Leseprobe online lesen: Dark Romance


1. Kapitel – Davide

Das Gepäckband des Inlandsfluges der American Airlines von Chicago nach Jersey drehte seine Runden und die Passagiere entdeckten einer nach dem anderen ihre Koffer.
Ungeduldig stand ich daneben und kaute an einem Streichholz. Wenn ich eines hasste, war es zu warten, es entsprach nicht meinem Naturell. Eine Hand in der vorderen Tasche der Jeans, wippte ich unablässig mit dem linken Fuß. Durch die Bikerstiefel mit ihren massiven Sohlen entstand ein permanentes Klacken, was einer älteren Dame neben mir offensichtlich nicht gefiel. Sie sah mich mit ihren zusammengepressten, faltigen Lippen mahnend an. Der Typ Gouvernante, Jungfrau bis in alle Ewigkeit, kam mir gerade recht. Langsam wandte ich den Kopf zu ihr, nahm das Streichholz aus dem Mundwinkel, mein Gesichtsausdruck blieb bewegungslos, um sie wie aus dem Nichts mit einem lauten »Buh!« in ihre Schranken zu verweisen. Das Gesicht der Lady wurde blass und mit einem empörenden Kopfschütteln trat sie mehrere Schritte nach hinten. Na geht doch!
Die Gepäckstücke trudelten mit immer größerem Abstand auf dem Fließband ein, meinen Seesack entdeckte ich weiterhin nicht.
»Was für eine Scheiße«, knurrte ich und die bereits im Ansatz vorhandene Zornesfalte vertiefte sich. »Alter, wenn ihr hier nicht gleich in die Gänge kommt ...« Meine Reizschwelle lag ausgesprochen niedrig, was hin und wieder zu Übersprungshandlungen führte, die die Betroffenen im besten Fall lediglich einschüchterten. Schließlich kam ich aus Chicago, der Stadt des Al Capone, der ebenso für seine Impulsivität bekannt gewesen war. Wir Torrios gehörten von Beginn an zu dem italoamerikanischen Mafia-Syndikat der amerikanischen Cosa Nostra in Chicago. Unabhängigkeit und Gleichberechtigung zu den Clans in New York und Jersey verliehen uns eine bis heute unangefochtene, souveräne Stellung. Eine, die ich im Benedetti-Land definitiv ausnutzen würde.
»Na endlich.« Mit einer ausholenden Bewegung griff ich nach dem schweren Seesack und rempelte versehentlich einen Kerl in einem feinen Anzug an.
»Können Sie nicht ein bisschen umsichtiger ...«, begann der Fliegenschiss, sich zu beschweren. Ich zog die Sonnenbrille hoch, kniff die Augen zusammen, was ihn augenblicklich verstummen ließ.
»Wolltest du etwas sagen?« Es war eine Angewohnheit von mir, Personen zu duzen, die ich für unterlegen hielt.
»Nein, nein, alles in Ordnung, Sir.« Kluge Entscheidung. Er wich zwei Schritte zurück und sah dem eigenen Koffer hinterher, der auf dem quietschenden Fließband eine erneute Runde drehte.
Emotional betrachtet, reizte es mich, den Kerl an seiner Krawatte zu packen, um an ihm meine miese Stimmung auszulassen. In dem Fall siegte der Pragmatismus. Sofort Aufsehen zu erregen, verkniff ich mir. Den Grund meines Besuches bewertete ich sowieso als eine Farce und längst überfällig. Baby Jane hatte es tatsächlich geschafft, mich auszuboten und für eine gewisse Zeit vom Radar zu verschwinden. Die Betonung lag auf für eine gewisse Zeit. Niemand entkam Davide Torrio und erst Recht nicht sie. Ich würde sie finden und dann würde es kein Zurück mehr geben – No Way Out, du entkommst mir nicht.
Aufgrund einer zeitlich aus dem Ruder gelaufenen, nächtlichen Pokerrunde, fühlte ich mich müde und kaufte mir am Flughafen einen Energiedrink, den ich mit einem Zug leerte. Mühelos drückte ich die Dose mit einer Hand zusammen, was mir einen irritierten Blick der Verkäuferin einbrachte.
Hätte die Dame meinen Geschmack getroffen, ein idealer Ausgangspunkt, um ein bisschen zu baggern. Bei ihrem Fall fragte ich mich eher, wieso ein Entscheidungsträger eine solche Vogelscheuche auf die Menschen losließ und sie nicht zum Einräumen von Regalen abstellte.
Wortlos wandte ich mich ab, verließ das Terminal, um mir ein Taxi zu nehmen.
Der junge Fahrer nahm mir den Seesack ab und verstaute ihn im Kofferraum. Lässig ließ ich mich auf die Rückbank fallen und fuhr mir mit der Hand durch die Haare.
»Zum The Westin Jersey City Newport.«
»Ja, Sir.« Durch den Rückspiegel warf er mir einen freundlichen Blick zu. Quatsch mich nur nicht an. »Sind Sie mal zur See gefahren?«
»Fahr und labere nicht.« Das Kerlchen bekam rote Ohren und wandte sein Augenmerk auf den Verkehr.
