BDSM Romane über geheime Leidenschaften

 

1. Kapitel

 

»Der Julimond schien außergewöhnlich hell. Die große runde Kugel überstrahlte alles! Um sich zu finden, muss man manchmal den seltsamen Strömungen folgen. Aber mit dem Beginn einer neuen Dekade wird auch das gelingen! ENDE«

 

 Seufzend klickte Anna auf das kleine Kreuz, das das Dokument schloss. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie für die Korrekturen ihrer Lektorin doch erheblich mehr Zeit als angenommen benötigt hatte. Es war ruhig und dunkel, nur Annas Schreibtisch war ausgeleuchtet. Ihre schwarze Katze Momo sprang mit einem vorwurfsvollen Maunzen ebenfalls auf, als Anna sich erhob und reckte. Die vielen Stunden vor dem Computer, um ihren neuesten Roman endgültig fertig zu stellen, hatten ihre Glieder steif werden lassen. Doch der Verlag hatte die Abgabe bereits angemahnt, so war der Bestsellerautorin nichts Anderes übrig geblieben, als eine Nachtschicht einzulegen. Ihr neuester Roman „Faelis Julimond“ versprach bereits im Vorverkauf, wieder ein Erfolg zu werden. Diese tiefgründigen Beziehungs- und Liebesromane mit sozialkritischem Hintergrund verkauften sich hervorragend. Seit Jahren rangierten die Bücher von Sophie Preston, so ihr Pseudonym, auf den Bestsellerlisten und konnten auch bereits im europäischen Ausland in mehreren Sprachen erworben werden. Ihre Geschichten berührten Leser und Kritiker weit über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus.

 

»Ja Süße, ich werde dir dein Nachtfresschen gleich bringen«, sagte Anna, trat an das Fenster und blickte hinaus in die Nacht. Durch die Lichtverhältnisse spiegelte sich ihr Antlitz im Glas. Sie war eine große schlanke Frau mit einer sportlichen Figur. Für ihre 35 Jahre war sie überdurchschnittlich trainiert, was letztendlich den regelmäßigen, manchmal auch den obsessiven, Besuchen im Fitnessstudio geschuldet war. Gedankenverloren öffnete sie ihren Haarknoten, da dieser plötzlich begann, unangenehm am Hinterkopf zu drücken. Es hatte in diesem Moment etwas Befreiendes, als sie ihre lange dunkelrote Mähne aufschüttelte. Anna öffnete das Fenster und atmete die kalte Oktoberluft ein. Vor einem Jahr war sie in einen beschaulichen Ort in die Eifel gezogen, hatte sich ein kleines, wie sie es nannte, ‚Hexenhäuschen‘ gekauft und sich ihre Insel der Ruhe geschaffen.

 

Der Blick verlief sich in der Nacht, nur die Konturen der Bäume waren zu erkennen, die sich im Wind wiegten. Keine Lichtquelle unterbrach dieses Schwarz. Auch war es still – keine Geräusche, die in einer Stadt auch in der Nacht nicht verschwanden, waren zu vernehmen. Wieder überkam sie diese Melancholie. Eine Zeit lang hatte sie dieses Gefühl unter anderem darauf zurückgeführt, dass, wenn ein Roman abgeschlossen war, sie sich von den Protagonisten verabschieden musste. Es war so, als trenne man sich von guten Freunden, die einen über einen gewissen Zeitraum intensiv begleitet hatten. Der Gedanke war ihr gekommen, weil dieses Gefühl insbesondere in diesen Momenten auftauchte und einige Tage anhielt. Aber als diese leise Traurigkeit immer öfter in ihr waberte, erkannte sie, dass dies nicht der wahre Grund sein konnte.

 

 Anna schloss das Fenster, um ihrer fordernd miauenden Katze das angekündigte Futter zu geben. In der großen Wohnküche sprang der Vierbeiner auf die Anrichte, stupste sie mit dem Köpfchen an und veranstaltete einen Tanz, als sei er kurz vor dem Hungertod. Anna stellte den gefüllten Napf auf den Boden, und mit einem Schnurren begann Momo, sich darüber herzumachen. Sie war froh, dass die kleine Katze ihr Leben teilte. Aus diesem Grund hatte sie in ihrem fertig gestellten Roman einer Katze eine tragende Rolle eingeräumt, eine Hommage an ihre Mitbewohnerin. Ein anderer Mitbewohner, gar einer mit zwei Beinen, kam für Anna nicht in Betracht. Es war nie ein Thema gewesen, dass sie mit Carl, der gleichzeitig auch ihr Agent war, zusammen wohnen könnte. Unabhängig davon wäre er auch nie aufs Land gezogen. Er liebte den Trubel und residierte in der Kölner Innenstadt, immer nah am Geschehen, wie er zu sagen pflegte. Kopfschüttelnd hatte er damals zur Kenntnis genommen, dass sie sich dieses Haus hatte kaufen wollen.

