Leseprobe online lesen: Dark Romance


1.  Kapitel

Pearl

Voller Respekt stand ich vor der imposanten Front eines Büroturms in der Lexington Avenue. Im Trubel kam ich mir ein wenig verloren vor. Männer und Frauen in teurer und eleganter Businesskleidung eilten an mir vorbei. Manche warteten ungeduldig, bis die in unmittelbarer Nähe gelegene Fußgängerampel auf Grün umsprang. Wie auf Knopfdruck hasteten die Passanten über den Zebrastreifen. Aus der Luft betrachtet sah es vermutlich wie ein Ameisenhaufen aus. Alles lief kreuz und quer, doch jede verfolgte ihren vorgegebenen Weg. Das verband sie mit den Geschäftsleuten hier, die ebenfalls ihr Ziel stets im Auge hatten.
Ich trat einen Schritt zurück und mein Blick wanderte zu den oberen Stockwerken, wo sich die aufhielten, die es geschafft hatten. Die Sonne spiegelte sich in der Glasfassade und glitzerte verlockend. Jeder, der wie ich einen beruflichen Einstieg in New York suchte, wünschte sich ein Eckbüro. Ich, Pearl Noris, verfügte über den unbedingten Willen, irgendwann einmal in einer renommierten Anwaltskanzlei zu arbeiten und in einem der verdammten Eckbüros meinen Arbeitstag zu bestreiten. Ein hochgestecktes Ziel für eine Collegeabsolventin aus dem beschaulichen Virginia. Doch als Jahrgangsbeste auf dem Fachgebiet Jura war es einen Versuch wert, um den Grundstein und die finanziellen Mittel für die Law School in Harvard, Yale oder Stanford zu legen. Dass ich heute hier mit butterweichen Knien stand, bedeutete den ersten klitzekleinen Schritt.
Tatsächlich hatte ich eine der begehrten Einladungen bei der Topkanzlei Wilson, Chapman & Franklin ergattert, um mich für den Job einer Aushilfskraft vorzustellen. Sofern ich ausgewählt wurde, erwartete mich das Kopieren von Unterlagen, das Abtippen von Gesprächsprotokollen und Schriftsätzen, Kaffeekochen und so weiter. Falls es perfekt lief, durfte ich einen der Anwälte zuarbeiten. Den Fuß in der Tür haben, mit Leistung zu punkten, ja, das war der Plan.
»So, Pearl Noris, Topanwältin in spe, du rockst das jetzt.«
Tief durchatmend zupfte ich mein dunkelblaues Kostüm zurecht, für das ich mich finanziell verausgabt hatte. Für die Garderobe, die ich bei einer Zusage benötigte, musste ich mir später eine Lösung einfallen lassen. Vermutlich blieb mir nichts anderes übrig, als sie mit einem Kredit zu finanzieren. Mit einem einzigen Businessoutfit würde ich nicht weit kommen.
Die Mappe mit den Bewerbungsunterlagen an meine Brust gedrückt marschierte ich durch die gläserne Drehtür und betrat die Lobby. Mit großen Augen blickte ich mich um. Der äußere imposante Eindruck setzte sich hier fort. Die großzügige Halle mit dunklem Granitsteinboden, modernen Skulpturen und riesigen, tropischen Gewächsen beeindruckte mich derart, dass ich mit offenem Mund stehenblieb. Männer eilten zu den unzähligen Fahrstühlen, die sie einsogen wie ein Staubsauger Krümel vom Boden. Die Geschwindigkeit, mit der sich die roten Zahlen auf dem Display erhöhten, ließ mich erahnen, wie schnell die Kabinen in die Höhe sausten.
Mit Bewunderung beäugte ich eine Gruppe Frauen, die trotz mörderisch hoher Schuhe mit sicherem Gang durch die Lobby lief. Bislang habe ich ausschließlich attraktive Frauen gesehen. Ich betrachtete mich nicht als Mauerblümchen und man sagte mir eine interessante Ausstrahlung und Attraktivität nach, dass ich selbstsicher und zielstrebig agierte. Allerdings fühlte ich mich in der Sekunde von all den Merkmalen beraubt. Na, das fängt ja vielversprechend an. Der Kloß in meinem Hals wuchs. Die Hände zitterten.
