Erotischer Kurzroman aus der Welt des BDSM

 1. Eiskalte Rückblicke

 

Die fröhliche Stimme der Radiosprecherin löste bei Grace einen Tobsuchtsanfall aus. »Alle diejenigen, die aktuell im Schneechaos Richtung Glenshee auf der M 74 stehen, muntern wir mit den Klassikern der weihnachtlichen Popmusik auf …« Umgehend schmetterte Walking in the Winter Wonderland über den Äther. Der Texter des Songs hatte vermutlich niemals stundenlang im Winter bei Schnee­treiben festgesteckt, davon war Grace überzeugt.

 

»Fuck!«, fluchte sie laut und schlug auf das Lenkrad ihres Wagens. »Ich werde verrückt!« Was für ein nerviger Beginn ihres Weihnachtsurlaubs. Für die Etappe von London nach Glenshee benötigte sie bei normalen Witterungsverhältnissen ungefähr neun Stunden. Die hatte sie mittlerweile überschritten und noch nicht einmal Glasgow erreicht. Aber passte das nicht in das Durcheinander der letzten Zeit? Wenn es mal schlecht läuft, dann richtig, dachte sie genervt. Normalerweise wäre sie niemals auf die Idee gekommen, die Strecke mit dem Auto zurückzulegen. Die spontane Entscheidung des gestrigen Tages hatte jedoch zur Folge, dass alle Flüge ausgebucht waren oder unverschämt teuer angeboten wurden. Grace stand dem Weihnachtsfest und dem damit verbundenen Kommerz skeptisch gegenüber. Aus Protest boykottierte sie den überhöhten Preis für das Flugticket. Diese Weigerung bereute sie mittlerweile.

 

In der Regel plante die Chefredakteurin der Modezeitschrift Fashion Lady ihre Reisen frühzeitig und minutiös. Selten geriet die gewissenhafte Frau in Zeitnot. Geschweige denn, dass etwas in ihrem beruflichen Leben nicht geradeaus lief. Das Redaktionsteam bezeichnete sie gern als wandelnden Ter­minkalender mit gigantischen Erinnerungsfunk­tionen. Der Aufmerksamkeit der Grace Middleton entging nicht das Geringste. Die Verantwortlichen des Verlags schätzten diese Eigenschaft sehr, was ihr zu einer beachtlichen Karriere verhalf. Durch ihr Engagement erreichte die Printauflage von Fashion Lady in kurzer Zeit erfreuliche Auflagezahlen. Auch das Projekt Fashion Girl, das eine jüngere und gut situierte Zielgruppe ansprechen sollte, entwickelte sich positiv.

 

Und nun das! Hätte sie es sich verkniffen, ihren Freund Dexter Hunter aus ihrem Leben zu entfernen, säße sie jetzt gemütlich auf ihrem Sofa, um sich dem verhassten Weihnachtstrubel zu entziehen. Grace verband mit den Festtagen negative Erinnerungen. In ihrer Familie hatte es stets Streitigkeiten gegeben. Von harmonischen Tagen konnte sie gewiss nicht sprechen. Sie hatte als kleines Mädchen nicht nur einmal bitterliche Tränen vergossen, da sie unter den Spannungen gelitten hatte. Wie allen Kindern bedeutete Weihnachten etwas Besonderes. Im Teenageralter war sie dazu übergangen, ihre Anwesenheit auf ein Minimum zu beschränken, und hatte sich in ihrem Zimmer verkrochen. Das traurige Gefühl ließ sich dadurch nicht verhindern, gleichwohl mildern.

 

Aufgrund ihrer beruf­lichen Position war die Abneigung gegen das Fest der Liebe unverändert. Ein Resultat davon, dass sie sich bereits ab August um die Weihnachtsausgabe ihrer Zeitschrift kümmern musste. Sich fünf Monate mit dem Thema zu beschäftigen, zermürbte vermutlich den größten Weih­nachtsfan.