 

Das war nur einer von vielen Gegensätzen, trotzdem waren sie schon seit Jahren ein Paar. Es war Gewohnheit, praktisch, nett, man arbeitete erfolgreich zusammen und man konnte ab und zu Sex haben. Er tat sich schwer, sie zu besuchen, ihm sei das alles zu kompliziert. Begehren sah anders aus. Anna schüttelte den Kopf, griff nach einem Weinglas und schenkte sich einen Rotwein ein. Dieser würde sie beruhigen und besser einschlafen lassen. Obwohl es ein langer Tag gewesen und es nun fast zwei Uhr in der Nacht war, hatte sie das Gefühl, nicht einschlafen zu können. Auf ihren geliebten dicken Flauschsocken huschte sie über den Dielenboden, der leise knarrte, zurück in ihr Arbeitszimmer.

 

 Ob sie noch schnell einmal ins Internet gehen sollte? Möglicherweise gab es Neues auf seiner Seite? Diese wundervolle Website, die sie nun schon seit Wochen regelmäßig besuchte … Aber sie beschloss, davon Abstand zu nehmen, denn dies würde wieder eine schlaflose Nacht bedeuten und sie zu sehr aufwühlen. Stattdessen besann sie sich darauf, das Manuskript an Carl zu mailen, damit er es am nächsten Morgen zeitig weiterleiten konnte.

 

Zur Entspannung hatte Anna sich in ihrem gemütlichen Arbeitszimmer in einer Ecke einen Relaxbereich mit einer großen Matratze und vielen Kissen und Decken geschaffen, der den Blick über die großen Galeriefenster in die weite Landschaft freigab. Ebenso versprachen die hohen Giebeldecken den nötigen Freiraum, um sich geistig frei entfalten zu können. Dieser Raum war der Auslöser für den Kaufimpuls gewesen. Seufzend ließ sie sich in die weichen Kissen sinken und nippte gedankenverloren an ihrem Rotwein.

 

Warum nur war sie so unzufrieden und trug diese sanfte Traurigkeit in sich? Ihr Leben war schon seit einigen Jahren mit Sternenstaub gesegnet und es lief alles wunderbar. Schnell war es ihr möglich gewesen, als Autorin ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Zwar war sie als Schriftstellerin bekannt, aber nicht in dem Ausmaß, dass man sie ständig auf der Straße angesprochen hätte. Spannende Reisen zu Lesungen, die Zusammenkunft mit vielen interessanten Menschen, all das waren Dinge, von denen sie immer geträumt hatte. Letztendlich war sie glücklich gewesen, mit Carl zusammengekommen zu sein. Er war ein erfolgreicher Literatur- und Medienagent und sah gut aus.

 

Aber im Grunde war er ein Näheflüchter – er war unnahbar. Anna hingegen war ein impulsiver und höchst sensibler Mensch, der auch gern ab und zu explodierte, seine Gefühle auslebte. Da traf kühler Pragmatismus auf geballte Emotionen. In geschäftlicher Hinsicht war er für Anna eine Bereicherung, denn er war für alle Verhandlungen zuständig und sie hatte ihm einen großen Teil ihres Erfolgs zu verdanken. Carl hatte Sophie Preston inszeniert und ihr ein perfektes Image, das die überwiegend weiblichen Leserinnen sehen wollten, verpasst, die besten Verträge ausgehandelt, sie mit wichtigen Menschen zusammengebracht. Aber das war nun einmal nur die eine Seite der Medaille.

