TWO FACES - Buchbeschreibung -Leseproben

Two Faces by Piper Digital Spannungsvoll
Love_Thrill_Books_4You

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen. Hoffnung und Zweifel, Vertrauen und Enttäuschung. Spannend und hochemotional offenbaren sich die »Two Faces«.



TWO FACES Teil 1: Verbotenes Verlangen

Piper Verlag, Leseprobe online, Liebesthriller

 

 Billy, eine engagierte Polizistin, wird als verdeckte Ermittlerin in Frankfurt eingesetzt. Sie schlüpft in die Rolle von IT-Girl Cecilia Ballier, um die kriminellen Aktivitäten von Ethan Grafenberg, Patriarch und Narzisst, aufzudecken. Billy verliert sich zunehmend in der Identität der Cecilia, da Grafenbergs Jetset-Leben sie fasziniert. Brisant wird es, als sie Samuel, den Sohn, trifft und dem vermeintlichen Badboy verfällt. Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Liebe und illegalen Machenschaften, die jeden mit ihren zwei Gesichtern konfrontiert.

 

Verbotenes Verlangen ist der erste Teil einer Trilogie, der am 01.10.2018 überall im Buchhandel erhältlich ist. Ein romantischer Thriller rund um Billys und Samuels Ringen, die wahre Identität sowie die große Liebe zu finden. Verlieren sie sich auf dem steinigen Weg oder arrangieren sie sich mit den neuen Rollen ihres gemeinsamen Lebens?

 

TWO FACES  I - Verbotenes Verlangen

Leseprobe  1. Kapitel

Prolog

 

November – ein Monat, der durch Nässe und Düsternis besticht. Der 19.11.2004 präsentierte sich sogar trister denn je. Latenter Nieselregen, klamme Kälte und eine wie aus grauem Beton bestehende Wolkendecke unterstrichen den Kummer der Menschen, die schweigend den Sarg zur Grabstätte auf dem Gemeindefriedhof begleiteten. Das Glockengeläut, das nach dem Verlassen der Kirche einsetzte, konnte die Schluchzer nicht übertönen, doch je weiter wir uns von der Kapelle wegbewegten, desto stiller wurde es. Das Knirschen des Kieses unter den Füßen der Trauernden kam mir auf einmal unangenehm laut vor.

 

Obwohl ich festes Schuhwerk und eine warme Jacke trug, fröstelte es mich. Von den vielen Tränen, die ich mittlerweile vergossen hatte, brannten meine Augen und die Nase lief ohne Pause. Die permanente Frage nach dem Warum hämmerte gegen meine Stirn. Wieso musste meine beste und liebste Freundin Kessy mit siebzehn Jahren sterben? Weshalb gelang es ihr nicht, sich von ihren Dämonen zu befreien?

 

Die Sargträger positionierten sich vor dem Erdloch, das sie in wenigen Minuten auf ewig verschlingen würde. Kessys Eltern und ihre Geschwister standen mit versteinerten Mienen hinter dem Pastor, der unsere kleine Gemeinde in der Nähe von Marburg seit Jahren betreute. Die Trauergäste verteilten sich weitläufig über den Ort der Stille und des Todes. Viele meiner Mitschüler, Lehrer sowie Verwandte und Freunde von Kessys Familie nahmen Abschied. Der Verlust eines jungen Menschen berührte unzählige Mitglieder unseres Dorfes, die Kessy das letzte Geleit gaben.  Die vielen Kränze, Blumenbouquets und Kerzen verdeutlichen einmal mehr, welch einen Schock die Tragödie auslöste.

 

Der Pfarrer setzte mit fester Stimme seine Zeremonie fort. Ich hörte nicht hin. Das Geschwafel eines gutmütigen Gottes, der die Hand über uns hält, kotzte mich mehr denn je an. Wo war denn dieser göttliche Herrscher gewesen, als Kessy in die Fänge von skrupellosen Verbrechern gelangte? Wo, verdammt noch mal, war seine Fürsorge geblieben, die ihr vielleicht das Leid erspart hätte?

 

Der Druck auf meiner Seele ließ mich seit dem Verschwinden von Kessy nicht mehr los. Uns verband eine Ewigkeit als beste Freundinnen. Zusammen buddelten wir im Sand, besuchten gemeinsam die Schule und im Teenageralter teilten wir alle Geheimnisse. Fast alle.

 

»Wir trauern um Kirsten Schlüter, die vom rechten Pfad abgewichen ist …«, drangen die Worte an mein Ohr.

 

Was für ein Bullshit. Sie ist nicht abgewichen, sondern sie wurde von irgendwelchen miesen Typen aus Frankfurt vom Weg gezerrt.

 

»Wir begleiten sie gemeinsam, um ihr nachzublicken, wenn sie vorausgeht in eine neue Welt, in ihre ewige Heimat …«

 

Bei der Formulierung hatte ich den dringenden Wunsch, den Pfarrer laut anzuschreien oder ihn persönlich in seine neue Welt zu schicken.

