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1.  Kleine Herzen lieben ewig

Die ersten Lichtstrahlen blitzten durch die weißen, wehenden Vorhänge des geöffneten Fensters. Bis auf das Gezwitscher der Vögel, die mit ihren unterschiedlichen Stimmen ein eigenwilliges Konzert gaben, war es still.
Sue spürte die frühsommerlichen Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht und öffnete verschlafen die Augen. Ihr Blick fiel auf den Mann neben ihr. Ein Lächeln umspielte sofort ihre Mundwinkel und ein warmes Gefühl voller Zärtlichkeit und Zuneigung durchflutete ihren Körper.
Leon lag mit dem Rücken zu ihr. Er war unbedeckt, sie musste ihm die Decke während des Schlafens weggezogen haben. Sue sah seine definierten Muskeln und wie sich die Flanken durch die Atemzüge gleichmäßig hoben und senkten. Ein Arm lag angewinkelt wie eine Schutzmauer um seinen Kopf mit den dunkelblonden, kurzen Haaren. Sue ahnte, dass Leons Augenlider im Schlaf sanft zuckten, aber auch, dass seine Gesichtszüge in dieser Schlafphase entspannt aussahen. Ihr Blick wanderte zu dem wohlgeformten Hintern. Oft hatte sie ihre Fingernägel während der Ekstase leidenschaftlich in ihn gekrallt, um ihren explodierenden Gefühlen mehr Ausdruck zu verleihen. Sue liebte es, ihre Beine um ihn zu schlingen. Sie genoss es, wenn er sie mit Kraft nahm und dennoch unendlich einfühlsam war. Eine Zärtlichkeit, die ihr fremd war. Ein Wonneschauer durchlief sie bei dem Gedanken an die unzähligen Liebesspiele, die sie von Mal zu Mal intensiver erlebte. Leon, ein Mann mit einer optischen Makellosigkeit, die ihr manchmal unwirklich vorkam. Sie seufzte, stützte ihren Kopf auf einem Arm ab und strich mit der anderen Hand kaum wahrnehmbar über seinen Rücken. Ihre Fingerspitzen zeichneten unsichtbare Herzen. Für weitere Minuten versank sie in Leons Anblick.
Er war ihr Freund, ihr heimlicher Beschützer und ihre Affäre. Sie wusste fast gar nichts von ihm, viele Teile seines Lebens blieben ihr bislang verborgen. Es war eine Vereinbarung zwischen ihnen, die Umwelt während ihrer gemeinsamen Zeit für nicht vorhanden zu erklären. In ihrem eigenen Kosmos der Leidenschaften zu schweben, sich treiben zu lassen, als wäre es das letzte Mal, bevor die Welt in Flammen aufgeht.
In diesen Stunden verließen sie ihr beider Leben. Es gab keine erfolgreiche Profilerin, keinen Ehemann und Familienvater - alles wurde unwichtig, wenn sie beieinander waren. Das, was sie voneinander wussten, lag Jahrzehnte zurück, gleichwohl hatte es nie aufgehört zu existieren.
Vorsichtig breitete sie die Decke über seinen Körper und wollte sich leise aus dem Bett stehlen.
»Sunny«, murmelte er unvermittelt und drehte sich zu ihr um. »Du wirst doch wohl jetzt nicht aufstehen!« Sein verschlafener Blick wurde von einem spitzbübischen Lächeln ergänzt. »Komm zu mir!«
Er legte sich auf den Rücken und Sue konnte nicht anders, als mit ihm gemeinsam unter die Decke zu schlüpfen und sich an seinen kräftigen und durchtrainierten Oberkörper zu schmiegen.
Zärtlich strich Leon über ihre verstrubbelten, blonden Haare. Sanft benetzte sie mit ihren Lippen seine Haut. Mit einem genießerischen Seufzer schwang Sue ein Bein über Leons Hüfte, sodass kein Blatt Papier zwischen sie passte. Seine gleichmäßigen Herzschläge schienen synchron mit den ihren zu sein. Sue schloss die Augen und sog seinen Körpergeruch auf. Einen Menschen in jeder Situation gern zu riechen, war für sie eine neue Erfahrung gewesen. Aber offensichtlich ließ sich die damals bestehende Vertrautheit nicht verleugnen. Leon war der Einzige, der sie Sunny nennen durfte — ein Spitzname aus einer früheren Epoche.
Unfassbar, dass sie ihn beinahe nicht erkannt hatte! Doch ihr Leben war ab einem gewissen Zeitpunkt an ihr vorbeigerauscht. Schule, Ausbildung und das konsequente Bestreben, ihren Traumjob als Profilerin in einem Spezialteam in London zu verwirklichen, hatten ihr wenig Raum für andere Interessen gelassen. Immer noch war es für eine Frau schwerer, die Karriereleiter nach oben zu klettern. Aber Sue hatte sich durchgebissen. Ihre Zukunft war durchgeplant, bis aus dem Nichts Leon aufgetaucht und in ihr Leben gestürmt war. Oder sollte sie zurückgekehrt sagen?