Leseprobe online lesen: Dark Romance



Buch ab 18 +

 

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1.    Kapitel

Cathleen Rosenburg – die Träume sind mein Leben

Auf meinem Küchentisch verteilten sich unzählige Zeitschriften, die sich mit dem Thema Hochzeit beschäftigten. Hochglanzmagazine mit den schönsten Outfits brachten mich ins Schwärmen. Die exklusiven Designs entlockten mir Seufzer der Entzückung. Kleider mit Rüschen, langen Schleppen sowie Schleier, wie sie von Lady Diana oder der Herzogin Kate getragen wurden, entsprachen genau meinen Wünschen. Ich gestehe, dass ich jede Hochzeit aus den Königshäusern dieser Welt im Fernsehen verfolge. Pure Romantik, die mein Herz höherschlagen lässt. Die dezenten Modelle und modernen Entwürfe sprachen mich weniger an. An dem Tag wollte ich wie eine Königin aussehen. Es existierte bereits ein minutiöser Ablaufplan, denn ich strebte an nichts dem Zufall überlassen. Ich sehe die Brautjungfern in rosa Kleidern, Blumenmädchen und eine Pferdekutsche mit mindestens vier Rössern. Der opulente Brautstrauß, den ich in meinen zitternden Händen halte, sieht exakt wie der aus, den ich mir seit Kindertagen ausmalte. Der Moment des Ja-Wortes: Ja, ich, Cathleen Rosenburg, werde dich, Arthur Clark, in guten wie in schlechten Zeiten ehren und lieben, bis dass der Tod uns scheidet. Nimm zum Zeichen meiner ewigen Liebe den Ring …
Der vor Gott abgelegte Schwur für eine gemeinsame Zukunft löste stets ein Kribbeln aus. Ich bezeichnete mich nicht als besonders gläubig, aber für eine perfekte Feierlichkeit ist dieser ein unerlässliches Detail.
Weiße Tauben fliegen beim Verlassen der Kirche in einen strahlend blauen Himmel und jubelnde Menschen stehen am Straßenrand, während der festlich geschmückte Konvoi zu einem ehrwürdigen Landsitz fährt, um in einem stilvollen Rahmen zu feiern. Der prachtvolle Ballsaal wurde nach meinen konkreten Vorstellungen dekoriert.
Ich saß mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl und durchlebte jede Szene. Es erregte mich zutiefst und ein Glücksgefühl durchströmte meinen Körper. Was jedoch ein innerliches Beben hervorrief, war der Gedanke an die Hochzeitsnacht. Ein romantisches Zimmer, Kerzenschein und ein großes Himmelbett, übersät mit Rosenblättern, sah ich als den vollkommenen Rahmen an, der mein erstes Mal zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ.
Das Klingeln des Telefons riss mich aus den Tagträumen. Mit einem Lächeln nahm ich das Gespräch an. »Arthur, Liebling, schön, dass du dich meldest«, flötete ich.
Wie immer rief er pünktlich um die Mittagszeit an. Ein lieb gewonnenes Ritual, das ich nicht missen wollte. »Hallo, Süße, ich muss einfach deine Stimme hören. Du fehlst mir.«
»Du mir auch.« Obwohl wir uns erst gestern gesehen hatten, empfand ich eine wundervolle Sehnsucht nach ihm. Diese Form des Vermissens genoss ich, denn es fühlte sich süß wie Schokolade an.
»Was machst du gerade?«, fragte er.
»Ich schaue mir Brautkleider an und träume von unserem großen Tag«, hauchte ich in den Hörer und meine Wangen glühten.
»Ich kann es ebenfalls kaum erwarten. Noch exakt zweiundsechzig Tage.«
»Wie toll, dass du das so genau weißt.« Mein Überschwang darüber ließ sich nicht verbergen. »Um diese Uhrzeit bereiten wir uns auf die kirchliche Trauung vor.«
»Deshalb rufe ich auch an. Pastor Mason bittet uns demnächst zum Gespräch. Es ist ja alles etwas kurzfristig.«
»Danke, dass du dich darum gekümmert hast.« Es hatte mich zu Beginn einiges an Mühe gekostet, Arthur davon zu überzeugen, dass der kirchliche Segen dazugehörte. Da er mir jedoch keinen Wunsch abschlug, der mit unserer Heirat in Verbindung stand, stimmte er dem letztendlich zu. Ein wahrer Schatz!
»Hast du dich denn mittlerweile für eine der drei besichtigten Locations für die Feier entschieden?«
»Ich kann mich nicht entscheiden. Alle Hotels sind wundervoll.«
»Was sagt die Weddingplanerin? Bei dem Stundensatz sollte sie uns zur Seite stehen und eine vernünftige Kalkulation erstellen. Sonst verlieren wir den Überblick über die Kosten.« Sein Ton hörte sich unvermittelt gereizt an.
»Bitte mache dir darüber keine Sorgen, ich achte darauf«, versuchte ich ihn zu besänftigen.
»Ich möchte nur nicht, dass du dein komplettes Geld für unsere Feier ausgibst.«
Ich zog die Stirn in Falten. Die wiederholten Anspielungen auf das Budget empfand ich als echten Störfaktor.
»Bist du noch dran? Es tut mir leid«, lenkte er ein. »Nun sag schon, welches der drei Arrangements empfiehlt sie?«
»Das, was ich auch möchte«, grummelte ich.
Ich hörte ihn seufzen. »Schatz, rück mit der Sprache raus, obwohl ich es bereits ahne.«
»Wir tendieren zu dem Hotel The Alverton in der Nähe von Truro Cornwall. Es ist zwar das teuerste, aber märchenhaft!« Da ich ihn nicht verstimmen wollte, hakte ich besorgt nach. »Du bist doch ebenfalls damit einverstanden?«
»Versteh' mich nicht falsch, Cathleen, dennoch, es ist wichtig, dass wir die Finanzen im Auge behalten.«
»Verdirb mir bitte nicht den Spaß.« Manchmal schaffte er es mit seinen pragmatischen Äußerungen, meine Vorfreude auf den Nullpunkt zu katapultieren.
»Ich möchte ebenso wie du, dass dieser Tag unvergesslich wird, dennoch sind wir nicht die Royals.« Er klang versöhnlich, trotz der angefügten Spitze. »Es tut mir leid.«
»Wir können uns auch für ein billigeres Angebot entscheiden.«
»Sagte ich nicht gerade, dass es okay ist?«
»Ja, schon, aber ich habe das Gefühl, dass dir die Hochzeitsplanung auf die Nerven geht.« Traurigkeit erfasste mich. Bei dem Thema reagierte ich äußerst sensibel. Wie mutmaßlich bei allen Frauen, die eine Traumhochzeit planten, schwang die Panik mit, dass der ersehnte Tag nicht den Vorstellungen standhielt.
»Nein, nein … es fällt mir nicht immer leicht, deine Euphorie zu teilen. Ich wünsche mir ebenso ein wundervolles Fest.«
»Wirklich?«, hakte ich zum x-ten Mal nach.
»Ja, ich schwöre es.«
»Gut.« Ich seufzte leise.
»Glaube mir, ich würde dich am liebsten morgen heiraten und mit dir auf eine einsame Insel verschwinden.«
»Das ist eine aufregende Idee«, bestätigte ich und prompt fiel mir ein: »Die Hochzeitsreise müssen wir auch noch planen. Keine Traumhochzeit ohne zeitnahe Reise.« Ich hörte, wie er am anderen der Leitung tief einatmete und ruderte zurück. »Ich kam aufgrund deines Satzes mit der Insel auf die Idee.«
»Das ist mir klar …«
»Ich meine ja nur.« Es entstand eine kurze Pause und ich ärgerte mich, dass ich offensichtlich wieder einmal übers Ziel hinausgeschossen war. »Ich fühle mich eben so glücklich und möchte mit dir alles teilen.«
»Cathleen, du musst dich nicht rechtfertigen. Du weißt doch, wir Männer haben es manchmal nicht so mit der Romantik.«
»Das üben wir noch«, versuchte ich, die Stimmung mit einem Scherz aufzulockern.
Arthur lachte. »Du bist unverbesserlich. Dafür liebe ich dich.«
»Treffen wir uns heute Abend?«, fragte ich hoffnungsvoll. »Ich vermisse dich.«
»Moment, ich sehe mal in meinem Terminkalender nach.« Ich hörte ihn blättern.
»Wir können gemeinsam das Menü überlegen. Es ist ja schon relativ knapp.« Mein Elan kehrte zurück. »Gibt es denn mittlerweile eine konkrete Anzahl der Gäste, die du eingeladen hast?« Ich verstand nicht, dass er es nicht schaffte, mir eine verbindliche Zahl zu nennen. Ich hatte mich zügig darum gekümmert, da es zur Basisplanung dazugehörte. Wie sonst sollte ich den Rahmen bestimmen?
»Liebes, ich werde es nicht schaffen, ich habe noch einen Termin.«
»Och, wie schade.« Seine Absage versetzte mir einen Stich.
»Ich kann es leider nicht immer so steuern, wie ich es gern hätte.«
»Schatz, ich weiß doch, wie wichtig der Job ist. Außerdem steht bald die Entscheidung über die Beförderung an, da musst du dich ins Zeug legen.« Obwohl ich enttäuscht war, ließ ich mir nichts anmerken. Eine weitere Missstimmung galt es zu vermeiden. Manchmal hatte ich Sorge, ihn mit meiner Anhänglichkeit zu überfordern.
»Aber morgen Abend komme ich auf jeden Fall«, versprach er. »Ich halte es kaum einen Tag ohne dich aus.«
»Ich koche uns etwas, anschließend besprechen wir das Menü und überprüfen die Gästeliste. Ich habe das Gefühl, irgendjemanden vergessen zu haben.« Meine Stimme begann zu flattern. Unvermittelt fielen mir etliche Dinge ein, die ich sofort mit ihm besprechen wollte. »Bitte versprich mir, dass du es bis morgen abklärst.«
»Cathleen, ich muss weiterarbeiten«, bremste er meine Dynamik aus.
»Natürlich, entschuldige. Rufst du mich heute Abend noch einmal an?«
»Ich versuche es, aber sei bitte nicht sauer, falls ich es nicht schaffe.«
»Na ja, es wäre schön.« Ich versuchte, die aufkommende Eifersucht und Enttäuschung nicht zu zeigen.
»Cathleen, du bist meine Traumfrau, also mach dir keine Gedanken.«
»Mache ich nicht«, grummelte ich wenig glaubhaft. Ohne es begründen zu können, schwang eine ständige Angst mit, dass er es sich doch noch mal anders überlegte.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, raffte ich mich auf, um die ungeliebten Hausarbeiten zu erledigen. Heute hatte ich einen freien Tag. Die Schichtarbeit im London-Bridge-Hospital forderte meine Energie und es blieb immer viel liegen. Trotz des lärmenden Staubsaugers, mit dem ich durch die Wohnung zog, wanderten die Gedanken erneut zu der Hochzeit und zu Arthur. Er verkörperte den Mann meiner Träume. Es gab bislang wenig, was ich an ihm auszusetzen hatte. Ich fühlte mich auf Wolke sieben. In der heutigen Zeit war es ein wahrer Glücksfall, einem Menschen zu begegnen, der bereit war, sich ungewöhnlichen Ansichten zu öffnen. Ich führte es auch auf sein Alter zurück. Mit achtunddreißig Jahren bewertete er viele Dinge pragmatischer und wusste, was er wollte. Die Zeiten, in denen er sich austobte, waren vorbei. Das hatte er mir auf jeden Fall zugesichert. Ich hoffte, dass ich nach der Hochzeit schnell schwanger werden würde, um den Job kündigen zu können. In wenigen Monaten wurde ich bereits achtundzwanzig. Aus meiner Sicht höchste Zeit, ein Baby zu bekommen. Das perfektionierte das Glück und gehörte zu der Lebensplanung à la Cathleen Rosenburg.

