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1    Kapitel

Der Marquess

Der graue Bentley rollte über den hellen Kies der Auffahrt zu der historischen Villa in Oxshott, einem beschaulichen Ort ungefähr eine Stunde Autofahrt von London entfernt. Der luxuriöse Bau im viktorianischen Baustil gehörte zu den ältesten Anwesen in der Umgebung. Alle weiteren Hintergründe blendete ich bewusst aus.
Die weiße verschnörkelte Fassade wurde angestrahlt und tauchte das Gebäude in ein weiches Licht.
Um Zutritt zu erlangen, bedurfte es der Mitgliedschaft eines vorgeschriebenen Gentlemen’s Club. So bezeichneten die Briten eine Vereinigung Angehöriger der britischen Upper Class. Trotzdem durften nur wenig auserwählte Besucher das Gelände betreten. Um das zu gewährleisten, hatte der Eigentümer Sir William Belfort keine Kosten und Mühen gescheut, die modernste Sicherheitstechnik zu installieren. Bevor sich das schmiedeeiserne Tor für uns öffnete, legitimierte ich mich mit der auf Büttenpapier und Tinte geschriebenen Einladung. Sir Belfort bestand bei seinem Maskenball, den er einmal im Monat veranstaltete, auf ein hohes Maß an Authentizität. Das bezog sich insbesondere auf die Kleidung. Die Damen trugen aufwendige Roben, die eher an die Epoche des Rokoko erinnerten. Hochgepuschte Brüste, deren Rundungen verführerisch das Dekolleté hervorhoben. Ausladende bodenlange Röcke, eng geschnürte Korsetts, die den Taillenumfang erheblich minimierten. Die Herren kleideten sich mit einem Justaukorps, die Garderobe der feinen Gesellschaft, Kniebundhosen, Herrenrock, Weste, mit Brokat und dergleichen Schnickschnack verziert. Je eleganter und auffallender desto besser. Ein Schaulaufen der Eitelkeiten, bis die Hüllen fielen. Es gab wenige Epochen, in der die adelige Oberschicht derart herumhurte. Gruppensex, Analsex und weitere bizarre Praktiken waren keine Erfindung der Achtundsechziger-Bewegung oder der berüchtigten Kommune I. Wer letztendlich mit wem seinen frivolen und ungezügelten Sexspielen nachkam, tangierte mich nicht. Ich verfolgte andere Pläne.
Persönlich tendierte ich zu einem schlichteren Outfit, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Die Lederstiefel, der dezent gestaltete Gehrock verliehen mir das Maskuline, auf das die Damen abfuhren.
Da ich die Veranstaltung zum zweiten Mal besuchte, wusste ich, was mich erwartete und kam bewusst zu einer späteren Uhrzeit. Konversation beim Austernschlürfen, das höfliche Beschnuppern, die gespielte Zurückhaltung bis endlich die Masken fielen, ersparte ich mir.
An der Eingangstür empfing mich ein Bediensteter in einer Livree und einer weißen Zopfperücke. Da ich mich bereits am Haupttor legitimiert hatte, kannte er meinen Namen.
»Marquess of Survey, welch Ehre, dass Sie uns heute wieder beehren.« Er verbeugte sich.
»Eine Einladung wie diese, lasse ich mir doch nicht entgehen.« Ich steckte dem Türsteher einen Geldschein zu, was mir seine Sympathie und hoffentlich seine Auskunftsfreude sicherte. »Wie ist Ihr Name?«, fuhr ich mit dem Vertrauensaufbau fort.
»James. Das ist übrigens mein echter Vorname.« Er grinste.
»Gefällt Ihnen der Job?« Mittlerweile standen wir in einem Vorraum. Lediglich ein schwerer Vorhang trennte mich von dem eigentlichen Geschehen. »Da bekommen Sie sicherlich vieles mit.« Ich hatte mich ihm vertrauensvoll zugewandt und er nahm mir den Mantel ab.
»Es kommt darauf an.« Er sah mich spitzbübisch an.
»Worauf?« Nun kamen wir der Sache schon ein wenig näher.
»Manchmal bin ich auch für das Geschirr beim Buffet zuständig. Das ist wesentlicher ... sagen wir mal ... wenn Sie gestatten ... unterhaltsamer.«
»So, so.« Meine freundliche Stimmlage entsprach nicht meinem ausdruckslosen Gesichtsausdruck.