 

Alles begann bei einem Wochenendausflug. Wir hatten die Erlaubnis, bei einer Freundin zu übernachten, die vor einiger Zeit mit ihrer Familie nach Frankfurt gezogen war. Für uns Landeier war das ein aufregendes Erlebnis, mit dem Zug in die hessische Metropole zu fahren, um für einen Tag dem beschaulichen Dorfleben zu entfliehen. Dass Anja bereits in Kreisen verkehrte, die jedem Erziehungsberechtigten normalerweise die Haare zu Berge stehen ließen, ahnte niemand. So kam es, dass wir heimlich die gesamte Nacht um die Häuser zogen. Anjas Eltern verbrachten das Wochenende bei Verwandten, so hatten wir sturmfreie Bude und kein Mensch bemerkte unseren nächtlichen Ausflug. Ich fühlte mich dabei unwohl, wollte jedoch nicht als Spaßbremse wirken. Kessy, die viel cooler als ich auftrat, tauchte mit Begeisterung in das aufregende Nachtleben ein. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als sie einen Typen traf, in den sie sich sofort verknallte. Zugegeben ein sehr smarter Mann, der es verstand, sie in der Disco, in die wir uns hineingeschmuggelt hatten, zu umgarnen. Dass an diesem Ort Drogen konsumiert wurden, bekam ich erst im Nachhinein mit.

 

Nach dem Wochenende veränderte sich meine beste Freundin. Ich hörte nur noch den Namen Joe. Joe hier, Joe dort. Selbstverständlich tolerierten ihre Eltern den Kontakt nicht. Rückblickend betrachtet, ist es nahezu unmöglich, einen verliebten und eigensinnigen Teenager aufzuhalten. Sogar meine Bedenken schlug sie in den Wind. Nachdem sie mit diesem Joe geschlafen hatte, verfiel sie endgültig seiner Scheinwelt in Frankfurt. Die Spannungen in ihrem Elternhaus nahmen zu, sodass es eskalierte. Nichts hielt sie mehr in ihrem bis dahin behüteten Teenagerleben. In einer Nacht- und Nebelaktion verschwand sie, um ihr Leben mit diesem Joe zu verbringen. Es gab keine Information, die das belegte, dennoch gab es keinerlei Zweifel, dass das der Grund für ihr Verschwinden war.

 

Zu dieser Zeit hörte ich zum ersten Mal die Bezeichnung Loverboy. Smarte Typen, die sich an unbedarfte Teenager heranmachen und ihnen Liebe und Treue vorspielen. Wie der Kerl es schaffte, junge Frauen wie Kessy emotional in eine Abhängigkeit zu bringen, war mir einst ein Rätsel. Doch die Polizei erklärte uns damals, dass regelmäßig der Zeitpunkt kommt, an dem die Loverboys in großen finanziellen Nöten stecken. Sie flehen um Hilfe, da angeblich ihr Leben bedroht wird. Ein erfolgreicher Klassiker. Das Ergebnis bei der perfiden Vorgehensweise ist immer identisch: Alle Mädchen, die den Absprung in letzter Sekunde nicht schaffen, landen auf dem Strich. Es ist grausam und die Kunden sind Männer, die ihre Väter sein könnten. Noch heute bin ich fassungslos und mein Herz krampft sich zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass Kessy von einem der Wichser gefickt wurde.

 

Doch alle Bemühungen, sie ausfindig zu machen, schlugen fehl. Die Polizei nahm an, dass sie nicht gefunden werden wollte.

 

Durch die Ereignisse wandelte sich mein Leben schlagartig. Ich vermisste Kessy und litt darunter, nicht zu wissen, wo sie sich aufhielt und wie es ihr erging. Ich hoffte bis zur letzten Minute, sie gesund wiederzusehen.

 

Den Tag mit der schrecklichen Nachricht ihres Todes werde ich niemals vergessen. Die Schmerzensschreie der Mutter, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte, höre ich noch immer. Vermutlich begleiten sie mich ein Leben lang. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Keine junge Seele hält Missbrauch über längere Zeit aus. Alle griffen sie zu Rauschgiften, die sie von ihren mittlerweile brutalen Zuhältern problemlos erhielten. Kessy starb an einer Überdosis Crystal Meth, diese Droge gehörte üblicherweise nicht zu denen der Szene, da es schnell für körperlichen Verfall sorgt. Das war schlecht fürs Geschäft. Die Ermittler vermuteten, dass sie sich das Gift selbst besorgte, denn die Wirkung ist intensiv und lässt einen das Elend besser als mit Kokain ertragen. Außerdem ist es billiger, da die Opfer eines Loverboys kaum über Geld verfügen. Sie müssen jeden verdienten Cent abgeben und falls es nicht genug ist, werden sie geschlagen. In meinen Albträumen sah ich Kessy, wie sie durch die Hölle ging.

 

Zunächst wussten wir nicht, was sie durchlebte. Welche Qualen sie erlitt. Die Ungewissheit fühlte sich zu der Zeit wie ein Mühlenstein auf unser aller Schultern an.  Ich weiß im Rückblick nicht, ob es den Schmerz vermindert hätte, wenn uns die grausamen Details verborgen geblieben wären: Ihre Leiche wurde wie Müll im Main entsorgt und verfing sich in einer Schiffsschraube. Das bohrende Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber diesen Organisationen, löste eine ungeheure Wut in mir aus. Die Polizei gestand, dass sie es für unwahrscheinlich hielt, das Verbrechen aufzuklären. Der vielleicht einzige Trost des Dramas war, dass sie in Würde begraben werden konnte. An einem Ort, an dem wir unseren Erinnerungen nachhängen und uns ihr nahe fühlen können. Der Kummer jedoch, der verliert sich nie.