Mein Leben entwickelte sich wunderbar und Tante Margret wäre stolz auf mich. Von ihr erbte ich vor vielen Jahren eine nicht unbeträchtliche Summe, die sie angelegt hatte und die von einem Notar verwaltet wurde. Tantchen und ich standen uns seit jeher sehr nahe, obwohl sie in unserer Familie als verschroben galt. Warum sie gerade mich bevorzugte, kann ich lediglich vermuten. Es begann damit, dass ich ihr von Kindertagen an jeden Sonntag im Auftrag meiner Mutter ein Stück selbst gebackenen Kuchen brachte. Sie verließ selten ihr Haus und lebte zurückgezogen. Mum erzählte mir, dass sie den frühen Tod ihres Mannes niemals verkraftet hatte. Onkel Ludwig war kurz nach der Hochzeit mit dem Auto tödlich verunglückt. Dass Tante Margret nie wieder eine neue Beziehung einging, imponierte mir. Obwohl es nicht mehr dem realen Zeitgeist entsprach, schätzte ich ihr Festhalten an alten Werten: Die große Liebe des Lebens und Treue bis über den Tod hinaus.
Ich saß stundenlang bei ihr und hörte zu, wie sie von Onkel Ludwig erzählte, auch wenn sich die Geschichten im Laufe der Zeit wiederholten. Von der kurzen Ehe zehrte sie bis zu ihrem Ableben. Einerseits stellte ich es mir schrecklich vor, den Menschen, den man von Herzen liebt, zu verlieren. Andererseits beneidete ich sie um die Intensität und Verbundenheit. Dass mich das berührte, lag an meiner romantischen Ader, die mich seit dem Teenageralter erfasst hatte. Ich sah jede rührselige Telenovela, in der sich alles um die Liebe des Lebens drehte. Bei den Serien suchten und fanden sich stets Paare, die ewig zusammenblieben. Meine Eltern und insbesondere meine Schwester hatten für das Faible lediglich ein müdes Lächeln übrig. Sie zogen mich oft auf und es kam zu gemeinen Streitereien. Zusammengefasst erinnere ich mich, dass alle pragmatisch waren und sich unsensibel verhielten.
Im Alter von sechzehn sprach ich mit meiner Tante erstmals über Sexualität. Aufgrund der problematischen Beziehung zu der Familie sah ich sie als den besseren Gesprächspartner an. Die Mädchen aus meinem Jahrgang begannen sich mit den Jungen zu treffen, zu knutschen und erste Erfahrungen zu sammeln. Es wurde viel getuschelt und Heimlichkeiten ausgetauscht. Ich hatte bislang keinerlei Interesse an diesem Thema und fühlte mich nicht dazugehörig. Für mich war es keine Option, auf Biegen und Brechen sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Einige meiner Mitschülerinnen schienen es darauf anzulegen, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Bei einer der regelmäßigen Sonntagsplaudereien mit Tantchen traute ich mich endlich, eine Frage zu stellen, die mich seit Längerem beschäftigte. »Hast du jemals einen anderen Mann gehabt?« Ich wusste nicht, wie ich es formulieren sollte. Das Wort Sex oder Beischlaf wagte ich nicht auszusprechen.
Sie sah mir in die Augen und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Nein, niemals, und ich bereue es nicht.« Sie machte eine kurze Pause. Ihr Gesichtsausdruck, der keinerlei Zweifel aufkommen ließ, wie sehr sie immer noch ihrem Ehemann nachtrauerte, berührte mich. »Ich habe mich für ihn bis nach der Hochzeit aufgehoben und als er starb, gab es niemanden, mit dem ich die Intimität zu teilen vermochte.«
»War das damals nicht sowieso üblich?«, fragte ich neugierig.
»Ach Kindchen, glaube nur nicht, dass die gute alte Zeit so war, wie sie immer dargestellt wird. Es gab auch früher viel Unzucht.«
»Das ist traumhaft, wenn man sich für die große Liebe seines Lebens aufhebt.« Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, aber es berührte mich sofort.
»Das ist ein Geschenk Gottes und das sollten wir zu schätzen wissen.«
Viele ihrer Ansichten basierten auf ihrem christlichen Glauben. Obwohl ich bis heute keinen Zugang zur Religion fand, bewunderte ich sie für ihre Haltung und in mir reifte der Wunsch heran, ebenfalls bis zur Hochzeit auf Sex zu verzichten. Diese emotionale Erfüllung trotz des Schicksalsschlages faszinierte mich. Obgleich ich es ihr gegenüber niemals explizit erwähnte, erahnte sie meine Einstellung und zeigte mir, dass sie es schätzte.
Bei einem familiären Abendessen hatte ich den Gedanken, keinen Sex vor der Ehe zu praktizieren, angesprochen, da er mich sehr beschäftigte. Ich hoffte auf Verständnis. Wie ich feststellen musste, war es ein Fehler. Meine Schwester brach in gemeines Gelächter aus. Bei Mum bemerkte ich ebenfalls ein Schmunzeln. »Ihr nehmt das nicht ernst«, murmelte ich verletzt.
»Du bist ein Teenager, lebst gerade einen märchenhaften Traum von einem Prinzen mit weißem Ross, das ist normal. Genieße die unbekümmerte Zeit, bevor der Ernst des Lebens beginnt«, versuchte Mum beruhigend auf mich einzuwirken. »Es wird sich alles ergeben.« Vermutlich meinte sie es gut.
»Die keusche Cathleen«, stichelte meine Schwester und kicherte. »Ich schlage vor, dass du gleich ins Kloster gehst.«
»Wie gemein! Es ist besser, als sich mit jedem Typen aus dem Viertel einzulassen«, konterte ich, obwohl sie mir ihre Erlebnisse im Vertrauen erzählt hatte.
Das Gespräch eskalierte und entwickelte sich zu einem üblen Streit. Ungeachtet der Tatsache, dass Mum die Auseinandersetzung schlichtete, verlor ich niemals wieder ein Wort darüber.

Wenige Wochen vor Tante Margrets Tod saß ich neben ihr und hielt wie so oft ihre Hand. Wir wussten, dass sie bald starb, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte und den Gedanken verdrängte.
»Kindchen«, begann sie mit leiser Stimme. »Ich habe mich entschlossen, dass du mein Vermögen erbst.«
»Ach, was redest du denn?« Mein Herz schmerzte. »Du wirst über einhundert Jahre alt!«
»Cathleen, du weißt, dass dies nicht stimmt.«
»Ja, ich will es aber nicht hören«, schluchzte ich. »Es gibt sicherlich noch eine Klinik, die dir hilft. Krebs ist so oft heilbar. Die Medizin ist weit vorangeschritten.«
»Mein liebes Kind, manchmal möchte ein alter Mensch seinen Leidensweg verkürzen und nicht an Maschinen vor sich hin vegetieren.«
»Aber was mache ich, wenn du nicht mehr da bist?« Den Gedanken empfand als ich grauenvoll. Ich liebte sie so sehr!
»Es geht immer weiter, da spreche ich aus Erfahrung.«
Ich fühlte mich außerstande zu antworten und sah sie mit tränenerfüllten Augen an. Das Leben barg Grausamkeiten und ich musste akzeptieren, dass nicht alles rosarot war. Bei jedem weiteren Besuch sprach sie das Thema des Erbes an und dass sie bald nicht mehr da sein würde. Ich hasste es!
»Cathleen, ich möchte, dass du dich ernsthaft mit dem Gedanken meines zeitnahen Ablebens auseinandersetzt.« Tantchens Stimme klang streng, sodass ich zusammenzuckte. »Bitte, wenn ich gehe, ist es mein Wunsch, dass alles geregelt ist und ich mich auf dich verlassen kann.« Ihr Gesicht zeigte keinerlei Angst. Sie hatte sich mit dem eigenen Tod beschäftigt und diesen angenommen.
»Das ist lieb, ich werde deinen Besitz in Ehren halten«, seufzte ich, da mir bewusst wurde, dass meine Verweigerungstaktik ihr Kummer bereitete. Damals ging ich lediglich von dem Haus sowie von ein paar Wertgegenständen aus.
»Ich verknüpfe es jedoch mit einer Bedingung.« Sie drückte meine Hand und ihre Augen ruhten auf mir. »Ein Notar wird das Geld treuhänderisch verwalten und es dir nach deiner Hochzeit auszahlen.« Ich stutzte. »Ich weiß, liebe Cathleen, dass du hohe moralische Grundsätze hast. Darauf bin ich stolz.« Sie sprach leise und ich musste mich konzentrieren, um jedes Wort zu verstehen. »Weiterhin wünsche ich mir, dass du eine Traumhochzeit feierst und nicht auf den Penny achtest. Es wäre wunderbar, wenn du dich ebenso für ihn aufhebst. Es würde mich sehr glücklich machen.«
»Ja, ich habe darüber nachgedacht«, flüsterte ich ergriffen und das Herz schlug schneller gegen die Brust.
»Kindchen, ich bin mir sicher, du wirst es nicht bereuen«, bestärkte sie meine Andeutung.
»Deine fabelhaften Erinnerungen und wie du mir davon bis heute vorschwärmst, haben mich zum Nachdenken angeregt.«
Sie drückte meine Hand und ein Lächeln huschte über ihr faltiges Gesicht.
Da ich mir jedoch sicher sein wollte, wie sie es gemeint hatte, hakte ich nach: »Das Erbe ist mit der Hochzeit gekoppelt?« Ich sah mich als einen Menschen, der zu einhundert Prozent zu seinem Wort stand. Ich schämte mich, die Frage zu stellen.
»Ja, das ist das Wichtigste.« Sie lächelte. »Suche dir deinen zukünftigen Ehemann sorgfältig aus, damit du nicht enttäuscht wirst.«
Die Frage fiel mir nicht leicht, doch ich musste es wissen. »Du verknüpfst das Erbe nicht mit der Jungfräulichkeit?«
»Das kann ich nicht verlangen, das ist ein Eingriff in deine Persönlichkeit.«
Obwohl mein Entschluss nahezu feststand, atmete ich erleichtert auf.
»Dennoch ist es etwas, was ich mir für dich wünsche. Handle stets nach deinem Herzen.«
»Ich hab dich so lieb.« Trauer erfüllte mich bei dem Gedanken, dass sie die Feierlichkeiten nicht erleben würde. »Aber du wirst noch lange bei uns sein und mein Ehrengast auf der Hochzeit«, log ich mich erneut an.
»Ach Kindchen, du bist unbelehrbar.«
»Na ja, ich kann mich nur sehr schwer damit auseinandersetzen.«
»Es bleibt dir keine andere Wahl.«
Noch heute erschreckt es mich, wie gelassen sie sich verhielt. Erschwerend kam hinzu, dass ich mich sorgte, wie die restliche Familie auf Tante Margrets Entschluss reagierte. Das Verhältnis zu meinen Eltern und meiner Schwester war weiterhin unterkühlt und konnte wahrlich nicht als harmonisch bezeichnet werden.

