Leseprobe online lesen: Dark Romance


Prolog

Die Familie von Hohenstein gehörte zu den Firmengründern aus der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Mein Großvater Maximilian von Hohenstein eröffnete nach dem Krieg eine Apotheke. In den Hinterräumen mixte er seine Tinkturen gegen Husten, Schnupfen, Gelenkschmerzen und eine Substanz, die zu den ersten Psychopharmaka zählte. Zwar begann die Herstellung bereits in den vierziger Jahren, doch mit dem langersehnten Kriegsende nahm die Entwicklung rasant zu. Ein lukratives Geschäft im Hinblick auf die jüngste Vergangenheit jener Tage. Die Substanzen halfen, Schlafstörungen zu überwinden, und wurden ebenfalls zum Entzug bei Drogenabhängigen eingesetzt.
Mit seinem ausgeprägten Geschäftssinn expandierte er in kürzester Zeit. Es lief anfangs hervorragend, bis er feststellte, dass er bei den zukunftsweisenden Neuroleptika und Antidepressiva den Anschluss verpasst hatte.
Ein Maximilian von Hohenstein ließ sich jedoch nicht beirren und setzte auf die klassischen Schlaf- und Beruhigungsmittel.
Aus der einst kleinen Fabrik mit einer überschaubaren Belegschaft entwickelte sich unter der Führung meines Vaters, Caspar von Hohenstein, ein Global Player, der bis zum heutigen Tage von der Familie geführt wird. Wir stehen den großen deutschen Familiendynastien in nichts nach.
Heute befindet sich unser Hauptsitz in Frankfurt und wir beschäftigen weltweit circa 25000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Mein Vater lebte für die Firma und offensichtlich blieb dabei der Sex auf der Strecke. Zumindest nehme ich das an, da er bereits neununddreißig Lenze zählte, als ich 1989 geboren wurde.
Meine Mutter verstarb im Alter von achtunddreißig Jahren, da war ich gerade vier. Nähe und Geborgenheit, die Basis für ein emotional gefestigtes Leben, brachen von jetzt auf gleich weg. Ich erinnere mich noch, wie ich verzweifelt nach ihr rief und ihr Verschwinden nicht verstand. Der Nanny gelang es zwar, den kindlichen Schmerz zu lindern, aber sie konnte eine liebende Mutter nicht ersetzen. Mein Vater war zu der Zeit nicht in der Lage mir beizustehen. Um seinen Kummer zu kompensieren, stürzte er sich mehr denn je in die Arbeit.
Der frühe Tod ging nicht spurlos an mir vorüber, sodass ich Mauern um mich herum aufbaute. Wer nicht liebt, wird nicht verletzt, so die logische Schlussfolgerung. Welches Gefühl ich genau für meinen Vater empfand, war schwer zu erklären. Respekt, Bewunderung, vielleicht ein Fünkchen Vaterliebe. Er der Eiskönig und ich die Eisprinzessin. So versuchte jeder für sich, mit seinem Kummer umzugehen. Die Verwandtschaft stellte in jener Zeit ebenfalls keine große Hilfe dar.
Durch die Lebensumstände kapselte ich mich ab und wurde zur Einzelgängerin. Alles in mir weigerte sich, Freundschaften zu schließen, was mir den Ruf einer arroganten Zicke einbrachte. Ich stand den Schwätzern völlig gleichgültig gegenüber. In meinem Leben zählten lediglich Bestnoten und der unabdingbare Drang, so viel Wissen wie möglich aufzusaugen. Finanziell uneingeschränkt besuchte ich die besten Internate und studierte an den renommiertesten Universitäten weltweit. Durch Fleiß und Ehrgeiz schuf ich mir das Fundament, um künftig den Familienbetrieb zu führen und in einer von Männern dominierten Geschäftswelt zu bestehen. Wer sich darauf ausruhte, in eine Dynastie wie unsere hineingeboren zu sein, keine Einsatzbereitschaft zeigte, hatte bei meinem Vater einen schlechten Stand gehabt. Und so auch bei mir. Erwartungsgemäß sorgte das Verhalten für Unmut bei meinen Onkeln nebst Anhang, die erwarteten, dass für ihre Kinder entsprechende Posten geschaffen wurden.

