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»Wo die Liebe beginnt, hört die Gewalt auf. Liebe siegt über alles.« (Leonardo da Vinci)

Sue liebt ihren Job und sie definiert sich darüber, um ihren privaten Kummer mit Leon zu kompensieren.

Die perfekte Auswahl – 2. Kapitel

Die perfekte Auswahl
Die Maschine der British Airways landete pünktlich am Liverpool John Lennon Airport. Die Flugzeit von knapp vier Stunden war schnell vorübergegangen, da sich Sue in die Fallakten eingelesen hatte, die man ihr kurz vor dem Abflug gemailt hatte. Ihre Abberufung nach Liverpool kam überraschend, sodass ihr keine Möglichkeit blieb, sich besser vorzubereiten. Sie hätte einen weiteren Tag gewonnen, wenn sie nicht mit Leon in ihren Kosmos abgetaucht wäre.
Das Material, das sie hatte sichten können, vermittelte zumindest erste Informationen über die drei Frauenmorde, die sich innerhalb kürzester Zeit in Liverpool zugetragen hatten. Wie es schien, handelte es sich um ein und denselben Täter. Aus diesem Grund wurde sie hinzugezogen, um die Kollegen als Profilerin zu unterstützen. Die Mordserie hatte an Brisanz gewonnen, da Sophie Grey, das dritte Opfer, die Tochter eines ranghohen Kommunalpolitikers gewesen war. Es war wie immer: Ging es um Politiker, Prominenz oder dergleichen, wurden alle nervös. Es wäre vermutlich keiner zum jetzigen Zeitpunkt auf die Idee gekommen, sie einzubeziehen, wenn es sich um eine No-Name-Person gehandelt hätte.
Das Zusammentreffen und die unvermeidliche Zusammenarbeit mit Paul bereiteten ihr Unwohlsein. Seit dem Ende ihrer Affäre hatten sie den Kontakt auf das Nötigste beschränkt. Sie hatte sich gewundert, dass Paul ausgerechnet sie angefordert hatte. Allerdings wusste er, dass sie unter den Profilern eine der Besten war und er stellte somit seine privaten Befindlichkeiten zurück.
Warum sie gerade mit ihm eine sexuelle Verbindung eingegangen war, konnte sich Sue im Rückblick nicht beantworten. Vielleicht, weil sie den Kick liebte? Sex mit einem Vorgesetzten hatte etwas Prickelndes und sie genoss es, ihre Reize auszuspielen. Ihre distanzierte, bisweilen kühle Art hatte ihn seit ihrem ersten Zusammentreffen gereizt und irgendwann waren sie nach einem Seminar und einem alkoholträchtigen Abend im Anschluss im Bett gelandet. Dass er verheiratet war, spielte für Sue keine Rolle. Sie vertrat die klare Meinung, dass jeder für sich verantwortlich war. Sie hatte nicht die geringste Lust auf den erhobenen Zeigefinger. Für sie war es nie etwas Tiefergehendes gewesen.
Sue wusste um ihre Anziehungskraft auf Männer und begann deren Begehren für sich zu nutzen. Irgendwann, nachdem die Leere nicht aus ihrem Herzen und ihrer Seele wich, hatte sie sich das genommen, was zumindest ihrem Körper guttat. Die unzähligen Affären, bei denen ausschließlich Sue die Regeln vorgab, waren lediglich belanglose Episoden in ihrem Leben.
Ihre beruflichen Erfolge hatte sie nicht, wie böse Zungen behaupteten, durch ihre Bettgeschichten erlangt. Da reagierte sie sehr empfindlich. Es war vielmehr ihr Ehrgeiz und ein ausgeprägtes Gespür dafür, sich in die Rolle eines Täters hineinzuversetzen. Diese Begabung hatten ihre Vorgesetzten früh erkannt, sodass sie einen der begehrten Ausbildungsplätze als Profilerin erhielt und mit Bravour abschloss. Sue sagte von sich, dass sie in die Gedanken des Verbrechers hineinschlüpfte, um ihn und die Motive zu ergründen.