Die letzten Tage vor Tante Margrets Ableben waren erfüllt von einer tiefen Traurigkeit. Ich saß stundenlang bei ihr und hielt ihre Hand. Obwohl sie nicht mehr bei Bewusstsein war, streichelte sie meinen Handrücken. Der Moment fühlte sich vertraut an. Eine Verbundenheit, die ich bei meinen Eltern in der Intensität nie empfand. Die vielen Tränen und den Schmerz werde ich niemals vergessen. Es war, als breche eine feste Säule in meinem Leben weg. Schließlich trat das Unvermeidliche ein und sie verstarb friedlich. Es kam mir so vor, als trage sie ein Lächeln im Gesicht. Jetzt endlich durfte sie wieder bei ihrem geliebten Mann sein.
Die Bombe platzte mit der Testamentseröffnung. Ich sah es als selbstverständlich an, die Familie an dem Erbe zu beteiligen, wenn es ausgezahlt wurde. Dennoch fühlte es sich mies an. Den bitterbösen Gesichtsausdruck meiner Schwester werde ich niemals vergessen. Vermutlich ärgerte sie sich wahnsinnig darüber, mich ins Lächerliche gezogen zu haben. Es stimmte mich unendlich traurig. Die schlechte Stimmung verschärfte sich und ich fühlte mich zu Hause unwohl. Alle ließen mich ihr Unverständnis und den unverhohlenen Neid spüren. Warum verhielt sich die eigene Familie so feindlich?
Zu Beginn der Ausbildung als Krankenschwester verließ ich die elterliche Wohnung und zog in ein Schwesternheim. Es begann eine schmerzliche Abnabelung, die aber dringend notwendig wurde. Wie so oft bringt Distanz wieder eine gewisse Annäherung und das Verhältnis entspannte sich mit den Jahren.

Da sich in meinem Umfeld mittlerweile offensichtlich alle hatten entjungfern lassen, suchte ich den Austausch mit Gleichgesinnten im Internet. Mich interessierte es, wie sie damit umgingen. Verwundert stellte ich fest, dass es eine Vielzahl von Frauen gab, die sich Ähnliches wünschten. Besonders verschlang ich den Thread über den Umgang mit der eigenen Lust. Obwohl ich entschied, keinen Sex vor der Ehe zu praktizieren, bedeutete es nicht, dass ich frei von jeglichem Lustempfinden war. Um ehrlich zu sein, kribbelte es oft und heftig zwischen meinen Schenkeln und so manche Nacht tobten die aufregendsten Erlebnisse durch meine Träume. Gehörte der Verzicht auf Selbstbefriedigung ebenfalls zu dem Vorhaben? War ein Dildo gleichzusetzen mit einem echten Schwanz? Wie überhaupt bewertete man dann Jungfräulichkeit? Das Jungfernhäutchen dürfte den Spielchen sicherlich nicht standhalten. Es gab unterschiedliche Meinungen. Die Mehrheit plädierte jedoch dafür, dass Masturbation nicht mit realem Sex gleichzusetzen war. Das Forum wurde zu einem täglichen Zeitvertreib und einer Stütze, um mit den Vorurteilen und Sticheleien umzugehen. Das erste Mal fühlte ich mich verstanden.
Spannend war auch die Tatsache, dass es sich um einen internationalen Chat handelte. Es entwickelten sich Freundschaften, die bis hin zu Einladungen führten, wenn eine von uns heiratete. Es gab ein Thread mit dem Titel »Hochzeitsnacht«, er hatte die meisten Klicks. Zusammengefasst ließ sich sagen, dass wir alles andere als prüde waren.

Mein Entschluss brachte mir den Ruf einer frigiden Tussi ein, da ich die Annäherungsversuche von sämtlichen Typen im Keim erstickte. Ein bisschen Knutschen mit Zunge, mehr wollte ich nicht erlauben. Eine handfeste Enttäuschung erlebte ich, als ich mich das erste Mal verliebte. Tom empfand zunächst ähnlich, bis zu dem Zeitpunkt, als es zum üblichen Fummeln kam. Ich erinnere mich, dass wir in seinem Zimmer auf dem Bett herumlagen. Tom legte mir den linken Arm um die Taille und die rechte Hand wanderte unter mein Shirt.
Stocksteif saß ich neben ihm. »Nein, ich möchte das nicht«, wehrte ich ab, da er sich den Brüsten bedrohlich näherte.
»Du willst es doch auch!« Fordernd leckte er mit der Zunge an meinem Hals entlang. »Du machst mich ganz heiß.« Sein Körper drängte heran.
Da er einige Jahre älter war, hoffte ich, dass er mehr Verständnis für die Einstellung aufbrachte. »Wie aufrichtig sind deine Gefühle zu mir?«, fragte ich zaghaft.
»Du bist die heißeste Frau, der ich bisher begegnet bin«, murmelte er, griff nach meiner Hand und drückte sie auf den ausgebeulten Hosenschritt. Zielstrebig drängte er mich gleichzeitig in Rückenlage.
»Liebst du mich?«, presste ich hervor.
»Cathleen, natürlich, du bist so sexy.« Seine Hand erreichte die Brüste. »Das fühlst du doch!« Erregt rieb er das erigierte Glied an meinem Oberschenkel.
»Ich rede von ehrlichen Gefühlen, die auf mehr aufbauen.« Vergeblich versuchte ich, aus der unangenehmen Position zu flüchten. Ich hatte bislang keinerlei Ahnung, wie schwer ein Männerkörper sein konnte.
Tom starrte mich an. »Hä?«
»Na ja, ich möchte keinen Sex vor der Ehe!«, stammelte ich.
»Ah!« Er setzte sich auf. »Das ist ein Witz, oder?«
Peinlich berührt und von den Annäherungsversuchen überfordert, schüttelte ich den Kopf. Ein flüchtiger Blick auf seine Hose verriet mir, dass die Beule verschwunden war.
»Wie altmodisch …«, brummte er. »Hatte ich dir eigentlich gesagt, dass ich heute noch etwas Dringendes zu erledigen habe?«
Um es kurz zu machen: Ich sah Tom nie wieder und heulte mir wochenlang die Augen aus dem Kopf. Um nicht erneut in eine solche Lage zu geraten, offenbarte ich den Entschluss frühzeitig. Mit dem Ergebnis, dass sich die Kerle reihenweise verpissten.
Da ich offenbar über den normalen Weg niemanden traf, ging ich das Abenteuer ein, mich in einer Kontaktbörse anzumelden. Obwohl ich es für eine Illusion hielt, dort den richtigen Partner fürs Lebens zu finden, startete ich einen Versuch. Was hatte ich zu verlieren? Beim Durchklicken kam ich mir wie ein Teil eines gut sortierten Büffets vor, wo sich jeder das aussuchen konnte, was ihm gefiel.
Nachdem ich mein Profil eingerichtet hatte, in dem ich eine Andeutung auf meine Jungfräulichkeit und die sexuelle Einstellung formulierte, wurde ich regelrecht von Anfragen überschwemmt. Beim ersten Mal machte ich mir noch die Mühe, die Kontakte zu sichten. Bis auf ganz wenige, stellte ich fest, dass sie alle geil darauf waren, eine Frau zu entjungfern. Ich fühlte mich verarscht, missverstanden und löschte das Profil nach einigen Tagen.

