Leseprobe online lesen: Dark Romance


1    Kapitel Summer Baker

Die Lexington Avenue in Manhattan ist eine der bekanntesten Straßen in New York. Das Chrysler Building, eines der Wahrzeichen der Stadt und bei seiner Fertigstellung 1930 das höchste Gebäude der Welt, zog bis heute neugierige Betrachter an. Ebenso der Ort, an dem die legendäre Szene mit Marilyn Monroe für den Film Das verflixte siebte Jahr entstand. In dieser wird ihr Rock über einem Lüftungsschacht aufgewirbelt, zu jener Zeit ein furchtbarer Skandal.
Schon immer hatten mich solche Details fasziniert, ich wollte die kleinen und großen Geschichten des Orts kennen, an dem ich arbeitete und lebte. Und die Stadt, die niemals schläft, bot mir eine Vielzahl davon.
In den ersten Wochen nach der Einstellung bei der Anwaltskanzlei Wilson, Chapman & Franklin hatte ich täglich vor dem Gebäude gestanden und es respektvoll beäugt. Die Leute hasteten morgens zur Arbeit und die riesigen Hochhäuser mit ihren verglasten Fassaden verschluckten sie, um sie abends wieder auszuspucken. Mittlerweile fünf Jahre später, war es ein lieb gewonnener Teil meines Lebens. Der Job am Empfang lag mir, da ich mit zahlreichen Menschen in Kontakt kam. Mein lebhafter, extrovertierter Charakter bedeutete dabei einen immensen Vorteil. Es bereitete mir keinerlei Probleme, auf Klienten und Besucher zuzugehen und ihre Geschäftsbeziehung mit der Kanzlei so angenehm wie möglich zu gestalten. Selbst wenn der Rechtsstreit zu ihrem Nachteil verlief.
Dass ich inzwischen eine spezielle Rolle einnahm und über fast alles, was sich auf der dreißigsten Etage Zwischenmenschliches abspielte, Bescheid wusste, ergab sich im Laufe der Zeit. Die Kollegen nannten den Eingangsbereich auch Summers Hoheitsgebiet.
Beim Betreten der Räumlichkeiten repräsentierte ich auf den ersten Blick die Anwaltskanzlei. Was mir nicht schwerfiel, denn der liebe Gott hatte mich mit dem Grundpaket klassische Schönheit beschenkt. Zur ultimativen Perfektion verhalfen mir die Kosmetikindustrie und Secondhandboutiquen mit neuwertigen Designerklamotten und Schuhen, die ich mir sonst nicht mehr hätte leisten können. Die Betonung lag in dem Fall auf nicht mehr.
Ich blickte mit gemischten Gefühlen auf diese vergangene Lebensphase zurück. Glücklicherweise hatte ich rechtzeitig die Notbremse gezogen, bevor ich mich darin verlor. Als positiv denkender Mensch erinnerte ich mich eher an die glücklichen Momente, das äußerst luxuriöse Leben in Palm Beach. Ein weiterer Teil in mir verhinderte das Einnisten bösartiger Erinnerungsdämonen. Einige würden es Verdrängen nennen. Na und? Ich lebte im Hier und Jetzt und die Vergangenheit wiederholte sich nicht. Zumindest war ich felsenfest davon überzeugt, aus den Fehlern gelernt zu haben.
Weiterhin verhielt sich die Summer von heute nicht mehr derart naiv. Keine Gefühlsduselei würde es schaffen, mich ein zweites Mal in ein solches Chaos zu stürzen. Zusammengefasst, ich war eine moderne Frau, emotional gefestigt und schlief mit Männern aus purer Lust. Das klappte hervorragend. Alles, was Singles für einen hippen Lifestyle brauchten, gab es in New York im Überfluss.
Meine aktuelle Lebenssituation beurteilte ich daher mit einer Bestnote. Okay, ein winziges Minus gab es. Pearl, meine ehemalige Mitbewohnerin und liebster Herzensmensch, verließ die Stadt, um in Harvard Jura zu studieren. Aber Veränderungen gehören zum Leben dazu.