Ihre empathische Vorgehensweise bei den Verhören und den Ermittlungen öffnete ihr so manche Tür und schaffte Vertrauen. Nicht nur einmal hatte Sue den Eindruck, als würden die Täter ihr Innerstes nach außen kehren. Sie erfuhr so viele Einzelheiten und Hintergründe, warum das alles hatte passieren können. Möglicherweise lag es an ihrer Auffassung, dass sich in den Seelen der Serientäter immer etwas Verletzliches verbarg. Nicht dass sie Mitleid mit den überwiegend männlichen Kriminellen gehabt hätte, dafür waren die Verbrechen zu abscheulich. Es diente ihr vielmehr dazu, um präventiv denken, handeln und andere Serienmörder schneller aufspüren zu können. Sie war eine akribische Arbeiterin, die jedes noch so kleine Segment aufgriff und alle Einzelteile wie ein Puzzle zusammenfügte. Aus diesem Grund war sie heute nach Liverpool gereist. Was würde sie hier erwarten?
Sue war unter den letzten Passagieren, die das Flugzeug verließen. Sie hatte sich Zeit gelassen, da sie wusste, dass das Ausladen der Koffer noch eine Weile dauerte, bevor diese ihre Runden auf dem Gepäckband drehten. Kopfschüttelnd beobachtete sie, wie sich die Mitreisenden hektisch aus den Sitzreihen drängelten, sobald die Parkposition erreicht war. Sofort bildete sich eine Menschentraube an den Klappen für das Handgepäck.
Es war ein komisches Gefühl, Leon räumlich nahe, aber nicht bei ihm zu sein. Obwohl Sue sich vorgenommen hatte, sich zu einhundert Prozent auf ihre Arbeit zu konzentrieren, meldete sich der Wunsch, ihn zu sehen. Vielleicht würde er ein Treffen vorschlagen, dann wäre sie sozusagen aus dem Schneider. Sie wusste, dass Leon ein Garant für Konzentrationsschwäche war, die in ihrem Job nichts zu suchen hatte. Mit einem Stoßseufzer schwelgte sie für einen Moment in den Erinnerungen an ihn.

Als sie aus dem Gate heraustrat, schaute sie sich suchend um und erblickte einen Officer, der ein Schild mit ihrem Namen vor seiner uniformierten Brust hielt.
»Guten Tag, Ma'am, ich bin Officer Jack Mitchell«, stellte sich dieser förmlich vor. »Police Chief Constable Paul McKinley wartet im Wagen auf Sie.«
Sue begrüßte Mitchell mit einem festen Händedruck und ließ sich gern ihren Koffer abnehmen. Unweit des Ausgangs stand eine schwarze Limousine. Der Officer öffnete ihr die hintere Tür und sie stieg ein.
Während der Fahrer das Gepäck im Kofferraum verstaute, empfing Paul sie mit den Worten: »Ich bin froh, dass du es so kurzfristig eingerichtet hast.« Sein Gesichtsausdruck verriet Erleichterung.
»Hatte ich eine Wahl?«, erwiderte Sue und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Paul, du weißt, dass mich solche Fälle reizen.«
»Sicherlich weiß ich das, aber letztendlich liegt eine etwas problematische Zeit hinter uns.«
Sue glaubte, eine gewisse Wehmütigkeit herauszuhören. Sie unterbrach ihn ungewöhnlich harsch: »Paul, das tut nichts zur Sache.« Ihr Lächeln war verschwunden und einem distanzierten Ausdruck gewichen.
»Ja, du hast recht, es tut nichts zur Sache.« Seine Stimme hatte wie gehabt einen professionellen Klang angenommen.
Sue winkte ab. »Schon gut«, sagte sie knapp.
