Was, wenn er sofort wieder ging? Nein, nein, das wollte sie auf keinen Fall. »Entschuldigung«, murmelte sie kleinlaut.
»Geht doch«, erwiderte er mit einer süffisanten Stimmlage. »Die Verlegenheit steht dir gut.«
Sie nickte und ihre Wangen glühten. Allerdings glühten nicht nur die, sondern ihr gesamter Körper stand innerhalb von Sekunden in Flammen. »Dafür existieren Handys …« Ihre klägliche Gegenwehr galt vielmehr ihren aufkommenden Empfindungen und weil sie immer gern das letzte Wort hatte.
»Selbstverständlich gibt es die«, raunte er. »Aber es scheint dich zu erregen, wenn ich dir verdeutliche, dass dein Verhalten unangemessen ist.«
Woher weiß er das?
Als wisse er um ihre Gedanken, ergänzte er: »Du stehst unter einer wundervollen Anspannung.«
»Oh!« Zu mehr kam sie nicht. Die Leidenschaft, mit der er sie küsste, verwandelte ihre Knie in Pudding. Sie konnte es nicht länger leugnen: Sein Auftreten hatte sie erregt. Eine Welle der Lust durchzog Grace, als er mit der Zunge durch ihre Ohrmuschel strich.
»Ich habe übrigens ein paar schöne Dinge mitgebracht, die deine Geilheit anheizen und mir sehr viel Freude bereiten dürften.«
»Oh«, murmelte sie erneut. Erst jetzt fiel Grace ein silberfarbener Trolley auf, der neben ihm stand. In einem ihrer Gespräche hatte er den Koffer und dessen Inhalt erwähnt. Scherzhaft hatte sie es als Mobiles Dominastudio bezeichnet.
»Ich schlage vor, du lässt mich zunächst hinein. Oder sollen wir die hübschen Sachen hier im Treppenhaus ausprobieren?«
Grace schüttelte mit dem Kopf.
»Also, ich habe keinerlei Probleme damit. Ich genieße es, wenn ich meine Gespielin öffentlich ausstellen kann.«
»Nein, lieber nicht«, erwiderte Grace leise. Rational gesehen wusste sie, dass er ihr lediglich verbal drohte, aber ihr Kopfkino startete. Sie sah sich nackt an das Geländer gekettet. Die Augen verbunden und einen Knebel im Mund. Sie hörte, wie der alte Mr Smith von gegenüber die Tür seiner Wohnung aufschloss und sie beobachtete. Kein reizvoller Gedanke. Vermutlich würde er einen Herzinfarkt erleiden. »Nein, nein, komm rein!« Sie löste sich blitzartig aus Tylers Griff und zog ihn in ihr Appartement. Mit klopfendem Herzen lehnte sie sich gegen die Tür.
Tyler trat nah an sie heran, sodass sie seine Erregung spürte. Sofort erinnerte sie sich an sein gut gebautes Stück und wie er sie - auch damals schon - gnadenlos gefickt hatte. Was geht in mir vor, dachte sie verwirrt. Aber sie wollte sich dem aufregenden Gefühl nicht entziehen. Im Gegenteil: Sie sehnte sich nach mehr!
Lustvoll rekelte sie sich und schloss die Augen. Er roch unverschämt gut. Ihre Brustwarzen stellten sich auf. Widerstandlos und bereit für alles, was er von ihr verlangte, wehrte sie sich nicht. Mit ihrer Zunge strich sie sich über die Lippen und fuhr sich mit der Hand durch ihre Haare. Am liebsten hätte sie sich angefasst. Ihre Nippel schrien förmlich nach einer Berührung. Er packte ihren Arm und drückte sie fester gegen die Tür. Der harte Griff und sein erregtes Atmen ließen sie aufstöhnen. Fick mich, verdammt, besorge es mir! Sprichwörtlich schmolz sie wie heißes Wachs in der Sonne.
Unvermittelt wandte er sich von ihr ab. Habe ich was falsch gemacht? Sie öffnete die Augen und schaute in ein schmunzelndes Gesicht. Sofort straffte sie sich und versuchte sich zu sammeln.
»Geschmackvoll.« Tyler musterte ihre Wohnung. Nicht mit einem einzigen Wort erwähnte er die Szene. »Hast du etwas zu trinken?«
Grace starrte ihn an. Was hatte das zu bedeuten? Fand er sie nicht reizvoll? Hatte sie Mundgeruch? Schnell hauchte sie auf ihren Handrücken. Nein, alles in Ordnung. »Ähm, ja.« Ungelenk ging sie ins Wohn-Esszimmer. Ihre Beine fühlten sich wackelig an. »Was möchtest du? Wein, Sekt oder ein Bier?« Ihre Wangen glühten. Hastig stürzte sie einige Schlucke Wein herunter.
