Leseprobe online lesen: Dark Romance


1.    Kapitel Cesare

Aufmerksam musterte ich beim Betreten meines Striplokals Dirty Dancing 2.0 die Gäste, die sich hier aufhielten. Die Location gehörte zu einem meiner Lieblingsprojekte und öffnete anders als die meisten Lokale bereits um fünf Uhr nachmittags. Der Laden befand sich an einer hervorragend frequentierten Straßenkreuzung in Neptun City, in unmittelbarer Nähe des Shark Rivers und einer Marina. Mit der Übernahme vor knapp zwei Jahren entschied ich mich für ein hochmodernes Design, das eher an einen Tanzclub erinnerte: Verschiedene Bereiche mit drei drehenden Bühnen, die farblich unterschiedlich ausgeleuchtet wurden, stellten den größten Unterschied dar. Die Mädels an den Stangen bewegten sich nach einer einstudierten Choreografie, die mehrmals in der Nacht wechselte.
Ohne Übertreibung behaupte ich, dass wir die geilsten Girls in ganz Jersey aufbieten. Dem Klischee entsprechend hatten die meisten gepimpte Titten, aufgespritzte Lippen und lange Haare. Pole-Dance kombiniert mit einer ästhetischen Stripperformance war körperliche Höchstleistung und das wirkte sich auf die tadellosen Körper aus, die den Männern den Sabber aus dem Mund triefen ließ.
»Hey Boss«, empfing mich Steven, der Türsteher. Ein wahrhafter Hüne, an dem niemand vorbeikam, sofern er es nicht zuließ. Sein martialisches Erscheinungsbild unterstrich er durch die unzähligen Tattoos, einem Tank-Top, das den durchtrainierten Oberkörper eines Bodybuilders zur Geltung brachte, sowie eine Reihe dicker Panzerketten und diverser Lederarmbänder an den Handgelenken.
»Und alles klar?« Unbewusst spielte ich mit meinem Autoschlüssel und ließ ihn durch die Finger gleiten. Zwei Tage waren seit dem Ereignis mit Giuliana in dem Rohbau vergangen. Einen Rechenschaftsbericht meines Vaters gegenüber blieb ich bislang schuldig. Die Entwicklung nervte mich und das spürte das gesamte Umfeld.
»Es gibt Probleme mit einem Mädchen«, meinte Steven und nahm mir damit die Hoffnung auf eine unproblematische Stippvisite.
»Ja?« Sofort zog ich die Stirn in Falten und mein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. »Was genau?«
»Es geht um Lilly, sie hat sich geweigert mit einem Kerl zu vögeln. Es gab Diskussionen, sogar im Beisein des Gastes«, klärte er mich auf. Viele, die sich hier bewarben, nahmen in Kauf, dass sie in extra dafür vorgesehenen Separees auf Anfrage Sexdienstleistungen anboten. Der Fokus lag nicht auf dem Geschäftszweig, aber warum bares Geld verschenken, wenn sich der Bedarf herauskristallisierte?
»Können die Schlampen nicht einmal das tun, was man von ihnen erwartet?« Ärger breitete sich aus. »Und?«
»Sie hat behauptet, dass sie davon freigestellt wurde.« Steven lachte abschätzig und dabei blitzte ein goldener Schneidezahn auf. »Die spinnt.«
»Ich kläre das.« Was für eine Scheiße!, fluchte ich im Stillen. Ich sollte nicht mit minderbemittelten Untergebenen ficken, ich wusste es doch eigentlich besser. Doch der Zwischenfall in Philippes Restaurant und die daraus resultierenden Probleme zogen ihre Kreise. Drei Tage später ließ ich es im Dirty Dancing richtig krachen. Der Champagner floss in Strömen, die Kokslines bedeckten den halben Tisch. Die von mir ausgesuchten Mädels und einige in der Rangordnung ganz unten stehende Soldaten sowie alle meine Captains, die stetig für zufriedenstellenden Umsatz sorgten, lud ich zu der Privatparty ein.
Selten passierte es, dass ich mich derart abschoss. Zu viel Alkohol und Drogenkonsum lassen einen die Kontrolle verlieren. Wenn ich eines hasste, war es diese einzubüßen. Allerdings erinnerte ich mich daran, dass im Rausch Lilly mein Interesse erweckte. Eine sexy Maus, mit der wir bislang keinerlei Probleme hatten. Und nun das!
Mit forschem Schritt suchte ich das Büro auf, in dem ich hoffentlich meinen Geschäftsführer Luca antraf.
Ohne anzuklopfen, betrat ich den verrauchten Raum. Luca saß auf einem Bürostuhl, die Füße lässig auf dem Tisch und fieberte gerade bei dem Spiel der Brooklyn Nets mit, die im Rückstand lagen. »Alter beweg deinen Arsch, los ... ist das zu fassen!« Erregt sprang er auf, nachdem der Ball zu den Gegnern wechselte. Erst jetzt bemerkte er mich.