»Die machen uns die Hölle heiß, das kannst du dir sicherlich vorstellen.« Er raufte sich durch seine angegrauten, kurzen Haare. Es war ihm anzumerken, dass er unter Stress stand. »Bei den Bossen an oberster Stelle steht natürlich die Frage im Raum, ob dies hätte verhindert werden können, wenn wir die beiden ersten Morde miteinander in Verbindung gebracht hätten.«
Du alter Hektiker, in solchen Momenten bist du besonders sexy, dachte Sue und ein innerliches Grinsen breitete sich aus. Ihre Worte gingen jedoch nicht konform mit ihren Gedanken. »Sagen wir mal so«, Sues Tonlage zeigte keine Rührung, »es hätte euch auffallen müssen, wenn man den Tathergang betrachtet.«
»Du weißt doch am besten, dass wir unter chronischem Personalmangel leiden und auch einige Probleme mit Kollegen hatten.«
»Wie schön, dass es jetzt die Tochter eines Politikers getroffen hat«, erwiderte Sue ironisch. »Dann werden endlich Mittel und Personal bereitgestellt.«
Paul hielt sich bedeckt, denn sie hatte recht mit dem, was sie sagte. Die ersten beiden Morde wurden heruntergespielt. Möglicherweise braute sich deshalb ein Sturm zusammen. Er konnte nur hoffen, dass das nie im Detail publik wurde.
Der Fahrer stieg ein und Sue wandte sich ihm zu: »Bringen Sie mich bitte zum gestrigen Tatort.« Dann drehte sie sich zu Paul. »Wenn Chief McKinley damit einverstanden ist.« Sie duzten sich ausschließlich, wenn sie allein waren.
»Ich bin davon ausgegangen, Superintendent Brooks, dass Sie das geplant haben. Vor Ort warten zwei Officers auf Sie, die Sie unterstützen werden.«
Die Limousine setzte sich in Bewegung und für einen Moment lehnte sich Sue zurück. Sie schloss die Augen und dachte daran, dass der Mann, den sie liebte, sich wahrscheinlich nur wenige Kilometer von ihr entfernt aufhielt. Dieser Gedanke entlockte ihr einen Seufzer.

Als sie die Morningside Road erreicht hatten, war sofort zu erkennen, um welches Haus es sich handelte. Das weiße Absperrband mit dem Aufdruck Police-Line flatterte im Wind. Einige Pressevertreter harrten in unmittelbarer Nähe des Reihenhauses aus und erhofften sich Neuigkeiten.
Kurz bevor Sue ausstieg, vereinbarten sie die Vorgehensweise. »Ich brauche hier eine Stunde. Danach möchte ich eine erste Besprechung mit dem Team.«
»Die Kollegen sind informiert«, bestätigte Paul. »Wir haben Ihnen in Ihrem bevorzugten Hotel, dem Crowne Plaza, ein Zimmer reserviert.«
»Davon bin ich ausgegangen.«
Sues Worte lösten bei dem Fahrer ein heimliches Grinsen aus. Es wunderte ihn nicht, ihr Ruf war ihr bereits vorausgeeilt.
Sue begrüßte die Officers und ging mit schnellen Schritten in den abgesperrten Bereich, da sich die Journalisten interessiert näherten. Sue war nicht daran gelegen, mit den Pressegeiern, wie sie diese gern nannte, in Berührung zu kommen. Ihr war jegliche Form von Sensationsgier zuwider. Außerdem war vereinbart, dass ihre Anwesenheit so lange wie möglich nicht nach außen dringen sollte, da es vermutlich unangenehme Fragen in der Öffentlichkeit aufgeworfen hätte. Die bisherige Berichterstattung und der Verdacht, dass ein Serienkiller in Liverpool sein Unwesen trieb, besorgte die Bürger. Eine Ermittlerin aus London würde definitiv zusätzliche Unruhe schaffen.
Sue zwängte sich in den weißen Schutzanzug, dessen Anblick stets auf einen Tatort hinwies. »Ich möchte gern allein durch die Räume gehen«, bat Sue die Beamten.
»Selbstverständlich, Ma'am.« Die Kollegen hatten den Befehl erhalten, Sues Weisungen zu folgen.
