Leseprobe online lesen: Dark Romance


1. Kapitel


Indira
Gemeinsam mit meiner Freundin Rosalie stieg ich in das bestellte Taxi, das mit eingeschaltetem Warnblinker vor dem Mehrfamilienhaus in der Kölner Südstadt wartete. Parklücken suchte man hier vergebens und der erste Autofahrer, der sich von dem Wagen gestört fühlte, hupte, um seinen Unmut kundzutun. Der Taxifahrer seinerseits zeigte diesem einen Vogel und brummte so etwas wie Penner.
Seit ich wie durch ein Wunder, den Zuschlag zur Anmietung einer sanierten Altbauwohnung erhalten hatte, verzichtete ich auf ein eigenes Auto. Fahrrad, Carsharing und eine für mich optimale Anbindung durch öffentliche Verkehrsmittel, erleichterten mir die Entscheidung, den in die Jahre gekommenen Kleinwagen zu verkaufen. Gesellschaftspolitisch betrachtet erhöhte es meine positive Ökobilanz. Nicht, dass ich mich wahrhaftig dafür interessierte, aber es passte zu meinem beruflichen Image.
Dazu generierte ich Pluspunkte bei meiner direkten Wohnungsnachbarin, die immer mehr zur Vollblutveganerin mutierte. Beruflich und privat verreiste ich viel und gern. Aus dem Grund brauchte ich regelmäßig einen Blumen gießenden und Briefkasten leerenden Nachbarn, der ebenso gewillt war, Heizungsableser im Bedarfsfall in die Wohnung zu lassen und Pakete diverser Onlinehändler anzunehmen. Bei meinem Fulltime-Job als Leiterin eines Callcenters eine unbezahlbare Erleichterung.
Wir nahmen auf der Rückbank Platz und legten unsere Sporttaschen zwischen uns.
»Wo soll es denn hingehen?«, fragte der Taxifahrer. Der erste peinliche Moment stellte sich ein und ich überließ, in meiner Handtasche kramend, Rosalie die Antwort.
»Bitte ins Bel Air.«
»Ach, der Swingerclub«, konkretisierte er unnötigerweise das Ziel. Hörte ich da einen belustigten Unterton heraus? »Alles klar.« Er startete das Taxameter, warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und fuhr los.
Mit einem leisen Seufzer lehnte ich mich zurück. »Mir ist das peinlich«, flüsterte ich und wusste um die roten Flecken am Hals, die sich bei innerer Unruhe zeigten.
»Liebchen, alles wird gut.« Beruhigend griff sie nach meiner eiskalten Hand. »Ich verspreche dir, es wird ein megageiler Abend.«
»Hm, ja.« Das Magensausen begleitete mich bereits den ganzen Tag und verstärkte sich nun.
»Du weißt doch ...« Sie hob grinsend beide Augenbrauen. »Alles kann, nichts muss.«
»Ja, ich habe die Infos gelesen ... dennoch ein komi-
sches Gefühl.« Auf der Internetseite des Clubs gab es eine Rubrik für Newbies wie mich, die über die Verhaltensregeln informierte.
»Im schlimmsten Fall plünderst du das Büffet, genießt den Wein und das war es.«
»Du hast recht, alles kann, nichts muss.«
»Entspann dich.« Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und hielt weiterhin meine Hand.
Im Radio dudelte leise irgendein ein Schlager, während es in meinem Kopf ratterte. War es ein Fehler gewesen, Rosalies unermüdlichem Drängen auf einen gemeinsamen Besuch nachzugeben? Laut den vollmundigen Versprechungen auf der Webseite sollte es der exklusivste Swingerclub in ganz Nordrhein-Westfalen sein, doch diese Tatsache schürte eher meine Nervosität.
»Du bist mit deiner Arbeit verheiratet und verpasst das Leben außerhalb des Büros«, hatte sie mir nicht nur einmal vorgeworfen, zuletzt bei einem weinseligen Abend bei mir zuhause. »Wann hattest du das letzte Mal Sex?« Wieso musste mich meine beste Freundin auf die beiden Punkte hinweisen, die momentan nicht unter einen Hut zu bringen waren? Ihre rhetorische Frage zu beantworten, schenkte ich mir. Lang, viel zu lang.
»Ein Job mit meiner Verantwortung ist nun mal nicht in regulären acht Stunden zu schaffen«, hielt ich dagegen. »Ich benötige meine Ressourcen dafür.«
»Sex ist ein Ausgleich und kein Ressourcenkiller!« Vor Lachen klopfte sie sich auf die Schenkel.