 

»Du dämlicher Mistkerl schaffst es sogar noch im Nachhinein, meine Existenz zu verkomplizieren«, murmelte sie grimmig.

 

Die wirbelnden Schneeflocken bedeckten ihre Windschutzscheibe innerhalb von Sekunden und sie stellte die Scheibenwischer eine Stufe schneller ein. Im Schneckentempo kroch die Blechlawine die verschneite Autobahn entlang. Grace tröstete es kaum, dass sie sich ihren Unmut mit zig weiteren Autofahrern teilte im Gegenteil.

 

»Warum müsst ihr mit euren Familienkutschen einen Tag vor Weihnachten die Reise antreten?« Grace Zorn potenzierte sich von Minute zu Minute.

 

Nervös warf sie einen Blick auf die Tankanzeige. Die Reichweite verringerte sich stetig. Stop-and-go bewies sich als gemeiner Bezinfresser. Um sich abzulenken und um ihrem Ärger Luft zu machen, drückte sie die Freisprechanlage des Telefons. Es dauerte ungewöhnlich lange bis sich eine Verbindung aufgebaute. Gereizt trommelte sie mit den Fingern auf das Lenkrad. In ihr wuchs die Sorge, dass durch das Unwetter die Funkverbindung litt. Kein Internet und keinerlei Telefonverbindung zu haben, stellte für Grace einen unzumutbaren Zustand dar. Die Redakteurin zählte zweifelsfrei zu den Menschen, für die ständige Erreichbarkeit zum Leben gehörte.

 

»Süße, wo steckst du?«, meldete sich die fröhliche Stimme ihrer Freundin Mary. »Wir warten auf dich und haben schon mal den ersten Topf Punsch gekillt!« Die Geräuschkulisse im Hintergrund ließ auf eine ausgelassene Atmosphäre schließen.

 

»Ich stehe im Stau und es wird wohl noch dauern!« Das erhoffte Mitleid blieb aufgrund der alkoholbedingten Stimmung aus.

 

»Och, wie ärgerlich!«, kicherte diese. »Wir heben dir was auf.«

 

»Was gibt es da zu kichern?«, fragte Grace empört.

 

»Gib mal das Telefon«, schallte Mikes Stimme durch den Lautsprecher und die Freundin konnte sich einer Antwort entziehen. Grace verdrehte die Augen. Sie mochte Marys Freund nicht. »Wir wärmen das Bett für dich vor!«

 

»Wie witzig«, entgegnete Grace schärfer als beabsichtigt. Aber seine dummen Sprüche gingen ihr generell auf die Nerven und in dem Moment vervielfachte sich ihre Abneigung. »Außerdem trinke ich keinen Alkohol, das weißt du genau.«

 

»Ach Süße, sei doch nicht so!«, versuchte Mary einzulenken. »Ich freue mich wahnsinnig, dich zu sehen, und hier schneit es überhaupt nicht!«

 

»Was für ein Trost!« Grace gelang es nicht, ihre schlechte Laune zu verbergen. »Na ja, wie dem auch sei, ich wollte nur Bescheid geben, dass es nach Mitternacht wird bis ich ankomme.«

 

»Ich lege dir den Haustürschlüssel unter die Fuß­matte.«

 

»Das ist nett.« Wenigstens war Marys Verstand nicht gänzlich vom Punsch beeinträchtigt. Nicht auszudenken, sie hätte die Hütte erreicht und niemand würde ihr Klingeln hören. Grace hasste betrunkene Menschen. Zu viel Alkohol hieß Kontrollverlust, und das war ein Umstand, welchen sie in ihrem Leben nicht duldete.

 

»Bist du eigentlich traurig, dass das mit Dexter aus ist?«, hakte Mary nun doch rücksichtsvoll nach.