Sue nahm das Tablet in die Hand und startete die Aufzeichnung, die bei dem Auffinden der Leiche gedreht worden war. Bei dem Betreten des Hauses und der oberen Etage, in der sich das Schlafzimmer von Sophia Grey befand, tauchte Sue in die Welt des Verbrechens ein. Parallel zu dem Film zeichnete sie ihre Gedanken und Eindrücke sprachlich auf ihrem Handy auf. Sie hatte bei den vielen Tatortbegehungen festgestellt, dass die ersten Momente für sie wie eine beginnende Kontaktaufnahme mit dem Täter waren.
Der Film zeigte Sophia in sitzender Position, die Hände gefaltet, der Mund mit einem Lippenstift unnatürlich bemalt. »Warum hast du sonst alles so schön gemacht und beim Schminken der Lippen unsauber gearbeitet? Deine Hand muss gezittert haben. Und du hast versucht, es mit dem Zipfel der Bettdecke zu korrigieren.« Sue sprach leise, als wäre sie bei der Tat eine heimliche Zuschauerin und wolle nicht durch ihre Anwesenheit den Ablauf unterbrechen. Sie zoomte das Gesicht der Toten näher heran und stoppte die Aufzeichnung. »Wahrscheinlich hast du dich geärgert, dass es nicht geklappt hat.« Sue kam zu diesem Schluss, da das Rouge und das Make-up ordentlich aufgetragen worden waren. »Aber warum schminkst du sie, wenn du ihr einen Schlafanzug anziehst?« Das passte für Sue nicht zusammen. Sie hätte erwartet, dass die Frauen ein Kleid oder Ähnliches trugen. Erneut stellte sie fest, dass es bei solchen Untaten kein einheitliches Muster gab.
Sie schaute sich um und entdeckte die Utensilien auf einer Kommode. »Das gehörte ihr, aber einen roten Lippenstift kann ich nicht finden, der harmoniert auch nicht mit ihrem Typ«, kommentierte sie den Umstand. Dann ergänzte sie: »Lippenstift überprüfen.«
Ein Stuhl stand vor dem Kleiderschrank, der mit einer Spiegelfront versehen war. »Du hast extra einen Stuhl geholt, damit sie sich setzen muss. Ich glaube, sie sollte sich betrachten. Oder sollte sie dich sehen? Deine Handgriffe beobachten und zusehen, wie du ihren Tod vorbereitest?«
Die Würgemale am Hals waren deutlich erkennbar. Aus dem Bericht der Gerichtsmedizin ging hervor, dass der Täter mit einer immensen Kraft zugedrückt hatte, da der Kehlkopf gebrochen war. Außerdem ließen die Merkmale darauf schließen, dass er den Griff mehrmals gelockert hatte. »Du warst wütend, nur wenn man über alle Maßen erbost ist, drückt man mit einer derartigen Gewalt zu. Was hat dich so aufgebracht?«
Sue fragte sich manches Mal, warum bei ihr keinerlei Emotionen aufkamen, wenn sie sich die Opfer ansah. Nicht einmal bei getöteten Kindern oder übel zugerichteten Leichen. Da war nichts — nur die hohe Konzentration und der Wille, sich in die Person hineinzuversetzen, die fähig war, solche Abscheulichkeiten zu vollbringen.
Dem Obduktionsbericht entnahm sie, dass die Opfer für kurze Zeit betäubt worden waren. Es wurden die Einstichstelle der Injektion und minimale Rückstände eines Betäubungsmittels im Blut gefunden. »Sie waren narkotisiert. Aber wenn die Betäubung nur kurzfristig anhalten soll, musst du die Dosis exakt festlegen. Das ist nur möglich, wenn du die Frauen von Größe und Gewicht einschätzen kannst«, sinnierte Sue. »Nachdem du durch das Fenster eingestiegen bist, war die Zeit vermutlich zu knapp, um das festzustellen. Bist du ihnen vorher begegnet? Hast du sie ausgewählt? Um die Dosierung festzulegen, benötigst du Fachkenntnisse. Arbeitest du im medizinischen Bereich?« Viele Fragen, deren Beantwortung für die Motivlage und die Identifizierung des Täters unabdingbar waren.