»Cesare, guck dir die Loser an.« Ständig paffte er an seinem Zigarillo. Es bedurfte allerdings eines einzigen Blicks und sofort stellte er mit einer Fernbedienung den Ton stumm. »Du bist wegen dieser Schlampe hier?« Statt mich dabei anzusehen, haftete Lucas Blick weiterhin auf dem Bildschirm.
»Mach die verdammte Kiste aus«, schnauzte ich ihn an.
»Okay, okay ...« Beschwichtigend hob er die Hände und schaltete das Gerät aus.
»Was ist?« Am liebsten hätte ich mit der Faust auf den Tisch geschlagen oder gegen irgendeinen anderen Gegenstand, um mich innerlich abzuregen.
»Sie hat doch tatsächlich behauptet, du hättest sie davon befreit.« Er brach ebenfalls in schallendes Gelächter aus. »Wie kommt die darauf?«
»Ich habe sie neulich in einem der Separees gefickt und dadurch ist offensichtlich der Größenwahn entstanden.« Genervt ließ ich mich auf einen Stuhl fallen, lehnte mich zurück und streckte die Beine aus. »Spar dir dein dämliches Grinsen.« Es war nicht zu übersehen, dass Luca sich darüber amüsierte. »Eigentlich ist es dein Job, sie wieder auf Spur zu bringen.«
»Das hätte ich auch noch gemacht, aber das Spiel war wichtiger.« Seine Leidenschaft für Basketball betrachtete ich abermals als sehr grenzwertig. Luca hob jedoch die Schultern und war sich keiner Schuld bewusst. Ich verdrehte die Augen. Ich befand mich in einem Irrenhaus. »Ich habe bereits ihre Auftritte gestrichen. Nun sitzt sie heulend in der Garderobe und jammert, dass sie nichts falsch gemacht hat.« Ihm war deutlich anzumerken, wie ihm der Vorfall auf die Nerven ging. »Soll ich sie rausschmeißen? Ex und Hopp?«
Lässig verschränkte ich die Arme hinter dem Kopf und um meine Mundwinkel zuckte es. Urplötzlich verspürte ich Lust, ihr zu zeigen, was es hieß, sich solche Frechheiten zu leisten. Ein süffisantes Grinsen breitete sich aus. »Schau du mal dein Spiel ... ich regele das.«
Ungläubig warf er mir einen Blick zu und stutzte einen Augenblick. Natürlich aktivierte er sofort den Ton. »Yes! Endlich ...«, brüllte er prompt. Seine Mannschaft hatte einen Drei-Punkte-Wurf erzielt.
Wortlos verließ ich das Büro, um der übergeschnappten Tänzerin ihre Grenzen aufzuzeigen. Möglicherweise hatte ich irgendwas in der Richtung in meinem Delirium geäußert. Mein Gott, in einem solchen Zustand sagte man das eine oder andere, was sich später als bedeutungslos erwies. Dummerweise fasste die nicht komplett zugedröhnte Gegenseite dies als Wahrheit auf. Eigentlich sollte die Schlampe hier genug Erfahrung gesammelt haben, dass Männer im Rausch viel reden, aber nichts versprechen.
Mit Schwung riss ich die Tür zur Umkleide der Mädchen auf. Einige hockten um eine heulende Blondine, was mir die Suche erleichterte.
»Schluss mit dem Theater.« Mit grimmiger Miene verschaffte ich mir Gehör. Sofort verstummten sie und sahen erschrocken auf.
»Hier du ...«, ich zeigte mit dem Finger auf die Heulsuse. »Lilly, nicht wahr?«
»Ja«, presste sie mit tränenerstickter Stimme hervor. »Du hast es mir versprochen.«
Eines musste ich ihr lassen, sie bewies Mut. Es entlockte mir dennoch ein Kopfschütteln. »Alle raus hier!« Der Tonfall hätte Papier durchschneiden können. »Zack, zack oder benötigt ihr eine Extraeinladung?« In Windeseile und mit gesenkten Köpfen verließen sie den Raum.
Meine gereizte Stimmung führte dazu, dass ich ein Exempel statuieren würde. Es durfte nicht angehen, dass wenn wir mit einer der Tänzerinnen aus Geilheit vögelten, im Nachhinein solch ein Theater entstand. »Aufstehen!« Der verhältnismäßig harmlose Ärger verwandelte sich mehr und mehr in Wut. »Du bist noch dämlicher als ich dich in Erinnerung habe.«
Mit ängstlichem Blick und devoter Körperhaltung trat sie an mich heran. »Ich dachte, es bedeutet dir was.« Die Schminke lief in farblich unterschiedlichen Rinnsalen über ihr Gesicht. Hübsch war sie, das stand außer Frage, sexy und für den Job perfekt geeignet - das bewertete ich als Pluspunkte.