 

 Ich kehrte gedanklich wieder an den Ort des Kummers zurück. Die Kirchenglocken läuteten erneut und der Sarg wurde langsam hinabgelassen. Das Leid und die Trauer sind in einem solchen Augenblick nicht in Worte zu fassen. Mit weichen Beinen trat ich an das offene Grab.

 

»Ich werde dich nie vergessen«, wisperte ich und warf eine extra zusammengestellte Bildercollage mit den schönsten Aufnahmen des gemeinsamen Lebens auf den braunen Holzsarg. Fotos, auf denen wir lachten, scherzten, Grimassen schnitten, zusammen im Freibad sonnten, Dorffeste, Geburtstage feierten, auf Klassenfahrt in den Alpen waren, ... Alles Momente, die mir bewiesen, dass meine beste Freundin, die wie eine Schwester für mich war, mir für immer entrissen wurde.

 

»Ich trage dich tief in meinem Herzen.« Schluchzend wandte ich mich ab. Ich musste weg, konnte es nicht länger aushalten.

 

An dem Tag manifestierte sich mein Lebens- und Berufsziel. Ich beschloss, mich bei der Polizei zu bewerben, um dafür zu sorgen, Arschlöchern wie diesem Joe das Handwerk zu legen. Ich wusste, dass ich nicht die Macht besaß, die Welt zu retten. Dennoch schwor ich, einen winzigen Teil dazu beizutragen.

 

1. Kapitel Sweet Home

 

Sybille (Billy) Winkler – April 2017

 

Erschöpft parkte ich den Kleinwagen vor unserem Haus. Ein für den Monat ungewöhnlich warmer Tag neigte sich dem Ende zu. Da die Kiste, Baujahr 2006, keine Klimaanlage besaß, klebten mir die Kleider am Körper. Ich freute mich auf eine kalte Dusche und auf ein kühles Bier, um den Feierabend einzuläuten. Einen Moment harrte ich aus, um eine Radiomeldung zu Ende zu verfolgen. Jedoch sprang die Frequenz eigenständig hin und her, sodass ich den Inhalt nur bruchstückhaft mitbekam.

 

»Radio Eriwan, na toll«, murmelte ich. Ich nannte es so, da es sich anhörte, als schalte sich ein Störsender ein, um einen Lauschangriff zu starten. »Okay, dann nicht.«

 

Ursprünglich hatte ich geplant, ein neues Auto zu kaufen, doch das musste ich zurückstellen. Der Erwerb des Häuschens in einer Randgemeinde von Frankfurt sprengte das Budget. Mein Mann Markus hatte sich mit den anstehenden Renovierungsarbeiten gehörig verkalkuliert. Ein Haus mit Renovierungsstau aus den Fünfzigerjahren entpuppte sich als die Büchse der Pandora, einmal geöffnet, ließ sie sich nicht mehr schließen. Da wir den Kauf gemeinsam entschieden und uns einen lang gehegten Wunsch erfüllten, bissen wir die Zähne zusammen. Eigentum bedeutete in dem Fall, Verzicht auf lieb gewonnene Extras wie ein funktionierendes Autoradio.

 

Markus‘ Kastenwagen konnte ich nicht sehen. Vermutlich hatte er sich wieder einmal im hiesigen Baumarkt festgefressen. Mir war es von jeher ein Mysterium, was Männer dazu bewog, mit steigernder Faszination Schrauben, Schleifmaschinen und der weiteren Produktpalette zu verfallen. Er hatte mir per vor zwei Stunden eine Nachricht geschrieben, dass ihm für die abschließende Parkettverlegung im Obergeschoß Leisten und sonstiger Kleinkram fehlten.

 

Glücklicherweise besaß mein Mann Talent in etlichen Handwerkssparten. Als Schreiner konnte er viele Arbeiten professionell erledigen. Beim Thema Heizung, Sanitär und der Elektrik stieß er jedoch an seine Grenzen, was uns bereits diverse Pannen beschert hatte. Da er sich ausschließlich nach Feierabend und an den Wochenenden der Renovierung widmete, ging es langsam voran. Ich bemühte mich, ihn in allen Bereichen zu unterstützen. Meine Fähigkeiten in handwerklichen Dingen waren allerdings beschränkt und ich fungierte als eher Handlanger. Billy, hol mal den Kleister aus dem Auto. Billy, rühre bitte die Farbe um. Im Grunde rannte ich wie ein gejagtes Kaninchen hin und her, Trepp auf, Trepp ab. Meine Begabung lag im Gestalterischen. Ich liebte es, Möbel, Tapeten, Gardinen und Fliesen auszusuchen, ich konnte es gar nicht abwarten, endlich damit loszulegen.

 

Der Job als Kriminalkommissarin ließ mir nur minimalen zeitlichen Spielraum. Die stetig anfallenden Überstunden und Wochenenddienste sorgten in der letzten Zeit für Diskussionen. Trotz der zeitraubenden Instandsetzung, weigerte ich mich, meine Stundenzahl herunterzuschrauben und die angestrebten Karriereziele aus den Augen zu verlieren. Dafür hatte ich zu lange gekämpft und mir den Status im BKA Frankfurt hart erarbeitet. Gleichberechtigungsdebatte hin oder her; wir Frauen hatten es schwerer als unsere männlichen Kollegen.