Wie extrem sich meines verändern würde, ahnte ich an jenem Montagmorgen nicht.

»Wie schaffst du es nur, um die Uhrzeit so frisch und fröhlich rüberzukommen?« Tessa, eine unserer Harvardabsolventinnen, die sich hier zu beweisen hatten, trat mit Augenringen und fahler Gesichtsfarbe an den Counter.
»Hat euch Henry das Wochenende durcharbeiten lassen?« Mitleidig schaute ich sie an. Nur mit Mühe gelang es ihr, ein Gähnen zu unterdrücken.
»Es handelt sich um eine Klageabweisung eines wichtigen Mandanten und der Richter hat den Termin extrem kurzfristig festgelegt.« Dabei rollte Tessa mit den Augen. »Aber wir haben es geschafft.« Der Stolz in ihrer Stimme war allgegenwärtig.
Nickend stimmte ich ihr zu. Ich wusste, dass es sich um vermeintlichen Steuerbetrug drehte, da wir auf solche Fälle spezialisiert waren. Ich weiß alles.
»Lässt euch der alte Sklaventreiber nun nach Hause gehen? Hier ...« Mitfühlend nahm ich die Pralinenschachtel, die neben der Telefonanlage stand.
»Oh mein Gott, nein ...« Ablehnend verzog sie das Gesicht. »Ich habe in den letzten achtundvierzig Stunden so viel Süßkram in mich reingestopft, dass es bis Weihnachten ausreicht.«
»Wir haben August ... hm, ich werde dich daran erinnern.« Grinsend schob ich mir eine der süßen Köstlichkeiten in den Mund. »So und nun verschwinde, du schläfst mir fast im Stehen ein.«
»Ungewohnt, um die Uhrzeit die Arbeit zu verlassen und ins Erdgeschoss zu fahren, wenn jeder nach oben fährt.« Es hörte sich wie eine Entschuldigung an. Doch das Arbeitspensum der Junganwälte, die ausnahmslos mit Bestnote in Harvard ihr Studium abschlossen, war gewaltig, daher brauchte Tessa kein schlechtes Gewissen zu haben. Wilson, Chapman & Franklin gehörte zu den Big Playern im Anwaltsbusiness und erwartete Einsatz bis zum Limit. Wer mitzog und sich bewährte, dem stand eine brillante Karriere bevor, die bestenfalls bis zum Namenspartner unserer Kanzlei reichte. Cameron Franklin und Ive Chapman bestritten genau den Weg. Sie forderten somit nichts, was sie nicht aus eigener Erfahrung kannten.
Was jedoch auch bedeutete, dass man nach 48 Stunden Aktenwälzen erst einmal ausschlafen durfte.
Seufzend rieb sich Tessa übers Gesicht, hob die Hand zum Abschied und ging zu den Fahrstühlen, aus denen in kurzen Abständen die Kollegen herausströmten.
Zwei Pläuschchen später startete ich durch. Im Augenblick übernahm ich einen Teil von Pearls Aufgaben und vertrat sie als Camerons Assistentin. Zeitnah stand ein Arbeitsplatzwechsel für mich an. Ihr zu Liebe verließ ich meinen geliebten Job am Empfang. Bislang gab es jedoch keine passende Nachfolgerin. Da ich in den Auswahlprozess mit eingebunden wurde, lag die Messlatte hoch. Bis sich eine geeignete Bewerberin fand, arbeitete ich freiwillig doppelt so viel, denn eine Dilettantin durfte keineswegs die zentrale Aufgabe übernehmen. Ive Chapman hatte mich bereits dezent darauf hingewiesen, nicht in Camerons Fußstapfen zu treten. Der Wink mit dem Zaunpfahl kam an und ich versicherte ihr, dass es gewiss keine drei Jahre dauern würde. Was sie mit einem »Na hoffentlich« kommentierte.