»Eine Partnerschaft ist im Moment keine Option.«
»Wer spricht denn von einer Beziehung?« Sie grinste mich verschlagen an.
»Mein Problem ist es, dass ich Gefühle für jemanden haben muss, wenn ich mit ihm schlafe«, versuchte ich, ihr meinen Standpunkt zu erklären.
»Und was war mit dem One-Night-Stand vor ein paar Monaten?«
Ich rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf. »Erinnere mich nicht daran.« Nach einem feuchtfröhlichen Abend landete ich tatsächlich mit einem Kerl im Bett und bereute es im Anschluss. »Das war eine absolute Ausnahme.« An Ausreden mangelte es mir nie. »Mir ist das alles zu kompliziert und komme mir jetzt nicht mit den Apps oder Onlineportalen, das ist wie beim Onlineshopping. Ich lege mir keinen Schwanz in den Einkaufswagen und drücke auf Jetzt ficken.«
»Achso?«, neckte Rosalie mich mit einem Zwinkern.
Die beachtliche Auswahl an unterschiedlichen Vibratoren, nebst schmutzigen Fantasien, befriedigte aktuell die aufflackernden Bedürfnisse. Und ja, die kaufte ich tatsächlich online.
»Ich gehe regelmäßig in einen Swingerclub«, platzte sie mit ihrem Plan heraus, mich aus meinem sexuellen
Dornröschenschlaf zu wecken.
»Never, ever ...« Es gruselte mich bei der Erinnerung an eine Reportage auf einen der einschlägigen Privatsender.
»Ich komme stets auf meine Kosten und entdecke abgefahrene neue Seiten an mir«, kam sie der Frage nach ihren Erfahrungen zuvor. »Schau dir die Webseite an, es ist wie ein Hotel mit Spielzimmern, Gartenanlage, Pool und im Eintrittspreis ist ein Büffet inbegriffen.«
»Ja, ja, Internetauftritte sind immer geschönt«, setzte ich den Protestzug gegen Abwechslung in meinem Leben fort.
Überzeugt davon, mir etwas Gutes zu tun, ließ sie nicht locker, bis ich endlich zustimmte.
»Ja, ich werde es probieren, aber ich prophezeie dir, dass ein Swingerclub nichts für mich ist. Und danach gibst du Ruhe, einverstanden?«
Allein aus dem Grund saß ich in dem Taxi.

Die Fahrt dauerte circa eine dreiviertel Stunde, bis der Wagen in einem Wohn- und Gewerbegebiet vor einem gepflegten Haus hielt. Die Leuchtreklame an der Fassade verwies ungeniert auf den Swingerclub. Rosalie bezahlte, wir stiegen aus und bevor ich die Wagentür schloss, hörte ich den Taxifahrer »Viel Spaß die Damen« rufen, was bei mir erneut ein Gefühl von Peinlichkeit auslöste. Ein Kölner Taxifahrer, der sich in seinem Kopfkino ausmalte, dass ich gevögelt wurde, gefiel mir nicht sonderlich.
»So, da wären wir.« Rosalie hakte sich bei mir ein und wir gingen den bereits beleuchteten Weg zum Eingang. »Die Spannung steigt, gleich betreten wir das Haus des Lasters«, neckte sie mich mit gespielt dramatischer Stimme.
»Mach dich nur lustig über mich.« Verkrampft hielt ich die Sporttasche fest. Statt des üblichen Equipments, schleppte ich heute eine Auswahl an von ihr ausgewählter und Swingerclub geeigneter Garderobe durch die Gegend.
»Nicht ein klitzekleines Bisschen neugierig?« Sie grinste keck.
»Doch, auf das Büffet.« Dass ich zwischenzeitlich tatsächlich auf das Geschehen gespannt war, verschwieg ich.
»Schon klar. Du bist eine schlechte Lügnerin.« Spöttisch streckte ich ihr die Zunge heraus.
Inzwischen standen wir vor der mit Videokameras ausgestatteten Haustür und Rosalie klingelte. Meine Anspannung stieg um einen weiteren Level. Kurz darauf öffnete eine Frau mittleren Alters in einem schlichten, dennoch eleganten, dunkelroten Kleid. Ihr rundes Gesicht, umrahmt von lockigen Haaren gepaart mit einem freundlichen Lächeln, hinterließ sofort einen sympathischen Eindruck.