 

Markus‘ Argumente, dass ich die Prioritäten anders legen sollte, wiegelte ich schlicht ab.

 

Zügig zerrte ich zwei Einkaufstüten aus dem Kofferraum und schleppte sie zum Hauseingang. Mir lief der Schweiß den Rücken herunter, da zudem noch meine Laptoptasche über der Schulter hing.

 

»Wo ist der verdammte Schlüssel?«, grummelte ich und suchte fahrig in der in die Jahre gekommenen Messenger Bag. Wie immer versteckte er sich in den Untiefen und verhedderte sich beim Herausziehen mit allerlei Inhalt. Ich merkte, wie sich Anspannung aufbaute. »Ich hasse es, Scheißding.«

 

Geschickt balancierte ich den Schlüssel in das Zylinderschloss, ärgerte mich darüber, dass Markus nicht abgeschlossen hatte und stolperte beim Betreten über einen Berg Verpackungsmüll.

 

»Ruhig bleiben, nicht aufregen«, murmelte ich, da mich in der Küche ein nicht abgeräumter Frühstückstisch empfing. Das Geschirr des gestrigen Abends stand ebenfalls noch im Spülbecken. Ich seufzte genervt, da Markus in seiner bekannten Manier alles hatte stehen lassen, obwohl ich ihn darum gebeten hatte, die Sachen in die Spülmaschine zu räumen. Dass er schon immer ein Chaot war, wusste ich und hatte mich damit arrangiert, da er es verstand, sich auf charmante Weise herauszureden. Dabei sah er mich mit einem unschuldigen Dackelblick an, sodass ich ihm niemals ernsthaft böse sein konnte.

 

Meinen außergewöhnlich frühen Dienstschluss wollte ich mir nicht vermiesen lassen und so verstaute ich die Lebensmittel im Kühlschrank, räumte die Maschine aus und das dreckige Geschirr ein. Im oberen Stockwerk kämpfte ich mich durch die Hinterlassenschaften eines überstürzten Aufbruchs. Da wir noch kein Geld für Türzargen hatten, verdeckten Planen die Zimmereingänge. Das hatte wiederum den Nachteil, dass bei Schleif- oder Bohrarbeiten alle Räume einstaubten. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass auch das irgendwann einmal ein Ende finden würde und wir gemütlich den Feierabend auf unserer Terrasse, die ebenso wenig fertiggestellt war, verbringen könnten. Meine Pläne, am vergangenen Wochenende mit der Beseitigung des Gestrüpps in dem verwilderten Garten zu beginnen, waren einem unerwarteten Diensteinsatz zum Opfer gefallen. Deswegen hatte ich mir vorgenommen, mich die Tage darauf nicht wegen der halbfertigen Arbeiten zu beschweren. Allerdings fragte ich mich, wie lange es her war, dass ich problemlos meinen Feierabend mit einer Dusche hatte genießen konnte.

 

Im Schlafzimmer ließ ich mich auf das ungemachte Bett fallen. Das Bettgestell hatte Markus eigenhändig gefertigt und mir zur Hochzeit vor sechs Jahren geschenkt. Ich liebte die verspielten zarten Details aus Holz, die die Seiten und das Kopfteil zierten. Dann wanderte mein Blick durch den Raum. Der alte Kleiderschrank hatte den Umzug nicht überlebt. Auf einen versprochenen selbst gebauten wartete ich bislang vergebens. Etliche Kleidungstücke schlummerten noch in den Umzugskartons und ein Kleiderständer diente als vorübergehendes Provisorium. Ein gemütliches Schlafzimmer bedeutete mir viel und ich hatte darauf bestanden, den Raum so weit es ging fertigzustellen. Das Kleidungsaufbewahrungsdesaster zauberte ich mit einem Vorhang weg. Die Gardinen hingen, die alte Kommode meiner Oma hatte ihren Platz gefunden und es gab sogar eine Lampe. Unbestritten der gemütlichste Raum des Eigenheims, was bei all den Kompromissen schon viel aussagte.

 

Wenngleich das Zimmer der anhaltenden Sexflaute wenig entgegenzusetzen hatte. Der Stress der letzten Monate hatte unser Liebesleben auf ein Minimum reduziert. Vielleicht lag es auch an der langen Beziehung mit Markus. Zu Beginn hatten wir uns das Gehirn herausgevögelt. Ich erinnerte mich, dass ich schon mit einem nassen Höschen in die gemeinsame Wohnung gekommen war und es kaum erwarten konnte, seinen stattlichen Schwanz in mir zu spüren. Zu jener Zeit hatten wir auch viel um die Ohren. Meine duale Ausbildung beim BKA forderte mich und Markus pendelte täglich fünfzig Kilometer zum Arbeitsplatz und zurück. Das hatte uns aber nicht gehindert, eine Menge Spaß miteinander zu haben, sobald wir uns im gleichen Raum befanden.

 

Mit einem Seufzer sprang ich hoch und zog die verschwitzten Klamotten aus. Auf Zehenspitzen huschte ich über den staubigen Flurboden und freute mich auf eine kalte Dusche.

 

»Was in aller Welt … Nö! … Ich kotze!« Der Anblick eines Farbeimers in der Badewanne sprengte meine bisherige Gelassenheit. Markus hatte Pinsel ausgewaschen und vergessen, sie wegzuräumen. Wütend leerte ich den Eimer, donnerte ihn in den Flur  und begann die Farbreste voller Zorn wegzuschrubben. Ich dankte Gott, dass Markus noch nicht zurückgekehrt war. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich tätlicher Körperverletzung schuldig gemacht.