Sie schaute aus dem Fenster und öffnete eine Bilddatei mit Fotos von den Örtlichkeiten der anderen Tatorte. »Du bist sportlich, denn sonst würdest du nicht in diese Etage gelangen. Vielleicht übst du einen Klettersport aus?«
Sue dachte spontan und mit ein bisschen Wehmut an Leon. Er hatte ihr irgendwann einmal Bilder von sich beim Durchklettern eines Parcours gezeigt. Die ausgeprägten Muskeln hatten auf sie eine erotisierende Wirkung gehabt. Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. »Du brauchst Kraft, Geschick und Konzentration«, nahm sie das Zwiegespräch wieder auf. »Wie es aussieht, verfügst du darüber.«
Konzentriert wanderte ihr Blick über den Ort des Verbrechens. In dem Obduktionsbericht hatte sie gelesen, dass braune Kunstfasern an der Kleidung der Toten gefunden worden waren. Diese hatten sich nicht zuordnen lassen. »Recherche, um die Zugehörigkeit zu erfahren«, sprach sie auf ihr Memo.
Sie schritt ins Bad. »Du hast sie gebadet und eingecremt. Ein Rosenduft liegt immer noch in der Luft.« Suchend schaute sie sich um, ob sie unter den Kosmetikartikeln etwas fand, was dem entsprach. »Du hast, so wie es aussieht, den Badezusatz und die Creme mitgebracht – andere Tatorte auf dieses Detail untersuchen.«
Sue stand einen Moment bewegungslos im Bad, schloss die Augen und stellte sich die Szene vor. Ein Schwamm in einer Ecke der Badewanne konnte ein Indiz dafür sein, dass er sie abgewaschen hatte. Sie nahm ihn in die Hand und roch daran – eine leichte Note von Rosenessenz. »Damit hast du sie liebevoll eingeseift. Warum Rosenduft?«, fragte sie leise. »Liebst du die Blume? Erinnert dich der Geruch an etwas oder an jemanden? Oder hast du es aus Zufall benutzt und es hat keinerlei Bedeutung?«

 

                                                                                                           ****

Um Sues Gefühle kennenzulernen geht es weiter mit

Die ewige Geliebte?

»Seltsam, wie viele sich nicht lieben, aber in einer Beziehung leben. Noch seltsamer, wie viele sich lieben, aber nicht zusammen sind!«


Um gelassener zu werden, entschied sie sich, in eine der zahlreichen Ladenpassagen zu gehen, um das zu tun, was die meisten Frauen von ihrer Unzufriedenheit oder dem Unglücklichsein ablenkte: Shoppen bis die Kreditkarte glühte!
Durch das regnerische Wetter herrschte an diesem frühen Abend großer Trubel in den Geschäften. Unzählige Familien flanierten durch die Galerie. Sue wanderte zunächst lustlos durch die Läden und konnte sich nicht entscheiden, etwas zu kaufen. Ihr Blick auf die Auslagen einer Parfümerie entlockte ihr einen Seufzer. Der Herrenduft, den Leon benutzte, wurde dort großflächig ausgestellt. Für eine Sekunde schloss Sue die Augen und nahm deutlich seinen Geruch wahr. Sie liebte es, ihn zu riechen! Soll ich ihm einen Flakon schenken? Ich möchte ihm so gern eine Freude machen. Nach kurzem Hin und Her entschied sie sich dagegen. In beruflichen Angelegenheiten agierte sie souverän, aber wenn es sich um ihre eigenen Gefühle handelte, wurde sie unsicher.
Ein paar Meter weiter, in einem Juwelierladen, erweckte eine Uhr ihr Interesse. Diese Fliegeruhr, eigentlich für Männer designt, stand schon länger auf ihrer Wunschliste. Sue liebte große Uhren. Für die zierlichen Modelle, wie sie überwiegend für Frauen angeboten wurden, konnte sie sich nicht begeistern. Der Preis ist nicht ohne. Aber die Uhr ist so klasse. Nach einem Augenblick des Zögerns betrat sie den Laden. »Ich kann sie ja mal anprobieren«, murmelte sie zu sich und ließ sich das Stück der Begierde von einem Verkäufer zeigen.