Leider verfügte ich über kein ausgeprägtes Zahlenverständnis. Üblicherweise liebte ich das Multitasking, im Moment konzentrierte ich mich ausnahmslos auf eine Aufstellung, die Cameron am Abend benötigte. Briefe zu formulieren und Schriftsätze final auf Tippfehler und Satzbau zu kontrollieren, fiel mir hingegen leicht. Es stand außer Frage, die Schwäche weiter zu verheimlichen. Das gebot mir mein Ehrgeiz. »Ich hasse Zahlen.« Murmelnd scrollte ich die Liste nach unten.

»Miss Summer Baker«, holte mich eine Männerstimme aus der ungeliebten Zahlenwelt. Heilige Scheiße! »Was für ein Zufall.«
Ein Schrecken jagte in Schallgeschwindigkeit vom kleinen Zeh bis in die letzte Spitze meiner sorgsam geglätteten Haare. War das möglich? Ich täuschte mich gewiss. In Zeitlupe hob ich den Kopf und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Das konnte doch nicht wahr sein.
Er wird mich hassen!
»Blake«, presste ich hervor, sprang vom Bürostuhl auf und sah in ein braun gebranntes Gesicht. Die dunklen Augen, umrandet von kleinen Lachfältchen, spiegelten gleichermaßen seine Überraschung wider. Perplex musterte ich ihn. Wie eh und je trug er einen perfekt sitzenden Anzug. Die dunkelbraunen Haare, modisch zurückgekämmt, wiesen mehr silbergraue Strähnen auf und die Falte über der Nasenwurzel hatte sich vertieft. Neu hingegen war der akkurat rasierte Dreitagebart.
Wie damals bei unserer ersten Begegnung faszinierte mich seine Ausstrahlung. Ein millionenschwerer Charmeur mit einer dunklen Seite.
»Was machst du hier?« Völlig überfahren stützte ich die Hände auf den Schreibtisch.
»Ich habe einen Termin mit Mr Jackson.« Ein minimales Schmunzeln umspielte seinen Mund. Der Umstand überraschte mich vollends. Keinerlei Anzeichen von Wut oder verletzter Eitelkeit. Außer er überspielte diese meisterhaft.
»Ja, natürlich.« Vergeblich rang ich um Fassung. »Moment.« Mit fahrigen Fingern checkte ich die Besucherliste. Tatsächlich Blake Carter hatte in fünfzehn Minuten mit einem unserer Seniorpartner ein Erstgespräch. Scheinbar beabsichtigte er, sich von uns vertreten zu lassen. Wieso war mir der Name nicht direkt ins Auge gesprungen? Ganz klar, die dämliche Zahlenaufstellung hatte mich abgelenkt.
»Attraktiver denn je.« Er stellte den Aktenkoffer ab und warf einen kurzen Blick auf eine sündhaft kostspielige Armbanduhr.
»Die Freiheit bekommt mir bestens.« Fuck, erst das Hirn einschalten, dann antworten. Doch der Satz löste sich quasi von allein.
Fast belustigt zog er eine Augenbraue hoch. »Tja, deinen Freiheitsdrang verstehe ich bis heute nicht.« Für einen winzigen Moment verdüsterte sich seine Mimik. »Aber das ist lange her und ich bin nicht nachtragend.«
Inzwischen hatte sich mein in die Höhe geschossener Puls- beruhigt. Ungläubig runzelte ich die Stirn. »Es fällt mir schwer, das zu glauben.«
»Es gab keinerlei Chance, es dir zu beweisen.« Oh nein, lächele mich nicht so an.
»Ah.« Mit der rechten Hand strich ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, bemerkte die Geste zu spät und ließ meine Hand wieder sinken.
»Würdest du mich bitte bei Mr Jackson anmelden?«, wechselte er glücklicherweise zum eigentlichen Thema. Hier war gewiss nicht der richtige Ort für die Aufarbeitung der Vergangenheit.
»Selbstverständlich, Mr Carter.« Ich sollte besser ab sofort die Form wahren und setze deshalb ein freundliches, zuvorkommendes Lächeln auf. Es überraschte mich nicht, dass ich ihn in den VIP-Besprechungsraum bringen sollte. »Ich begleite Sie.« Sofern die Kanzlei Blake Carter als Mandant gewann, brachte er einen mehrstelligen Millionenumsatz ein. Dazu musste ich nicht einmal den Grund für sein Erscheinen wissen.