Nach dem Erreichen des Hotels drückte ich ihm beim Bezahlen ein üppiges Trinkgeld in die Hand. Taxifahrer erwiesen sich oftmals als Informationsquelle und so gedachte ich, die anfängliche Unfreundlichkeit auszugleichen. Seine Gesichtszüge erhellten sich und motiviert sprang er aus dem Wagen, um mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. »Herzlichen Dank, Sir.« Erst jetzt fiel mir auf, in was für verschlissenen Klamotten er herumlief, unabhängig davon jedoch einen gepflegten Eindruck hinterließ. Das Kerlchen trug nicht freiwillig die alte Kleidung, er konnte sich nichts Besseres leisten. Von diesen armen Schweinen gab es Tausende. Sie rackerten sich ab und kamen kaum über die Runden. Sofern ich eine Art soziale Ader besaß, dann in solchen Fällen. Es bedurfte keiner großen Menschenkenntnis, dass er am Existenzminimum kratzte. Die beste Ausgangslage, um hier im Benedetti-Land einen ersten Lakaien zu rekrutieren.
»Hast du Familie?«
»Äh ... ja«, erwiderte er verdutzt. »Eine kleine Tochter und wir erwarten unser Zweites.«
Ein Kondom wäre billiger gewesen. Das auszusprechen, sparte ich mir. »Wie sieht es aus, willst du dir ein bisschen Kohle dazuverdienen?«
»Ja ... nein ... weiß nicht«, stammelte er.
»Was? Ja oder nein?« Ich zog die Stirn in Falten.
»Na klar.« Er bekam abermals feuerrote Ohren.
»Wie ist dein Name?« Ich hatte mir ein neues Streichholz in den Mundwinkel geschoben. Das Ding war ein Ersatz für meine heiß geliebten Zigarillos, auf die ich aufgrund des ganzen Nichtraucherwahnsinns an den meisten öffentlichen Plätzen verzichtete. Zumindest, wenn ich nicht an Diskussionen interessiert war. Seit ich denken konnte, widerte mich diese selbstgefällige Obrigkeit an, die mir sogar mit ihren Gesetzen vorgab, wann und wo ich rauchen durfte.
»Ben ... White.« Ein blasser Junge mit einem ebenso faden Namen.
»Entschuldigung«, kam der Page auf uns zu. »Fahren Sie bitte das Taxi weg, hier ist nur Aus- und Einsteigen gestattet.« Er musterte mich kritisch, ihm missfiel offenbar mein legers Outfit aus Jeans, Lederjacke und Bikerstiefel. Den innerlichen Groll zunächst unterdrückend, nickte ich.
»Zwei Minuten.« Meine Stimmfarbe besaß eine unüberhörbare Dominanz, die die entsprechenden Reaktionen auslöste. »Steig ein, wir wollen nicht sofort bei dem Wächter der heiligen Hallen in Ungnade fallen.« Pikiert wandte sich der Page ab. »So, Ben White, hast du was zu schreiben?« Blitzschnell reichte er mir einen Zettel und Stift, die in der Fahrerkonsole gelegen hatten. Ich notierte die Nummer und Ben nahm mit zitternder Hand das Blatt durch das geöffnete Fenster entgegen. »Das ist meine Telefonnummer. Rufe mich morgen Vormittag um Punkt elf Uhr an.« Ein kleiner Test, ob er gewillt war, zuverlässig Aufgaben zu erledigen.
»Ja ... natürlich, Sir.« Ihm war es eindeutig nicht geheuer. Hinter uns hupte ein weiteres Taxi. Zum Zeichen dass er losfahren sollte, klopfte ich auf das Wagendach.
»Seid ihr hier in Jersey immer so hektisch und ungeduldig?«, fragte ich den Pagen, ohne eine Antwort zu erwarten. Kopfschüttelnd schulterte ich den Seesack und betrat die Lobby. Dort herrschte reger Betrieb und ich ließ meinen Blick schweifen. Dass ich nicht zu der golfspielenden Businessfraktion zählte, war unübersehbar. Was mich nicht die Bohne interessierte, denn ich besaß mehr Macht und Geld als vermutlich die meisten Hotelgäste zusammen. Dafür bereitete es mir stets Freude, die konstatierten Gesichtsausdrücke des Personals und der anderen Gäste zu sehen. Ein muskelbepackter und tätowierter Oberkörper, den ich mit Vergnügen in engen Shirts oder Tanktops zeigte, passte für viele nach wie vor nicht in die gehobeneren Kreise der Gesellschaft. Das entlockte mir lediglich ein müdes Lächeln. Ja, ich provozierte liebend gern.

An der Rezeption wurde ich jedoch professionell begrüßt. Endlich mal was Attraktives. Schlank, üppige Brüste, blonde Haare und ein zuckersüßes Gesicht mit vollen Lippen und blauen Augen.