»Sofern ich es schlau anstelle, ist dieser Posten ebenfalls sehr informativ.« James hatte verstanden, welches Anliegen ich verfolgte.
»Das hört sich vielversprechend an.« Zufrieden steckte ich ihm einen weiteren Schein zu. »Ist die Dame bereits anwesend?« Ich zog ein Foto aus der Hosentasche.
Er betrachtete das Bild. »Nein, an eine solche Schönheit würde ich mich gewiss erinnern.«
»Lassen Sie mir die Information zukommen, wenn sie eintrifft.«
»Aber selbstverständlich Marquess of Survey!« Er strahlte in Anbetracht des üppigen Trinkgeldes.
»Vielen Dank. Ich werde mich überwiegend in der Halle oder auf der Empore aufhalten.« Von dort aus hatte ich den perfekten Überblick.
»Ja Sir«, erwiderte er motiviert. Der Deal stand.
»Zunächst plane ich jedoch, mir einen Gesamtüberblick des Geschehens zu verschaffen.«
»Ich verstehe.« Das Bedauern in seiner Stimme schloss darauf, dass er sich gern selbst ins Getümmel gestürzt hätte. Was er nicht wusste, war, dass ich mich nicht zu meinem Vergnügen hier aufhielt. »Bitte sehr.« Er schob den blickdichten Vorhang zur Seite und ich trat in die pompöse Eingangshalle, die wenig ihres Ursprungs eingebüßt hatte. Ein grauer Steinboden, auf dem wertvolle Teppiche ausgelegt wurden, große Flügeltüren, durch die man in die angrenzenden Räume gelangte und aus denen lautes Gelächter und Stimmengewirr hinaus drang. Die mit Intarsien verzierten Wände, riesige Kronleuchter, die von den hohen Decken das Entree erhellten, all das gab ein harmonisches Gesamtbild ab. Mein Blick fiel auf die Treppen, die rechts und links in einem Halbkreis in das erste Stockwerk führten. Für eine Sekunde hörte ich die Stimme meiner Mutter, die sich zum einhundertsten Mal darüber aufregte, dass ich auf dem Geländer hinuntersauste.
Auf der oberen Etage mit seinen unzähligen Zimmern fand das eigentliche Treiben statt.
Eine skurrile Regelung der Veranstaltung besagte, dass die Frauen sich zu Beginn dezent zurückhielten und von den Herren umworben wurden. Es war ein bizarres Jagen nach einem ersten Fick. Es glich einer Inszenierung, die sich problemlos in der Zeit der Madame de Pompadour zugetragen haben könnte.

Damals bedienten sich die Wohlhabenden einer Mätresse, die sie für ihre Liebesdienste bezahlten. Sir William Belfort hatte mir verraten, dass er gern einige Professionelle einer renommierten Escort-Agentur buchte, damit die Stimmung gesichert sei.
»Madame Magdalena ist bekannt für ihren exzellenten Geschmack und ihre hohen Ansprüche«, erklärte mir Belfort bei einer unserer Zusammenkünfte flüsternd hinter vorgehaltener Hand. Wir saßen in dem Herrenclub zusammen und hatten inzwischen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Eine meiner Begabungen war es, die Menschen um mich herum schnell von mir einzunehmen. Belfort, vermessen und unvorsichtig wie er war, ließ sich von dem Namen Marquess of Survey blenden und nannte mich seinen Freund.
»So hat sie das?« Entspannt saß ich mit ihm in einer der altehrwürdigen Sitzgruppen und genoss eine Premiumzigarre. »Da müssen Sie mir mal die Kontaktdaten geben.«
»Mein Lieber, brauchen Sie das?« Er lachte und musterte mich unverhohlen. »Ein Mann ihrer Klasse und Alters.«
»Es ist unkomplizierter.« Ich blies den Rauch aus und es bildeten sich kleine Kringel.
»Dann werde ich Sie empfehlen. Die Ladys sind der Hammer.« Sein fettes Gesicht nahm eine rote Farbe an, da er vermutlich bereits bei dem Gedanken daran eine Erektion bekam. Ab da war er nicht mehr zu bremsen und ergoss sich in Lobgesängen.
»Ja, neben einem makellosen Körper erwartet sie von ihren Damen Bildung, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, uns sämtliche Wünsche zu erfüllen.« Er rutschte einige Male auf dem Sessel hin und her.