»Bitte.« Mit einer Handbewegung bat er mich, vorauszugehen, doch seine musternden Blicke blieben mir nicht verborgen. Es kitzelte förmlich an Rücken und Hintern.
»Hier ist es.« Höflich öffnete ich die Tür. »Mr Jackson ist sofort bei Ihnen. Darf ich Ihnen in der Zwischenzeit etwas anbieten? Einen Americano?«
Wir betraten den mit modernen und eleganten Loungesesseln ausgestatteten Besprechungsraum. Ein großer Glastisch stellte den Mittelpunkt dar. Das Highlight war zweifellos der Blick aus den Panoramafenstern. Der dreißigste Stock bot eine hervorragende Aussicht und verwies auf Erfolg.
»Nein, im Moment nicht.« Entspannt ließ er sich auf einen Sessel nieder, nahm seinen Aktenkoffer auf die Knie und öffnete ihn. Widerwillig bemerkte ich ein Kribbeln in der Magengegend. Nein ... nein ... und noch mal nein!
Glücklicherweise rauschte Mr Jackson durch die Tür. »Mr Carter, herzlich Willkommen bei Wilson, Chapman & Franklin«, rief er dynamisch.
Blake erhob sich und die beiden begrüßten sich freundlich.
»Brauchen Sie mich noch?«
»Nein, Summer, vielen Dank.«
Bevor ich mich abwandte, hörte ich Blake sagen: »Miss Baker, es war mir eine Freude, auf Sie zu treffen.«
Bemüht, keine Regung zu zeigen, verließ ich den Besprechungsraum. Mit gesenktem Kopf eilte ich zurück und murmelte ununterbrochen: »Ach du Scheiße.«
Niemals im Leben wäre ich davon ausgegangen, dass ich so hibbelig und kribbelig auf ihn reagierte. Vergiss nicht, wieso du dich von ihm getrennt hast. Eine mahnende Stimme meldete sich lautstark zu Wort. Halte dich von ihm fern.

***

Das unerwartete Zusammentreffen mit Blake wühlte mich extrem auf und selbst wenn es keine verdammten Zahlen gewesen wären, ich konnte mich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Stattdessen verfolgte ich einen anderen Plan. Meinem Ruf gerecht werdend, hakte ich bei Jacksons Assistentin Lydia über die Hintergründe seines Erscheinens nach.
Blake war ein Selfmade-Millionär, der zum richtigen Zeitpunkt eine angeschlagene Hotelkette in Palm Beach und weitere lukrative Standorte übernommen hatte, sanierte und mit einem neuen Konzept in Luxustempel verwandelte.
Den Erfolg begründete er mit überdurchschnittlicher Cleverness, Mut und einem feinen Näschen für Entwicklungspotential. Dafür hatte ich ihn früher bewundert.
»Mr Jackson ist Fachanwalt für Steuerrecht, somit vermute ich, es wird sich darum drehen.« Die zehn Jahre ältere Lydia beäugte mich über den Rand ihrer Brille. »Wieso interessiert dich das?«
»Weil ich Summer bin und Neugier mein zweiter Vorname ist.« Eine Reaktion, die hier niemanden verwunderte.
»Da ist was dran.« Sie lächelte. Jeder wusste, dass nichts von dem Gesagten nach draußen drang. Jeder wusste, dass ich das Wissen niemals gegen Kollegen nutzte, um mich möglicherweise ins rechte Licht zu rücken. Im Gegenteil, ich versuchte zu helfen. Das beste Beispiel stellten Pearl und Cameron dar. Mit Cameron verband mich eine jahrelange persönliche Beziehung. Seit einem schweren Schicksalsschlag, der ihn beinahe in die Knie gezwungen hätte, waren wir Freunde. Ein einziges Mal hatten wir miteinander geschlafen, doch jeder von uns begriff, dass eine Affäre unser Verhältnis belasten würde. Ich hatte viel dazugelernt.
