Leseprobe online lesen: Dark Romance


 

1.   Kapitel Dean Shaw

 
Zärtlich betrachtete ich das einzigartig aggressive Retro-Styling, wie es zuvor noch nie zu sehen gewesen war. Ich hatte mich hoffnungslos in meine neue Harley-Davidson verliebt. Aufspringen und lospreschen, die Freiheit spüren, mir den Wind um die Nase wehen lassen, was gab es Schöneres? Eine Frau schaffte es nicht annähernd, ihr das Wasser zu reichen.
Als ein ausgesprochener Narzisst liebte ich es, bewundert zu werden, wenn ich das schwarze Motorrad abstellte, abstieg und den Helm abnahm, lässig den Reißverschluss der dunklen Lederjacke öffnete und eine Fliegersonnenbrille aufsetzte.  Eine immer wiederkehrende Szene vornehmlich vor Restaurants oder Straßencafés, deren Publikum überwiegend weiblich, jung und sexy war. Mein Erscheinungsbild rechtfertigte das Gebaren: groß, muskulös, tätowiert, gutaussehend, unnahbar. Eine Kombination, die den Frauen ein feuchtes Höschen bescherte, und ich nutzte ihre Lust zu gern aus. Vor Jahren noch bezeichnete man Männer mit meinem Verhalten als Arschlöcher und heute freute ich mich über die hippe Bezeichnung ‚Bad Boy‘. Klang doch viel besser. Brillant, wie sich die Zeiten änderten. Dass die Ladys mittlerweile ein Faible für solche Typen innehatten, machte es mir ungemein einfach, sie abzuschleppen. Es gab allerdings eine Voraussetzung, damit ich ihnen einen guten Orgasmus spendierte. Sie durften weder prüde noch sensibel sein. Die Missionarsstellung war das Letzte, was ich beim Ficken wollte. Zärtlichkeit und Feingefühl gehörten nicht zu meinen Vorlieben, der Sex mit mir war hart und ich holte mir stets das, was mir guttat. Das, was mich dennoch am meisten amüsierte, war, dass jede Frau, mit der ich vögelte, hoffte, sie sei diese eine. Die eine, die mich zähmen und durch die ich ein neuer sensibler Mensch wurde. Mit dem erhofften weichen Kern konnte ich nicht dienen.
In meinem tiefsten Inneren gab es jedoch eine Besonderheit, die ich mit niemandem teilte. Da vertrat ich die unwiderrufliche Gewissheit, dass es eine Einzige schaffen würde, mein bisheriges Leben zu verändern. Ich suchte nicht explizit, denn sofern ich ihr begegnete, würde ich es sofort wissen.
Seit einigen Jahren verdiente ich als Privatdetektiv beträchtliches Geld, welches mir eine finanziell entspannte Existenz ermöglichte. Ein Job, der Fantasien und die Bereitwilligkeit, mit mir zu vögeln, auf magische Weise erhöhte. Vor dem Beliebtheitsgrad eines Schnüfflers rangierte lediglich Geheimagent im Dienste der Queen, Rockstar oder Auftragskiller.

Die aktuelle Auftraggeberin lebt in Australien. Telefonisch hatte sie mir bereits erklärt, dass es sich um das urplötzliche Verschwinden ihres Neffen handelte. Da sie in London deswegen einiges zu erledigen hatte, trafen wir uns persönlich in einem der Luxushotels in der Nähe des Royal Parks. Pünktlich zum vereinbarten Termin betrat ich die Lobby und hielt nach ihr Ausschau. Der schwere rote Teppich verschluckte die Geräusche der Menschen, die sich hier aufhielten. Die eleganten, altbackenen Damen mit ihren Hüten und die barocke Ausstattung passten perfekt zueinander. Einen winzigen Augenschmaus suchte ich vergebens, Vierzig Plus gehörte eben nicht zu meinem bevorzugten Beuteschema. In dem piekfeinen Laden fiel ich mit dem legeren Motorradoutfit auf, aber ich kam mit nichten darauf, die Kleidung für das Treffen anzupassen.