In der Mail wurde ich gebeten, mich am Empfangscounter anzumelden. Unvermittelt fiel mein Augenmerk auf eine in der Wand eingelassene Uhr. Ach du Scheiße! Ein riesiger Schreck raste von Kopf bis Fuß. Durch das Schwelgen über das faszinierende Umfeld war mein akribisch ausgefeiltes Zeitmanagement in Schieflage geraten. Mir blieben exakt zehn Minuten, um pünktlich vorzusprechen.
Panisch stolperte ich zum Empfang.
»Ich habe ein Vorstellungsgespräch bei Wilson, Chapman & Franklin, wo muss ich dafür hin?« Die Zeit für eine Begrüßung sparte ich mir.
»Guten Tag, so viel Zeit sollte sein.« Die Dame mittleren Alters hob kurz beide Augenbraue.
»Entschuldigung, ich bin verdammt spät dran.«
Sie musterte mich. »Aushilfskraft?« Arrogante Zicke.
»Wenn schon Aushilfs-Collegeabsolventin mit Jahresbestnoten-Kraft.« Was bildete sich diese Person ein? Hier kam meine Schlagfertigkeit zum Tragen. Den meisten Menschen fiel in solchen Situationen selten eine passende Antwort ein, sondern erst, wenn man später darüber sinnierte und sich immer noch ärgerte. Ich hatte das Talent, immer genau die richtigen Worte zu finden.
»Na, ob Sie hier so weiterkommen werden«, nuschelte sie und verursachte ein Grummeln in meinem Magen. Würde ich das nicht? Nein, nicht verunsichern lassen!
Aufregung und eine Portion Ärger stellten keine optimale Konstellation dar, die mich je nach Intensität zu impulsiven und manches Mal, freundlich ausgedrückt, ungünstigen Reaktionen verleitete.
Da ich von ihr dringend Informationen benötigte, lächelte ich. Meine Wangen glühten und der dämliche Pferdeschwanz ziepte an der Kopfhaut.
»Wie ist Ihr Name?« Endlich ließ sie sich dazu herab, auf mein Anliegen einzugehen.
»Pearl Noris.« Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Du blöde Kuh, weshalb träumst du auch hier herum. Mit Unpünktlichkeit hatte ich gewiss keine Aufmerksamkeit erregen wollen.
Eher missmutig tippte sie meinen Namen in den PC ein. »Oh, aha.« Ich verdrehte die Augen. Was willst du mir damit sagen?
»Bitte benutzen Sie den Lift rechts außen und fahren Sie in die dreißigste Etage. Die Kollegin am Empfang der Kanzlei wird Ihnen weiterhelfen.«
»Danke.« Hastig drehte ich mich um. Jetzt wurde es allerhöchste Zeit. Hoffentlich sauste der Fahrstuhl tatsächlich so schnell in das gewünschte Stockwerk, wie das Display den Anschein erweckte.
Ohne die Aufmerksamkeit auf mein direktes Umfeld zu richten, verfiel ich in eine Art Tunnelblick, der nur das Ziel verfolgte, den nächsten Lift zu erreichen. Vor den Türen stand eine Menschentraube. Mit Blick auf das Schild, auf dem Maximalgewicht und Personenanzahl benannt wurden, war mir sofort klar, dass ich mich in die vorderste Reihe drängen musste. Sonst musste ich auf den Nächsten warten.
Gebannt beobachtete ich die roten Ziffern, während ich mich nach vorn schlängelte.
»Entschuldigung, das ist ein Notfall ... Ja, danke ...« Gleich stehst du in der Poleposition. »Darf ich? Danke.« Bedauerlicherweise räumte man mir keinen Frauenbonus ein. Das Display zeigte die 1 an und die Türen öffneten sich. Ich muss da rein! Üblicherweise trug ich legere Kleidung und flache Schuhe, der Bleistiftrock und die Absatzschuhe störten meine Bewegungsfreiheit auf unschöne Art. Dann passierte es. Ich knickte um, strauchelte und stieß unsanft mit einem Mann zusammen, der einen Coffee-to-go in der Hand hielt.