 

Anna Engel und Carl Hoffmann in trauter Zweisamkeit waren Langeweile pur, ebenso der Sex mit ihm. Anfangs schien er noch bemüht, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen, doch mit den Jahren wurde daraus schneller und fantasieloser Sex. Die Tube Gleitgel war ein stummer Zeuge. Fünf Jahre langweiliger Sex waren schon eine Hausnummer. Doch über eine Trennung hatte Anna nie nachgedacht. Sie wollte dieses Thema nicht über die wichtigen Dinge des Lebens stellen.

 

 Wie viele Debütanten hatte Anna vor circa sechs Jahren ihren ersten Roman mutig an Verlage und Agenturen geschickt. Es begann diese, wie sie es nannte „Tippel-Tappel-Tour“, die durch Ablehnung und Nichtbeachtung hohe Frustrationswellen auslöste. Wenn sie eine Antwort erhielt, dann in der Regel eine standardisierte Absage. ´Sie solle es nicht persönlich nehmen` und ähnliche Floskeln wirkten wenig aufbauend. Es war für die junge Autorin schmerzhaft, zu erfahren, dass man ihr Manuskript für nicht vermittelbar hielt. Um sich einen Überblick über Debütromane zu verschaffen, kaufte Anna einen Stapel Erstlingswerke, die die Hürde der gestrengen Lektoren überwunden hatten und im Bücherregal der Buchhandlungen standen.

 

In einem dieser Bücher stieß sie auf eine Danksagung der Autorin, die ihren Agenten in höchsten Tönen lobte. Dieser habe mit viel Engagement alles daran gesetzt, ihr zu helfen und nun dürfe sie dieses Buch in den Händen halten. Diese Danksagung klang für Anna verheißungsvoll, und da diese Agentur noch nicht auf ihrer Liste stand und erfreulicherweise auch noch in Köln ihren Geschäftssitz hatte, recherchierte sie im Internet, wurde fündig und nutzte die Option eines vorherigen telefonischen Kontakts. Carl Hoffman klang nett und aufgeschlossen. Kurz nachdem sie die Leseprobe und das Exposé versandt hatte, erhielt sie eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch.

 

 Das war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere. Manchmal war sich Anna nicht sicher, ob Carl mehr von ihr oder ihren Büchern begeistert gewesen war. Mit dem Erscheinungstermin ihres ersten Romans wurden sie auch ein Paar. Lächelnd erinnerte sich Anna daran, wie er ihr die erste Druckausgabe in Rosen gebettet zu Füßen gelegt hatte. Doch mit der Zeit ließen seine Bemühungen nach, da er sich ihrer sicher war. Carl war kein einfühlsamer Liebhaber und Partner, aber das rückte für Anna in den Hintergrund … bis jetzt!

 

Tausende Gedanken huschten ihr durch den müden Kopf. Wann hatte sie sich das letzte Mal sexuell richtig ausgefüllt und befriedigt gefühlt? Eine Antwort konnte sie sich nicht geben. Eine tiefe Sehnsucht nach etwas nicht Greifbarem füllte sie immer mehr aus. Ein tiefer Seufzer untermauerte diese geheimnisvolle Sehnsucht. Diese Bilder, die sie so faszinierten, begannen langsam, von ihr Besitz zu ergreifen. Ein letzter Schluck Rotwein und plötzlich wurden die Bilder deutlich …

 

 Eine Frau kniete auf dem Boden, ihre Haltung wirkte demutsvoll. Bekleidet war sie nur mit einer festgeschnürten Unterbrustcorsage, ihre intime Mitte war blank, aber dafür trug sie ein breites Lederhalsband mit einem Ring – dem Ring der O. Ein Mann, stattlich von seiner Erscheinung, stand direkt vor ihr. Sie konnte ihn spüren, sein Atem kitzelte auf ihrer Haut. Sein Gesicht blieb ihr jedoch verborgen. In seiner Hand hielt er eine Kette, diese führte zu dem Halsband der Frau. Ein Ruck und sie spürte den Druck auf ihrer Kehle – er zog sie zu sich heran. Seine Hand fasste unter ihr Kinn und automatisch legte sie den Kopf in den Nacken. Alles an ihr bebte. Das, was dieser Mann in ihr auslöste, war so fremd und intensiv. Erste kleine Schweißtropfen breiteten sich über ihren Körper aus. Zwischen ihren Schenkeln pochte es. Eine nicht gekannte Welle der Lust und Begierde durchflutete jede Faser.