»Wie sieht es mit tabulosen Anliegen aus?«, hakte ich nach. Mein Blick haftete inzwischen auf ihm und eine unterschwellige Nervosität erfasste ihn. Seine Augen wanderten hin und her und er fuhr sich mit den Händen übers Gesicht.
»Eine Auswahl gewisser Ladys steht auch dafür zur Verfügung.«
»Sie überlassen wohl nichts dem Zufall?« Ich hatte mich ihm ebenfalls zugewandt.
Er lachte selbstgefällig. »Für Geld machen die alles.« Seine Stimme wurde leise und er schaute sich um. »Und wenn nicht, helfen wir ein bisschen nach.« Mittlerweile hatte der Kellner, auf meinen Hinweis, ein zweites Mal Whiskey nachgeschenkt. »Aber mein lieber Freund, das ist nur etwas für eine kleine eingeschworene Gemeinschaft.« Dreckig lachend klopfte er mir auf die Schulter. »Jetzt kommen Sie das erste Mal auf meine Veranstaltung ... wer da nicht auf seine Kosten kommt, ist selbst schuld.«
»Das sehe ich ähnlich.« Zufrieden paffte ich weiterhin an der Zigarre.
Wie einfach es doch war, solche pikanten Aussagen aus ihm herauszukitzeln. Allerdings behielt er weitere Details bei dem Gespräch zurück. Vermutlich fiel es ihm, bei seinem stetigen Drang nach Selbstbestätigung und Bewunderung der gesamten Menschheit, nicht leicht. So oder so würde ich an die Informationen gelangen, es war nur eine Frage der Zeit.

James hatte mir den Tipp gegeben, mich zunächst an drei Ladys zu wenden, die sich an einem der Stehtische im Basement aufhielten.
»Die gehören zu der elitären Escort-Agentur und sind sehr kreativ.« Er zwinkerte mir verschlagen zu. »Kann ich nur empfehlen.«
»Nun, dann werde ich Ihrem Rat gern folgen«, erwiderte ich, da sich eine Möglichkeit bot, ein paar Informationen zu erhalten.
Die Ladys verkörperten ihre Rollen perfekt und achteten darauf, dass keiner der Männer sich einsam fühlte. Die geschulten Augen der fachkundigen Damen erspähten mich umgehend. Durch ein dezentes Nicken signalisierte ich, dass ich durchaus nichts gegen einen ersten Kontakt einzuwenden hatte. Die Kostüme verliehen ihnen ein mondänes Aussehen und es bedurfte keinerlei Zweifel, dass sich unter den Rüschen, dem Brokat und den Augenmasken hinreißende Frauen verbargen. Wir kamen ein Stück aufeinander zu. Die drei wedelten mit ihrem Fächer und verhielten sich neugierig, dennoch wie es das Spiel vorsah, dezent zurück.
Galant nahm ich den Dreispitz ab und begrüßte die Damen mit der altmodischen Geste eines Gentlemans. Der Maske hätte ich mich gern entledigt, entschied jedoch, zunächst anonym zu bleiben.
»Darf ich mich vorstellen? Marquess of Survey.«
»Hocherfreut«, erwiderte die Brünette, die mit einer kunstvollen Hochsteckfrisur und einem umwerfenden Kleid aus feinstem Stoff und edler Spitze auffiel.
»Marie Louise.« Sie machte einen Knicks.
»Samantha.« Sie zwinkerte mir zu. Ihr Make-up entsprach der damaligen Epoche. Weißgepudert, starkes Rouge und der aufgemalte Leberfleck oberhalb des Mundes.
»Madame, es ist mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Virgina, Eurer Gnaden.« Ein perfektes Rollenspiel, wenngleich ein Großteil der Gäste in ihrem wahren Leben ebenfalls einen Adelstitel trug. Ich zählte mich ebenso zu denen, die auf einen Stammbaum aristokratischer Vorfahren blickte.
»Schenken wir uns das«, schlug ich vor, da es mir auf die Nerven ging. »Bleibt natürlich unter uns.«
Ich erntete erleichtertes Lächeln. »Champagner?« Virgina und die beiden anderen begleiteten mich zu dem Stehtisch auf dem ein Eiskübel mit einer gekühlten Flasche stand.
»Gern.« Ich übernahm das Einschenken und wir prosteten uns zu.
»Ich bin begeistert, dass zumindest ein gutaussehender Kerl hier auftaucht.« Marie Louise verdrehte die Augen.