Wie in Zeitlupe verfolgte ich, wie sich der Handgriff um den Becher löste, dieser ganz, ganz langsam zu Boden fiel und aufschlug. Eine Fontäne des bräunlichen Getränks verteilte sich gleichmäßig über meine Schuhe, seine Hose und sogar mein über dem Arm hängender Mantel blieb nicht verschont.
Unsere Blicke trafen sich. Oh mein Gott, was war schlimmer? Ihn mit Kaffee bespritzt zu haben oder von einem Meteoriten mit voller Wut getroffen zu werden? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas geschah? Eins zu einer Million? Das Universum von Pearl Noris stand für einen Nanomoment still. Augen wie ein dunkler Bergsee, tiefgründig und geheimnisvoll, markante Gesichtszüge und eine Aura, die Dominanz vermittelte, verschlugen mir die Sprache.  Üblicherweise hätte ich sofort losgepoltert. Wie in aller Welt war es möglich, innerhalb von einer Sekunde vor Faszination zu einer Salzsäule zu erstarren?
»Können Sie verdammt noch mal nicht aufpassen?« Die verärgerte Stimme katapultierte mich in die Realität zurück. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die Kaffeespitzer auf seiner Kleidung. »Das ist unfassbar.«
Du musst in diese Fahrstuhlkabine, es geht um Leben und Tod.
»Wer hat denn wen angerempelt?«, schleuderte ich ihm spitz entgegen. Die um uns herumstehenden Menschen stiegen in den Lift. »Mit diesen Coffee-to-Go-Bechern sorgen Sie für Unmengen an Müll.« Der Amerikaner an sich kannte weder das Wort Kaffeemaschine noch wiederverwendbar, und mit dieser traurigen Tatsache versuchte ich, mich aus der fesselnden Wirkung zu lösen, die der Fremde auf mich ausübte.
»Bitte?« Er schüttelte den Kopf und sein düsterer Blick verdunkelte sich um eine weitere Nuance.
»Ich habe keine Zeit, Ihnen das zu erklären ... außerdem sind die drei Spritzerchen nicht der Rede wert.« Mit einem Sprung über die Kaffeepfütze drängelte ich mich in der allerletzten Sekunde hinein und die Türen schlossen sich.
Sicherlich verhielt ich mich wenig ladylike, doch mein Ziel war ein Höheres, schließlich handelte es sich um meine Zukunft. Weiterhin gab es zig Millionen Menschen, die in New York lebten, und die Gefahr, erneut auf ihn zu treffen, bewegte sich im Verhältnis zu der von mir herangezogenen Metapher eines Meteoriteneinschlages. Obwohl schade ...

Pünktlich und erleichtert verließ ich den Fahrstuhl. Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Entsetzt starrte ich auf meine Schuhe und die Perlonstrümpfe, die ebenfalls durch Kaffeeflecken in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Nein, nein, das ist ein Desaster. Die Anspannung nahm zu und eine leichte Übelkeit erfasste mich. Mittlerweile schob ich vollends Panik.
Der Empfang war glücklicherweise direkt gegenüber des Fahrstuhls. Sofort wandte sich die Frau von ihrem PC ab und schenkte mir ihre Aufmerksamkeit. Ich hatte ein wenig vom Unmut der ersten Empfangsdame gelernt und trat mit einem »Hallo, guten Tag, ich bin Pearl Noris und habe ein Vorstellungsgespräch« an den Counter.
»Hallo Pearl.« Ihre Stimme hörte sich freundlich an und sie wirkte sympathisch. Der Name Summer Baker, der auf einem an ihrem Revers befestigten Namensschild stand, passte zu ihr, da sie sich mit ihrem hellen, figurbetonten Kleid vom Einheitsgrau der anderen abhob. Geradezu sommerlich. »Wann haben Sie denn Ihren Termin?«
»Jetzt«, räumte ich kleinlaut ein. »Für die Stelle einer Aushilfskraft.«
Sie runzelte mit fragendem Blick die Stirn. Mir wurde heiß und kalt. Falls die dämliche Kuh aus der Eingangshalle mir die falsche Etage genannt hatte, vielleicht sogar wissentlich, bedeutete dies das vorzeitige Aus. »Aushilfskraft? Hier suchen wir keine Aushilfskraft.«
»Oh, äh.« Erschrocken hielt ich die Hand vor den Mund. Es war zum Heulen.