Bei Arthur vermutete ich rasch, dass er mein Mr Right werden könnte. Wir stießen im wahrsten Sinne des Wortes in einem Coffeeshop aufeinander. Nach einer Nachtschicht in der Notaufnahme des Krankenhauses, fühlte ich mich stets wie gerädert. Mein Kopf dröhnte, die Beine glichen Bleisäulen und eine Erschöpfung, die einen jedoch nicht zur Ruhe kommen lässt, waren einige der Begleiterscheinungen. Es dauerte immer, bis ich abschaltete und einschlief. Meistens holte ich mir auf dem Nachhauseweg einen Kaffee von Starbucks um die Ecke sowie eine Kalorienbombe in Form eines Brownies. Das musste sein und ich betrachtete es als Belohnung. Seit ich in der Notaufnahme eingesetzt wurde, hatte mein Schokoladenkonsum um einiges zugenommen. Zu Beginn hatte ich nicht erwartet, dass es sich gravierend von meiner Tätigkeit auf der Station unterschied. Allerdings empfinde ich die direkte Konfrontation mit den Verletzten bei der Einlieferung um einiges drastischer. Die Erstversorgung sorgte für einen eklatanteren Blick auf das Elend.
An diesem Morgen herrschte besonders großes Gedränge an der Kaffeetheke, da ich aufgrund von Überstunden direkt in das Getümmel des morgendlichen Wahnsinns geriet. Müde Menschen, die zur Arbeit hetzten und sich mit einem Kaffee die nötige Energie beschafften, rempelten mich an. In Gedanken noch bei einem Mädchen, das von einem Auto erfasst wurde, schaute ich nicht nach vorn und stieß mit Arthur zusammen. Der Kaffee schwappte aus dem Becher und besudelte sein Jackett. »Ach du Scheiße, das tut mir leid«, schrie ich erschrocken auf. Erst dann sah ich sein Gesicht und ein kleiner Oh-wie-ist-der-süß-Effekt stellte sich ein.
»Kein Problem, es ist nichts passiert.« Er wirkte keinesfalls genervt oder verärgert.
Das überraschte mich positiv, da die meisten Leute unfreundlich, mitunter aggressiv reagierten, wenn sie bekleckert wurden. Das hatte ich bei dem morgendlichen Kaffeeholen oft mitbekommen. Unabhängig davon nahm die Gereiztheit im Allgemeinen zu.
Hektisch begann ich mit einer Serviette das Malheur abzutupfen und wurde in dem Gedränge erneut angestoßen. Das hatte zur Folge, dass ein zweiter Schwapp Kaffee auf das Sakko spritze. Mein Kopf nahm die Farbe eines Feuermelders an. »Das gibt es doch nicht …«
Statt sich jetzt zu ärgern, grinste er. »Ja, manchmal passieren schon komische Dinge.«
Da ich ihm ebenfalls sofort gefiel, stellte sich der Zusammenstoß als ein echter Glücksfall dar. Ob ich ihn allerdings nach seiner Telefonnummer gefragt hätte, glaube ich nicht. Ich bin in solchen Dingen schlecht. Zu groß ist die Angst vor einem Korb. Die unzähligen vergeblichen Versuche einen Partner zu finden, hatten mich demotiviert und verunsichert.
Ich erinnerte mich noch an jedes Detail bei unserem ersten Date, dem das übliche Drama der Kleiderauswahl und der unerwünschte Pickel am Kinn vorausgegangen war. Arthur verhielt sich witzig und charmant. Wir hatten mit dem Wetter Glück und schlenderten am Ufer der Themse entlang. Er lud mich zu einer Fahrt mit dem London Eye ein. Ich liebte es, meine Stadt aus der Vogelperspektive zu betrachten.
Seine höfliche und leicht konservative Art mochte ich. Mutig ließ ich mich auf weitere Treffen ein. Mittlerweile agierte ich vorsichtig, da ich mir eine erneute Enttäuschung ersparen wollte. Es gefiel mir, dass er zunächst keinerlei Versuche unternahm mich zu küssen. Ganz romantisch hielten wir im Kino Händchen, lachten viel und fanden immer ein Thema, über das wir uns unterhielten, da wir unzählige Interessen teilten. Vollkommen Gentleman übernahm er stets alle Rechnungen und lehnte es kategorisch ab, falls ich die Geldbörse in der Hand hielt. Ein Juhu auf das gesamte Paket: Gutaussehend, solider Job und offensichtlich ernsthaft an mir interessiert.
Mein Herz raste bereits, wenn ich nur an ihn dachte. Die Sorge, dass er sich von mir aufgrund des Vorsatzes abwandte, wuchs mit jedem Tag, den wir uns sahen.
Da seine Küsse und Berührungen ab einem gewissen Zeitpunkt fordernder wurden, musste ich es ihm beichten, bevor es zu einem ähnlichen Chaos wie vor Jahren mit Tom kam. Bei einem Restaurantbesuch nahm ich allen Mut zusammen. »Was fühlst du für mich?«, fragte ich und mein Kopf glühte.
Ein Lächeln breitete sich aus. »Habe ich dir noch nicht gesagt, dass ich ganz verrückt nach dir bin?«
»Nein …«, murmelte ich. »Das klingt fantastisch.« Die Panik stieg.
Er ergriff meine Hand und küsste sie. »Du bist eine schöne, kluge und begehrenswerte Frau.« Zärtlich streichelte er den Handrücken. »Ich bin glücklich, wenn ich mit dir zusammen bin. Du lenkst mich von dem tristen Alltag ab.«
»Du kannst dir eine feste Beziehung vorstellen?« Ich kam mir dämlich vor.
»Ja, ich habe mich in dich verliebt.« Er schaute mir in die Augen. »Sofort, als ich dich zum ersten Mal sah.«
Ich senkte den Blick und flüsterte: »Ich mich auch, in dich.«
»Das macht mich sehr glücklich!«
Ich glaubte ihm. Nervös spielte ich mit der Serviette und faltete sie in alle möglichen Formen. Jetzt oder nie! »Aber ich kann erst mit dir schlafen, wenn wir verheiratet sind«, platzte ich unvermittelt heraus.
Arthur, der gerade auf einem Stück Steak kaute, hustete. »Bitte was?« Er starrte mich an, als hätte ich ihm verraten, kein Mensch, sondern eine Außerirdische zu sein. »Das ist ein Scherz!«
»Nein, es ist ein fester Vorsatz.« Ich rechnete damit, dass er sofort aufsprang und ich ihn nie wiedersah.
Er räusperte sich. »Wieso? Gehörst du einer Sekte an?« Sichtlich irritiert wischte er sich den Mund mit der Serviette ab.
»Natürlich nicht. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit.«
»Ah?!« Er hatte sein Besteck sinken lassen und schüttelte mit dem Kopf. »Das ist verrückt. Weißt du eigentlich, was du verpasst?«
»Ich möchte auf den richtigen Mann warten«, bemühte ich mich, ihm die Beweggründe zu verdeutlichen. »Ich habe dir schon öfters von Tante Margret erzählt.« Er nickte, doch sein Gesichtsausdruck zeigte Unverständnis. Die Angst, ihn zu vergraulen, schnürte meine Kehle zu. »Sie hat sich das gewünscht und ich fühle mich dem verpflichtet.«
»Wieso? Sex ist doch nichts Abartiges oder Verwerfliches. Es ist die schönste Nebensache der Welt.«
Ich seufzte. »Genau aus diesem Grund will ich mir sicher sein, dass ich nur mit dem Mann schlafe, von dem ich überzeugt bin, dass wir zusammenbleiben.«
»So was kann man nie planen«, warf er ein. »Das heißt, du bist eine echte Jungfrau?«
Sofort stellte sich mir die Frage, ob es auch unechte gab. Mein Kopf nahm die Farbe einer überreifen Tomate an. »Pst, nicht so laut. Wenn das jemand hört.« Besorgt schaute ich mich um. »Ja«, antwortete ich im Flüsterton.
»Unfassbar.« Er lehnte sich zurück.
»Wirst du dich jetzt von mir distanzieren?« Es fiel mir schwer, die Frage zu formulieren, aber ich brauchte Klarheit. Mein Pulsschlag erhöhte sich abermals. Wie ich ein solches Gespräch hasste. In der Vergangenheit hatte es mich manches Mal geärgert, dass die Kerle immer ähnlich entgeistert reagierten. Warum akzeptierten sie die Einstellung nicht?
»Sex in einer Partnerschaft ist wichtig und bis zu einer möglichen Hochzeit zu warten, stelle ich mir schwierig vor.«
»Obwohl du mich liebst?« Die ersten Tränen kündigten sich an.
»Gerade deshalb. Liebe verknüpfe ich mit Verlangen und körperlicher Lust.«
»Ich habe das Gefühl, dass sich alles nur um schnellen Sex dreht und die Bedeutung verloren geht.« Wie ich die Rechtfertigungen dicke hatte!
Er rieb sich das Kinn. »Vermutlich hast du nicht unrecht. Dennoch ist es nicht zeitgemäß.«
»Das kann sein. Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich an die Worte meiner Tante denke.«
»So?« Arthur wirkte nicht überzeugt.
Ich zog alle Register und erzählte ihm ausführlich von der Beziehung zu ihr. »… auch weil ich nach der Hochzeit über einen hohen Geldbetrag verfügen kann«, schloss ich meinen Bericht.
»Ah, was?«, fragte er unvermittelt, da er bis dahin schweigend zugehört hatte. »Sie hat deine Keuschheit, oder wie man das nennen will, zur Bedingung gemacht?«
»Nicht direkt, sondern die Hochzeit.« Plötzlich bereute ich es, ihm von dem Erbe erzählt zu haben. Was hatte das Geld damit zu tun? »Kannst du es zumindest ein bisschen nachvollziehen?«, hakte ich nach.
»Bedingt«, murmelte er. »Es ist nicht leicht, einer attraktiven Frau wie dir zu widerstehen.«
»Wir verstehen uns super und ich habe das Gefühl, als wären wir füreinander bestimmt. Ich will dich deshalb nicht verlieren.« Mein Herz brannte, schlimmer als je zuvor. Vielleicht sollte ich doch diesen Vorsatz über Bord werfen, er verkomplizierte das Leben ungemein.
»Nicht, dass du denkst, ich bin neugierig«, begann er vorsichtig. »Ich finde die Einstellung bewundernswert.«
Ein Seufzer der Erleichterung entwich mir und ich schöpfte Hoffnung.
»Wie hoch ist denn die Summe?«
»Ach, ich weiß es nicht genau. Ich glaube, mittlerweile 900.000 Pfund. Sie hatte ein gutes Händchen für Geldanlagen. Die Zinsen und Erträge sind aus heutiger Sicht gigantisch. Ihr zurzeit vermietetes Haus soll dann ebenfalls noch verkauft werden.« Ich war so erleichtert darüber, dass er zumindest einen Funken Verständnis aufbrachte, dass ich die Informationen freimütig ausplauderte.
»Wow, Süße, dann bist du ja eine wohlhabende Frau.« Er lachte leise und küsste meine Hand. »Ich habe ebenfalls das Gefühl, dass uns etwas ganz Besonderes verbindet.«
»Ja?«, hauchte ich und die Welt drehte sich vor Glück. »Ist es für dich akzeptabel?«
»Ja.« Er sah mir tief in die Augen. »Falls wir füreinander bestimmt sind und heiraten, ist es auch für mich etwas Großartiges.«

