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1    Die überwachte Festung

Emmanuelle

Nervös rauschte ich bei Dunkel-Orange über die Ampel. Wie immer war es ein Wettrennen gegen die Zeit, um noch pünktlich die Nachtschicht anzutreten.
»Fuck, du Arsch, gib Gas!« Wütend schlug ich auf das Lenkrad und hupte. »Penner, wer kein Auto fahren kann, soll es lassen.« Hektisch wechselte ich die Spur und warf der lahmarschigen Ente einen bitterbösen Blick zu. Noch fünfzehn Minuten. Wenn ich nicht wieder auf einen schnarchenden Autofahrer traf, sondern eine grüne Welle hatte, würde ich es gerade so schaffen.
Endlich erreichte ich das Gewerbegebiet, düste mit überhöhter Geschwindigkeit die Straße entlang, bog zwei Mal links ab und hielt vor einem Bürogebäude. Ein unscheinbarer Bau mit Flachdach. Was allerdings sofort auffiel, waren die vergitterten Fenster zur Straßenseite und der mit Kameras überwachte Eingangsbereich. Um auf den Hof mit den Parkplätzen zu gelangen, mussten wir durch ein Tor fahren, das von der Rezeption per Fernbedienung geöffnet wurde, nachdem sich die Mitarbeiter legitimiert hatten.
Bei laufendem Motor sprang ich aus dem Kleinwagen, eilte die zwei Meter zu der ebenfalls mit einer Überwachungskamera ausgestatteten Sprechanlage. Ungestüm drückte ich mehrfach die Taste und trat von einem Fuß auf den anderen.
»Bin ich denn hier nur von Pennern umgeben!«, fluchte ich leise, da es wieder einmal eine gefühlte Ewigkeit dauerte, bis sich die Kollegin meldete.
»Ja?« Endlich, wird ja auch Zeit. Dabei rollte ich die Augen, sie hatte mich natürlich erkannt.
»Emmanuelle, 999.« Wir mussten uns mit unserem Nickname und der Personalnummer melden. Ein zu Beginn befremdliches Gefühl, teilweise auf eine Ziffer reduziert zu werden. Die kaufmännischen Mitarbeiter benutzten überwiegend die Nummer, wenn sie über uns sprachen. Das klang dann ungefähr so: »1020 hat wieder zu viel Pause gemacht.« - »1850 ist schon zum zweiten Mal diese Woche zu spät ...«
Aktuell erhielt die neuste Kollegin die 1977. Die Ziffern nummerierten die freiberuflichen Telefonistinnen, die seit der Gründung vor fünf Jahren in dem Callcenter arbeiteten. Nicht, dass 1977 Frauen die Kerle rund um die Uhr betreuten, maximal agierten circa fünfundvierzig Mädels in sechs oder neun Stundenschichten, vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Die hohe Zahl dokumentierte jedoch die immense Fluktuation. Nicht jeder hielt den Druck und den Dreck aus, mit dem wir konfrontiert wurden.
Endlich öffnete sich das Tor und eine Warnleuchte drehte sich. Es fehlte lediglich ein schrilles Hupen, um die Absurdität zu unterstreichen. Eiligst sprang ich in den Wagen - der Countdown lief unerbittlich. Exakt acht Minuten verblieben mir bis zum Arbeitsbeginn. Glücklicherweise erwischte ich einen der letzten Parkplätze. Die Nachtschicht stellte eine der personalstärksten Schichten dar und wenn man Pech hatte, hieß es wieder rausfahren und irgendwo auf der Straße parken. Ein Albtraum für eine wie mich, die mit dem eigenen Zeitmanagement auf Kriegsfuß stand. Obwohl ich diese Hektik hasste, schaffte ich es selten, mit einem ausreichenden Zeitpuffer von zu Hause loszufahren. Es gab immer etwas, mit dem ich mich verzettelte.
Doch die Nächte blieben nach wie vor die stärkste Zeit, in der die Notgeilen und Telefonabhängigen unsere Dienstleistungen in Anspruch nahmen. Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich jedoch überrascht gewesen, dass einfach zu jeder Tageszeit die Leitungen glühten. Bedürfnisse gleich welcher Art sind eben zeitlich ungebunden.
Um letztendlich ins Gebäude zu gelangen, musste ich an der Hintertür ein weiteres Mal klingeln. Im Treppenhaus und bei den Mitarbeiterspinden herrschte bei Schichtwechsel reger Betrieb. Das lückenlose Überwachungskonzept der Chefin sah vor, dass wir unsere persönlichen Gegenstände ausschließlich in transparenten Plastiktüten in die Büros mitnahmen. Natürlich wurde der Inhalt genau festgelegt. Handys galten als Todsünde, Bücher und Zeitschriften mit Argwohn betrachtet. Gegen die Mitnahme der eigenen Verpflegung gab es bislang wenig Einwände. Wie sooft pfefferte ich meine Sachen in den nächstbesten freien Platz, und schnappte meine bereits zuhause gepackte Plastiktüte.
Die leicht adipöse Kollegin am Counter grinste, als ich zu ihr hetzte. »Na, wieder mal knapp dran.«
»Wenn du schneller das Tor geöffnet hättest, blieben mir drei Minuten mehr.« Ich versuchte erst gar nicht, meinen schnippischen Ton zu verbergen. Obgleich es sinnvoll war, sich mit den Büronasen gutzustellen, nahm ich mir das heraus. Ich konnte es mir erlauben.
Sie zog eine Grimasse. »Hier dein Arbeitszettel und bitte dieses Mal vollständig ausfüllen.«
»Ja, ja.« Wenn ich eines hasste, dann waren es Formulare jeglicher Art. Ohne ein weiteres Wort schnappte ich mir den Zettel und lief durch das Treppenhaus bis in die zweite Etage. Wie in einer Behörde reihten sich die Büros in einem langen Flur aneinander. Ich durfte mich mittlerweile über ein festes Zimmer freuen. Diese waren – wie sollte es auch anders sein – ebenfalls durchnummeriert.
Das Wichtigste war, sich zuerst auf seinen Telefonen und am PC anzumelden. Glücklicherweise hatte die Kollegin der Tagschicht meinen Arbeitsplatz pünktlich geräumt. Punkt 21 Uhr war ich eingeloggt und ließ mich erleichtert in den Bürostuhl zurückfallen. »Uff!«
Meine Hetzjagd hatte einen durchaus triftigen Grund. Wer zu spät erschien, bekam seinen Bonus nicht ausgezahlt. Eines der Maßnahmen, die kein Außenstehender glauben würde. Um dieses Thema noch zu toppen, berechnete uns die Firma die Fehltage, die sie ebenfalls von der Provision abzog. Sogar bei nachgewiesener Krankheit gab es zehn Euro Abzug pro Stunde! Nicht verwunderlich, dass sich viele meiner Kolleginnen mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit schleppten. Ich befand mich in einem Paralleluniversum des Arbeitsmarktes und die Aliens schwirrten allgegenwärtig um uns herum.