»Wiederholen Sie bitte noch einmal ihren Namen.«
»Pearl Noris.« Einer der wichtigsten Termine seit meiner Ankunft vor einer Woche und ich vergeigte es auf eine selten dämliche Art.
Summer tippte den Namen ein. »Es ist richtig, Sie sind hier zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.«
»Gott sei Dank«, entfuhr es mir erleichtert.
»Die Bezeichnung Aushilfskraft finde ich allerdings untertrieben.« Sie grinste. »Aber so seid ihr Jahresbesten nun mal.« Es klang nicht abwertend, sondern belustigt, was vermutlich durch meinen verwirrten Gesichtsausdruck gefördert wurde.
»Für was stelle ich mich denn vor?« Die Röte schoss mir ins Gesicht. »Das ist mir sehr peinlich.« Fieberhaft überlegte ich, wo der Fehler lag. Bei mir? Bei der Kanzlei?
»Sie bewerben sich um die Springerposition einer Anwaltsgehilfin.« Die Irritation übertrug sich auf Summer. Wer von uns beiden erstaunter dreinblickte, ließ sich nicht mit Gewissheit feststellen.
Blitzschnell liefen die Bilder der einzelnen Mails durch meinen Kopf. »A wie Aushilfskraft oder wie Anwaltsgehilfin, das gibt es doch nicht«, murmelte ich fassungslos. Bei den unzähligen Onlinebewerbungen, die ich nach ihrem Tätigkeitsfeld in einem Ordner zusammenfasste, musste der Fehler passiert sein. Unvorstellbar, denn ich speicherte jedes Dokument innerhalb von wenigen Augenblicken in meinem Gedächtnis ab.
»Anwaltsgehilfin?«, wiederholte ich fassungslos das Wort, so, als wüsste ich nichts damit anzufangen. »Sind Sie sicher?« Wenn es sich nicht um einen Fehler handelte, bedeutete das einen Einstieg de luxe.
»Ja, ich bin mir zu einhundert Prozent sicher.« Sie schob mir das Blatt zur Unterschrift für die Übergabe des Besucherausweises und das passende Schildchen herüber. Mit einem Blick auf die Kaffeeflecken fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu: »Sie haben Glück, es verzögert sich alles um circa zwanzig Minuten.« Dem Himmel sei Dank!
Ein Bing von der gegenüberliegenden Seite kündigte einen Fahrstuhl an. Die Türen öffneten sich und unbewusst schaute ich hinüber.
»Oh nein.« Die Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million verließ gerade die Fahrstuhlkabine. Blitzschnell wandte ich mich ab.
»Haben Sie einen Geist gesehen?«
»Das kommt dem sehr nahe.« Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie das sexy Unheil sich in unsere Richtung bewegte. »Wo sind die Toiletten?« Mir blieb einzig und allein die Flucht nach vorn.
»Um die Ecke.« Sie wies mit dem Finger auf einen angrenzenden Gang. Ihr fragender Blick sprach jedoch Bände. Dass ich bei Summer Baker den Eindruck einer Irren hinterließ, nahm ich billigend in Kauf.
»Ich bin gleich wieder da.« Mit gesenktem Kopf und Herzklopfen huschte ich um die Ecke. Eine urplötzlich auftretende Neugier zwang mich jedoch dazu, aus sicherer Position zu lauschen.
»Cameron, was bist du denn so grimmig?« Cameron? Ach du scheiße! So lautete der Vorname des Namenspartners. Im optimalen Fall war dies ein anderer Anwalt mit identischem Vornamen. Wieso hatte ich mir nicht die Webseite mit den Bildern angesehen? Weil ich einfach zu viel um die Ohren hatte, simpel erklärt.