Das Gespräch lag mittlerweile ein halbes Jahr zurück. Ich fiel nahezu in Ohnmacht vor Rührung, nachdem er mir einen Antrag machte. Mit Kniefall, Rosen und einem Ring entsprach es exakt dem, was ich erhofft hatte. Ich gestehe, dass es auch mir manchmal schwerfiel, dem Vorsatz treu zu bleiben. Ich hätte die Enthaltsamkeit jederzeit über Bord werfen können, dennoch hielt ich an meinem Bestreben fest. Ich sah es als moralische Verpflichtung. Konsequent vermied ich Gegebenheiten, die ich als brenzlig einstufte. Erregte Männer abzuweisen, schien ein Stimmungskiller zu sein. Das war ebenso ein Thema im Forum.
Die Uhr tickte. Was waren zweiundsechzig Tage? Nichts, gegenüber den verstrichenen Jahren. Das lustvolle Verlangen stieg mit der näher rückenden Hochzeit. Das Prickeln zwischen den Schenkeln nahm zu und immer häufiger erwachte ich mit einem nassen Höschen, da erotische Erlebnisse meine Träume bestimmten. Selbstverständlich verschwieg ich Arthur aus Scham die Fantasien. War es ihm gegenüber unfair? Er verzehrte sich nach mir und ich machte es mir selbst. Lange hatte ich darüber nachgedacht, ob es ebenfalls den Vorsatz betraf und entschieden, dass dem nicht so war. Ich betrachtete es als intensives Vorspiel bis zu unserer Hochzeit. Es mir mit Arthur vorzustellen und ihn als Kopfkino zu benutzen, hatte einen besonderen Reiz.
In dem Forum schrieb ich über mein Gefühl und fand Bestätigung. Kurzerhand eröffnete ich einen Thread, in welchem wir uns darüber austauschten. Nicht nur einmal wurde ich feucht und musste bei dem Gedanken grinsen, wie versaut wir eigentlich waren. Natürlich gab es einen Ehrenkodex, der vorgab, dass wir nichts mit Unbeteiligten teilten. Das Internet treibt manchmal seltsame Blüten und bringt die unterschiedlichsten Menschen zusammen. Ich habe durch den Austausch viel über Sex erfahren, auch ohne ihn selbst zu erleben. Aber all das steigerte den Rausch der Vorfreude. Manche Dinge sind eben anders, als sie nach außen erscheinen.
Ich stellte mir vor, wie er mich leckte, seine Zunge tief in die nasse Vagina eindrang, er an den Schamlippen zupfte und die Finger in mich hineintauchte. In dieser Phase berührte ich mich nicht, sondern lag mit gespreizten Beinen auf dem Bett und genoss, wie die Feuchtigkeit zunahm. Durch die Bewegung meiner Vaginalmuskeln verschaffte ich mir eine minimale Stimulation. Arthurs Penis hatte ich heimlich unter der Dusche gesehen. Er sah im nicht erigierten Zustand bereits beachtlich aus. Alle schwärmten immer von großen und dicken Schwänzen. Zärtlich streichelte ich mit meiner Fingerkuppe die Klitoris. Die kleinste Berührung löste eine heiße Welle in mir aus. Mit leisem Stöhnen hob und senkte ich das Becken, strich mir über die Schamlippen, die weich und angeschwollen wie ein Schutzwall meine feuchte Scheide umschlossen. Das Auseinanderziehen empfand ich als aufregend. Zunächst tauchte ich nur einen Finger ein und bewegte ihn zaghaft. Wie es sich wohl anfühlte, wenn Arthur in mich eindrang? Der Gedanke steigerte die Erregung und ich schaffte es nicht, mich länger zurückhalten. Stöhnend drang ich mit weiteren Fingern ein und spannte den Po an. Ich hörte das Schmatzen der Säfte, fickte schneller und fester. Mein Unterleib zitterte, ich presste die zweite Hand auf die Lustperle und eine prickelnde Welle durchflutete jeden Zentimeter meines Körpers.
Ich war froh, dass Arthur sich nicht in der Nähe aufhielt, da ich vermutlich über ihn herfallen würde. Täglich zunehmend fieberte ich der Traumhochzeit und einer hoffentlich unvergesslichen Nacht entgegen.

 

1.1 Kapitel
Julian Greenwood – Ich bleibe ein Spieler

Bei jeder Weltmeisterschaft erhält der Sieger eine Trophäe, die den ideellen Wert verkörpert. Wir alle kennen die Bilder der vor Freude taumelnden und mit Champagner spritzenden Sportler, die ihre Pokale küssen und voller Stolz im Arm halten. Für einen Pokerspieler ist der Gewinn des World Series of Poker in Las Vegas das größte Ziel seiner Karriere. Das ist ein Turnier der Variante No Limit Hold’em, 10.000 Dollar Startgeld sind die Eintrittskarte. Es gilt als das prestigeträchtigste Pokerturnier überhaupt. Der Sieger wird als Pokerweltmeister bezeichnet. Neben einer beträchtlichen Geldsumme in Millionenhöhe erhält der Gewinner ein Bracelet, ein goldenes Armband gleich dem einer Uhr. Statt des Ziffernblattes gibt es ein goldenes Emblem der World Series of Poker. Die Schmuckstücke sind bei uns Pokerprofis begehrt, da nicht der materielle, sondern der ideelle Wert zählt. Die Bedeutung besteht darin, dass ein solches Armband aussagt, der Spieler, der es trägt, setzte sich unter mehreren hundert oder sogar tausend Teilnehmern eines Turniers durch. Obwohl meine Siege einige Jahre zurücklagen, betrachtete ich die gewonnenen vier Bracelets mit Ehrgefühl, da sie mich an die beste Zeit erinnerten. Die schönste, dennoch härteste Phase, die ich mental, aber auch körperlich erlebte.
Oft treffe ich Menschen, die das Kartenspiel als Glücksspiel bezeichnen. Zugegebenermaßen gehört, wie bei jedem Turnier, das Quäntchen Glück dazu. Einen hervorragenden Pokerspieler jedoch zeichnen vielmehr das mathematische Verständnis und ein großes Maß an Empathie aus. Hilfreich bei der Einschätzung der Mitspieler sind Kenntnisse in der Psychologie. Die Seele eines Menschen verrät viel, jede Reaktion verknüpft sich und lässt die Art, wie er seine Karten ausspielt, erahnen. Entscheidend ist, dass man für die Mitspieler eine Rolle spielt. Meine Strategie war ein wechselndes Image. Mal agierte ich extrem aggressiv, bei der nächsten Runde zurückhaltend. Ob ich bluffte oder nicht, blieb unklar. So gelang es mir oft, mit einer schlechten Hand zu gewinnen und die Zahl der Teilnehmer zu minimieren.
Wir Pokerspieler sind Nachtmenschen. Die Turniere begannen am Abend und in der Regel spielten wir bis zu zwölf Stunden. Die Kontrolle über die eigenen Bewegungen und Gesten zu behalten, erwies sich als die größte körperliche Herausforderung. Wie zum Beispiel bei einem American-Football-Spiel erkennen erfahrene Spieler, in welche Richtung der Gegenspieler laufen wird. Es sind minimale Signale, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Einen erfolgreichen Akteur betrachtete man in Pokerkreisen als Hai, der die kleinen Fische strategisch und gnadenlos jagte. Allerdings blieb es nicht aus, dass ein Fisch uns entkam. Das war jedoch reines Glück. Fortuna ist die einzige Komponente, die auch ein Profi nicht beeinflussen kann.