»Ein äußerst attraktiver Mann, findest du nicht auch?« Lydia neigte den Kopf zur Seite.
»Da ist was dran, allerdings ...« Ich brach lieber den Satz ab. Nur das äußere Erscheinungsbild, verkniff ich mir.
»Wenn ich was Näheres in Erfahrung bringe, stille ich deinen Wissensdurst.« Sie rückte ihre Brille zurecht und wandte sich dem PC zu.
»Es ist immer wieder ein Vergnügen ...« Mit einem viel zu lautem Lacher drehte ich mich um und stolzierte zu meinem Arbeitsplatz.
Die so wichtige Konzentration sank minütlich. Ununterbrochen rauschten alte Erinnerungen durch den Kopf und blockierten das Hirn. Ich musste heute zwingend mit Pearl skypen, sonst bestand die Gefahr, an all dem zu ersticken, was sich aus dem tiefsten Innern seinen Weg nach oben bahnte. Ein Freundinnengespräch war das Einzige, was helfen würde.
Immerzu checkte ich die Uhrzeit und wunderte mich über die Dauer des Erstgespräches. Ihn nur wenige Räume von mir entfernt zu wissen, verursachte zudem ein mulmiges Gefühl. Dazu würde sein Weg ihn unweigerlich an mir vorbeiführen, wenn er die Kanzlei verließ. Einem erneuten Zusammentreffen war ich gnadenlos ausgeliefert.
Als Mr Jackson und Blake auf mich zusteuerten, beziehungsweise zu den Fahrstühlen gingen, verwandelten sich meine Beine in Pudding.
Ich bin unsichtbar. Glücklicherweise kam mir ein eingehendes Telefonat zur Hilfe. Geschäftig wandte ich mich ab und vermied somit einen möglichen Blickkontakt. Selbstschutz!
Typisch für mich erlag ich der Neugierde und schmulte aus den Augenwinkeln. Endlich öffneten sich die Fahrstuhltüren. Mit einem angedeuteten Winken betrat er die Kabine und die Türen schlossen sich. Erleichtert atmete ich durch.
Mr Jackson trat an den Counter und sein Gesichtsausdruck wirkte zufrieden.
»Ein neuer Mandant, sehr umsatzstark«, klärte er mich auf. »Das wird der Kanzlei ein dickes Plus einbringen.«
»Herzlichen Glückwunsch.« Na klasse, dann werden wir wieder und wieder aufeinandertreffen. »Wie viel Steuern hat er denn hinterzogen?« Der ungewollt schnippische Tonfall löste bei Jackson ein Stirnrunzeln aus. »Entschuldigung«, ruderte ich zurück.
»Summer, der erste Anschein kann trügen.« Die Aussage stachelte meine Wissbegier bloß an. Was trieb Blake verdammt noch eins hierher?
Nickend und zwei Mal locker auf den Tresen klopfend, drehte Jackson sich um.

Sofort nahm ich mir vor, die nächste Bewerberin, die sich für meinen Job interessierte, zu hofieren und einzustellen. Im Arial der Namenspartner gab es mit Sicherheit keinerlei Berührungspunkte mit Blake Carter.
Die Nervosität klang jedoch nicht ab und meine Bewegungen blieben hektisch. Ein Stapel Unterlagen rutschte aus einer halb offenen Dokumentenhülle und verstreute sich auf dem Boden.
»So ein Mist ... menno.« Mit einem lauten Seufzen quälte ich mich in dem engen Kleid auf die Knie, um die Blätter aufzuheben.
»Ich weiß, ich bin zum Niederknien.« Blakes süffisante Stimme schaffte es fast, dass ich mit dem Kopf gegen Schreibtisch stieß. Cool bleiben!