»Ich weiß gar nicht, was die für Idioten zu uns hineinlassen«, hörte ich ihn zischen. Die Zornesfalte und der düstere Blick hätten mich verunsichern sollen, stattdessen entstand ein unpassendes Kribbeln in der Leistengegend. Beziehungsweise ein Stückchen weiter unten.
Die Tür zur Toilette öffnete sich und eine Frau trat heraus. Verlegen grinste ich sie an und verließ meinen Beobachtungsposten, obwohl ich gern ein wenig länger gelauscht hätte. Mit einem Seufzer betrat ich den Toilettenvorraum und schloss die Tür.
Von all den skurrilen Ereignissen irritiert, starrte ich einen Augenblick in den Spiegel. »Im Grunde habe ich nichts zu verlieren, oder?« Nicht zum ersten Mal tauschte ich mich mit meinem Spiegelbild aus. Parallel griff ich nach einem der Gästehandtücher, befeuchtete es und bearbeitete die Flecken, die sich problemlos entfernen ließen.
Ein Upgrade für ein Vorstellungsgespräch, das kaufte mir keine Menschenseele ab.
Ich beruhigte mich damit, dass der Namenspartner einer renommierten Kanzlei solche Vorstellungsgespräche delegierte. Was aber falls nicht? Dass ich ihn mit Kaffee bespritzt hatte und ihn einen Umweltsünder nannte, sorgte für Minuspunkte, die ich unter normalen Umständen vielleicht ausräumte. Urplötzlich fiel mir ein, dass es möglicherweise einen zweiten Cameron in der Großkanzlei gab. Was, wenn er das Vorstellungsgespräch führte?
Erneut verstrickte ich mich in ein für mich typisches Gedankenkarussell. Sobald ich nur ein klitzekleines bisschen emotional involviert war, fiel es mir schwer, die überschäumenden Gefühle zu kanalisieren. Einhundertprozent, mit Haut und Haaren, bis zum bitteren Ende, liebte, kämpfte und litt ich.
Schnell checkte ich am Handy, ob sich die Vermutung bewahrheitete. Wie nicht anders zu erwarten, traf ich ins Schwarze. Die Fotografien lösten ein erneutes innerliches Zittern aus. Ja, so sah ein Mann von Welt aus. Ein weiteres Mal entwich mir ein Seufzer. Die Dominanz, die er auf den Bildern ausstrahlte, begeisterte mich. Ich hegte keinerlei Zweifel, dass er sich ebenso verhielt. Im Job sowieso ... vielleicht auch beim Sex? Sag mal, was spinnst du dir denn jetzt zusammen?
Ich schüttelte mich, um die absurden Fantasien loszuwerden, und kehrte in die Realität zurück.
Um die Vorstellungsgespräche bei Wilson, Chapman & Franklin zu vergeigen, bedurfte es wenig. Die hohen Auswahlkriterien zwangen den Großteil der Anwärter in die Knie. Eine falsche Aussage bei den Schlüsselfragen läutete ruckzuck das Ende ein. Es blieb mir ein Rätsel, wieso die Bewerber sich nicht im Detail darauf vorbereiteten. Die Fragen ähnelten sich und die Antworten ließen sich ohne Mühe auf die jeweilige Kanzlei anpassen.
Erschrocken registrierte ich mit einem Blick auf die Uhr, mich erneut in ein extrem knappes Zeitfenster katapultiert zu haben.
Eilig verließ ich die Toilette. Was, wenn Mr Cameron Franklin mit der Empfangsdame immer noch über seine mit Kaffee befleckte Kleidung philosophierte? Ich hatte keinen Plan, wo das Bewerbungsgespräch stattfand. Erleichtert stellte ich fest, dass die Luft rein war.
»Pearl, haben Sie unseren Boss mit Kaffee besudelt und ihn einen Umweltsünder genannt?«, empfing mich Summer mit einem breiten Grinsen.