 

Seine dunkle und ruhige Stimme sagte zu ihr: »Bist du bereit?«

 

Ein lauter Seufzer als Antwort genügte und der Zug an ihrem Halsband wurde fordernder. Den Blick gesenkt und zitternd wartete sie – Anna – auf das, was da passieren würde – was er – ihr Dom – mit ihr tun würde. Sie war für alles bereit! Das Bedürfnis, alles für ihn zu tun, damit er mit ihr zufrieden wäre, wuchs ins Unermessliche. Jede Pein, jede Demütigung - alles würde sie ertragen.

 

Die Gewissheit, dass dies nur mit einer gewissen Form des Schmerzes einherging, ließ sie lustvoll erzittern. Denn wenn er ihr diesen Lustschmerz zufügte, würde sie es genießen. Mit der gebotenen Verantwortung – denn ER würde nie etwas tun, was ihr schadete. Er würde sie und sich an die Grenzen führen – doch die Grenzen waren fließend. Was für Grenzen? Gab es überhaupt Grenzen, wenn man in dieser Form begehrte? – Dieses Wort wurde bedeutungslos. Der Zug an dem Halsband wurde fester, das Atmen fiel schwerer – doch wozu brauchte man Luft, wenn man seinem Herrn dienen konnte? Diese Klammern, die er an ihre aufgestellten Brustwarzen setzte, brannten höllisch, und es war kaum zum Aushalten. Schmerz und Lust verbanden sich.

 

»Mein Herr, ohh Gott, mehr davon«, hörte sie sich leise stöhnen.

 

Stumm dirigierte er sie in die gewünschte Position. Kniend, der Oberkörper auf dem Boden, der Kopf seitlich, die Leine straff gespannt, lag sie vor ihm. Ihre intime Mitte präsentierte sich offen und nass – streckte sich ihm entgegen. Der straffe Zug an ihrem Halsband beschränkte ihre Luft. Sie spürte seine Hände auf ihrem Po. Sanft waren seine Berührungen, wie er über ihre verführerischen Rundungen strich. Doch plötzlich ein Klatschen, ein fester Hieb traf ihren Hintern. Lustvolles Seufzen, das nach mehr verlangte. Feste Schläge, die das süße Brennen auslösten! Das Gefühl von Hingabe überschritt bislang alles Bekannte. Plötzlich blitzte eine Beschreibung auf, welche sie unter einem Gemälde einmal gelesen hatte. Dieses Bild zeigte ein inniges Liebespaar. „Hingabe ist die Haltung des Herzens, in der alles Leben, Sein und Haben als fortwährendes Geschenk gegeben ist. Wahre Hingabe ist höchste Hingabe des Willens, die sich über alles erstreckt, was wir sind und haben, zu jeder Zeit, an jedem Ort, bei allen Beschäftigungen, Gedanken und Gefühlen!“

 

Was für wundervolle Worte, die genau beschrieben, was sich tief in ihrer Seele abspielte.

 

 Plötzlich drang ein lautes Geräusch, gleich einem Schrei, an ihr Ohr. Panisch schlug Anna die Augen auf und sie blickte in zwei grüne leuchtende Punkte. Was war das? Für eine Sekunde wusste sie nicht, wo sie war, völlig benommen von den intensiven Traumbildern, aus denen sie so unsanft gerissen worden war.

 

»Momo, menno«, grummelte Anna, als sie erkannte, dass es kein Überfall Außerirdischer war, sondern lediglich der morgendliche Futteralarm. Der vorwurfvolle Blick wurde durch ein noch vorwurfsvolleres „Miau“ eindrucksvoll unterstrichen. Sie seufzte laut und hasste ihre Katze in diesem Moment. Verschlafen rollte sie sich auf die Seite und kauerte sich klein zusammen, die Decke über den Kopf gezogen. Als sie ihre Hände in ihren Schritt legte, spürte sie, wie durchnässt ihr Höschen war.

 

»Oh Gott, was ist das denn?«, murmelte sie leise vor sich hin und merkte, dass ihre Wangen glühten. Dieser Traum war so aufregend erregend gewesen und hätte nie enden dürfen. Noch für einen Moment versinken, ein bisschen träumen, dieses Gefühl nachklingen lassen. Doch das unbarmherzige Trampeln, die Pfote des Grauens, die sich geschickt durch die Decke an ihren Schopf vortastete, machte ein weiteres Eintauchen in das Geträumte unmöglich.