»Rosalie, willkommen!« Die beiden umarmten sich herzlich. »Du bist Indira?«, wandte sie sich mir zu. »Was für ein außergewöhnlich schöner Name.« Die Bemerkung gehörte fast zwangsläufig bei der Nennung meines Vornamens dazu. »Ich bin Nora. Kommt rein.«
»Sie und ihr Mann Stefan betreiben das Bel Air«, fügte meine Freundin erklärend hinzu. Ihre geröteten Wangen verrieten die Vorfreude auf den heutigen Abend.
»Ich gebe euch erst einmal die Schlüssel für die Schließfächer in der Umkleidekabine.« Nora trat hinter den Counter. »Im Übrigen zahlt ihr beiden Süßen nur den halben Eintrittspreis.« Sie grinste verschlagen und blinzelte mir zu. »Vielleicht gewinnen wir mit Indira einen neuen Stammgast.« Na ja, warten wir es ab. Sie überreichte uns die Schlüssel. »Dann viel Spaß!«
»Den werden wir haben.« Rosalie drückte mich kurz. »Nicht wahr?« Ich rang mir ein Lächeln ab und schaute mich um. Bisher begegneten mir keine Nackten oder Männer mit erigierten Geschlechtsteilen.
Gemeinsam marschierten wir zu den Umkleidekabinen und ich gestand mir ein, dass die Bilder auf der Webseite bislang der Realität entsprachen. Ein elegantes Ambiente mit einer Ornamenttapete in einem dunklen Violet, liebevoll dekorierte halbrunde Tischchen, eine dezente Beleuchtung und ein angenehmer Raumduft begleiteten uns. Der positive Eindruck setzte sich in der Umkleide fort. Nach einem kleinen Inspektionsrundgang durch die angrenzenden Sanitäranlagen schwand meine Skepsis. Bisher wirkte es wie ein Edel-Spa.
»Hast du überlegt, was du anziehen wirst?« Rosalie kramte in ihrer Tasche, die neben meiner auf einer Bank stand.
»Du bist hier die Fachfrau.« Unschlüssig zuckte ich mit den Schultern.
»Den Minirock mit dem Reißverschluss an der Rückseite, den schwarzen Strapsgürtel, Nylonstrümpfe und das enganliegende Chiffontop. Damit du dich nicht nackt fühlst, dazu den Spitzen-BH«, ratterte sie ihren Vorschlag herunter. »Den du aber auch weglassen könntest.«
Gespannt auf die Swingerclub-Rosalie beobachtete ich zunächst, wie sie in ihre roten Lederhotpants schlüpfte. Darunter trug sie einen String, der lediglich ihre rasierte Scham bedeckte. Das passende Bustier und ihre Overknee-Stiefel komplettierten das heiße Outfit. Gepaart mit dem auffälligen Make-up stand mir eine völlig veränderte Frau gegenüber.
»Wahnsinn!« Sie war normalerweise einige Zentimeter kleiner als ich, mit den hohen Absätzen erreichte sie fast meine Körpergröße. Zierlich gebaut, mit ihrem frechen Kurzhaarschnitt strahlte sie ein jugendliches Sexappeal aus, auf das Männer und Frauen gleichermaßen abfuhren.
»Ehrlich?« Sie betrachtete sich im Spiegel. »Es ist ein bisschen wie Karneval. Mit der Kleidung wirst du für eine gewisse Zeit zu einem anderen Menschen.«
»Da ist etwas dran.« Ich hasse Karneval.
Ihrem Rat folgend schlüpfte ich in das angepriesene Outfit, und zwar mit BH. In meinen Kleiderschrank fanden sich etliche sexy Klamotten und bei Spitzenunterwäsche geizte ich ebenso wenig. Leider gab es für beides aktuell wenig Verwendung.

Beim Haarstyling hatte ich ebenfalls auf Rosalies Erfahrung gesetzt. »Wir drehen die blonden Haare in Locken«, hatte sie mir vor einigen Stunden offenbart.
»Locken?« In meinem Gesicht, dem ich im Badezimmerspiegel entgegengeblickt hatte, stand das pure Entsetzen.
»Das lässt deine Gesichtszüge weicher und weiblicher wirken.«
»Hm, also bin ich sonst unweiblich?« Das pikte ein bisschen.