»Ein Glas Rotwein.«
Eilig holte sie eine Flasche aus der Küche. Lässig setzte sich Tyler und beobachtete sie, wie sie den Rotweinkelch füllte und sich darauf konzentrierte, nichts zu verschütten. »Das ist ein ganz besonderer Tropfen aus Spanien. Eine Freundin von mir hat dort ein Weingut.« Ihre Worte überschlugen sich, die Hände zitterten vor Erregung oder Aufregung, genau konnte sie es nicht deuten.
Tyler zog sie an sich heran und lächelte. »Du bist so sexy!«
Erleichterung breitete sich in Grace aus. Schlagartig wurde ihr klar, dass sein Verhalten Teil des Spiels war. Sie stellte die Flasche auf den Tisch und sank auf die Knie.
Liebevoll streichelte er ihr über den Kopf. »Es ist schön, wie du genießt!«, sagte er.
Grace hob ihren Blick und eine kleine Träne kullerte die Wange herunter. Es war wenig, im Grunde nichts passiert, doch sie hatte sich ihm ergeben gefühlt. Ein aufregendes Erlebnis, das sie in dieser Sekunde realisierte. Abermals gelang es ihm, ein Stückchen der Eislady aufzutauen. Das war magisch! Es dauerte einige Minuten, bis sie sich gefangen hatte.
Tyler strich weiterhin sanft über ihre Haare. »Die neue Frisur steht dir gut.«
Sie wunderte sich, dass er das registrierte. Die meisten Männer bemerkten einen Besuch beim Friseur nicht. »Ja, danke. Ich dachte, es wäre mal an der Zeit.«
»Erstaunlich, wie sich Veränderungen äußern.« Es schwang eine Nuance Nachdenklichkeit in seiner Stimme mit.
Grace stand auf. Sie spürte einen leichten Schwindel. »Magst du die Häppchen probieren?«, fragte sie, um ihre emotionale Verfassung zu überspielen.
»Nein, mein Interesse ist gerade anders gelagert.« Tylers Blick ruhte auf ihr. »Ich will deinen Körper genießen.«
Grace schaute ihn an und ein Gefühl der Zuneigung durchflutete sie. Ja, sie wollte sich ihm hingeben, egal was er von ihr forderte. »Ich wünsche es mir auch.«
Ihre Kehle fühlte sich trocken an. In ihr tobte eine Mischung aus prickelnder Vorfreude und Beklommenheit vor dem Neuen. Das Spiel der bizarren Lust, welches sie bis ins Detail theoretisch auseinandergenommen hatte, setzte sich fort. Tyler reichte ihr die Hand. Sie griff danach und spürte, wie er sie sanft streichelte. Eine minimale Geste, die sie beruhigte.
»Was ist mit dem Koffer?«, fragte sie leise.
»Später …«
Sie führte ihn in ihr Schlafzimmer.
»Wie ich sehe, hast du dir viel Mühe gegeben«, lobte er sie, als er einen Blick in das Badezimmer warf.
Verschämt nickte Grace. »Übertrieben?«
»Durchaus nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass du später ein heißes Bad genießen wirst.«
Auweia, was plant er? Wird es so heftig, dass ich mich davon erholen muss?
Ihre Gedanken abermals erratend, fuhr er fort: »Es ist ein schöner Ausklang.«
Oje, bin ich aufgeregt.
»Hast du Angst?« Ein Schmunzeln umspielte seinen Mund.
 »Ein bisschen«, murmelte Grace. Mein Gott, du bist gerade meilenweit von der coolen Chefredakteurin entfernt.
»Erinnere dich an unsere Gespräche und was ich dir gesagt habe.« Tylers Stimme klang ruhig. »Es gibt keinen Anlass zur Beunruhigung. Lass dich fallen. Es wird ein aufregendes Erlebnis.«
»Ich versuche es.« Grace' Sorge vor dem Unbekannten schwand immer mehr. Sie erinnerte sich an eine Szene, die sie auf dem Landsitz beobachtet hatte. Die Vertrautheit zwischen einem Paar hatte sie nachhaltig beeindruckt. Der Mann hatte seine Partnerin mit verbundenen Augen durch den Raum geführt. Sie musste ihm bedingungslos vertrauen.
Tyler legte sich auf das Bett. Grace stand unsicher vor ihm und wusste nicht, was sie tun sollte. »Ich möchte, dass du dich ausziehst.« Entspannt verschränkte er die Arme hinter dem Kopf. »Ich möchte den Anblick genießen.«
Obwohl sie sich ihres Körpers nicht schämen musste und er kein Fremder war, erfasste Grace ein Schamgefühl. Die neue Situation verwandelte sie in ein schüchternes Mäuschen. Tyler forderte sie mit einem Blick auf, seinem Wunsch zu folgen. Es herrschte absolute Stille. Die dezente Beleuchtung vermittelte eine behagliche Atmosphäre. Grace empfand es als große Erleichterung, sich in ihrer Wohnung zu befinden. An einem ungewohnten Ort wäre es für sie weitaus schwieriger geworden, sich dem zu stellen. Sie öffnete den Reißverschluss am Rücken. Zum Glück sind deine Arme beweglich und du musst dich nicht verrenken. Eine unangenehme Vorstellung, wenn sie ihn um Hilfe bitten müsste. Das Kleid glitt über ihren Körper auf den Boden.