 

»Mann Momo!«, mit einem lauten Aufschrei sprang sie hoch und die Katze galoppierte, sich des Sieges gewiss, voraus in die Küche. Müde und mit verspannten Gliedern folgte Anna ihr. Die Uhr zeigte 10.30 Uhr an.

 

»Oh je, schon so spät«, murmelte sie und ihr Blick fiel auf das Handy, das sie gestern Abend in der Küche hatte liegen lassen. Fünf Anrufe in Abwesenheit und zwei Chatnachrichten, alle von Carl.

 

„Sag mal, wo bist du denn? Du hast mir gestern Nacht die Mail ohne Anhang geschickt!“, war da zu lesen.

 

Ein großer Schrecken durchjagte ihren Körper. Wie hatte das passieren können? Nun dankbar, von ihrer Katze geweckt worden zu sein, füllte sie zügig den Napf und rannte zurück ins Arbeitszimmer, um diesen Fauxpas auszugleichen.

 

Zwei Minuten später klingelte ihr Telefon und Carl war am anderen Ende der Leitung. Seine Stimme klang gereizt.

 

»Wo hast du denn wieder deinen Kopf? Ich kriege hier die Krise!«, polterte er statt einer Begrüßung sofort los.

 

Anna, die sich immer noch benommen fühlte, stammelte eine schmale Entschuldigung heraus. »Es tut mir leid, es war schon so spät.«

 

»Auch wenn du Bestsellerautorin bist, hast du dich an Regeln zu halten. Es gibt Termine, die einzuhalten sind«, wetterte er weiter.

 

Anna seufzte, sie konnte seine Art gerade nicht ertragen. »Ich sagte doch bereits, dass es mir leidtut!«, blaffte sie plötzlich zurück. »Dadurch geht die Welt nicht unter.«

 

»Die Welt geht nicht unter, aber ein Stab von Verlagsmitarbeitern hat auch noch andere Dinge zu tun, als auf dein Manuskript zu warten.«

 

Anna verdrehte die Augen und äffte ihn stumm nach.

 

»Von mir mal ganz schweigen. Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen, und das nervt.«

 

»Ja, ja«, seufzte sie ins Telefon. Nein, sie wollte nicht wieder mit Carl eine Grundsatzdiskussion über Terminplanung und dergleichen führen. »Können wir dieses Thema auf später verschieben?« Sie verspürte einen immensen Drang, das Gespräch zu beenden, sich immer noch allen realen Dingen in ihrem Leben zu entziehen.

 

»Kommst du heute noch in die Stadt?«, fragte er versöhnlicher. Er kannte Anna und wusste um ihre Zerstreutheit. Es hatte manchmal auch etwas Liebenswertes, zum Beispiel, wenn sie die Strümpfe falsch herum trug. Sie war eine Chaotin, die viele Dinge verschusselte und er war für sie da, um diese gerade zu rücken. Elementare Dinge, wie eine Steuererklärung pünktlich abzugeben, würden ihr ohne seine Hilfe niemals gelingen. Somit wähnte er sich in Sicherheit was ihre Beziehung anging. Denn natürlich spürte er, dass es nicht mehr harmonisch zwischen ihnen lief, dass sich das Verhältnis abgekühlt hatte. Ihm war allerdings erst vor Kurzem aufgefallen, dass sich Anna verändert hatte.

 

An dem Tag vor einigen Wochen, als sie zusammen vor dem Fernseher saßen und er plötzlich Lust auf Sex bekam und versuchte, sie ebenfalls zu animieren. Es war nie ein Problem gewesen, denn Anna war eine Frau mit einer großen Libido. Doch an diesem Abend kam es zu einer Auseinandersetzung über die Art, wie sie bislang Sex hatten. Was hatte sie ihm vorgeworfen? Er sei einfallslos und emotionslos. Diese „08-15“-Nummern würden ihr nichts geben und sie verzichte lieber darauf.