 

Nach einer halben Stunde stand ich endlich unter der Dusche. Das angenehm kühle Wasser und der Duft von meinem Lieblingsshampoo erfrischten und entspannten mich. Wie so oft in der letzten Zeit beschloss ich, den Ärger herunterzuschlucken. Eine Auseinandersetzung bis hin zu einem handfesten Streit wollte ich umgehen. Irgendwann musste diese Baustelle schließlich ihr Ende finden.

 

»Billy, rate mal, wen ich getroffen habe?« Markus schlug die Plane an der Tür zur Seite und ich zuckte zusammen, da ich ihn nicht gehört hatte. »Oh, die Pinsel.«

 

Ganz ruhig Billy, nicht aufregen, atme tief durch … Nur die bewusst durchgeführten Atemübungen verhinderten einen Tobsuchtsanfall. Da ich sowieso fertig war, drehte ich den Wasserhahn ab und kletterte aus der Wanne.

 

»Mhhm.« Es fiel mir schwer, zu lächeln.

 

Er musterte mich flüchtig. Doch kein Wort eines Komplimentes oder dergleichen kam über seine Lippen. Früher bekam er beim Anblick meiner üppigen, wohlgeformten Brüste und des knackigen Pos einen Ständer. Spontaner Sex war eine heiße Leidenschaft, die wir ausgiebig genossen. Es gab nicht einen einzigen Ort in der alten Wohnung, an dem wir es nicht getrieben hatten.

 

»Wen hast du getroffen?«, fragte ich und schlang ein Badetuch um, seine Gleichgültigkeit löste ein Schamgefühl bei mir aus.

 

»Einen ehemaligen Schulfreund. Er ist ebenfalls hier in die Gegend gezogen.«

 

»Die Welt ist klein.« Ich wischte den beschlagenen Spiegel ab und begann, meine langen Haare zu bürsten. »Ich muss unbedingt zum Friseur, die Farbe ist ausgeblichen.« Ich sprach eher zu mir selbst, denn Markus fuhr einfach fort.

 

»Na ja, auf jeden Fall haben wir an der Imbissbude vor dem Baumarkt ein Bierchen getrunken und er hat uns für morgen spontan zum Angrillen eingeladen.«

 

»Ah.« Das, was mir dazu einfiel, wollte ich nicht aussprechen. Eigentlich war geplant, die Terrasse gemeinsam zu entrümpeln. Er hatte mir versprochen anzupacken, da viele Teile zu schwer und sperrig waren, sodass ich es ohne seine Hilfe nicht schaffte.

 

»Das ist doch super. Also ich freue mich, endlich mal ein bekanntes Gesicht zu sehen.«

 

»Wann?« Ich wollte keine Spielverderberin sein.

 

»Gegen sieben. Am Freitag ist Feiertag.«

 

»Ach ja, Ostern, ist mir komplett entfallen.«

 

»Ich habe zugesagt. Ist doch okay?«

 

Nein, ist es nicht, dachte ich, erwiderte jedoch: »Wenn ich es zeitlich schaffe, gern.«

 

»Dann wirst du es eben einrichten.« Er grinste und wandte sich pfeifend ab. Seine gute Laune ging mir auf die Nerven. Ich sollte mir mal eine Scheibe davon abschneiden. Es wollte mir nicht gelingen und es kostete mich Mühe, zumindest eine neutrale Miene aufzusetzen.

 

Einige Zeit später kam ich zu ihm ins Wohnzimmer. Er saß vor dem Fernseher und hatte eine Tüte Chips in der Hand. Ich betrachtete ihn. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Ein großer, stattlicher Kerl, sportlich und mit einer sympathischen Ausstrahlung, der sein Umfeld zum Leuchten brachte. Die lockere und positive Lebenseinstellung gefiel mir, da sie einen Kontrast zu meiner durchstrukturierten und ehrgeizigen Lebensweise darstellte. Ein Charakterzug, der sich insbesondere mit dem Erwerb des Hauses als problematisch herausstellte, da er sich in den Jahren kein bisschen verändert hatte. Nach dem Motto: Komm ich heut' nicht, komm' ich morgen.

 

»Willst du nicht auch erst mal duschen?« Sein verschwitzter Anblick und die Arbeitskleidung wirkten wenig anziehend.

 

»Gleich«, murmelte er mit vollem Mund und ohne die Augen von dem Bildschirm abzuwenden, auf dem sich zwei Kerle ein abenteuerliches Autorennen inklusive Schießerei lieferten. Wortlos stapfte ich in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Gedankenverloren lehnte ich an der Küchenzeile. Die Einbauküche war, bis auf diverse Feinheiten, fertig. Ich nannte es den Winkler-Endstatus. Markus fehlte einfach der Sinn fürs Detail.

 

Trotz all des Chaos‘ hatten sich meine Gefühle zu ihm niemals geändert. Im Moment dominierten eben die etwas schlechteren Zeiten, aber es gab keinen Zweifel, dass wir diese gemeinsam überstanden.

 

 Am Donnerstagabend fuhren wir zu Swenja und Paul Hilgers. Das Ehepaar wohnte in einem schmucken Neubauviertel. Ich seufzte bei dem Anblick der Immobilien. Auch wenn ich beim BKA Karriere machte, blieb das ein unerreichbarer Traum.