Ich war mittlerweile vierzig und finanziell zufrieden, was mir eine sorgenfreie Existenz garantierte. Vor zwei Jahren verlor ich die Lust an den Turnierspielen und an dem rastlosen Leben. Der Erfolg und das prall gefüllte Bankkonto führten dazu, dass ich den Reiz und somit den nötigen Ehrgeiz einbüßte. Möglicherweise ist der ausgeprägte Narzissmus der Grund, warum ich mich von dem offiziellen Turnierpoker verabschiedete. Ich verlor nicht gern.
Heute pokerte ich in privaten Hinterzimmern No Limit Texas Hold'em. Wie es der Name verrät, gibt es keinerlei Begrenzungen bei den Einsätzen. Solche Cash-Games sind ungesetzlich, jedoch fürchtete niemand den Arm des Gesetztes. Der Kick überwog. Mittlerweile hatten sich die von mir illegal durchgeführten Spielrunden in den Kreisen der Unterwelt herumgesprochen. Es gab keine andere Pokerrunde, in der um derart hohe Summen gezockt wurde.
Zunächst hatte ich gezögert, mich auf eine solche Klientel einzulassen, da es nicht meinem üblichen Umfeld entsprach. Das verbotene Glücksspiel entwickelte sich zu einer lukrativen Einnahmequelle der Verbrecherbanden und ich erkannte, dass meine Aktivitäten ein gewisses Risiko bargen. Das Geschäft war in den Händen ausländischer Banden, die stets ihren Anteil kassierten. Die Teilnahme bestimmter Personen besaß jedoch Schutzgeldcharakter und man ließ mich in Ruhe. Zudem gab es die Absprache, dass sie an meine Spieler Geld verliehen. Nicht alle verfügten über den finanziellen Background, der für solch hohe Einsätze unerlässlich sein sollte. Es überraschte mich stets, wie viele dumme Menschen es gab, die sich maßlos überschätzten. Es waren diejenigen, die ein ganz normales Leben führten und in der Nacht zu unberechenbaren Glücksrittern mutierten. Das Perfide daran war, alle hatten es selbst in der Hand. Doch die Sucht ließ sie nach dem ultimativen Blatt, der besten Strategie jagen und trieb sie unweigerlich ins Verderben. Sie waren den Geldverleihern der Unterwelt gnadenlos ausgesetzt. Jeden Tag, an dem sie ihre Verbindlichkeiten nicht beglichen, wuchs aufgrund der wuchernden Zinsen der Schuldenberg.
Gelegentlich löste ich einen inspirierenden Gegenspieler aus, um mir weiterhin das Vergnügen zu gönnen. Ich suchte pausenlos den Kick. Wo bliebe sonst der Spaß? Um der Leidenschaft ungestört nachgehen zu können, verschwieg ich den Beteiligten der Pokerrunden meine wahre Identität. Ich benutzte ein Pseudonym und nannte mich wenig einfallsreich Lucky. Ich offenbarte mich erst, wenn ich einem Teilnehmer Geld lieh und dieser mit der Rückzahlung in Verzug geriet. Die meisten Pokerspieler kannten den Namen Julian Greenwood und die damit verbundenen Erfolge. Steckten sie bereits in der Schuldenfalle, verloren sie mit der Information gänzlich die Nerven. Das waren meine beliebtesten Runden, wenn ich die Loser in die Ecke drängte. Die unmissverständlichen Androhungen über die Konsequenzen bei Nichtzahlung der Schuldensumme erzeugten Angstschweiß bei den Betroffenen. Die Machtposition gefiel mir. Es löste eine Befriedigung aus, das Schicksal anderer zu bestimmen. Jeder, der mit mir spielte und sich verschuldete, musste in der Lage sein, die Auswirkungen zu tragen. Es interessierte mich nicht, ob ich dadurch Existenzen zerstörte. Ich hasste Menschen, die sich nicht im Griff hatten. Nicht nur einmal brachen die sonst gefassten Männer weinend zusammen. Welch erbärmlicher Anblick.
Garantiert kam in den Nächten irgendwann der Punkt, da wechselte der Einsatz und es ging nicht mehr um Pfunde oder Dollars. Das waren die Momente, die mich wirklich euphorisierten. Die Einlage betraf den Gegenspieler persönlich, nahm ihm das, was er liebte und von dem er sich schwer trennte. Ihre Bereitschaft, alles für einen Sieg zu riskieren, faszinierte mich. Ich stoppte sie nicht, auch wenn ich erkannte, dass sie ins offene Messer liefen. Bei dem Verkauf der neuerlangten Besitztümer bereicherte ich mich nicht. Wie erwähnt, nahm Geldverdienen keinen großen Stellenwert mehr ein. Ich verfügte über ein gut investiertes Vermögen, das ich zu Lebzeiten vermutlich nie ausgeben würde. Die Veräußerung der Häuser, Wertpapiere und Erbstücke übertrug ich einer versierten und verschwiegenen Kanzlei. Ich erhielt den ausgeliehenen Betrag zurück und der Überschuss verblieb bei dem Partner, der mir dadurch Diskretion gewährleistete.
Eine Chance, das Eigentum zurückzugewinnen, räumte ich niemandem ein. Insgesamt betrachtet, war es in jeder Hinsicht ein außergewöhnlicher Freizeitspaß. Ich werde immer ein Spieler bleiben, denn diese Leidenschaft verliert sich nicht.

Den Alltag gestaltete ich mir angenehm. Vor Kurzem erwarb ich in den London Docks, nähe der Tower Bridge, ein Penthouse inklusive einer fantastischen Aussicht. Es ist ein erhabenes Gefühl, in der Neuzeit zu leben, denn ursprünglich schufteten in St. George die Hafenarbeiter für einen Hungerlohn. Ein stylishes und architektonisch gelungenes Viertel, dass aufgrund der Grundstückspreise der Londoner Upperclass vorbehalten bleibt. Erstaunlich, wie aus einer No-go-Area ein hipper und begehrter Stadtteil entstand. Es passte zu mir, obwohl mich die große Anzahl von Touristen, die mit ihren Rucksäcken und Jack-Wolfskin-Jacken durch die Straßen wanderten, nervte. Aber durch die Nähe zu den altehrwürdigen Sehenswürdigkeiten ließ sich das nicht vermeiden.
Ich gebe zu, ein äußerst eitler Mensch zu sein, was mich dazu veranlasste meinen Körper intensiv zu pflegen. Fitnesstraining im Sportstudio gehörte zu den täglichen Ritualen. Jeder Muskel zeigte sich definiert und kein Gramm zu viel störte das Gesamtbild einer athletischen Figur. Ein hartes Stück Arbeit, da ich zudem ein Genussmensch bin. Als leidenschaftlicher Gourmet zelebrierte ich gern in guter Gesellschaft die exquisitesten Köstlichkeiten. Seitdem ich meine Existenz als Privatier genoss, wurde Kochen zu einem Hobby von mir. Die Zutaten und die Zubereitungen ähnelten einem Pokerspiel. Die exakte und perfekte Komposition aus allen Einzelteilen war nötig, um das beste Ergebnis zu erzielen.
Das Leben versüßte ich mir mit einer weiteren Passion. Ich liebte Sexpartys, die ich in meinem Penthouse veranstaltete. Eine besondere Vorliebe galt dem Voyeurismus. Es erregte mich, schöne Frauen beim Sexspiel miteinander zu beobachten. Das lustvolle Zucken, wenn sie durch die Leckspielchen ihrer Partnerin ausliefen, der heiße Anblick einer Pussy, angeschwollener Schamlippen, der Lustperle, die durch die Säfte glitzerte, brachte meine Eier nahezu zum Platzen. Zwei bis zur Ekstase aufgegeilte Frauen zu ficken, sie mit meinem Schwanz auszufüllen, ihre Lustschreie zu hören, war Genuss pur. Der Höhepunkt, wenn das Sperma herausschoss und über die Gesichter und Brüste spritzte, löste jedes Mal fantastische Kopforgasmen aus. Das genussvolle Ende bestand darin, dass die heißen Girls mich sauber leckten. Von zwei Mündern verwöhnt zu werden, war ein Garant für eine dauerhafte Erektion und eine ausschweifende Partynacht. Noch mehr machte es mich an, wenn ich bei diesen Sexspielen Zuschauer hatte.
Die Partys, die ich veranstalte, sind begehrt, aus dem Grund mangelt es mir nicht an weiblichen Gästen. Es sind ausschließlich Girls, die Spaß am Sex haben. Bezahlte Profis wird man bei mir nicht finden, sie törnen mich ab. Die Lust auf ausgefallene Sexspiele muss echt sein und nicht aufgrund eines Honorars vorgespielt.
Ein optischer Augenschmaus ist das Tanzen an einer Stange. Poledance hatte sich zu einem sportlichen Trend entwickelt und beschränkte sich nicht mehr auf ein einschlägiges Klientel. Um eine Choreografie zu performen, bedarf es einer perfekten Körperbeherrschung. Kraft und Feingefühl, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen, sind unerlässlich. Auch hier zog ich erneut die Parallele zum Pokern. Perfektionismus und das Gespür für die Details waren die Zutaten für eine hervorragende Darbietung. Die ästhetischen Körper, die sich in erotischer Weise präsentierten, machten mich dermaßen geil und der Sex nach einer Tanzeinlage zählte zu den phänomenalen Highlights meiner Partys.
An manchen Abenden lud ich ausschließlich Paare ein. Es verstand sich von selbst, dass es sich ausnahmslos um attraktive und niveauvolle Menschen handelte. Swingen ist nicht jedermanns Sache, doch diejenigen, die sich bei mir amüsierten, liebten es. Besonders die Ehemänner geilte es auf, zu beobachten, wie ihre Partnerinnen von Männern oder Frauen gefickt wurden. Die Praktiken standen einem guten Pornofilm in nichts nach. Banker, Rechtsanwälte und Wirtschaftsbosse haben ebenso ihre versauten Geheimnisse, wie viele andere Berufsklassen in der gehobenen Schicht auch.
Ein Sexspiel der besonderen Art bediente die überhebliche Couleur in mir. Die sexuelle Abhängigkeit einer Frau mit einfachsten Mitteln zu erlangen, verschaffte mir größtmögliche Genugtuung und abermals das Gefühl von Macht. Es funktionierte nicht bei jeder. Ich spürte es sofort, wenn eine dafür empfänglich war. Als ideal erwiesen sich unerfahrene junge Frauen, die sich führen ließen und von einem aufregenden Sexerlebnis träumten. Falls mir eine gefiel, setzte ein erregendes Kribbeln ein und der Jagdinstinkt erwachte. Durch mein charmantes Auftreten bereitete es mir selten Schwierigkeiten, die Frauen zu überreden, die Partys zu besuchen. Sie wussten in der Regel nicht, was sie erwartete. An den Abenden genossen sie meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit und waren für die anderen Gäste tabu. Es war ein perfides Spiel, ihnen den Orgasmus sowie meinen Schwanz zu verwehren. Sie bekamen das geilste Vorspiel, die heißesten Einblicke, ohne jedoch den Genuss der Befriedigung zu erlangen. Drückte ich die richtigen Knöpfe, ließ sich eine Frau uneingeschränkt führen. Ihre unbefriedigte Geilheit erregte mich und verschaffte mir ein Vergnügen, als gewänne ich erneut die World Series of Poker in Las Vegas.

 