Vor zwei Jahren traf mich die Nachricht von Vaters unerwarteten Todes wie ein Stich ins Herz. Die gesamte Zeit hatte ich verdrängt, welche emotionale Bedeutung er für mich besaß. Um den Verlustschmerz auszuhalten, verbot ich mir jegliche Trauer. Bei der Beerdigung vergoss ich keine einzige Träne, was man mir bis heute vorwarf.
In einem hart umkämpften Markt wie der Pharmabranche galt es, nie Schwäche zu zeigen, insbesondere da durch den Todesfall ein Wechsel der Unternehmensführung anstand. Die Konkurrenz hatte mich in diesem Moment mit Argusaugen beobachtet. Niemand traute mir zu, die Geschäftsführung erfolgreich zu übernehmen. Doch das stachelte mich noch mehr an. Aufgeben kam niemals in Frage.
Mit Vaters Tod wurde ich sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen. Die Verwandtschaft witterte das große Geld und es wurden Stimmen laut, das Familienunternehmen zu verkaufen. Glücklicherweise besaß ich die Mehrheitsanteile und ein kompetentes Team im Hintergrund, das mir half, den absurden und aus Geldgier gefassten Gedanken zu unterbinden. Der Wind, der mir ab diesem Zeitpunkt entgegenwehte, hätte nicht eisiger sein können. Bis heute ließ ich mich jedoch nicht beirren, baute weiterhin auf zuverlässige Mitarbeiter, vertraute auf ein gesundes Bauchgefühl und ein profundes Wissen. Die Bilanzen bestätigten zudem meinen Führungsstil. Ein Dankeschön oder eine Wertschätzung seitens der Familie hatte ich nicht erwartet. Aber das sie jegliche moralische Grenzen überschritten, nein, damit rechnete ich nicht.
Ich heiße Celeste von Hohenstein und in wenigen Tagen wird mein Leben am seidenen Faden hängen.

 

***

 

Die Welt des Darknets bot meinem Berufszweig eines Contract Killers die optimale Plattform, unerkannt und problemlos neue Klienten zu gewinnen. In der Parallelwelt tummelten sich heutzutage diejenigen, die sich früher an dunklen Plätzen trafen, schäbige Hotelzimmer buchten, um ihre Deals abzuschließen. Glücklicherweise stieg ich in das Business ein, nachdem der komfortablere Weg existierte.
1980 geboren, schleppten mich meine Eltern zu den Friedensdemonstrationen, in der Hoffnung mich von Kindesbeinen zu einem Pazifisten zu erziehen. Um so größer der Schock, dass meine Ambitionen ins Gegenteil umschlugen. Seit dem ich ein kleiner Junge war, faszinierten mich die Seals aus den USA. Ihre gestählten Körper, durch hartes Training und Höchstleistung zu Killermaschinen getrimmt, beflügelten zum Leidwesen meiner Mutter die kindliche Fantasie. Der Wunsch, den Weg eines Berufssoldaten einzuschlagen, stand für mich früh fest. Die familiären Auseinandersetzungen sind mir bis heute bestens in Erinnerung geblieben. Obwohl ich beide liebte, verfolgte ich gradlinig den Weg. Je mehr sich die Erwachsenen dagegen sträubten, umso konkreter wurden die Pläne.