 

Grace seufzte. »Nein, es war überfällig, ihn in die Wüste zu schicken.«

 

»In die Eiswüste«, hörte sie die Stimme von
Mike im Background. »Das passt zur Eislady.« Es folgte allgemeines Gelächter.

 

Wie ich die Kommentare aus dem Off liebe. Grace empfand die Äußerungen als unangemessen. Jedoch verkniff sie sich eine Bemerkung. Sie wollte Mike nicht zusätzliche Vorlagen für seine Sticheleien einräumen. »Ich melde mich, wenn ich abschätzen kann, wann ich ankomme.« Auf die Frage nach ihren Gefühlen antwortete sie nicht. Sie sprach generell nicht gern über ihre Empfindungen, gleich gar nicht in einer Situation wie dieser.

 

»Wir denken an dich«, versuchte Mary sie aufzumuntern. »Dafür wirst du ein paar schöne Tage haben. Die Pisten sind klasse und du kannst endlich abschalten und Spaß haben.«

 

»Vielleicht.« Es klang nicht überzeugend. Ob sie tatsächlich faulenzen wollte und zur Ruhe kam, wusste sie nicht. Ihr Laptop im Koffer signalisierte etwas anderes. Vermutlich würde die Gruppe sie abermals als Spaßbremse sehen. Immer wieder distanzierte sie sich von den feiernden Freunden. Es fiel ihr schwer, sich in eine ausgelassene Stimmung fallen zu lassen.

 

Im Augenblick bereute sie es, zugesagt zu haben. Wenn sie ehrlich in sich hineinhörte, hatte sie zugestimmt, um Dexter zu beweisen, dass auch sie feiern konnte und dass sich nicht alles um ihren Job drehte. Das hatte er ihr gern und regelmäßig in
ihrer zweijährigen Beziehung vorgeworfen.

 

Sie hätten nicht unterschiedlicher sein können.
Er, der smarte Fotograf und Modelscout, sie, die reservierte Geschäftsfrau. Dexter war ein Frauenschwarm, der um seine Ausstrahlung wusste. Es hatte ihr geschmeichelt, dass er sich um sie bemüht hatte und nicht aufgab. Mehr als nur einmal hatte sie ihn zurückgewiesen. Sie spürte, dass er ehrliche Gefühle für sie empfand und das machte ihr Angst. Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit ihm.

 

»Ich werde dich vermutlich verletzen und das möchte ich nicht.« Es war ihre aufrichtige Meinung. Sie mochte ihn als Freund und als Arbeitskollegen. Er hatte ein gutes Händchen für die Auswahl der Models. Sie sorgte sich, einen qualifizierten Freelancer zu verlieren. Zum wiederholten Mal stellte sie ihre persönlichen Interessen hinter die ihres Jobs, denn grundsätzlich war sie nicht abgeneigt.

 

»Ich bin härter im Nehmen, als du glaubst.« Mit einem Schmunzeln wiegelte er ihre Bedenken ab. »Spring über deinen Schatten und genieße das Leben.«

 

»Mit dir?« Sie hatte ihn ausgelacht. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass du mich aushältst.« Obwohl sie es mit einem süffisanten Unterton äußerte, wusste sie, dass es der Wahrheit entsprach. Sie emp­fand sich als beziehungsunfähig und kommunizierte es deutlich.

 

Nach einem nächtlichen Fotoshooting waren sie sich letztendlich doch nähergekommen. Sie hatte ihn nach Hause gefahren.

 

Bevor er ausstieg, sagte er unverblümt: »He Eislady, ich möchte heute mit dir schlafen.«

 

»Was?« Sie hatte ihn entgeistert angesehen. »Das ist echt frech.«

 

Mit einem Schmunzeln konterte er: »Ich weiß, und deshalb wirst du mir heute nicht entkommen.« Ohne weitere Vorwarnung küsste er sie mit einer Leidenschaft, dass es Grace schwindlig wurde. »Du willst es doch auch«, raunte er ihr ins Ohr und knabberte an den Ohrläppchen.