Fürs Erste stellte ich meine beiden Apparate auf Pause, um mir in Ruhe einen Kaffee zu holen. Zwar wurde das nicht gern gesehen, aber das war mir egal. Das mit dem Sehen meinte ich wörtlich. In sämtlichen Büros gab es Videokameras, die über eine hohe Auflösung und eine hervorragende Tonqualität verfügten. Jeder wusste, dass es illegal war, doch niemand wagte, sich zu beschweren. Selbst wenn eine Mitarbeiterin hinausflog oder kündigte, wurde eindringlich auf die Verschwiegenheitsklausel hingewiesen. Die Aufzeichnungen liefen in Dauerschleife auf den Rechnern im Büro der Inhaberin und bei einer kaufmännischen Kollegin, die ich spaßeshalber den Erich Mielke unserer sexgeilen Mädchen-WG nannte. Keck winkte ich in die Kamera. Der zweite Nachweis für meine Pausenfunktion waren Displays im Gang, an der Rezeption und natürlich im Chefbüro. Alle Nummern der eingeloggten Mitarbeiterinnen waren je nach Status farblich unterlegt. BLAU bedeutete die böse Pause, GRÜN kein Anruf und ORANGE, die Lieblingsfarbe von uns allen, symbolisierte ein Kundengespräch.
In der Kaffeeküche gab es offiziell keine Überwachung, was aber nicht stimmte. Da ich mich mit unserem Techniker bestens verstand, hatte er es mir im Vertrauen gesteckt. Sämtliche Worte und jegliche Bewegungen wurden dokumentiert. Selbst unser Aufenthaltsraum war ein Glaskasten, direkt neben dem Mitarbeiterempfang – perfekt einsehbar und ebenfalls mit Überwachungskameras ausgestattet. Ob auf den Toiletten welche installiert waren, blieb selbst mir verborgen. Mir war es gleichgültig, sollte die Chefin mir beim Pinkeln zusehen.
Entweder arrangierte man sich mit den schrägen Gegebenheiten an seinem Arbeitsplatz, zog sein Ding durch, verdiente dadurch eine Menge Kohle, oder eben nicht. Zu Beginn hatte ich mich gefragt, weshalb hier alles wie eine Festung aufgebaut wurde. Abgesehen von den abgezockten Kunden war die Antwort einfach. Die Daten der Anrufer, die hier teilweise astronomische Summen vertelefonierten, waren das Kapital des Unternehmens. Die erfolgreichste Telefonsexhotline Deutschlands, die losgelöst von den Telefongesellschaften arbeitete, war ein beliebtes Ziel für Datenklau. Mitarbeiterinnen wurden von der Konkurrenz eingeschleust, hier tätige Telefonistinnen hielten sich für besonders schlau und stahlen die Daten, um auf eigene Rechnung zu arbeiten, was zu 99 Prozent schief lief. Ohne Scherz, oftmals schwärzten die Männer die Abtrünnigen an. Meiner Meinung nach schützte sich das Unternehmen und deren Inhaberin selbst, da sie mit ihren unzähligen Firmen in weniger seriösen Gewässern fischte. Dazu fiel mir nur das Wort Russenmafia ein.
Seit drei Jahren arrangierte ich mich mit den fragwürdigen Arbeitsbedingungen. Aber ich hatte gewiss nicht das Recht, mit moralischen Bedenken zu argumentieren. Der Charakter, den ich meiner Kunstfigur Emmanuelle verlieh, passte sich der Aufgabe an, eine skurrile Dienstleistung zu liefern. Das bedeutete, die eigenen Emotionen hinten anzustellen.