»Nein, das nicht, aber du weißt selbst, wie streng du rüberkommst, wenn du die Haare zusammenbindest oder glättest.«
»Ja, so falsch liegst du nicht.« Mit einem Schmollmund lenkte ich ein.
»Die kühle, distanzierte Businessfrau im gradlinigen Jil Sander-Kostüm bleibt heute Abend zu Hause.«
Ungelogen hatten die Vorbereitungen für dieses Abenteuer ungeahnte Ausmaße angenommen, denn ich erhielt ebenfalls ein auffälliges Abend-Make-up.
Nachdem Rosalie die Verwandlung abgeschlossen hatte, mied ich resolut jeden Spiegel, da ich befürchtete, das Experiment bereits in dieser frühen Phase abzubrechen. Ich mit Engelslocken, kaum vorstellbar.

Fertig gestylt musterte ich mich in dem Ganzkörperspiegel der Umkleide. Ich musste ihr vollends zustimmen, die Indira, die mir entgegenblickte, entsprach optisch nicht länger der Powerfrau. Verrückt, wie Haare und Styling ein anderes Bild von einer Person vermittelten. Zusammen standen wir vor dem Spiegel und betrachteten uns. Überraschenderweise gefiel mir mein neuer Look.
»Es ist super, dass du dich durchgerungen hast.« Sie nahm meine Hand. »Es ist ein Versuch, eine Abwechslung, mehr nicht.«
»Meinem Lieblingsmenschen kann ich auf Dauer keinen Wunsch abschlagen.«
»Eben.« Wir klatschten uns lachend ab. »Machen wir das Beste daraus.«

Gemeinsam verließen wir die Umkleidekabine. »Ich führe dich erst einmal herum«, schlug sie vor und ich nickte zustimmend. »Hier ist das Büffet aufgebaut.« Sie wies auf einen Raum, aus dem Stimmengewirr und das Klappern von Geschirr zu hören war.
Voller Neugier warf ich einen Blick hinein, da mir ein köstlicher Duft entgegenwehte. »Wow, das sieht aus wie in einem gehobenen Restaurant.« Weiße Damasttischdecken, fachmännisch eingedeckte Tische und eine angenehme Beleuchtung sorgten für ein einladendes Ambiente.
»Du hast mir ja nicht geglaubt.« Triumphierend schaute sie mich an.
Auch die Gäste lösten keinen befürchteten Horror aus. Entsprechend dem Dresscode trugen die Frauen Dessous, Fetischkleidung oder wie Rosalie und ich sexy Outfits. Im Restaurant entdeckte ich erfreulicherweise keinen Nudisten. »Ja, ja«, gestand ich brummelnd ein.
Voller Spannung führte sie mich in den abgetrennten Teil des Hauses, in dem es, so Rosalies Worte, zur Sache ging.
Tatsächlich entpuppte sich die Location mit ihren Loungeecken, Zimmern mit großen Liegewiesen und solchen für SM-Spielchen, sowie Séparées zum Zurückziehen als ein Paradies für Swinger.
Der Wellnessbereich beeindruckte mich mit luxuriösen Infrarotsaunen, einem Whirlpool, Liegen und Spielwiesen zum Relaxen, je nachdem, zu was den Besuchern der Sinn stand. Ohne Fickerei ein perfekter Ort zum Entspannen.
»Das ist alles blitzblank«, versuchte ich, den Räumlichkeiten etwas Positives abzugewinnen. »Weshalb ist es so leer?«
»Weil es relativ früh ist.« So, als erahne sie meine Gedanken, ergänzte sie: »Glaubst du, dass wir notgeil übereinander herfallen?« Der unterschwellig pikierte Ton blieb mir nicht verborgen.
»Nein, nein, das wollte ich nicht damit sagen.« Beruhigend hob ich die Hände. »Auf der Homepage habe ich ja gelesen, dass man sich erst einmal kennenlernt, was trinkt ...«
»Das sollten wir ebenfalls.« Ihre minimal zusammengekniffenen Augen ließen erahnen, dass sie mein distanziertes Verhalten enttäuschte und es augenscheinlich ein wenig bereute, mich überredet zu haben. Abrupt drehte sie sich herum. »Vielleicht hebt das deine Stimmung.«
»He.« Ich fasste sie am Arm. »Ich will dir wirklich nicht den Abend verderben.« Es tat mir ehrlich leid für sie, da sie sich auf den Besuch im Bel Air gefreut hatte.