1.2 Kapitel
Arthur Clark – Mein dunkles Geheimnis

Hochzeit, Brautsträuße, Kleider, Einladungskarten – ich konnte es nicht mehr hören. Nachdem ich das Telefonat mit Cathleen beendet hatte, ließ ich mich in den Bürostuhl zurückfallen und lockerte meine Krawatte. Mir war bewusst, dass Frauen einem solchen Tag eine immense Gewichtigkeit zumaßen. Selbstverständlich brachte ich dafür Verständnis auf, aber Cathleen übertrieb es. Unsere Vermählung hatte für mich eine elementare Bedeutung. Eine, die bei dem Antrag eine wesentliche Rolle spielte.
»Clark, in mein Büro«, hörte ich unerwartet die verärgerte Stimme meines Bosses.
»Sofort, Mr Miller«, rief ich und das Unwohlsein wuchs, da ich das Thema ahnte. Mit schweren Beinen erhob ich mich, richtete den Schlips und ging unter den Blicken der Kollegen zu meiner gefühlten Exekution. In einem Großraumbüro ließ sich nichts geheim halten und ich bemerkte die mitleidigen Augenpaare, die mir folgten. Seit unser Versicherungskonzern mit einer amerikanischen Company fusioniert hatte, standen wir unter einem gehörigen Druck. Die Zielvorgaben für den Umsatz stiegen unaufhörlich. Durfte ich mich in der Vergangenheit rühmen, einer der besten Verkäufer von Versicherungen aller Art zu sein, erlebte ich im Moment einen fatalen Einbruch der Abschlüsse. Um Zeit zu sparen und bessere Zahlen zu schreiben, ging ich dazu über, meinem Kundenstamm die Versicherungsprodukte per Telefon schmackhaft zu machen. Mein rhetorisches Talent half mir bei der Vorgehensweise. In vielen Fällen fertigte ich Verträge aus und schickte sie den Kunden per Post zu, obwohl diese die Offerte zunächst prüfen wollten und keinesfalls eine Zusage erteilt hatten. Die Verfahrensweise barg das Risiko einer nicht unbeträchtlichen Stornoquote. Es lag nahe, dass Miller mit mir darüber sprechen wollte. Verträge im System als Abschluss zu deklarieren, obwohl der Kunde die Papiere noch nicht unterschrieben hatte, erhöhte zunächst die Quote. Die Manipulation zeigte sich mit Verzug, und zwar dann, wenn die Vertragsabteilung die Versicherungsnehmer anmahnte, die Unterlagen zurückzusenden. Ein Spiel mit dem Feuer, das sich auszubreiten begann.
Mit einem mulmigen Gefühl betrat ich das Büro des Bereichsleiters. »Sie wollten mich sprechen? Worum geht es denn?« Ich hielt es für sinnvoll, den Ahnungslosen zu spielen.
Miller sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. Ein junger Emporkömmling, der von der Materie keinerlei Ahnung besaß, aber uns von dem neuen Headquarter vor die Nase gesetzt wurde. Ein Theoretiker mit Hochschulabschluss, der niemals im Außendienst seine Brötchen verdient hatte und nicht im Geringsten beurteilen konnte, was sich an der Verkäuferfront abspielte. »Schließen Sie die Tür und nehmen Sie Platz.« Über der Nasenwurzel zeigte sich eine Zornesfalte.
Es nervte mich von der ersten Sekunde an, dass er mit einem Kugelschreiber unaufhörlich auf die Tischplatte tippte. Ich setzte mich und straffte den Körper. Unter keinen Umständen durfte ich eine Spur von Schwäche zeigen.
»Clark, es geht um Ihre Stornoquote«, kam er ohne Umschweife zur Sache. »Das ist ein absolutes Desaster.«
»Ach?«, erwiderte ich ruhig. Wenn ich eines in den letzten Monaten gelernt hatte, war es ein ausdrucksloses Gesicht aufzusetzen. »Ich kann mir das nicht erklären.«
Miller schüttelte mit dem Kopf. »Wollen Sie mich zum Narren halten?«
»Das würde ich mir niemals herausnehmen.« Unmerklich rieb ich den Daumen an meinem Zeigefinger. Eine minimale Geste, welche die Nervosität zum Ausdruck brachte. Es passierte automatisch und manchmal bemerkte ich es nicht.
Er klickte auf der Tastatur herum. »Wenn ich mir Ihre Zahlen anschaue, muss ich leider einen Einbruch feststellen. Was ist mit Ihnen los?«
»Es gibt immer gute und schlechte Zeiten, solange man umsatzorientiert arbeitet.«
»Da widerspreche ich nicht.« Er schaute mich an. »Dennoch bemerke ich, dass Sie seit einigen Wochen nicht mehr zu einhundert Prozent bei der Sache sind.«
»Die bevorstehende Hochzeit …«, versuchte ich, eine halbwegs passable Antwort zu geben.
»Sie wirken morgens unausgeschlafen. Ebenso leidet die Pünktlichkeit.«
»Ich schlafe schlecht.«
»Seit der Fusion gibt es erhebliche Neuerungen. Es sieht aus, als hätten Sie Schwierigkeiten sich an das modifizierte System zu gewöhnen.«
»Nein.« Langsam fühlte ich mich bedrängt. Das, was mich in Wahrheit ablenkte, konnte ich gegenüber Miller nicht kommunizieren. Ein heikler Punkt, der sich nicht für die Ohren eines Vorgesetzten eignete.
»Sie sind ein langjähriger Mitarbeiter und niemals negativ aufgefallen.«
»Ich versichere Ihnen, es ist eine vorübergehende Phase.«
»Ich hoffe es. Sie wissen, dass ich dafür sorgen muss, dass die Zahlen stimmen. Eine hohe Stornoquote wirkt sich negativ auf die gesamte Abteilung aus. Das kann ich auf Dauer nicht verantworten.«
Es war eine subtile Drohung. Arschloch! »Wie gesagt, eine temporäre Periode.«
»Nun gut, ich schätze Sie, Mr Clark, und wenn ich Ihnen behilflich sein kann, stehe ich gern für ein Gespräch zur Verfügung.« Er stand auf und reichte mir die Hand.
Diese scheinheiligen Worte widerten mich an. Bis auf die Umsätze und seine Karriere interessierte ihn wenig. Mir war bewusst, wenn ich meine Probleme nicht in den Griff bekam, waren die Tage in dem Unternehmen gezählt. »Vielen Dank.« Ich erhob mich mit weichen Knien und erwiderte seinen Händedruck. »Ich werde Sie nicht enttäuschen.«
Mit einem beklemmenden Gefühl kehrte ich zu meinem Arbeitsplatz zurück. Auf die Frage eines Kollegen, was Miller von mir wollte, winkte ich nur ab.
»Passt schon, alles gut«, murmelte ich. Mit dem schnellen Auffliegen der Manipulation verlor ich endgültig meine Motivation. Noch ein beschissenes Problem mehr!
Abwesend starrte ich auf den Bildschirm. Eine unendlich lange Liste mit Kundennamen, die ich anrufen musste, verschwamm vor den Augen. Ich hatte keine Kraft, mich einem Verkaufsgespräch zu stellen und Höflichkeit zu heucheln. Wie konnte das gesamte Leben dermaßen in Schieflage geraten? Noch vor einem halben Jahr lief alles reibungslos. Cathleen kennengelernt zu haben, empfand ich als persönlichen Jackpot. Eine hübsche und kluge Frau, die viele Eigenschaften besaß, die ich schätzte. War es ein Fehler, sich auf ihre Bedingung einzulassen? Kein Sex vor der Ehe, was für ein absurder Standpunkt in unseren modernen Zeiten. Ich erinnerte mich noch genau, wie mir das Essen im Hals stecken blieb, als sie mir ihre Einstellung offenbarte. Zunächst hatte ich angenommen, es sei ein Scherz und sie wollte mich testen, ob es mir nur auf die körperlichen Reize ankam. Frauen kamen manchmal auf seltsame Ideen, um herauszufinden, wie ein Mann zu ihnen stand.
Dass es mir derart schwerfiel, sie nicht zu berühren, überraschte mich. Ihren Körper, den sie mir vorenthielt, begehrte ich in einer aufreibenden Intensität. Natürlich hätte ich jederzeit die Notbremse ziehen können. Es zwang mich niemand, bei ihr zu bleiben. Doch wir verstanden uns prächtig, da uns viele gemeinsame Interessen verbanden. Weiterhin ging ich zu Beginn davon aus, dass sie ihren Entschluss nicht durchzog. Ich täuschte mich gewaltig. Händchen halten, küssen und ein bisschen kuscheln, mehr gestand sie mir nicht zu.
Der erste Disput entstand, kurz nachdem ich ihr einen Heiratsantrag machte. Für mich bedeutete die Frage und ihre Zustimmung ein Ende ihres Keuschheitswahnsinns. Mir ging es mittlerweile auf die Nerven, es mir ständig selbst zu besorgen. Ich betrachtete meine Sexualität als normal, insbesondere wenn ich eine Frau begehrte. Wir saßen zusammen auf ihrem Sofa und den ersten Stapel der Zeitschriften, die sich mit dem Thema Hochzeit beschäftigten, hatten wir durchgesehen. Cathleens Wangen glühten und ihre Augen leuchteten. Sie strahlte für mich einen Sex-Appeal aus, der die Geilheit anfachte. Zärtlich küsste ich sie und mein Glied versteifte sich. Eine Hand schob ich unter ihr Shirt, die Fingerspitzen strichen über ihre zarte Haut und ich drängte mich an sie heran. Sofort nahm ich einen Widerstand wahr. »Schatz, ich habe solche Lust auf dich!« Erregt leckte ich durch ihre Ohrmuschel und die Hand wanderte zu ihren Brüsten. »Es steht doch fest, dass wir heiraten.« Meine Atmung beschleunigte sich und das Kribbeln fokussierte sich auf die Mitte. Ich hatte das Gefühl, dass ich gleich explodierte.
»Ich weiß, aber ich träume von der ganz besonderen Nacht nach unserer Hochzeit.« Sie rückte ein Stück von mir ab.
Ihre Ablehnung ignorierte ich und strich mit meiner Zunge ihren Hals entlang. »Wir ziehen sie einfach vor«, murmelte ich. »Es wird genauso aufregend.« Die andere Hand suchte sich den Weg zu ihrem Hosenbund.
»NEIN!« Als drohe ihr eine Vergewaltigung, sprang sie hoch. »Wir haben darüber gesprochen und du hast es mir zugesichert.«
Mir platzte der Kragen. »Was für ein Schwachsinn! Ich bin ohne Ende geil auf dich, kannst du das nicht verstehen?« Genervt lehnte ich mich zurück und strich mir über den ausgebeulten Hosenschritt. »Was ändert ein bekloppter Trauschein? Ich habe dir doch schon mein Versprechen gegeben.«
»Du verstehst mich nicht oder du willst es nicht kapieren.« Cathleens Stimme zitterte. »Es ist ein Lebenstraum, es ist mir wichtig.« Sie stand vor mir und ballte die Hände zu Fäusten, so sehr regte sie sich auf.
»Sorry, es gehört nun einmal zu einer Beziehung. Herrgott, wir sind verlobt!« Ich schüttelte den Kopf und die gefährliche Wut stieg stetig. Ein Gefühl, das ich schwer steuern konnte. Es geschahen Dinge, die mir im Anschluss leidtaten. »Oder hast du einen anderen Kerl, mit dem du es heimlich treibst?« Eine erste unpassende Bemerkung, aber ich verlor die Beherrschung.
Sie starrte mich entsetzt an. »Das denkst du von mir?« Nun waren die Tränen nicht mehr aufzuhalten. »Das ist gemein.«
»Es ist unmöglich, niemals sexuelle Lust zu empfinden, du bist vermutlich von Natur aus frigide.« Mist, das war unklug! Ich sprang auf, wollte sie trösten, aber sie wich zurück. »Tut mir leid, das habe ich so nicht gemeint.«
»Geh bitte!«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.
»Schatz, beruhige dich.« Den Versuch, sie zu umarmen, blockte sie ab. Das Mitleid wandelte sich abermals in Ärger. »Weißt du was, du kannst mich mal mit deinem blöden Vorsatz.«
»Euch Männern geht es immer nur ums Ficken«, schrie sie.
»Nicht nur, aber es gehört dazu.« Die Beleidigungen, die mir auf der Zunge lagen, hielt ich glücklicherweise zurück, um keine größere Eskalation auszulösen. Es kostete einiges an Mühe, nicht vollends auszuflippen. »Ja, es ist besser, dass ich gehe«, schnaubte ich. Wie mir das alles auf die Nerven ging. Sollte sie doch auf ihren Märchenprinzen warten, ihn schmoren lassen, bis ihm seine Eier platzten.
Cathleen hatte sich zum Fenster gedreht und starrte stumm in die Dunkelheit. Ich hatte genug. Genervt und ohne ein weiteres Wort verließ ich die Wohnung. Wütend setzte ich mich hinter das Steuer meines Wagens und brauste mit quietschenden Reifen davon.
»Fuck, Fuck … was für eine Scheiße«, brüllte ich die Windschutzscheibe an und schlug mehrfach mit den Händen auf das Lenkrad, sodass der Wagen einige Male hin und her schlingerte. Ich musste Druck ablassen, und zwar nicht beim Wichsen. Ohne nachzudenken, steuerte ich den Puff an, in dem ich früher ein gern gesehener Stammgast war.
Es gab Lebensabschnitte, da lebte ich ein Leben auf großem Fuß. Es ging mir zu jener Zeit finanziell ausgesprochen gut. Ich erlebte die besten Jahre als Versicherungsmakler und das Business brummte. Mit meinen ehemaligen Kollegen ließen wir regelmäßig im House of Passion die Korken knallen und gönnten uns ausgiebige Sexabenteuer. Der Lebenswandel barg jedoch seine Risiken. Eines Nachts traf ich auf eine Gruppe Männer, die gern zockten. Ich war schon immer dem Glücksspiel zugetan und so war es für sie ein Leichtes, mich zu überreden, einzusteigen. Dass die Runde auf dermaßen monetär hohem Niveau agierte, reizte mich besonders. Ich liebte den Kick und war abenteuerlustig. In dieser Nacht leuchtete der Glücksstern über meinem Kartenblatt. Ich gewann eine Menge Geld. Wir spielten Texas Hold'em ohne Limit. Ich brachte sämtliche Attribute mit, die ein gewiefter Pokerspieler benötigte. Die Mitspieler konnten mir nicht das Wasser reichen. Je mehr ich meine Gegner ausbootete, desto intensiver wurde der Rausch, der Drang zu zocken.
Der Nervenkitzel beim Pokern verlor sich und ich suchte nach neuen Herausforderungen. Ab dem Zeitpunkt besuchte ich regelmäßig die Casinos der Stadt. Damals glaubte ich ernsthaft, unschlagbar zu sein und das Spiel zu kontrollieren. Eine gehörige Fehleinschätzung. Ich verlor, setzte erneut, da ich das Fiasko zu kompensieren hoffte. Es war eine unaufhörliche Abwärtsspirale, die mich nahezu ruinierte. Finanziell sowie gesundheitlich, da ich vermehrt versuchte, den Frust mit harten Drinks herunterzuspülen.
Ich hatte Glück, dass mir einer der wenigen Freunde, die mir blieben, verdeutlichte, dass ich den Grat zwischen Spaß am Zocken und Spielsucht längst überschritten hatte. Als Spieler verliert sich das Umfeld und Einsamkeit ist eine fatale Folge der Sucht. Seit man online auf finanziell hohem Niveau pokern kann, ist es noch gefährlicher. Ich konnte, ohne die Wohnung zu verlassen, dem Drang nachgeben. Es fiel mir wahnsinnig schwer, aus dem Teufelskreis auszusteigen. Der Entzug ging tatsächlich mit körperlichen Symptomen einher. Herzrasen, Unruhe, Schweißausbrüche, Schlaflosigkeit erschwerten die mentale Akzeptanz. Mit der Hilfe einer Therapeutin sowie einem hohen Maß an Selbstdisziplin gelang mir der Absprung. Wie ein Tiger wanderte ich damals in meiner Wohnung umher, sperrte die Zockerseiten im Internet und mied Gegenden mit Spielhallen.
Dass es mir an jenem Abend in meinen Fingern kribbelte, wunderte mich nicht. Der Ärger, die emotionalen Aufregungen, eine frigide Verlobte, alles Gift für einen Ex-Süchtigen. Ich hoffte, dass es beim Sex blieb und ich mich beruhigte. Eine heiße Blondine mit großen Titten und einem knackigen Arsch, der einlud hineinzustoßen, war meine Wahl, um meine Geilheit zu befriedigen. Ohne nachzudenken, buchte ich das volle Programm. Ficken, blasen, Analsex, mehrfach abspritzen, all das ließ ich mir auch etwas kosten. Nach der ersten Erleichterung genoss ich eine Dauererektion. Wie ein ausgehungertes Tier fickte ich die Bitch, leckte sie, bis sie tatsächlich einen Orgasmus bekam. Den Adrenalinspiegel hielt ich mit ein paar Gläsern Champagner aufrecht. Zum krönenden Abschluss erledigte sie einen Blowjob, und da ich einen Extrabonus zahlte, machte sie es mir ohne Gummi. Ihr in den Mund, auf die Brüste und ins Gesicht zu spritzen, entlockte mir einen inbrünstigen Lustschrei. Ich gönnte mir all das, was mir Cathleen vermutlich nie geben würde, so prüde, wie ich sie nach dem Streit einschätzte. In meinem Ärger ging ich davon aus, dass sie bis auf die Missionarsstellung nichts zu bieten hatte.
Obwohl ich mich sexuell das erste Mal seit einiger Zeit befriedigt fühlte, wuchs das Kribbeln und meine Gedanken wurden zunehmend von der Lust zu zocken bestimmt. Was kann passieren? Es ist nur einmal, beruhigte ich mich. Ich habe es mir verdient. Die warnende Stimme in mir fand kein Gehör und ich verließ entschlossen das Bordell. Zielstrebig suchte ich einen Pub auf, von dem ich wusste, dass in einem Hinterzimmer auf hohem Niveau gepokert wurde. Ein gefährlicher Ort, der mich magisch anzog. In ein legales Casino konnte ich nicht, da ich mich aus Sicherheitsgründen hatte sperren lassen. Es gibt eine Datenbank, in der gesperrte Spieler aufgeführt werden. Da man sich grundsätzlich legitimieren muss, wird einem der Zutritt verwehrt. Eine sinnvolle Einrichtung, um der verbreiteten Spielsucht entgegenzuwirken.
Mit dem Betreten des verrauchten Raumes ließ ich die Welt hinter mir. In den ersten Runden ging ich kein Risiko ein und stieg vernünftiger Weise zügig aus. Je länger ich jedoch die Mitspieler beobachtete und in die gewohnte Konzentration verfiel, desto höher und gewagter agierte ich. Mit einem beträchtlichen Gewinn verließ ich nach mehreren Stunden die Runde. Durch den Siegeszug angefixt, ließ ich mich auf eine Revanche für den nächsten Abend ein.
Das Rad der Sucht setzte sich erneut in Bewegung. Ich begann die Kontrolle zu verlieren. Je mehr ich zockte, desto enger zog sich die Schlinge des Verderbens zu. Das schlechte Gewissen mir gegenüber, die Lügen, die ich Cathleen auftischte, und die berufliche Nachlässigkeit ließen mich zunehmend unkonzentrierter agieren. Ein spielerisches Todesurteil mit verheerenden Folgen. Ich begann mir beträchtliche Summen zu leihen und geriet immer tiefer in einen verhängnisvollen Strudel. Dieser Lucky, mit dem ich regelmäßig zockte, ließ mich regelrecht auflaufen. Er spielte ein perfides Spiel, welches ich viel zu spät erkannte. Sein Pokerspiel war genial und ich genoss es, wenn ich gegen ihn gewann. Mit der Zeit nutzte er meine schlechte Verfassung aus, indem er für meine Kreditwürdigkeit bei Big Jim, dem Geldverleiher, sorgte. Rational wusste ich, auf was ich mich einließ; emotional hatte ich bereits den Boden unter den Füßen verloren. Ich rutschte in eine finanzielle Krise, welche die damaligen und mühsam abgestotterten Verbindlichkeiten überschritt. Die Höhe der Einsätze und die Skrupellosigkeit nahmen zu. Es gab nur noch einen Ausweg …