So elegant wie möglich rappelte ich mich in den Stand und schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Mangelndes Selbstbewusstsein konnte man dir nie unterstellen.«
Wie damals reagierte er nicht auf meine Worte. Ein Verhalten, das mich ständig auf die Palme gebracht hatte. Deswegen hatte er mich damit zu gern provoziert. »Hast du etwas vergessen?« Mit erhobenem Kopf strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Ja.« Dabei setzte er sein verdammt einnehmendes Lächeln auf.
»Den Aktenkoffer?« Tatsächlich fehlte der edle Aktenkoffer, den er im Besprechungsraum direkt vor meiner Nase geöffnet hatte.
»Du bist eine hervorragende Beobachterin.«
»Berufsroutine.«
Wir standen uns direkt gegenüber, nur der Counter trennte uns. Äußerlich souverän hielt ich Blickkontakt, nickte und meinte: »Bitte warten Sie hier kurz, Mr Carter. Ich hole ihn sofort.«
Damit rauschte ich davon und sammelte im Besprechungsraum den Aktenkoffer ein. Mit aller Eleganz, die mir zugute lag, glitt ich zurück zum Counter und drückte ihm den Koffer gegen die Brust. Falls ich ein wenig zu viel Wucht in die Bewegung gelegt hatte, war dies kein Versehen gewesen. Ich wollte einfach nur, dass er verschwand.
Blake musterte mich weiterhin mit diesem verdammten Lächeln, mit dem er mich schon einmal eingefangen hatte.
»Ich möchte unser unerwartetes Wiedersehen feiern.« Seine Wangenknochen bewegten sich minimal. Du hast den Koffer absichtlich vergessen!
»Bitte?« Überrascht schüttelte ich den Kopf.
»Komm schon, Summer, dass du mich verlassen hast, ist Jahre her.«
»Du bist ja lustig.« Ehrlicherweise reizte es mich ungemein.
»Das war nicht meine Absicht.«
»Du tauchst hier auf, flirtest mit mir, so, als wären wir alte Freunde.« Es fiel mir schwer, die Lautstärke zu mäßigen. »Das ist dreist.«
»Sind wir dies nicht?«
»Nein.«
»Es ist lediglich ein Essen.« Es hätte nur gefehlt, dass er seinen Kopf zur Seite neigte und einen treuen Hundeblick aufsetzte. In meiner Brust schlugen derweil zwei Herzen. Ich würde lügen, sofern ich behauptete, kein Interesse an einem Treffen zu haben. Das Zweite mahnte, Distanz zu halten.
 Verdutzt schaute ich ihn an. »Weshalb bist du so freundlich zu mir?« Sein Verhalten passte nicht zu dem Blake, den ich kannte.
»Menschen verändern sich.« Seine lockere und aufrechte Körperhaltung, die geraden Schultern und das minimal angehobene Kinn vermittelten Lässigkeit.
»Kann ich es mir überlegen?« Es ärgerte mich, dass ich ständig von einem Fuß auf den anderen trat.
»Wenn es dir hilft.« Er hob die Achseln. »Hier ist meine Telefonnummer. Ich bin im Hilton abgestiegen.« Er zog eine Visitenkarte aus einer Innentasche des Jacketts und legte sie auf den Counter. »Es wird gewiss ein angenehmer Abend.«
Die Karte rührte ich nicht an. »Was willst du tatsächlich von mir?«
Ohne auf meine Frage einzugehen, schaute er flüchtig auf die Uhr, drehte sich um und schritt davon. Mir fiel bei derartiger Unhöflichkeit die Kinnlade herunter. Mit einem kurzen Blick über seine Schulter beendete er das für ihn typische Gespräch. »Ich freue mich auf deinen Anruf.«
»Sei dir dessen nicht zu sicher«, mimte ich die Coole. »Wie du es selbst gesagt hast, Menschen verändern sich.«
»Summer, ich wünsche dir einen schönen Tag.« Liebend gern hätte ich ihm in der Sekunde meine Kaffeetasse hinterhergeworfen, doch verfolgte ich stumm, wie er die Fahrstuhlkabine betrat.
Ja, der Mann hatte mich um den Verstand gebracht und es fiel mir schwer, diesen zurückzugewinnen.