 

Das hatte ihn bis ins Mark getroffen. Ohne ein weiteres Wort hatte er seine Wohnung verlassen, war ziellos durch die Stadt gefahren, um dann bei einer Prostituierten seinen aufgestauten Frust loszuwerden. Seit Jahren hatte er solche Dienste nicht mehr in Anspruch genommen, fand es unangemessen, da er sich in einer Beziehung befand, hätte es als Betrug an Anna gesehen. Doch an jenem Abend war es ihm egal, da er vermutete, ein anderer Mann stecke hinter ihrem Verhalten. Die Hure gab ihm an diesem Abend die Bestätigung, die seine Partnerin ihm absprach. Er hatte die junge Frau über eine Stunde hart und in allen möglichen Stellungen gefickt, bis er endlich kam. Danach stellte sich jedoch ein fader Beigeschmack ein und er verließ fluchtartig das Bordell.

 

Seit diesem Abend beobachtete er Anna argwöhnisch, konnte aber nichts herausfinden, was auf einen anderen Mann schließen ließ. Verwundert darüber, dass sie akribisch den Chronikverlauf ihres Internetbrowsers zu löschen schien, nahm er sich vor, herauszufinden, welche Internetseiten sie besuchte. Allerdings gestaltete sich das schwierig und er war bislang noch kein Stück weiter gekommen, auch weil er nicht die Notwendigkeit sah, zu viel Energie in dieses Vorhaben zu stecken. Zumal Anna sich bei ihm entschuldigt hatte und sie kein weiteres Wort mehr darüber verloren. Sie schliefen auch wieder miteinander. Da siegte sein ausgeprägter Pragmatismus.

 

»Ich weiß es noch nicht«, hörte er Annas Stimme in seine Gedanken hinein sagen. »Ich bin ziemlich kaputt, es war eine lange Nacht.«

 

»Liebes, kein Problem. Ruhe dich aus, und ich melde mich später noch einmal bei dir.«

 

Anna, erleichtert, dass das Gespräch nicht weiter eskalierte, stimmte ihm zu und wischte über den roten Hörer auf dem Display ihres Telefons, sodass die Verbindung getrennt wurde.

 

 Da das Wetter sich für einen Oktobertag ausgesprochen mild und sonnig präsentierte, beschloss sie, eine Runde zu joggen. Joggen half ihr, den Kopf frei zu bekommen, sich zu sortieren, im Schreibprozess neue Kreativität zu finden und dann wieder entspannt fortzufahren. Heute galt es jedoch, diesen intensiven Traum aus ihren Gedanken zu verbannen. Das, was sie heute Nacht gefühlt hatte, war so real gewesen. Noch nie war sie davon so eingenommen worden. Als sich ihr Tempo eingependelt hatte, die Schritte einen ruhigen Rhythmus fanden, kreisten ihre Gedanken um das, was sie in den letzten Wochen umtrieb.

 

Ihre Unzufriedenheit hatte sich in dem Streit mit Carl mehr als deutlich gezeigt. Doch sie konnte nicht sagen, was ihr fehlte. Zärtlichkeit? Mehr Begehren seinerseits? Abwechslung bei den Praktiken? Anna hatte das Gefühl, dies seien nicht die Antworten. Planlos hatte sie vor Wochen begonnen, im Internet herum zu surfen. Sie suchte nach etwas, um ihrer Unzufriedenheit einen Namen zu geben. Irgendwann war sie auf Seiten, die das Thema BDSM behandelten, gestoßen. Eine Form der Sexualität, die sie bislang ausschließlich aus Sicht eines devoten Mannes wahrgenommen hatte.

 

Nun las sie plötzlich von Frauen, die sich Männern hingaben, die darin die höchste Befriedigung fanden. Das, was sie da lesen konnte, berührte sie. Es hatte plötzlich am ganzen Körper gekribbelt. Sollte das der Schlüssel sein? Die Antwort, nach der sie suchte? Immer wieder versuchte sie, sich vorzustellen, ob Schmerz und Demütigung sie sexuell erregten. Doch der richtige Kick hatte sich nicht einstellen wollen – bis sie auf seine Website gestoßen war! „The Voice of Sir A.“- das, was sie da zum ersten Mal sah, hatte ihr Blut in Wallung gebracht.