»Pass mal auf ...« Meine Augen nahmen das gefährliche Funkeln an, ich spürte, wie mich eine plötzliche Kälte überkam. Blitzschnell packte ich sie am Hals und drängte die völlig überraschte Lilly an die Wand. »Du bist nichts weiter als Fickfleisch, ist das klar?« Mit ihren großen blauen Augen starrte sie mich an, außerstande, nur ein Wort hervorzubringen. »Ich will nie, hast du verstanden, nie wieder ...« Dabei hob ich drohend den Zeigefinger. »Nur einen Piep davon hören, dass du dich widersetzt. Mach deinen scheiß Job.« Um meinem Ärger und der Drohung Nachdruck zu verleihen, erhöhte ich den Druck auf ihrer Kehle. Ein geiles Gefühl, sie vor Angst zittern zu sehen. »Wenn du nicht spurst, fliegst du hier raus und glaube mir, du wirst in Jersey und New York keinen Fuß mehr auf die Erde bekommen, klar?«
»Ja ... tut mir leid, ich dachte ...«, krächzte sie. »Es war dumm von mir.«
»Es liegt in deinem eigenen Interesse.« Mit zusammengekniffenen Augen unterstrich ich die Ansage. »Außerdem kann ich dir versprechen, es gibt ein paar Jungs, die sind darauf spezialisiert, Dummchen wie dich zuzureiten.« Ihre Unterlippe zitterte. »Glaube mir, da ist eine schnelle Nummer gegen Kohle hier im Laden ein Kindergeburtstag.«
»Ich werde dich nicht enttäuschen, ich möchte hier weiterarbeiten und mich anstrengen, noch mehr Geld zu verdienen.« Sie wusste genau, dass die Arbeitsbedingungen im Dirty Dancing 2.0, das unter dem Schutz des Benedetti-Clans stand, Sicherheit bedeutete.
Ich ließ los und trat einen Schritt zurück. »Wir behalten dich im Auge.« Sie rutschte an der Wand herunter, antwortete jedoch mit einem Nicken.
Bevor ich die Garderobe verließ, legte ich nach. »Sollte ich mal wieder Bock haben, dich zu ficken, bilde dir nichts darauf ein.« Es hatte mich Beherrschung gekostet, in dem Stadium abzubrechen. Durch meine miese Laune bestand die Gefahr, ihr wahrhaftig wehzutun, ihr einen schlagkräftigen Denkzettel zu verpassen. Aber sein Kapital beschädigte man nicht und Veilchen erwiesen sich nicht als sexy. Da siegte der Pragmatismus.
Was die Geschäfte anging, war ich mir gewiss, dass die kleine Schlampe sich von nun an die Vorgaben hielt. Bei Giuliana allerdings war ich mir nicht so sicher.

Zurück im Lokal bestellte ich mir an der Bar eine Coke. Gedankenverloren wanderte mein Blick hin und her, ohne dass Geschehen wahrzunehmen. Was hatte Giuliana mir vorgeworfen? Ich besäße keine eigene Meinung? Lediglich die Erinnerung an ihre Worte löste eine feindselige Grundstimmung gegen diese Bitch aus. Ihr halbes Leben hatte ich sie nicht wahrgenommen und urplötzlich war sie mehr als nur präsent. Mit ein wenig Abstand betrachtet, gab es nur einen einzigen Grund, warum ich sie nicht getötet hatte. Die Stimme meiner Mutter, die mich unbewusst deswegen mahnte. Der einzige Mensch, der immer noch an meinen verbogenen, verrotteten moralischen Kompass appellieren konnte.
Eigentlich war ich dem Patron unterstellt, ich war an seine Order gebunden. Doch auch mir war aufgefallen, dass er über die Jahre vorsichtiger geworden war und alles aus der Welt schaffte, was sein aktuelles Leben beeinträchtigte. Er hatte sich verändert, das bewies sein rigoroses Verhalten gegenüber seiner Ziehtochter. Familienehre ja, Blut war dicker als Wasser, dem gab es nichts hinzuzufügen. Aber auch Maria Gracia gehörte zu unserer Familie. Ihr hätte Giulianas Hinrichtung das Herz gebrochen. Warum nahm mein Vater dies also in Kauf? Das vor mir hergeschobene Gespräch mit ihm, empfand ich abrupt als überaus notwendig.
Das Klingeln meines Telefons riss mich aus den Gedanken. Wenn man vom Teufel sprach ... Der Lärmpegel erlaubte es, das Telefonat direkt anzunehmen.
»Hallo Vater, ich wollte dich ebenfalls gerade anrufen.«