»Davide Torrio, ich habe die Premiumsuite reserviert.«
Die Zuckerschnute schaute im System nach, was mir zu lange dauerte, daher trommelte ich mit den Fingern auf dem glänzenden Marmor des Counters. Ich war müde, hungrig und zu allem Überfluss schmerzten mir die Hoden. Nun bekam ich die Quittung, dass ich den Pokermarathon vorgezogen hatte. Der Anblick der Rezeptionistin machte es nicht besser. Unweigerlich stellte ich mir vor, wie sie mit ihren vollen Lippen meinen Prachtschwanz tief in ihre Mundhöhle schob und daran saugte.
»Ja ... richtig, Mr Torrio. Herzlich Willkommen im Westin Jersey.«
»Hm.« Alter, ich brauche einen Fick.
»Ich sehe, Sie haben bislang kein Abreisedatum bei der Buchung vermerkt.« Da ich sie ungeniert musterte, wurde sie zunehmend nervöser.
»Genau, Mary.« Den Namen hatte ich von dem Schildchen an ihrem Revers abgelesen. Lässig beugte ich mich vor, schob die Sonnenbrille auf die Stirn und lächelte. »Eine vorteilhafte Entscheidung, wenn ich mir Sie so ansehe.«
Sie räusperte sich und ihre Wangen nahmen einen dezenten Rotton an. Wieder einmal bestätigte sich meine ausgeprägte Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht.
»Unabhängig von ihrer reizenden Anwesenheit kann ich derzeit nicht beurteilen, wie lange die Geschäfte hier dauern.« Vermutlich würde ich mein Anliegen zügig erledigen, denn ich war ihr so nahe, wie seit ihrem Verschwinden nicht mehr.
»Okay, ich vermerke das«, erwiderte die Zuckerschnute. »Die nächste Reservierung ist erst in vierzehn Tagen.« Es folgte das übliche Gequatsche beim Einchecken, dem ich nur mit halbem Ohr zuhörte. Meine Interessen bewegten sich in anderen Sphären. Aufgrund des Roomservices wurde zunächst nur eines meiner Bedürfnisse gedeckt. Da ich es mir nur sehr ungern selbst besorgte, benötigte ich angemessene Unterstützung.
»Können Sie mir einen erstklassigen Escortservice empfehlen?«
Zu meiner Überraschung reagierte Mary gelassen, so, als hätte ich nach einem Stadtplan gefragt. Sie zog aus einer Schublade zwei Visitenkarten hervor und schob sie über den Marmor.
»Eine spannende Angelegenheit«, murmelte ich, nachdem ich die Namen der Agenturen erkannte, die meine Jungs bei ihren Recherchen entdeckt hatten. Erwartungsgemäß wurden die Ladys empfohlen, die für den Familienverbund der Benedettis, Parisis und Montis arbeiteten, das zwitscherte mir das Informantenvögelein. Seit die Machtkämpfe der Clans ausgeräumt worden waren, gab es kaum eine Hure, die auf der Halbinsel unabhängig ihren Geschäften nachging.
Die überraschende Verbrüderung vor ein paar Monaten hatte sich bis nach Chicago herumgesprochen. Das allein hatte mein Interesse geweckt, sich hier umzuschauen. Ließen die Schlappschwänze ihre Frauen tatsächlich über Krieg oder Frieden entscheiden? In meiner Stadt wäre dies undenkbar.
Nachdem mir das Vögelein ebenfalls zwitscherte, dass ich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit Baby Jane wiederfinden würde, hatte ich umfassende Recherchen von meinen Männern eingefordert, um so mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu sein. Eine perfekte Vorbereitung betrachtete ich als den halben Sieg.
»Na dann bin ich mal gespannt, ob die Damen meinen Ansprüchen genügen«, murmelte ich.
»Entschuldigung?«, hakte Mary nach.
»Schon gut.« Ich nickte ihr zu. »Mary, haben Sie einen angenehmen Tag.« Mit einem selbstgefälligen Lächeln griff ich in die Innentasche der Lederjacke, zog einen Bündel Geldscheine heraus und legte ihr eine Einhundert-Dollar-Note auf den Tresen. »Kaufen Sie sich was Heißes für Ihren Freund.« Sprachlos und mit puterrotem Gesicht starrte sie mich an. Ihre perplexe Reaktion belustigte mich, schließlich hatte ich sie nicht nach dem Blowjob gefragt, den ich mir bereits in meinem Kopfkino ausgemalt hatte.
»Danke«, presste sie hervor und grinste verschämt.
»Passt schon.« Ich klopfte zwei Mal auf die Oberfläche des Counters.
Mein bislang mäßiger Stimmungspegel stieg sukzessive an. Die Aussicht auf eine Dusche, ein saftiges Steak und ausgiebigem Sex, entsprach exakt dem Verlauf eines entspannten Abends. Um meine abtrünnige Königin würde ich mich ab morgen kümmern.