 

Ästhetische Fotos in Sepia von Frauen in Posen, die die pure Lust signalisierten. Frauen, deren Körper von Seilen umspielt wurden, die sie jeglicher Bewegung beraubten. Jedes Foto war eine Inszenierung der Lust, des unendlichen Begehrens, körperlich wie geistig. Jedes Bild wurde durch einen tiefgründigen Spruch, eine Aussage, die so perfekt zu dem Dargestellten passte, untermauert, dass es in ihr ein Feuerwerk der Lust auslöste. Fasziniert war sie vor dem Bildschirm haften geblieben. Jede einzelne Seite hatte ihre Faszination für sich. Doch der Höhepunkt war, als sie auf die persönliche Vorstellung des geheimnisvollen Sir Antony gestoßen war. Sein Gesicht blieb weiterhin verborgen. Man konnte lediglich Konturen seines Körpers erkennen, die auf Größe und Kraft schlossen. Doch noch mehr berührten sie die Worte, die sie förmlich aufgesogen hatte:

 

„Mein Leben als Herr ist ein Geschenk und ich bin mir der Verantwortung bewusst, die ich gegenüber meiner Gespielin habe. Ich bin dafür verantwortlich, dass es ihr gut geht. Die, die sich in ihrer Lust und ihrem Schmerz mir ergibt, gilt es zu schützen. Ich werde sie auffangen, sie lehren und ihr zeigen, wie sie an diesem Leben wächst. Denn Führerschaft ist eine Sache der Intelligenz, der Menschlichkeit, aber auch der Strenge.

 

Doch ich erwarte, dass sie sich bemüht, dass sie das, was in ihr schlummert, freigibt. Den Impulsen folgt, die sie inspirieren. Das Schönste, was sie erleben kann, ist das Geheimnisvolle. Um die Wirklichkeit zu begreifen, sollte sie auf das hören, was ich noch verschweige. Und solange die Sehnsucht ihre Seele nährt und nicht die Erfüllung, wird sie das höchste Glück erfahren!“

 

Bei diesen Worten waren Anna die Tränen über die Wangen gelaufen. Es war, als öffne sich plötzlich ein Tor und sie konnte aus der Dunkelheit ins helle Licht hervortreten. Diese Worte lösten etwas aus, was tief in ihrer Seele verborgen war. Etwas, von dem sie keine Ahnung hatte, dass es in ihr schlummerte.

 

Die Seite verfügte über die Möglichkeit, sich in einem Forum und Chat aktiv einzubringen. Anna hatte sich angemeldet und als Nicknamen „Perlentaucherin“ ausgewählt. In diesem Namen sah sie eine große Affinität zu ihren Gefühlen. Denn die Taucher mussten lange Strecken in den Tiefen des Meeres zurücklegen, um die begehrten Schätze hervorzuholen. Das taten sie meist auch ohne Sauerstoffflaschen, sondern hielten für diese Zeit die Luft an. Eine beachtliche Leistung. Doch der Lohn war eine Perle, die wertvoll und wunderschön war. Würde sie es auch schaffen, diesen Schatz zu bergen? Ihre Gefühle an die Oberfläche zu transportieren?

 

 Bislang hatte sie nur als stumme Zuschauerin die Geschehnisse auf der Seite beobachtet. Doch als sie ihre Laufrunde beendet hatte, unter der heißen Dusche stand und das Wasser wohltuend über ihren Körper plätscherte, fasste sie einen Entschluss.

 

Sie loggte sich auf der Plattform ein und klickte auf den Thread „Vorstellung“. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die für sich richtigen Worte gefunden hatte:

 

„Ich möchte mich heute bei euch vorstellen und in dieser wundervollen Community aktiv mitwirken - mich mit euch austauschen, über dieses Gefühl, welches in mir schlummert. Mein Nickname verrät meine große Unsicherheit. Vielleicht finde ich hier die Perle meiner Sehnsüchte. Meine kleine Vorstellung möchte ich mit den Worten von Hans Kruppa enden lassen: Folge deinen Impulsen, solange sie dich inspirieren. Verwirkliche deine Ideen so lange sie dich begeistern. Lebe deine Gefühle solange sie leben. Entdecke dich so lange du lebst.“

 

Als sie den Text abgeschickt hatte, fühlte sie sich befreit, aufgeregt und voller Tatendrang, das, was von ihr so viel Besitz einnahm, nun mit anderen gleichgesinnten Frauen zu teilen. Kurze Zeit später poppte eine Benachrichtigung über eine Antwort auf ihren Beitrag auf.

 

Neugierig schaute sie auf den Namen und ein Schauer durchlief sie.

 

Sir Antony schrieb: „Schön, dass die Perlentaucherin sich nun endlich aus den Tiefen hervorwagt. Herzlich Willkommen!“