»Mr Shaw?« Eine gepflegte Dame um die Sechzig trat an mich heran. Ein wenig überraschte mich ihr Erscheinungsbild, da sie am Telefon einen wesentlich jüngeren Eindruck hinterlassen hatte. Somit entsprach sie dem Klientel, welches hier abstieg.
»Ganz recht.« Ich reichte ihr die Hand.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Sonnenbrille abzunehmen?« Eine Manie von mir, sie stets zu tragen.
»Selbstverständlich Ma’am.« Wir sahen uns an und sie nickte mir zu. Meine Hand schüttelte sie nicht.
»Es ist Teatime und wir unterhalten uns währenddessen.«
»Ich richte mich nach Ihnen.«
»Hervorragend.«
Mit resolutem Schritt ging sie voraus. Die Hände lässig in die vorderen Hosentaschen gesteckt, folgte ich ihr. Das konservative Kostüm in einem dezenten Blau saß perfekt. Einer Frau wie Mrs Clark traute ich zu, die Farbe der Kleidung wetterabhängig auszuwählen. Sie strahlte sogar ein Hauch Aristokratie aus. Es fehlte nur noch dieser ausladende Haarschmuck, den der Adel gerne zur Schau stellte. Nach meiner Einschätzung verfügte sie seit Generationen vermutlich über ein entsprechendes Vermögen. Die wuchtigen Schmuckstücke, die sie trug, wirkten wie wertvolle Erbstücke. Ich hatte mich in der Vergangenheit für einen Auftrag mit ähnlichem Geschmeide beschäftigt und sah es auf Anhieb.
In dem Bistro fühlte ich mich in die Anfänge des neunzehnten Jahrhunderts zurückversetzt. Die hier anwesenden Gäste zelebrierten die seit jeher gesellschaftliche Institution des Afternoon Teas.
Mrs Clark wählte einen Tisch am Fenster aus und sah mich auffordernd an.
»Oh, natürlich.« Eilig rückte ich den Stuhl zurecht.
»Vieles, was früher selbstverständlich war, ruft mitunter Verwunderung hervor.« Sie setzte sich mit einem Schmunzeln. »Aber ich habe Sie nicht wegen Ihrer guten Manieren beauftragt.« Die Dame gefiel mir, da sie kein Blatt vor dem Mund nahm. Sie musterte mich. »Ihre dunkelbraunen Augen, Mr Shaw, haben etwas Unbarmherziges.«
»Das liegt an der Augenfarbe und Sie haben recht, ich bin in manchen Fällen durchaus böse.«
Kaum hatten wir uns gesetzt, schwebte ein Kellner in einer weißen Livree heran.
»Guten Tag, Mrs Clark.« Der höfliche Pinguin nickte ihr zu. »Mein Herr, guten Tag.« Mit einer weiteren Kopfbewegung wandte er sich zu mir.
»Yep, den habe ich«, murmelte ich ungeniert und merkte, wie ihm ein wenig die Unterlippe herunterklappte.
»Phil, ich nehme einen Earl Grey.«
»Sehr gern.«
Um nicht für zusätzliche Irritation zu sorgen, schloss ich mich der Bestellung, statt eines Bourbons, an.
»Wie ich bereits am Telefon sagte, wurden Sie mir empfohlen, insbesondere wegen der Hartnäckigkeit, mit der Sie arbeiten.«
»Das ist korrekt.« Mein Blick haftete auf ihrem Gesicht. In jungen Jahren musste sie eine attraktive Frau gewesen sein. Die gepflegte Haut konnte jedoch nicht über die Sorgenfalten hinwegtäuschen. Regelmäßig traf ich auf die resolutesten Menschen, hinter denen sich fragile Charaktere verbargen. Der Job brachte es mit sich, denn die, die mich beauftragten, schleppten ein Problem mit sich herum, von dem sie hofften, dass ich es löste.
Der Tee wurde serviert und wir schwiegen einen Moment.