 

»Schick«, murmelte ich und stieg aus meiner alten Kiste. Vor dem Haus seines ehemaligen Schulkameraden standen ein SUV und ein Cabrio.

 

»Er hat Karriere als Wirtschaftsprüfer in einer renommierten Kanzlei gemacht.«

 

»Wann sind sie hier eingezogen?«

 

»Vor drei Monaten oder so.«

 

»Ah!« Der Eingangsbereich sah top gepflegt aus und in dem Vorgarten blühten die ersten Blumen. Ich dachte an unseren Urwald und mein Magen zog sich unangenehm zusammen.

 

Der Empfang fiel für meinen Geschmack zu herzlich aus. Swenja begrüßte mich freundschaftlich mit Umarmung. Ich hasse das! Du kennst mich doch gar nicht!

 

»Wir gehen mal auf die Terrasse, mein neuer Gasgrill ist der Wahnsinn.« Paul und Markus verschwanden umgehend.

 

»Haha, mein Mann ist bei solchen Anschaffungen wie ein kleines Kind.«

 

Das konnte ich bestätigen und murmelte: »Ja, das kenne ich. Albern.«

 

Swenja wirkte wie ein Abziehbild dieser Hausfrauen aus dem US-Fernsehen, die einerseits erfolgreich im Job waren und gleichzeitig hübsch gestylt sowie energiegeladen die abendlichen Dinnergäste empfangen konnten. »Ach, sei nicht zu streng mit den Männern. Sie sind eben große Kinder. Haha.« Ihr blödes und künstliches Lachen störte mich. »Ich zeige dir erst mal unser Haus, ja?« Die Hausherrin zwang mir eine Besichtigung auf. »Einhundertfünfzig Quadratmeter, zwei Bäder …«

 

Die Details drangen nicht zu mir durch, als ich ihr folgte. Zugegebenermaßen beeindruckte mich die gesamte Ausstattung. Keine Staubschicht, überall Türen, keinerlei halb tapezierte Wände und nicht ein einziger unausgepackter Karton. »Sehr chic«, lobte ich und ein Kloß bildete sich in meinem Hals, der unaufhörlich wuchs, je mehr ich an unser Zuhause dachte.

 

»My Home is my Castle«, flötete Swenja. »Ich bin stolz darauf. Es ist traumhaft, hier zu wohnen.« Sie begann die Vorzüge aufzuzählen und schwelgte in ihren weiteren Plänen zur Ausstattung. Kellerausbau, Möbel für das Gäste- und Kinderzimmer – bla, bla. Es fehlte nur noch, dass sie mir ihren begehbaren Kleider- und Schuhschrank zeigte, den ihr Mann ihr geschenkt hatte.  

 

An diesem Abend verhielt ich mich schweigsam, trotz Swenjas Versuche höflicher Ehefrauen-Konversation. Für Markus' Geschmack zu ruhig. »Warum bist du so abweisend?«, flüsterte er mir in einem unbemerkten Moment zu, da die Hilgers fasziniert vor dem monströsen Gasgrill standen, um uns die zweite Runde der gegrillten Leckereien zu kredenzen. »Du wirkst unhöflich.«

 

»Ich bin müde«, wich ich aus. »Es tut mir leid.«

 

»Bitte, Billy, Süße, setze ein anderes Gesicht auf.« Ich nickte, er lächelte und hauchte mir einen Kuss auf den Mund. »Es ist ein wunderschöner Abend. Und weißt du was unglaublich ist?“ Er ließ mir keine Möglichkeit zu antworten und strahlte. »Er steht immer noch im Kontakt mit unserem damaligen Fußballverein.«

 

»Ah.« Was sonst sollte ich sagen?

 

»… und das Haus. Ich bin begeistert.«

 

»Ja eben«, rutschte es mir heraus. Er sah mich verständnislos an. In diesem Moment registrierte ich, dass er von meinen Gefühlen und der in mir keimenden Unzufriedenheit keinen Schimmer hatte.

 

Zur Bestätigung stand er auf und gesellte sich zu den Hilgers. Da er die Bierflasche mitnahm, suchte er vermutlich eine aufgelockerte Atmosphäre. 

 

»Es ist schon ein Unterschied, seitdem wir den Grill nutzen. Das Fleisch wird gleichmäßig braun, da schau mal   die exakten Bratstrukturen, wie vom Sternekoch.« Der Grillmeister platzte nahezu vor stolz und seine Frau strahlte, als sei er der Konstrukteur dieses monströsen Gasgrills.

 

Keiner nahm in dem Moment Notiz von mir. Ich kam mir dämlich vor, aber alles in mir weigerte sich, mich zu ihnen zu stellen. Trotz aller Bemühungen gelang es mir nicht, zur Stimmungskanone zu mutieren. Da ich mich bereit erklärt hatte zu fahren, trank ich keinen Alkohol. In einer Runde mit drei angetrunkenen Menschen kam ich mir wie eine Außenseiterin vor. Sie sprachen viel über die Vergangenheit, zu der ich nichts zu sagen vermochte. Die lustigen Anekdoten aus ihrer Schulzeit katapultierten mich umgehend in die Zeit von Kessys Tod. Ich erinnerte mich, dass sich die Stimmung niemals mehr von dem schrecklichen Ereignis erholte. Warum nahm Markus darauf keine Rücksicht und lenkte von dem Thema ab? Stattdessen bogen sich die Männer vor Lachen.