»Sehr sexy, ich bin begeistert«, flüsterte er und Grace bemerkte, wie sich seine Hose immer mehr ausbeulte. »Du bist eine Augenweide.«
Obwohl sie Komplimente dieser Art kannte, empfand sie es als Geschenk.
»Da hast du dir ein schönes Wäschestück ausgesucht und wie gewohnt Stil bewiesen. Ich schätze es, wenn sich meine Gespielin Mühe gibt.«
Eine Äußerung, die sie bei jedem anderen Mann als Frechheit bewertet hätte. Bei ihm spürte sie prickelnde Erleichterung. Ihre Erregung begann kontinuierlich von ihr Besitz zu ergreifen.
»Ich vermute, du bist ganz feucht.«
Sollte sie jetzt mit »Ja, mein Herr« antworten? Aber diese Formulierung brachte sie nicht über ihre Lippen. Sie beschränkte sich auf ein Nicken.
»Komm zu mir. Ich möchte, dass du dich vor das Bett kniest.«
Es ist gegen dein Naturell, schossen ihr Tylers Worte durch den Kopf. Einen Moment zögerte sie, folgte jedoch der Bitte.
»Nimm die Hände auf den Rücken.«
Da sie dem nicht umgehend nachkam, wiederholte er den Satz in einem sehr nachdrücklichen Ton.
»Willst du mir folgen und dich meinen Anweisungen ergeben oder beabsichtigst du, an das anzuknüpfen, was du beim Öffnen der Tür losgelassen hast?« Das Funkeln seiner Augen ließ keinen Widerspruch zu. Tyler setzte sich auf die Bettkante und legte eine Hand unter ihr Kinn. Dabei fixierte er sie unablässig. »Es ist hinreißend, wie du innerlich bebst.«
Grace biss sich auf die Lippen. Es fiel ihr schwer, trotz der Geilheit zu entspannen. Die Erinnerung an das weihnachtliche Erlebnis löste jedoch wieder eine heiße Welle aus. Sie wollte loslassen!
Mit seinen Fingerspitzen berührte er Grace' Hals und strich langsam über ihr Dekolleté bis hin zu ihren Brüsten. Es kribbelte. Der Träger des Dessous rutschte die Schulter herunter. Lustvoll begann er ihre Brüste zu massieren. »Deine Nippel spiegeln die Erregung.« Mit zwei Fingern kniff er in die Warze. Es fühlte sich stimulierend an. Er intensivierte den Druck und spielte nun mit beiden Händen an ihren Brustwarzen. Grace stöhnte leise. Ihre Vagina pochte und die Schamlippen schwollen an. Er beugte sich vor und ließ einen Finger seitlich in ihre Spalte gleiten. »Geiles Stück.«
»Ja«, hauchte sie und konnte nicht verhindern, dass sich ihre Atmung beschleunigte.
»Leg dich in Rückenlage auf das Bett.« Er erhob sich und Grace gehorchte. »Spreize deine Arme und Beine und rühre dich nicht.« Mit der Aufforderung verließ er den Raum.
Er holt den Koffer! Mit ihrer Vermutung lag sie richtig. Sie hörte das Klacken der Verschlüsse.
»Nimm deine Arme über den Kopf.« Mit einem weichen Seil fesselte er ihre Handgelenke. »Da es keine Möglichkeit gibt, dich zu fixieren, erwarte ich, egal was passiert, dass du die Position nicht veränderst.«
Grace' Herzschlag erhöhte sich.
»Das gilt ebenso für die gespreizten Beine.«
Grace ahnte, dass es eine schwierige Herausforderung wurde, da ihr Körper vor Aufregung bebte.
Mit einer Augenbinde schickte Tyler sie in eine prickelnde Dunkelheit. Ein unglaubliches Erlebnis zeichnete sich in dieser Sekunde ab. Zum ersten Mal fühlte sie sich bereit für einen wirklichen Neuanfang!

Irgendein ein Geräusch riss Grace aus ihren Erinnerungen. Sie rieb sich mit den Händen über das Gesicht und schaute auf die Uhr. Die Motivation, die unerledigten Arbeiten zu schaffen, war mit dem Rückblick auf das Erlebte verschwunden. Seufzend beschloss sie, nach Hause zu fahren. Die bleierne Schwere ihres Gemüts übertrug sich auf ihre Glieder. Hatte sie es wieder einmal vergeigt? Warum gelang es ihr nicht, das, was so verheißungsvoll begonnen hatte, fortzuführen? Tyler war ein Mann, der sie glücklich gemacht hatte. Wieso schaffte sie es nicht, ihrem alten Muster der Zerstörung zu entkommen? Sie wusste darauf keine Antwort.