»Schon gut.« Sie zuckte mit den Schultern. »Die Art von Sex ist nicht Jedermanns Sache.«
Mit einem schlechten Gewissen folgte ich ihr zur Bar, die mit ihrer Aufmachung problemlos mit einer gutsortierten Cocktailbar mithielt. Auf der kleinen Tanzfläche bewegte sich ein Pärchen eng umschlungen, am Tresen saßen zwei Paare, die sich unterhielten.
Prüfend wanderte mein Blick umher. Auch hier hielten sich die Besucher an den Dresscode. Die Männer hatten jedoch weniger Möglichkeiten und die meisten beschränkten sich auf ein Shirt und Shorts, manches Mal waren sie auch in Lack oder Leder gehüllt.
Wir setzten uns an den Tresen und wurden sofort neugierig beäugt. Auf einer der Sofaecken knutschten zwei Paare. Bestimmt ein Partnertausch. Ein Schauer der Ablehnung rauschte mir den Rücken herunter. Nee, es ist wirklich nicht mein Ding.
 »Hallo Mädels«, begrüßte uns der Barkeeper freundlich. »Was darf ich euch bringen?«
»Zwei Prosecco«, übernahm meine leicht verstimmte Freundin die Bestellung.
Ruckzuck standen die Gläser vor uns. Wortlos prosteten wir uns zu, während mein Unwohlsein in die Höhe schnellte.
»Schade, dass es dir so gar nicht gefällt.« Es klang enttäuscht.
»Es ist von den Räumlichkeiten total klasse ...« Ich atmete tief aus. »Aber es reizt mich nicht.«
In dem Moment trat ein junger Typ an uns heran, der nach meiner Einschätzung höchstens dreiundzwanzig Lenze zählte. Ein durchtrainiertes Jüngelchen und definitiv keiner, mit dem ich vögeln wollte.
Rosalie sah das völlig anders. »Denis!« Freudig sprang sie auf, umarmte ihn stürmisch und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. »Schön, dass du heute hier bist.«
Sie war dreißig und uns trennte nur ein Jahr zu meinen Ungunsten. Dass sie auf Jüngere stand, war mir neu. Was hatte sie schwärmend gesagt? »Ich entdecke ungeahnte neue Seiten an mir.« Oh ja, wie es scheint.

»Das ist meine Freundin Indira«, stellte sie mich vor.
Denis reichte mir die Hand. »Hey.« Er musterte mich. Wenn er jetzt mit der Idee eines Dreiers kommt ... »Was für ein seltener Name.« Ich wusste es. »Ich wollte nur kurz Hallo sagen und nicht weiter stören.«
»Du störst nicht.« Spielerisch tanzte sie ihn an, kreiste das Becken, um im Anschluss ihren Po an seiner engen Shorts zu reiben. »Ich freue mich schon«, gurrte sie. Denis legte seine Arme um ihre Hüften und drückte sie etwas fester an sich heran.
Urplötzlich wurde mir klar, was mich am meisten störte. Ich wollte meine innige Freundschaft zu Rosalie nicht sexualisieren. Wir übernachteten in einem Bett, waren uns vertraut, kannten uns seit Jahren und ich liebte sie wie eine Schwester. Sex zwischen uns stand nie zur Debatte, obwohl ich um ihre Bi-Neigung wusste. Natürlich quatschten wir über das Thema, tauschten Erfahrungen aus, so wie unter Freundinnen üblich. Aber die Vorstellung, sie beim Sex zu sehen, stieß mich ab. Es gehörte nicht in die Welt, die ich mit ihr teilte. Um die Erkenntnis zu verdauen, kippte ich den Prosecco in einem Zug herunter.
»Ihr zwei könnt gern euer Ding machen.« Lässig fuhr ich mir durch die umsonst zu Engelslocken gestylten Haare und versuchte mich in einem Lächeln.
Denis‘ Hände wanderten zu Rosalies Brüsten. »Na, wollen wir dem Vorschlag nachkommen?«
»Gib mir ein paar Minuten.« Sie nickte mir zu.
»Kriege ich hin.« Mit einem Grinsen und einer zwischenzeitlich ausgebeulten Unterhose eines Luxuslabels schlenderte er davon und ließ sich unweit auf eines der Sofas fallen.
»Ist das wirklich in Ordnung?« Sie wirkte etwas besorgt.
»Natürlich.« Hauptsache, ich sehe es nicht.