 

 Später überlegte ich, mit Markus zu sprechen und ihm meine Gefühle zu erklären. Dazu kam es jedoch nicht. Er fiel müde ins Bett und schlief sofort ein. Ich kam mir seltsam verloren vor und fühlte mich mies. Mit offenen Augen starrte ich an die Decke. Die Kirchturmuhr schlug dreimal. Bis zu meinem Sweet Home schien es noch ein unendlich langer Weg. Ob ich jemals das Ziel erreichte? In den Stunden kurz vor Sonnenaufgang kamen mir erstmals Zweifel.

 

 

****
Lesermeinungen:
  •     Eine gelungene Mischung aus Spannung und knisternden Momenten, verpackt in einer super tollen Geschichte.
  •     Vielen Dank für dieses tolle Lesevergnügen.
  •     Klare Leseempfehlung von meiner Seite.
  •     Außerdem ist das Cover einfach perfekt.


Annette
5,0 von 5 SternenRomantic Thrill in Frankfurt

21. Dezember 2018
Format: Kindle EditionVerifizierter Kauf
Romantic Thrill beschreibt dieses Buch sehr gut. Die Spannung während Billy als verdeckte Ermittlerin arbeitet, ist hoch, aber auch die Gefühle spielen eine große Rolle. Die Gegensätze zwischen ihrem normalen Leben und dem in der High Society sind riesig, aber es ist interessant mitzufühlen, wie Billy damit umgeht.
Zu dem Romanceanteil will ich nicht spoilern, nur sagen, dass ich mich auf den zweiten Band freue, den ich auch gleich direkt anfangen werde.


s.stricko
5,0 von 5 SternenDer Titel ist Programm
21. Dezember 2017
Format: Kindle EditionVerifizierter Kauf
Billy wird als Undercover Ermittlerin Cecila Ballier eingesetzt um den egozentrischen Ethan Grafenberg wegen Steuerhinterziehung zu überführen. Der Eintritt in die Welt der High Society und die Begegnung mit Ethans Sohn Samuel macht das Dilemma von Billy/Cecila perfekt .Fasziniert von den Luxus ängstigt sie sich schon in die Realität zurückzukehren . Nicht nur eine spannende Story auch gelingt es der Autorin die Zerissenheit von Cecila ,wie weit sie für ihren Einsatz gehen soll um ihr Ziel zu erreichen sehr Authentisch beschrieben .Der Spannungsbogen hielt bis zum Schluß und der Perspektivwechsel macht es sehr leicht den Protas in diesen Crime-Story mit einen schuß Erotik zu folgen. Wieder ein gelungenes Lesevergnügen und von mit LESEEMPFEHLUNG und 5 Sterne

 


TWO FACES  II: Herzenssplitter

Lieben heißt manchmal kämpfen

und das Herz zerspringt in viele Splitter.

Gegen alle Widerstände sind Billy und Samuel bereit, an ihrer erkämpften Beziehung festzuhalten. Ihre Liebe steht jedoch unter keinem guten Stern. Insbesondere Billy weht ein eiskalter Wind der Ablehnung entgegen. Ihr gegensätzlicher Alltag entwickelt sich zur Falle, da die ehrgeizige Kommissarin in eine höchst brisante Ermittlung um die Loverboys eingebunden wird, die sie an ihre Grenzen bringt. Aus Vertrauen wird Skepsis, die durch das Auftauchen von Soraya befeuert wird. Ist der sexy Bad Boy, der sich bislang das genommen hat, was er begehrte, bereit für den schwierigen Neuanfang? Gelingt Billy die Gratwanderung zwischen Liebe und ihrem Job?