 

Ob er es wusste oder einfach nur Glück hatte
eine ihrer erogenen Zonen zu erwischen, blieb ungeklärt. Ihr ganzer Körper hatte gekribbelt. Obwohl sie sich innerlich sträubte, spürte sie, dass sie sich dieses Mal ihrer Lust nicht entziehen konnte. Er hatte sie regelrecht geil gemacht. Hemmungsloser Sex und gefühlte einhundert Orgasmen läuteten den Beginn ihrer Liebschaft ein. Immer wieder
hatte er sie geleckt, sie mit seinem gutgebauten Schwanz gekonnt stimuliert und zum Wahnsinn getrieben.

 

Tatsächlich schob sie alle Bedenken zur Seite. Anfangs hatte sie gehofft, es würde ihm gelingen, ihrem Privatleben mehr Esprit zu verleihen. Zunächst ließ sie sich fallen und genoss Dexters lockere Lebensart. Ohne es zu merken, verfiel sie nach und nach in ihre kühle und zuweilen abweisende Art zurück. Die Streitigkeiten nahmen zu und sie distanzierten sich von einander. Es wurde eine anstrengende On-off-Beziehung daraus.

 

»Ich hasse diese ganze Scheiße zwischen uns«, hatte er sich immer wieder beklagt.

 

»Dann trenn dich«, schleuderte sie ihm entgegen. »Mir ist das egal. Ich bin wie ich bin.«

 

Unwichtig war er ihr nicht, das merkte sie, als er sie mit einem Model betrog. Sie hatte heimlich Rotz und Wasser geheult. Statt mit ihm über ihre Gefühle zu sprechen, hatte sie abgeblockt, sich jedoch nicht von ihm getrennt. Besonders demütigend empfand sie die Tatsache, dass sie von dem Seitensprung durch den Verlagsbuschfunk erfuhr. Sie sah sich in ihrem Image beschädigt, alles im Griff zu haben.

 

Dexter hatte es mit viel Einsatz geschafft, sie zu besänftigen. »Grace, ich liebe dich und es tut mir unendlich leid«, beteuerte er immer wieder aufs Neue.

 

Sie erinnerte sich noch mit einem Schmunzeln, wie er sich ins Zeug gelegt hatte. In der reumütigen Phase hatte er sich ein Fahrzeug mit einer Drehleiter besorgt und war bis zu ihrem Appartement im dritten Obergeschoss geklettert.

 

Seine Untreue nagte an ihr und ihr Argwohn wuchs. Obwohl sie sich bemühte, konnte sie ihm nicht verzeihen. Warum sie ihn trotzdem bei sich einziehen ließ, wunderte sie selbst am meisten. Er hätte definitiv auf der Straße gesessen. Wer einmal in London eine Bleibe gesucht hat, wird wissen, wie schwer es ist, etwas Bezahlbares zu finden. Vielleicht gab es tief in ihr doch einen weichen Kern.

 

Was als vorübergehende Lösung angedacht war, entwickelte sich zum Dauerzustand. Zunehmend ging ihr Dexters ständige Anwesenheit auf die Nerven, aber sie hatte es laufen lassen. War es Bequemlichkeit gewesen? Ihr Job verlangte ihre vollständige Energie und für private Diskussionen fehlte ihr wie sooft die Kraft.

 

 »Was für eine Scheiße«, kommentierte sie ihre Erinnerungen. In Gedanken versunken bemerkte sie zu spät, dass der Wagen vor ihr abgebremst hatte. Erschrocken tat sie sie genau das Falsche und trat auf die Bremse. Wie in Zeitlupe konnte sie sehen, wie sich ihr Pkw bedrohlich nahe den Rücklichtern näherte. »Nein, nein, nein!«, entfuhr es ihr entsetzt. »Nicht das noch!« Hektisch riss sie das Steuer herum. Die Reifen schienen jegliche Bodenhaftung verloren zu haben. Die Limousine schlingerte hin und her. In der Sekunde, als sie glaubte, auf den Vordermann aufzufahren, bewegten sich die roten Lichter nach vorn und vergrößerten den gefährlich geringen Abstand. Mit Mühe gelang es ihr, das
Auto in die Spur zu manövrieren.