»Auch wenn es ein Herrenmodel ist, passt sie ausgesprochen gut zu Ihnen«, bestätigte dieser, als Sue sie angelegt hatte.
»Ich überlege schon ewig, ob ich mir die Uhr gönne«, gestand Sue ein. Sie hielt ihren Arm gestreckt, um den Anblick besser einschätzen zu können.
»Wir könnten das Armband für Sie enger machen lassen«, schlug der emsige Verkaufsberater vor.
Sue atmete tief ein und urplötzlich war der Impuls zur Kaufentscheidung erwacht. »Okay, ich kaufe sie«, sagte sie mit fester Stimme. »Man gönnt sich ja sonst nichts.«
»Da sagen Sie was«, wurde sie von einer Dame in einem eleganten Kostüm bestätigt, die sich zu ihnen gesellt hatte. »Wenn Sie noch etwas zu erledigen haben, nehmen wir die Änderung sofort vor.«
Sue nickte und ein Glücksgefühl durchflutete sie. Der Belohnungseffekt zeigte sich wie in einem Lehrbuch für Psychologie.
Mit dem Kauf der Uhr wurde das Kaufrausch-Gen in Sue geweckt. Aus heiterem Himmel fanden unzählige Sachen ihr Interesse und später in eine Tüte. Mit jedem weiteren Einkauf besserte sich Sues Stimmung. Ein herrlich simpler Instinkt, sich durch Konsum befriedigen zu können. Beschwingt betrat sie mit etlichen Tragetaschen und einem Kaffeebecher in der Hand zum zweiten Mal das Juweliergeschäft. Als sie eintrat, hörte sie das Kreischen eines Kindes, welches deutlich seinen Unwillen signalisierte. Die Mutter wirkte ebenso genervt wie die Verkäuferin.
Das Mädchen stampfte trotzig mit dem Fuß auf. »Ich will nicht hier sein«, maulte es laut.
»Nur noch einen Moment«, versuchte die Frau ihre Tochter zu beruhigen.
»Neiiiinnnn, ich will das jetzt nicht!«, plärrte die Kleine unartig.
Sue rollte die Augen und wartete, mit dem Rücken zur Tür, auf die Herausgabe ihrer Uhr. Die Unruhe in dem Laden begann sie zu nerven. Sie nippte an ihrem viel zu heißen Kaffee und verbrannte sich die Zunge. Ihr Stresspegel stieg stetig an. Am liebsten hätte sie sich bei der Mutter beschwert. Allerdings würde sie vermutlich nichts erreichen. Mamis reagierten in der Regel empfindlich, wenn man sich über ihre lieben Kleinen negativ äußerte. Sprüche wie: »Sie waren auch mal Kind« oder »Sie mögen wohl keine Kinder?«, wollte sich Sue in diesem Moment ersparen.
»Ann, würdest du bitte nicht so herumschreien«, vernahm Sue plötzlich eine Männerstimme.
Im Bruchteil einer Sekunde jagte eine heiße und anschließend eine kalte Welle durch ihren Körper und ihre Beine fühlten sich wie Pudding an. Wenn sich herausstellte, dass sich ihre Befürchtung bewahrheitete, würde sie auf der Stelle tot umfallen. In Liverpool gab es zig Einkaufspassagen, wieso in Gottes Namen hielt sich die Familie hier auf?
»Daddy, Daddy«, rief Ann.
Das Mädchen stürmte an ihr vorbei, rempelte sie dabei an und Sue fiel der Kaffeebecher aus der zitternden Hand. Der Deckel sprang ab und der Kaffee spritzte auf Sues Schuhe und ihre Hose. Mit rasendem Herzen wagte sie einen verstohlenen Blick. Sie hatte sich nicht geirrt! Da stand er, mit einem weiteren Kind an der Hand, und näherte sich ihr.