Kurz nach der Verpflichtung zum Berufssoldaten entbrannte in mir der Traum, in die Eliteeinheit aufgenommen zu werden. Die 1996 gegründete KSK wurde für mich das Maß aller Dinge. Einer meiner unabdingbaren Charakterzüge war der Wille, stets zu den Besten zu gehören. Mittelmaß hasste ich, es zählte ausschließlich Rang eins. Innerhalb weniger Monate wurden verschiedene Vorgesetzte auf mich aufmerksam. Mit deren Interesse ebnete ich mir den Weg an die Spitze.
»Die KSK ist die gefährlichste Einheit der Bundeswehr und die geheimste. Wer ihr dient, darf keine Anerkennung erwarten«, erklärte mir einer der Ausbilder, nachdem ich das Auswahlverfahren erfolgreich abgeschlossen hatte.
»Der Heldenstatus liegt mir nicht«, erwiderte ich lapidar und gab unbewusst die einzige Antwort, die er akzeptierte. Eine Einstellung, die ich bis zum heutigen Tag beibehielt.
Ein Auftragskiller agierte ebenso wie die KSK im Verborgenen. Der größte Unterschied zur Bundeswehr war die Kohle, die ich für meine Dienstleistungen forderte. Die Aufträge erlaubten mir, ein sorgenfreies Leben zu führen. Die Besten bestimmten halt den Preis.
Heute wie damals hinterfragte ich nicht den moralischen Status, da es ihn nicht gab. Was für die eine Seite gewissenloses Morden darstellte, betrachtete die Gegenseite als eine Notwendigkeit. Der Tod blieb ein hoch dotiertes Geschäft. Jeder Waffenhersteller nahm billigend in Kauf, dass durch seine Produkte Menschen starben. Sämtliche Politiker, die einem Kriegseinsatz zustimmten, akzeptierten ebenfalls, dass Menschenleben geopfert wurden. Bombenangriffe auf Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser ließen die Welt vor Entsetzen aufschreien. Die Heuchelei kotzte mich an, denn zumindest ich besaß einen Ehrenkodex, der besagte, niemals Kinder zu töten.
In Anbetracht dieser pragmatischen Betrachtungsweise agierte ich bedenkenlos. Die Zielperson wurde zu einer Ware, einem Objekt, das es galt auszuschalten. Weshalb und warum interessierte mich ebenfalls nicht. Jegliche persönliche Information, die nicht zur Durchführung des Auftrages diente, schenkte ich mir. Da ich mich als Dienstleister betrachtete, erfüllte ich sogar Kundenwünsche. Der eine wünschte sich eine öffentliche Inszenierung mit dem entsprechenden Rummel. Hier war Präzisionsarbeit gefragt, was einem ausgebildeten Scharfschützen nicht schwerfiel. Der überwiegende Teil der Klienten erwartete, dass ich diskret den Job erledigte. Im Idealfall wirkte es wie ein Unfall. Durch die mittlerweile hervorragende Forensik durchaus eine größere Herausforderung als früher. Doch ich war und blieb der Beste.

 

1. Kapitel Celeste   

Der Weckton meines Handys legte wie jeden Morgen um sechs Uhr mit einem äußerst penetranten Geräusch los und holte mich zügig aus dem Schlaf. Manches Mal kam ich mir wie ein Roboter vor, denn meine Morgenroutine lief automatisch ab und wiederholte sich sogar dann, wenn ich in einem Hotel übernachtete. Feste Rituale ermöglichten mir, das enorme Arbeitspensum zu bewältigen.
Innerhalb weniger Sekunden sprang ich aus dem Bett und streckte und dehnte die großen Muskelgruppen. In den letzten Wochen litt ich vermehrt unter Verspannungen, eine mir bislang fremde und dazu lästige Einschränkung, da es häufig zu Kopfschmerzen führte.
Kurz nach dem Einzug in das Penthouse im fünfzehnten Stockwerk des nagelneuen Wohnkomplexes genoss ich noch den Sonnenaufgang durch die riesigen Panoramafenster. Inzwischen schenkte ich dem keine Beachtung mehr. In der Küche füllte ich ein Glas mit warmem Wasser und kippte es in einem Zug herunter. Angeblich sollte dies das eigene Yin und Yang optimal fördern. Im Gegensatz zu meiner gewohnt pragmatischen Art prüfte ich es nicht auf seinen Wahrheitsgehalt. Es zuckte mir in den Fingern, meine Mails zu checken, doch ich hielt mich tapfer an die Empfehlung meines Personaltrainers, erst nach dem Workout mit der Arbeit zu beginnen.
»Du musst den Kopf frei haben, dich auf das Training zu einhundert Prozent einlassen, sonst können wir uns das sparen.«
»Das geht nicht«, hatte ich ihm vehement widersprochen. »Ich muss die Zeitverschiebungen berücksichtigen.«
»Wieso du?« Mit seinen schönen blauen Augen durchbohrte er mich förmlich und legte die Stirn kurz in Falten. »Du bist der Boss und die haben sich nach dir zu richten.« Damit nahm er mir jeglichen Wind aus den Segeln.
Durch die fehlende Motivation, ein öffentliches Fitnessstudio zu besuchen, gestaltete ich mir ein Privates. Spinningrad, Laufband, Stepper, unterschiedlichste Geräte für ein ausgewogenes Krafttraining, Hanteln und was mein Personaltrainer sonst noch für sinnvoll hielt. Auf einer großen, smart vernetzten Leinwand schaltete er sich live dazu. Ich bezahlte ihn fürstlich für diesen Service, aber er war sein Geld definitiv wert.
Eilig sprang ich in meine Sportklamotten und stellte die Verbindung her.
»Guten Morgen, Celeste, bereit für eine Stunde Spinning?«
»Dir auch einen guten Morgen ... und meinetwegen. Du weißt, ich liebe es.«
»Und brav gewesen?«
Ich rollte mit den Augen und schwang mich auf das Bike. »Ja!«
»Auf geht’s.« Er startete die Musik. »Zum Aufwärmen eine leichte Intensität ... nicht übertreiben. Drei, zwei, eins - go!«