»Sicher?« Sie nahm meine Hand.
»Ich mache dir einen Vorschlag.«
»Okay?«
»Sofern ich es nicht aushalte, nehme ich mir ein Taxi.« Aufmunternd erwiderte ich ihre Berührung. »Ich informiere Nora darüber und keiner verbiegt sich.«
»Klingt nach einer Lösung!« Die Erleichterung in ihrem Gesicht übertrug sich ebenfalls auf mich. »Du bist die Beste.«
»Ich weiß!« Das blöde Gefühl, ihr den Abend zu versauen, verschwand. »Viel Spaß.« Ich grinste übertrie-
ben breit.
»Den werde ich haben.« Lachend hielt sie ihre Hände auseinander. »Mega ... wenn nicht der Größte bislang.«
»Dann genieß es«, rang ich mir ab und winkte ihr hinterher.
Bei unserem Tratsch nannten wir das, was sie angedeutet hatte, einen Pornoschwanz. Völlig unvorbereitet überrollte mich ein Kopfkino, bei dem ich es mir ab und zu selbst besorgte.
Bei der Vorstellung an einen prallen, wohlgeformten Pornoschwanz mit einer großen und vor Lustsäften glänzenden Eichel, rasierten dicken Eiern, stellte sich ein Pochen im Unterleib ein und wie aus dem Nichts verwandelte sich meine Vagina in einen See.
Gleichzeitig stieg Scham in mir auf. Unvermittelt kam ich mir wie ein Fremdkörper vor. Einer, der sich sogar für seine Gedanken schämte, obwohl alle anderen es wild trieben. Weshalb hatte ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört? Ich verschwinde ... Zu Hause wartete eine gemütliche Couch und ein kuscheliges Outfit auf mich. Den Anflug von Erregung würde ich problemlos mit meinem Lieblingsvibrator befriedigen und es vollends auskosten.

Auf dem Weg zu den Umkleidekabinen kam ich am Speisezimmer vorbei. Die verlockenden Düfte kitzelten mir erneut in der Nase. Spontan entschloss ich, eine Kleinigkeit zu essen, denn schließlich war ich nicht auf der Flucht. Außer vor mir selbst vielleicht. Ich warf einen Blick in den Raum. Bis auf einen Tisch, an dem vier Männer in eleganten schwarzen Anzügen saßen und sich angeregt unterhielten, hielt sich dort niemand auf. Eine ungewohnte Unsicherheit breitete sich aus. Es lag definitiv am Outfit, selbst wenn es hierher passte. Ein weiterer Beweis, nicht in einen Swingerclub zu gehören.
Für einen Moment harrte ich auf der Türschwelle aus. Um an das Büffet zu gelangen, musste ich am Tisch vorbeigehen. Wieso fühlte sich das Zurücklegen der Strecke unangenehm an?
Unvermittelt richtete einer der Männer seine Aufmerksamkeit auf mich. Ein überraschender Stromschlag rauschte durch meinen Körper, die Knie wurden weich und für eine Sekunde befand ich mich wie in einem Tunnel. Dunkle Augen, die mich einfingen. Das markante Gesicht mit einigen Falten, die Männer interessant machten und Frauen alt, erfüllte seine Aufgabe und wirkte auf mich wie ein Magnet. Der braune Teint stellte einen Kontrast zu den teilweise silbergrauen, trendig gestylten Haaren dar. Unsere Blicke trafen sich, doch sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Kein Lächeln, kein Schmunzeln, keine menschliche Regung, nicht den Hauch eines Gefühls. Ungewollt beschleunigte sich mein Herzschlag. Was für ein Abgott von Mann! Sein Alter vermochte ich nicht einzuschätzen.
»Indira, alles gut?«, holte mich Nora zurück aus meiner Schockstarre.
»Äh ja, nein ... ich wollte eigentlich gerade nach Hause fahren.« Um zu vermeiden, dass er mithörte, senkte ich die Lautstärke.
»Ach wie schade.« Nix mit neuem Stammgast. »Rosalie hat angedeutet, dass du skeptisch bist«, posaunte sie hingegen heraus. »Swingen ist nicht für jeden die sexuelle Erfüllung.« Unauffällig schielte ich zu dem Tisch, doch niemand reagierte. Weshalb war es mir extrem peinlich, dass insbesondere er mich für prüde halten könnte?