Dann fragst du dich, warum dein beschissenes Leben so aus der Bahn geraten ist? Ich klickte auf das Kreuz am oberen Rand des Dokumentes, um es zu schließen. Gedankenverloren packte ich die Sachen zusammen und verließ das Büro. Ich stieg in den Wagen und saß bewegungslos da. In meinem Kopf kreisten die Gedanken. In zweiundsechzig Tagen, so die Hoffnung, würde ich das Leben zu meinen Gunsten wenden. Eine böse innere Stimme flüsterte mir zu: Nur heute noch einmal! Vielleicht hast du ein gutes Blatt! Du kannst es, du musst es nur wollen. Stell dich nicht so an!
»Nein und nochmals nein!«, brummte ich entschlossen und startete den Motor, festen willens, nicht nachzugeben und Cathleen zu überraschen.
Plötzlich erfasste mich Wut, eine, die in der letzten Zeit häufiger auftauchte. Eine Rechtfertigung einhergehend mit einer Schuldzuweisung, um von meiner desaströsen Lage abzulenken. Der Ärger richtete sich in diesen Momenten gegen Cathleen. Mit ihrer bescheuerten Idee hatte sie mich doch erst wieder in das Milieu getrieben. In einer Beziehung mit normalem Sex und keinen schwachsinnigen Versprechungen gegenüber einer toten Tante wäre ich niemals erneut abgerutscht. »Du wirst mich für den ganzen Mist entschädigen«, murmelte ich und startete den Wagen. Du hast nach der Hochzeit genug Geld!
Unbewusst schlug ich den Weg zum Ort des Verderbens ein.