Verlegen räusperte ich mich und zuckte mit den Schultern. »Er hat kaum etwas abbekommen.«
»Er wird auch der Herr der Dreifaltigkeit genannt.« Du bist ja doch sympathisch. »Bevor Sie fragen, was das bedeutet«, kam sie mir zuvor, »Hose, Jackett und Weste, Sie werden ihn im Büro niemals ohne sehen, weiterhin ein weißes Hemd, maximal hellblau.«
»Jeder hat so seine Macken.« Um Summer, die augenscheinlich gern plauderte, auszubremsen, fügte ich fix hinzu. »Wohin muss ich denn für mein Upgrade?«
»Ich begleite Sie, damit Sie sich nicht in den Gängen verirren.« Du bist ein Schatz. »Es ist für Besucher ein Labyrinth.«
»Danke.« Schweißgebadet von Flur zu Flur zu hetzen, blieb mir glücklicherweise erspart. Mit festem Schritt und erhobenem Kopf marschierte ich neben ihr her und bewunderte ihre ebenfalls perfekte Garderobe. Sofort fühlte ich mich provinziell.
»So hier.« Sie öffnete eine Tür und wir betraten einen Konferenzraum mit einer großen Fensterfront, die einen Ausblick über die Stadt ermöglichte. Unfassbar, dass ich das tatsächlich erlebe. »Setzen Sie sich, Mr Lewis, einer unserer Seniorpartner ist in wenigen Minuten bei Ihnen.« Bevor sie mit einem motivierenden Kopfnicken davonrauschte, wünschte sie mir viel Glück.
Erleichtert, dass der Kelch mit dem Interviewpartner in Gestalt von Cameron Franklin an mir vorbeizog, schaute ich mich ehrfürchtig im hypermodernen Raum um. Im Stil des Hauses gehalten, dominierten hier ebenfalls die kühlen und geradlinigen Formen und Materialien aus Chrom, Glas sowie Stühle mit weißem Lederbezug. Ein solches Designerteil kostete gewiss den Monatslohn einer Anwaltsgehilfin.
Meine Nervosität nahm zu und ich setzte mich. Die Unterlagen legte ich auf den Glastisch und sofort sah man einen Fingerabdruck auf der Oberfläche. Sicherheitshalber wischte ich diesen mit dem Ärmel weg. Du wärst schön blöd, wenn du das hier absichtlich vergeigst. Nur, weil du Sorge hast, dass du in dasselbe Muster von damals zurückfällst. Das ist ewig her ... trotzdem. Unabhängig davon musste ich Geld verdienen, denn meine Ersparnisse und die Unterstützung meiner Eltern waren überschaubar und die Pension, in der ich Unterschlupf gefunden hatte, zu teuer, um dort wochenlang zu logieren. Wohnungssuche ohne einen Job in der Tasche war in New York ein Ding der Unmöglichkeit. Auf Burgerbraten oder Kellnern verspürte ich wenig Lust.
Wie ich warten hasste. Aus Langeweile zitierte ich in Gedanken einige Paragraphen.
Endlich hörte ich Stimmen vor dem Besprechungsraum. Vorsichtshalber stand ich auf und wischte mir die feuchten Hände an meinem Rock ab. Dass diese klebten, konnte ich nicht vermeiden. Mit Gewissheit hatte Mr Henry Lewis heute bereits zig schwitzige Hände zur Begrüßung geschüttelt.
Die Tür flog auf. »Entschuldigen Sie, Sir«, vernahm ich eine Frauenstimme. »Das ist der falsche Raum.«
Ich riss die Augen auf. Nicht der angekündigte Gesprächspartner erschien im Türrahmen. Der Wunsch, dass sich der Boden unter meinen Füßen öffnete, blieb unerfüllt.
»Wie bitte?« Die erboste Stimme eines Cameron Franklin bescherte mir eine Hitzewelle mit zeitgleich einsetzenden Herzrasen. »Jessica, sind Sie nicht in der Lage ...« Mitten im Satz brach er ab.
Unsere Blicke trafen sich, gleichzeitig vertiefte sich seine Zornesfalte. Tja, das war’s dann wohl mit der Stelle.
Wenn ich aufgrund des Missgeschicks von der Bewerberliste gestrichen wurde, so war es ein Wink des Schicksals, das mich vor einem eventuellen emotionalen Desaster beschützen wollte. Mit der festen Überzeugung, nichts zu verlieren, verpuffte die lähmende Unruhe.