 »Sie haben angedeutet, dass sich Ihr Anliegen diffizil gestaltet und es wenig Anhaltspunkte gibt.«
Sie nickte, nahm ihre Tasse an die Lippen und nippte einen winzigen Schluck Tee. Meine eigene wartete unberührt. »Letztendlich basiert alles auf einer Spekulation.«
»Was veranlasst Sie, zu vermuten, dass Arthur Clark noch lebt und keinen Suizid begangen hat?«
»Die mysteriösen Umstände, ein Mensch verschwindet nicht einfach so.«
»Ma’am, Sie sagen, dass das Verhältnis zwischen ihnen eher angespannt sei und dass Sie kaum Kontakt hatten.« So ganz erschloss sich mir ihr Motiv nicht. Schließlich war sie bereit, eine beträchtliche Summe Geld zu investieren, um zu erfahren, was ihrem Neffen widerfahren war.
»Möglicherweise liegt es an meinem schlechten Gewissen.« Ich fragte mich verwundert, wieso meine Auftraggeber oftmals von diesem Gefühl geplagt wurden. Ich hatte nie eines und falls, würde ich mit Sicherheit keinen Penny dafür opfern, um mich reinzuwaschen. Sie tupfte sich mit der Serviette vorsichtig den Mund ab, um ihren Lippenstift nicht zu verwischen. »Ich habe ihn im Stich gelassen, in einer Zeit, als er mich benötigte.«
»Sie möchten sich damit Ihren Seelenfrieden zurückkaufen, wenn Sie die Wahrheit über seinen Tod aufklären?« Sie sah mich irritiert an und ich korrigierte mich sogleich: »Sein Verschwinden.«
»Mr Shaw, da Sie es derart deutlich formulieren, verzichte ich darauf, meine Beweggründe abzustreiten.«
Ich schwenkte mit der rechten Hand die Sonnenbrille hin und her, was sie mit einem strengen Blick kommentierte. »Erzählen Sie mir von Arthur.« Und wedelte weiterhin die Brille hin und her. »Ich möchte mir ein Profil von ihm erstellen. Je mehr ich weiß desto besser.«
Mrs Agatha Clarks Gesichtsausdruck wandelte sich in Mitleid. »Er war der ewige Verlierer, maßlos bei all seinen Unternehmungen, was ihn letztendlich ruinierte. Ich erwähnte bereits, dass er spielsüchtig ist.«
»Es klingt nicht, als hätten Sie Ihren Neffen geschätzt?« Meine Verwunderung nahm zu. Offensichtlich hatte der Typ das Familienerbe verzocken wollen und Tantchen hatte ihm den Geldhahn zugedreht. Naheliegend, dass er sich aufgrund dessen ins Jenseits katapultierte. Die Vermutung behielt ich natürlich für mich.
»Ach wissen Sie, ich hatte seiner früh verstorbenen Mutter versprochen, ein Auge auf ihn zu werfen, was mir misslang.« Es entstand eine Pause. »Es beschämt mich, dass ich erst vor zwei Monaten von den Ereignissen erfahren habe, als mich die Polizei kontaktierte.«
»Sind die Ermittlungen mittlerweile eingestellt?« Ich lehnte mich in den Stuhl zurück und streckte ein Bein aus, was mir monierte Blicke der anderen Gäste einbrachte. Was mir jedoch herzlich egal war.
»Ja. Keine Leiche oder weitere Hinweise, die auf ein Verbrechen zielen, daher sehen die offiziellen Behörden keinen weiteren Handlungsbedarf.«
»Somit gilt er offiziell als vermisst?«
Sie bestätigte es mit einem Nicken. »Wie ich bereits sagte, kann ich Ihnen kaum etwas über Arthur berichten«, entschuldigte sich Mrs Clark. »Ich weiß wenig von ihm.« Traurigkeit schwang in ihrer Stimme mit.
»Ja, das ist schrecklich«, heuchelte ich Verständnis.