»Hast du Lust mit mir eine Kleinigkeit zu essen und im Anschluss rufe ich dir ein Taxi?« Sie lächelte und nickte mir aufmunternd zu. »Ich brauche eine kleine Pause.«
 »Einverstanden.« Das verdammte Magensausen gesellte sich zurück zu meiner allgemeinen Verwirrung und ich dankte Gott, den BH angezogen zu haben. Durchschimmernde nackte Brüste wären jetzt ein Albtraum gewesen.
»Setz‘ dich.« Sie zeigte auf einen Ecktisch, zu nah an dem der Vierergruppe. »Ich begrüße nur meine amerikanischen Gäste.« Ich nickte lediglich.
Warum ist er ein Swinger? Es war zum Heulen.

Statt mich am Büffet zu bedienen, nahm ich Platz. Da war sie wieder, die verdammte Blockade, die mir das Leben schon so manches Mal zur Hölle gemacht hatte. Sobald mir ein Mann gefiel, war es mir unmöglich, mich ungezwungen zu verhalten, und ich zog mich in mein Schneckenhaus zurück. Leider interpretierte das Objekt der Begierde es oft als Desinteresse oder Arroganz. Ein lockeres Kennenlernen war für mich ein schwieriges Unterfangen, vermutlich resultierten daraus unzählige verpasste Chancen, Mr. Right zu finden. Für den Fall, dass es tatsächlich zu einer ersten Annäherung kam, verhielt ich mich nicht wie Indira Bechstein, sondern wie ein aufgedrehtes Huhn, das ohne Punkt und Komma plapperte. Fahrig und wild gestikulierend, fegte ich dabei ständig Gläser vom Tisch. Rosalie hatte es deutlich formuliert: »Du bist in diesen Momenten unglaublich anstrengend.« Es fiel mir nicht auf und wie sollte ich etwas korrigieren, von dem ich nicht bemerkte, dass es existierte? Abgesehen vom eindeutigen Glasbruch.

Sofern es gelang, die Phase zu überstehen, wurde ich eifersüchtig und misstrauisch. Eifersucht ist eine Leidenschaft, die man mit Eifer sucht und die Leiden schafft. Trefflicher ließ sich mein Verhalten nicht beschreiben. Schamvoll erinnerte ich mich immer wieder an unschöne Szenen. Doch der Schmerz fraß sich in meine Seele und ich flippte aus. Ohne Vertrauen, so mein letzter Freund, wäre es unmöglich, eine harmonische Beziehung zu führen. Dem gab es nichts hinzuzufügen.

Die Faszination, die er von der ersten Sekunde auf mich ausübte, beängstigte mich. Sie war mit nichts zu vergleichen, was ich bisher erlebt hatte.
Die Gruppe erhob sich und Nora begleitete sie bis zur Tür des Speisezimmers. Gemäß meines Verhaltensmusters widmete ich mich meiner kleinen Umhängetasche, in der sich lediglich der Spintschlüssel und ein Lippenstift befanden.
Nora wünschte allen noch einen schönen Abend und setzte sich zu mir. »Es gefällt ihnen hier. Da drüben sind sie ja mittlerweile extrem verklemmt.« Mit einem Grinsen schenkte sie sich ein Glas Wasser aus der auf dem Tisch stehenden Karaffe ein.
»Warum tragen sie schwarze Anzüge?«
»Ja, wieso denn nicht?«
»Stimmt auch wieder.« Mit der rechten Hand lockerte ich die Haare auf und ärgerte mich über die Frage.
»Ich finde es stilvoll und unsere Singlefrauen sind hin und weg.« Verstehe ich. »Gefällt dir so ein Typ Mann?« Neugierig schaute sie mich an.
»Nein, das ist mir zu ... zu dominant.«
»Nur, weil sie elegante Smokings tragen?«
»Ich assoziiere das damit.« Blöderweise errötete ich. »Ich schaue mal, was es so Leckeres gibt«, entzog ich mich blitzschnell dem Thema.
Ihr Telefon klingelte und sie rollte mit den Augen. »Das war es mit der Pause.« Sie sprang auf. »Vielleicht sehen wir uns doch mal wieder.« Sie nickte mir zu, ehe sie davoneilte.
»Das glaube ich nicht«, murmelte ich vor mich hin.
»Bist du dir da so sicher?«, raunte plötzlich eine mir fremde Stimme.
Erschrocken drehte ich mich um. Oh mein Gott!