»Baby, das ist dein Job«, wies ich überflüssigerweise darauf hin. »Für die Kohle, die ihr hier einsteckt, ist auch ein Fettsack mit kleinem Schwanz hinnehmbar.«
Ich hatte es kaum ausgesprochen, brachen die drei in helles Gelächter aus, kommentierten die saloppe Bemerkung diskreter Weise nicht weiter.
»Falls dir eine von uns etwas Entspannung verschaffen soll ...« Aufreizend klimperte Samantha mit ihren künstlichen Wimpern. »Einzeln oder im Trio?« Mit einem erwartungsvollen Blick musterten sie mich und hakten sich einladend ein.
»Eine reizvolle Idee, auf die ich gegebenenfalls später zurückkomme.«
»Gefallen wir dir nicht?« Die Stimme von Marie Louise hörte sich enttäuscht an.
»Darum geht es nicht«, fuhr ich sie ungewollt harsch an, sodass sie verstummten und mich irritiert ansahen. »Ich möchte ein bisschen mit euch plaudern.« Unauffällig ließ ich den Blick umherschweifen. Wortlos verfolgte ich ein Szenario eines Paares, das die Treppen herunterlief.
»Fang mich ...«, quietsche sie und der Herr jagte hinter ihr her. Obgleich er eine Augenmaske trug, erkannte ich ihn. Ein erfolgreicher Advokat, der für sein wohlhabendes Klientel die besten Ergebnisse erstritt. »Na warte du Biest.« Wie Kinder liefen sie an uns vorbei.
Es kribbelte mir in den Fingern das Smartphone, mit der vorbereiteten Kamerafunktion in der Hosentasche, zu zücken. Wie selbstgefällig zu glauben, die Herrschaften seien untereinander vertrauenswürdig. Jeder der sich hier aufhielt, schwebte in potenzieller Gefahr, seinen Ruf zu verlieren. Genugtuung baute sich auf, da ich um meine unsichtbare Macht wusste.
»Ich habe gehört, es gibt einen Ort, der nur einigen ausgewählten Gästen zugänglich ist.« Ohne Umschweife kam ich auf den Punkt. Die Damen sahen sich an und ich bemerkte, dass die Frage sie verunsicherte. Das Funkeln meiner tiefdunklen Augen, verstärkte ihre Verlegenheit. Ein bevorzugtes Mittel, meinem Gegenüber Wissenswertes zu entlocken. »Ich bin ein neugieriger Mensch.«
»Wir dürfen darüber nicht sprechen«, flüsterte Virgina. »Wir haben dort keinen Zutritt.« Sie fuhr sich beunruhigt mit der Zunge über die Lippen. »Es geht da wohl heftig zur Sache.« Die anderen beiden nickten zustimmend.
»Magdalena lehnt es ab und Belfort ist das bekannt.«
»Sie möchte nicht, dass wir in dem Ausmaß benutzt werden.« Samanthas Stimme klang wie eine Entschuldigung. Nervös nippte sie an ihrem Glas.
»Hält er sich daran?« Durchdringend und ohne jegliche Gefühlserregung, fixierte ich die drei.
»Es gab wohl mal einen Zwischenfall, allerdings haben wir nie näheres erfahren.« Unsicherheit hatte sie vollends erfasst.
»Wo? Ich behandele die Information vertraulich«, versuchte ich sie zu beruhigen.
So als verrieten sie mir ein Staatsgeheimnis, wandten sie ihre Köpfe zu einem schweren Vorhang, hinter dem sich eine Tür verbarg, die in den Gewölbekeller führte. Ein bulliger Kerl, der sich in direkter Nähe aufhielt, fungierte augenscheinlich als Wachmann.
Damals diente der Ort als Weinlager. Es kostete mich Mühe, die lodernde Wut nicht zu zeigen. »Danke!« Um ihnen die Sorge zu nehmen, prostete ich ihnen zu. »Ich komme bei einem späteren Zeitpunkt gewiss auf das Angebot eines Dreiers zurück.«
»Jederzeit«, erwiderte die Brünette.
»Meine Damen ich empfehle mich.« Galant nahm ich den Dreispitz in die Hand, verbeugte mich. »Genießt den Abend.«

 Gern hätte ich mich zu dem geheimen Ort begeben, da ich mir einen exakten Eindruck verschaffen wollte, welche besonderen Spielchen dort stattfanden. Allerdings lag mein Fokus augenblicklich auf einer anderen Mission. Eine nicht unerhebliche Neugier erfasste mich bei dem Gedanken, ihr persönlich zu begegnen.