 

Alles an Grace zitterte. Es mussten nur wenige Zentimeter gefehlt haben. Im Geiste hatte sie bereits das dumpfe Geräusch des Auffahrens wahrgenommen. Selbst bei minimaler Geschwindigkeit hörte sich ein Aufprall bedrohlich an.

 

Von Neuem trat Stillstand ein, nichts ging mehr. Erschöpft ließ sie den Kopf auf das Lenkrad sinken. Plötzlich spürte sie einen Kloß in ihrem Hals, ihr Herz raste und es drohte etwas in ihr hochzusteigen, was sie sich lange verboten hatte: Tränen! Geschockt von dem fremden Gefühl, umklammerte sie das Steuer immer fester.

 

»Verdammter Mist, reiß dich zusammen!« Sie stierte wieder durch die Frontscheibe und verfluchte den Schnee. Wieso schneite es ausgerechnet jetzt so heftig? Da redeten die Leute von Klimawandel. Lächerlich!

 

Sie seufzte und drehte das Radio lauter. Die weihnachtlichen Popballaden schlugen ihr schnell aufs Gemüt. Irgendein Depp sah sich bemüßigt, Stille Nacht modern zu interpretieren. Sie liebte und hasste das Lied gleichermaßen. Wie aus dem Nichts hörte sie die Stimme ihrer Mutter. Als Kind hatte sie es geliebt, wenn ihre Mum es gesungen hatte. Warum war sie so unvermittelt aus dem Leben gerissen worden? Weshalb musste sie in einem Flugzeug sitzen, das abstürzte? Dabei hieß es doch, dass die eisernen Vögel das sicherste Verkehrsmittel seien.

 

Die sich häufenden eiskalten Rückblicke verunsicherten Grace. Sie durfte sich unter keinen Umständen davon beeinflussen lassen. »Du bist eine starke Frau und lässt dich nicht von deinen Erinnerungen fertigmachen!« Wie einen Zauberschwur wiederhole sie den Satz mehrmals.

 

 Seit mehr als zehn Minuten stand sie auf der gleichen Stelle. Sie griff zu der Wasserflasche auf dem Beifahrersitz und nahm einen kräftigen Schluck. Anschließend warf sie einen Blick in den Spiegel der Blende. »Siehst du scheiße aus«, murmelte sie. Sah sie schon immer so aus? Müde und mit Augenrändern? Über der Nasenwurzel entdeckte sie plötzlich eine winzige Zornesfalte, die ihr bisher nicht aufgefallen war. Wie schrecklich. Dem musste sie sofort nach der Rückkehr entgegenwirken.

 

Sie drückte die Taste des Telefons und sprach ein Memo auf: »Doktor White anrufen und einen Termin zum Killen vereinbaren.« Sie wusste, dass dieser sie wieder mit einem Kopfschütteln ansehen würde. Er vertrat die Ansicht, dass es rausgeschmissenes Geld war. Aber das interessierte Grace nicht, es war ihr Gesicht und ihre Empfindung. Mit ihren siebenunddreißig Jahren konnte sie stolz auf ihr Aussehen sein. Ihr Perfektionismus machte auch vor ihrem Erscheinungsbild nicht halt. Nahezu pedantisch achtete sie auf ihre Figur und verließ niemals ungeschminkt und gestylt die Wohnung.