An diesem Morgen fand ich jedoch nur schwer in den Rhythmus hinein, mir fehlte tatsächlich die Konzentration. Nur ungern gestand ich mir ein, dass es mit dem heutigen Termin zusammenhing. Das einberufene Meeting mit den Anteilseignern von unserer Traditional Medications Holding, gemeint war die liebe Verwandtschaft, betrachtete ich als richtungsweisend. Es lagen turbulente Wochen hinter mir, in der ich nicht nur einmal an mir gezweifelt und mit mir gerungen hatte. Sämtliche Fakten sprachen für die von mir favorisierte Entscheidung.
»Unsere Firma hat sich immer an moralische Standards gehalten und nicht ausschließlich den Profit an erster Stelle gesetzt«, klangen die Worte meines Vaters in mir nach. Obwohl er es regelmäßig betont hatte, erinnerte ich mich besonders an die Wiederholung bei einer Wanderung durch die Alpen.
»Aus dem Grund sind wir überall auf der Welt so erfolgreich, unsere Partner schenken uns ihr Vertrauen.« Er hatte innegehalten und den Blick über die Bergwelt schweifen lassen. »Das ist die beste Basis für eine lange Geschäftsbeziehung.«
Zu seiner Zeit traf dies sicherlich zu, aber heutzutage? Das Hauen und Stechen um den größten Marktanteil, die schnellste Entwicklung eines Medikamentes, nur um die Nase vorn zu haben, dominierte die Branchenpolitik. Was selbstverständlich nicht nach außen getragen wurde. Einigkeit und gemeinsame Forschungsaufträge demonstrierten die vermeintliche Kooperation.
Konkret handelte es sich um einen neuen Wirkstoff zur verbesserten Vorsorge von Tuberkulose. Eine Infektion, die überwiegend in Afrika bei Kindern auftrat. In 2006 schloss sich unsere Holding einer internationalen Forschungsreihe an und die Entwicklung gestaltete sich Erfolg versprechend, obwohl sich die Herausforderungen durch unbekannte Virenstämme erhöhten.
Inzwischen standen wir in Konkurrenz mit einem anderen Pharmariesen. Die Uhr tickte. Es war ein Ringen mit der Zeit. Aus ökonomischer Sicht mussten wir zuerst die Zulassung für dieses Medikament beantragen, um der Holding die Patente zu sichern. Ein Millionendeal, der sich weiterhin positiv auf unser Image auswirken würde. Hochglanzfotos auf denen lachende farbige Babys mit Knopfaugen gesund in die Kamera strahlten, verbuchte jeder gern für sich.
 Ich stand mächtig unter Druck, denn laut der Forschungsabteilung gab es einige Nebenwirkungen, auf die die Probanden je nach körperlicher Verfassung unterschiedlich heftig reagierten. Bislang war es den renommierten Spezialisten nicht gelungen, die Ursache für diese Unverträglichkeit zu entschlüsseln.
Die Familienmitglieder drängten darauf, nicht länger zu warten. Im Sinne meines Vaters lag mir jedoch viel daran, mit einem ethisch einwandfreien Medikament die Zulassung zu beantragen.
Was wog mehr? Der Millionendeal oder die moralische Verantwortung? Gab es einen Mittelweg?