»Die alltäglichen Kleinigkeiten, die einen Menschen ausmachen, das alles ist mir unbekannt.« Sie seufzte. »Dann die immer wiederkehrende Frage, ob sein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich ihm damals geholfen hätte.« Da es sich um eine Klientin handelte, ertrug ich das rührselige Geschwafel.
Als Zeichen des guten Willens platzierte ich die Sonnenbrille auf dem Tisch und suchte Augenkontakt. »Dafür haben Sie mich engagiert und ich werde natürlich versuchen, jedes Detail über ihn herauszufinden«, beruhigte ich sie in einer extra für solche Situationen geprobten Stimmlage.
Sie übergab mir einen Zettel, auf dem sie eine Adresse notiert hatte. »Laut Aussage der Polizei hat er dort zuletzt gewohnt.«
»Gab es eine Frau in seinem Leben?«
»Soweit ich von offizieller Stelle erfuhr, gab es eine Verlobte oder Freundin, die ich jedoch nicht persönlich kenne.« Sie seufzte erneut. »Cathleen Rosenburg.«
Ich legte die Stirn in Falten. »Diese Cathleen konnte nicht dazu beitragen, die Sache aufzuklären?«
»Nein, sie war offensichtlich ebenso von seinen Selbstmordabsichten überrascht. Angeblich gab es keinerlei Anzeichen, so die Polizei, die mir dankenswerterweise davon berichtete.« Sie nahm abermals einen Schluck Tee. »Obwohl er verschuldet war, glaube ich nicht daran. Er ist trotz der Probleme ein Kämpfer.«
»Mrs Clark, hier sehe ich einen ersten konkreten Ansatzpunkt«, versuchte ich, ihr Mut zu machen. »Das ist mehr, als ich annahm.«
»Da mich die Reise und die Umstände mitnehmen, habe ich darauf verzichtet, die Adresse dieser Cathleen herauszufinden.« Sie saß mir stocksteif gegenüber und kämpfte zunehmend um ihre Contenance.
»Kein Problem«, winkte ich ab. »Das finde ich heraus.« Das stellte für mich das kleinste Hindernis dar.
»Da ich die einzige noch lebende Verwandte bin, werde ich die Wohnung auflösen. In dem Fall, dass er wieder zurückkehrt, lagere ich sein Hab und Gut ein.« Sie atmete tief durch, sammelte sich. »Ich habe bereits alles in die Wege geleitet.«
»Bevor die Firma anrückt, muss ich mich umsehen und nach Hinweisen suchen.« Der zweite gute Ansatz, den es zu nutzen galt.
»Selbstverständlich.« Sie holte einen Schlüsselbund aus ihrer Handtasche und übergab ihn mir.
»Hervorragend, üblicherweise ergeben sich daraus etliche Anhaltspunkte.«
»Die Konditionen bleiben wie besprochen?« Ich nickte, sie griff abermals in ihre Tasche und zog ein Kuvert hervor. »Das ist die Anzahlung inklusive einer großzügigen Spesenpauschale.« Sie schob den prall gefüllten Umschlag über den Tisch.
»Vielen Dank, ich bin mir sicher, dass ich Ihnen Antworten liefern werde.«
Nachdenklich schaute sie aus dem Fenster auf die hoteleigne Parkanlage, die sich in bunten Farben und sattem Grün des Sommers präsentierte. »Informieren Sie mich bitte regelmäßig.«
Der Tonfall verriet, dass sie das Gespräch als beendet betrachtete, daher erhob ich mich und stopfte den Briefumschlag nebst Schlüsselbund in die Jackentasche. »Selbstverständlich.« Wir verzichteten darauf, uns die Hand zu reichen. »Ach, noch eines.«
»Ja?« Sie beäugte mich fragend. »Wenn er ihr Neffe war, wieso heißen sie beide Clark?«
»Arthurs Mutter hat nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen.«
Es klang schlüssig, aber ihr Gesichtsausdruck passte nicht zu ihren Worten. Die Dame war eine schlechte Lügnerin.