 

Dexter hatte sich stets darüber amüsiert, wie sie versuchte, sogar zu Hause perfekt auszusehen. Gestern jedoch war seine Gelassenheit in unverhohlene Ablehnung umgeschwenkt. Das, was er ihr an den Kopf geknallt hatte, glich einer üblen Beleidigung. »Du bist in einem Kokon deines Ehrgeizes und der Eitelkeit gefangen!«

 

Sie hatte ihn verständnislos angesehen und zurückgeschrien: »Die egozentrische Frau hat dich die letzten Monate beherbergt.«

 

»Ja, ich weiß, das hast du mir mehr als einmal sehr deutlich gesagt. Ich kann es nicht mehr hören.« Sein Blick hatte den wütenden Ausdruck verloren und war der Enttäuschung gewichen. »Weißt du eigentlich, warum ich Sex mit anderen Frauen hatte?«

 

»Weil du deine Geilheit nicht zügeln kannst?«, hatte sie gegiftet.

 

»Nein Grace, weil du kalt wie ein Fisch bist.« Dabei hatte er sie durchdringend angesehen. »Zärtlichkeit, Leidenschaft, zügelloser Sex, das sind für dich mittlerweile Fremdwörter.«

 

»Jetzt bin ich auch noch verantwortlich dafür, dass du mich betrügst?« Alles hatte an ihr gebebt und eine unbändige Wut hatte sich in ihr aufgebaut. »Was bildest du dir ein? Soll ich jeden Tag die Beine für dich breitmachen, damit der Herr sich befriedigen kann?«

 

»Siehst du, das meine ich. Und ja, genau genommen habe ich nach etwas gesucht, was du mir nicht geben konntest oder wolltest«, erwiderte Dexter und hörte sich resigniert an.

 

Mit funkelnden Augen hatte sie ihn angesehen. »Das ist typisch Mann. Wenn der Sex nicht passt, dann sucht man sich den eben außerhalb, ohne Rücksicht auf Verluste!« Ihre Stimme hatte einen verächtlichen Klang angenommen. »Warum hast du dich nicht bei einem deiner Flittchen einquartiert?«

 

Dexter schüttelte mit dem Kopf. »Du begreifst überhaupt nichts.«

 

»Was gibt es denn da zu verstehen? Außerdem habe ich dir von Anfang an gesagt, dass ich keine Beziehung führen will.«

 

Es entstand eine kurze angespannte Pause. Dexter holte tief Luft. »Ich habe dich geliebt, auch wenn du es mir nicht glaubst.«

 

»So, tatsächlich? Meine Wohnung, meine Posi­tion, die dich mit Aufträgen versorgt hat, das trifft es wohl eher.«

 

Mit diesen Worten hatte sie sich herumgedreht und den Raum verlassen, da sie es nicht länger aushalten konnte. Wut und Verbitterung breiteten sich aus und drohten sie innerlich zu zerreißen. Aber die Gefühle richteten sich nicht gegen ihn. Sie hasste sich in dem Moment der Erkenntnis. Um sich zu beweisen, dass sie in der Lage war, eine Beziehung zu führen, hatte sie an dem Miteinander festgehalten. War es nicht schlimm genug, dass jeder von seinem Seitensprung erfahren hatte? Eine Trennung wäre einem persönlichen Scheitern gleichgekommen. Der Gedanke, in emotionalen Angelegenheiten erneut gescheitert zu sein, brannte sich verletzend in ihr Ego ein.

 

»Im Austeilen bist du ganz groß!«, rief Dexter hinter ihr her.

 

Schweigend setzte sich auf das Sofa, griff demonstrativ nach einer Zeitschrift und blätterte darin herum. Alle Körperfunktionen waren auf Abwehr und Distanz programmiert. Er war ihr gefolgt, aber sie ignorierte ihn. Sie sah sich außerstande ihn anzusehen.