Nur nicht hinschauen, vielleicht erkennt er mich nicht, dachte sie panisch und wusste, dass das einer frommen Wunschvorstellung glich. Es fühlte sich an, als bohrten sich Leons Blicke in ihren Körper. Sie schluckte und ein dicker Kloß hatte sich in ihrem Hals gebildet und das ruhige und gleichmäßige Luftholen fiel ihr vor Aufregung schwer. Ihr Kopf begann zu glühen und das zeigte sich in einer peinlichen Röte. Gegen all diese Reaktionen konnte sie nicht ankämpfen und war der Herrschaftsgewalt der Liebe hilflos ausgeliefert!
»Hier ist es langweilig und doof, Mum ist gemein«, hörte sie das Kind jammern.
»Du bist heute aber unleidlich«, vernahm sie seine Worte. »Das hatten wir anders verabredet.«
Wie paralysiert starrte Sue auf die bräunliche Brühe, die sich auf dem Boden verteilte.
»Das tut mir schrecklich leid«, wurde Sue unvermittelt von Leons Frau angesprochen, die sofort auf sie zukam.
Ein banaler Satz, der Sue zusammenzucken ließ. Sie hob den Kopf und sah in das Gesicht ihrer Widersacherin. So sah also die Frau aus, die es ihr unmöglich machte, mit dem Mann, den sie liebte, eine Beziehung zu führen. Mit ihr teilte er sein wahres Leben. Sie war es, die abends mit ihm einschlafen durfte.
»Kann ich Ihnen behilflich sein«, bot sie freundlich ihre Hilfe an und wollte Sue mit einer entschuldigen Geste am Arm berühren.
»Es ist nichts passiert«, stammelte Sue und wich zurück, als stände der Teufel leibhaftig vor ihr.
Die Verkäuferin eilte mit einem Tuch herbei und entschuldigte sich ebenfalls wortgewaltig.
Langsam drehte sich Sue um.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte die Widersacherin, da Sue blass geworden war.
Leon nahm seine Tochter auf den Arm und ihre Blicke kreuzten sich. Sues Herz klopfte heftiger gegen ihre Brust. Immer wenn er sie mit seinen faszinierenden Augen ansah, fühlte sie sich verzaubert.
Die Verkäuferin wischte den Boden und tupfte Sues Hose und Schuhe ab. Wie in Zeitlupe spielte sich die Szene vor Sue ab. Alles, was gesagt wurde, drang lediglich wie durch einen Nebelschleier gefiltert zu ihr durch. Sie hatte gewusst, dass es eine Frau und zwei kleine Kinder gab. Kein schöner Gedanke, aber direkt damit konfrontiert zu werden, fühlte sich schrecklich an. Der Stich in ihrem Herzen und ihrer Seele schmerzte nahezu unerträglich.
»Ich möchte mich ebenfalls entschuldigen, dass meine Tochter Sie angerempelt hat«, sagte er mit ruhiger Stimme. Entweder ist es ihm gleichgültig, dachte Sue irritiert, oder er ist in der Lage, es geschickt zu verbergen. Nichts ließ darauf schließen, dass ihn die zufällige Begegnung und das Kaffeedilemma überraschten.
»Ja, das kann passieren«, murmelte Sue und starrte ihn an. Dabei spürte sie, wie Leons Frau sie misstrauisch beäugte. Du musst dich zusammenreißen, befahl sich Sue. Nicht dass sie noch etwas merkt. Für einen Augenblick schloss sie ihre Augen, um sich zu beruhigen. Du jagst die schlimmsten Verbrecher und bleibst cool, aber wenn dieser Mann dich ansieht, klappst du wie ein Kartenhaus bei dem klitzekleinsten Luftzug zusammen. Doch sämtliche rationalen Überlegungen fanden auf ihrer Gefühlsebene kein Gehör.
»Ms?«, drang die Stimme der Verkäuferin an ihr Ohr. »Ist Ihnen nicht gut?«
Sue drehte sich zu ihr um und schüttelte den Kopf. »Nein, alles okay«, sagte sie leise. Erneut wanderte ihr Blick zu Leon, der an seine Frau herangetreten war. Die eine Tochter hielt er nach wie vor auf dem Arm, die andere hatte seine Hand genommen. Das Bild einer intakten Familie, die bummeln geht, dachte Sue verbittert. Wenn er sie jetzt küsst, schreie ich.


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