 

»Nicht einmal jetzt schaffst du es, Gefühle zu zeigen.«

 

In ihr tobten die bösen Geister und bekämpften die sanften Feen, die ihr rieten einzulenken. Langsam hatte sie den Kopf gehoben und sich gezwungen ihn anzuschauen. Ohne dass sie den Satz stoppen konnte, sagte sie tonlos: »Weil ich keine habe.« Sichtlich überrascht von ihren deutlichen Worten brauchte er einen Augenblick, um die knallharte Aussage zu verdauen. Grace kannte ihn, wusste, wie er wirkte, wenn er nachdachte.

 

»Stimmt, und deshalb ist besser, dass ich ausziehe.« Dexters Stimme ließ keinerlei Widerspruch zu.

 

Sobald er einen Entschluss fasste, war es unumstößlich. Auch er konnte konsequent sein. Für eine Millisekunde stellte sich ein trauriges Gefühl ein. Es außer Acht lassend antwortete sie: »Schön, dass du von selbst darauf kommst.«

 

»Du tust mir leid, Grace.«

 

Ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand im Schlafzimmer. Grace verharrte regungslos und ihr Kopf fühlte sich nahezu leer an. Lediglich ein Gedanke breitete sich aus: Wieder einmal war sie gescheitert.

 

Keine fünfzehn Minuten später kam Dexter aus dem Zimmer und hatte zwei Taschen in der Hand. »Meine restlichen Sachen hole ich nach den Fest­tagen ab.«

 

Grace hatte tief durchgeatmet, da sie ihm am liebsten die Zeitung um die Ohren geschlagen hätte. Jede normale Frau wäre aufgesprungen um einzulenken, vor allem so kurz vor Weihnachten. Scheiß auf die Feiertage, brüllten die bösen Geister im Chor. »Das will ich hoffen.« Die emotionslose Seite siegte.

 

»Du hast wirklich keinerlei Gefühlsregung, das ist unfassbar.« Dexter schüttelte den Kopf.

 

»Du kannst dir übrigens im neuen Jahr einen anderen Auftraggeber suchen.« Die Worte kamen mes­serscharf über Grace' Lippen. »Ich möchte dich bei uns nicht mehr sehen.« Sie bemerkte, wie er schluckte.

 

»Wenn du meinst.« Damit hatte er sich herumgedreht und die Tür von außen zugeknallt.

 

 Bei den Gedanken an ihren Streit fröstelte es Grace. War das die gerechte Strafe für ihr Verhalten? Allein im Schneechaos, einen Tag vor Weihnachten, mit einem fast leeren Benzintank? »So ein Quatsch«, wischte sie die abergläubigen Überlegungen weg. »Er hat mich angegriffen und er war derjenige, der mich betrogen hat.«

 

Plötzlich begann ihre Tankanzeige zu blinken und signalisierte, dass es höchste Zeit wurde zu tanken. Grace presste die Lippen zusammen, um nicht vor Wut laut zu schreien. Die Welt schien sich gegen sie verschworen zu haben.

 

Nach quälend langen Minuten im Schritttempo, sah sie ein Ausfahrtsschild. Fieberhaft überlegte sie, ob sie es wagen sollte, die Fernstraße zu verlassen. Es galt abzuwägen, was sich als das kleinere Übel herausstellte. Auf der Strecke gab es in absehbarer Entfernung keine weitere Tankstelle. Mit dem Navi, so ihre Überlegungen, sollte es kein Problem sein. Langsam näherte sie sich der Ausfahrt. »Verdammt, was mache ich nur?« Noch fünfhundert Meter. Grace raufte sich durch ihre blonden Haare. Noch dreihundert Meter. Kurz bevor sie an der Autobahnausfahrt vorbeischlich, setzte sie den Blinker und verließ die Autobahn. Schon nach wenigen Minuten bereute sie ihre Entscheidung. Ein kräftiger Wind wehte von den offenen Feldern über die Straße und türmte die Schneemassen zu kleinen Dünen auf. Unwohlsein breitete sich in Grace aus. Doch an eine Umkehr war nicht zu denken. Unsicher fuhr sie in die menschenleere Finsternis.