Leseprobe - 1. Kapitel


Umbruch

Samuel

Das Leben hält so manche Überraschungen bereit – bisher war ich davon ausgegangen, dass mich nichts mehr verblüffte. Mein bisheriger Lebenslauf hatte sich stets turbulent gestaltet. Das führte ich auf das eigene Elternhaus und der daraus resultierenden Erwartungshaltung, meinen bis vor kurzem regen Verkehr im Blue66 und einem ausschweifenden Lebensstil zurück. Ich hatte den Ruf eines Mannes, der sich ausnahmslos das nahm, was er wollte. Unverbindlicher Sex mit den heißesten Frauen, rauschende Parties, luxuriöse Trips, Sportwagen, die den Wert eines Einfamilienhauses im Umland Frankfurts kosteten.
Durch die illegalen Machenschaften meines Vaters wurde ich ebenfalls mit Leuten aus dem Milieu konfrontiert. Der einzelne Mandant, der sich den Dienstleistungen des Konsortiums des Ethan Grafenberg bediente, stellte weniger den kriminellen Anteil, viel mehr die Hintermänner, die sich ungern in die Suppe spucken ließen. Nicht einmal die Tatsache, dass diese Machenschaften eines Tages aufgeflogen waren, überraschte mich mehr. Geschweige denn der Medienrummel. Im Fokus der Berichterstattung über Steueroasen stand mein Vater, und somit zwangsweise auch ich.
Vollkommen unerwartet hatte mich hingegen die Naturgewalt Billy Winkler getroffen.
Es ist bereits ein abenteuerlicheres Problem, wenn Vater und Sohn ein und dieselbe Frau begehren. Eine, die seit dem Tod meiner Mutter sein Herz berührte, in die er sich verliebt hatte, nicht wissend, wer hinter Cecilia Ballier steckte. Auch ich hatte keine Ahnung, dass die reizvolle Blondine, die sich als Modebloggerin ausgab, nicht die war, für die wir sie alle hielten. Sexy, charmant, intelligent, jedoch eine verdeckte Ermittlerin, die die Machenschaften der Steuermafia aufklären und meinen Vater überführen sollte.
Im Großen und Ganzen betrachtet endete das Szenario unschön.
Für mich stellte es dennoch die schönste Überraschung dar. Dass ausgerechnet ich mich in Kriminalhauptkommissarin Billy Winkler verliebte und dass sich aus dem verbotenen Verlangen eine Beziehung entwickelte, ähnelte eher an eine Daily Soap. Wenn ich die gemeinsame Silvesternacht Revue passieren ließ, die einsam gelegene Berghütte, das Feuerwerk, kam bei mir der Verdacht auf, widererwartend ein romantisches Gen in mir zu tragen.
Gern erinnerte ich mich an diese sternenklare und eiskalte Nacht. Im Tal feuerten die Menschen ihr Neujahrsfeuerwerk ab und wir konnten die Ausläufer der bunten und glitzernden Sternenschweife sehen. Dick eingepackt standen Billy und ich vor der Hütte und begrüßten das neue Jahr. Fackeln erhellten den Eingangsbereich der eingeschneiten Blockhütte.
»Haben wir nicht alle zwei Gesichter?«, sinnierte ich. »Eine Tatsache, die vermutlich niemanden wirklich bewusst ist.«
Aus der Hütte hallten sanfte Klänge zu uns. Eine Mischung aus orchestralem Sound, der an sakrale Mönchsgesänge erinnerte. Ein atmosphärischer Chormix, der exakt in unsere Gefühlswelt passte und uns in diese Nacht tief eintauchen ließ.
»Das vergangene Jahr hatte es in sich«, murmelte Billy und lehnte sich an mich. »Fast mein komplettes Leben wurde umgemodelt.« Ich verstärkte meine Umarmung. »Nie und nimmer habe ich einen solchen romantischen Ausklang erwartet. Es ist wie in einem Märchenfilm.«
»Es hat sich in der Tat vieles verändert, mit dem ich niemals gerechnet habe.« Die Nachdenklichkeit in meiner Stimme konnte ich nicht verbergen. »Ereignisse, die auf den ersten Anschein hin übel und katastrophal erschienen, entpuppten sich unverhofft positiv.«
»Wenn ich mir überlege, wie sich die Vorgänge miteinander verwoben haben, absolut verrückt.« Sie wiegte den Kopf hin und her.
»Bist du erleichtert, dass du endlich die Todesumstände deiner Freundin Kessy aufgedeckt hast?«
»Ja, es war ein wunder Punkt, der mich mein gesamtes Leben begleitet hat«, flüsterte sie ergriffen.
»Ich bleibe auch bei meinem Entschluss«, unterstrich ich mein brisantes Vorhaben.
»Anitas Eltern aufzusuchen?« Ich nickte. »Das beweist Mut und Stärke.« In ihrer Stimme schwang Bewunderung mit.
»Das habe ich von dir übernommen.« Ich machte eine Pause. »Sie werden mich hassen.«
Sie drehte sich um, sodass wir uns ansehen konnten. Ihre Nase und ihre Wangen hatten sich durch Kälte gerötet. Oder lag es an ihrer aufgewühlten Verfassung?
 »Einerseits sicherlich, auf der anderen Seite erhalten sie endlich Gewissheit.«
Ihre Augen spiegelten wie die meinen unser neu gefundenes Glück, das uns die Kraft gab, unlösbar geglaubte Dramen zu bewältigen.
»Ohne dein Auftauchen im Blue ständen wir heute Nacht nicht hier, da ich ein Feigling war«, fasste ich die Situation in einem Satz zusammen.
»Nun, da widerspreche ich nicht.« Sie knuffte mich in die Seite.
»Ich hatte einfach genug von den ganzen Affären, bei denen es sich immerzu um Sex drehte. Jede Frau haben zu können, mit ihnen zu spielen, hat für mich jeglichen Reiz verloren. Es hat mich alles nur noch angekotzt.« Es fiel mir nicht schwer, ihr gegenüber offen über meine Gefühle zu sprechen.
»Ich weiß«, flüsterte sie und presste sich fester an mich, so als wolle sie in mich hineinkriechen. »Obwohl ich voller Zweifel war.« Spontan drückte ich ihr einen Kuss auf die Lippen. »Meine Ehe war seit Langem vorbei, dennoch habe ich an der praktischen Gewohnheit festgehalten.«
»Gewohnheiten lassen uns träge werden. Aber wie heißt es? Stillstand ist eine Art Rückschritt.«
»Der verdeckte Einsatz hat mir erstmals gezeigt, dass ich aus mir als Frau etwas machen kann. Das hat mich wahnsinnig aufgewühlt.«
»Du bist wunderschön, Billy Winkler!« Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände. »Ein wundervoller Mensch, den man einfach lieben muss. Du hast das Leben aus einer Perspektive betrachtet, die mir so nie bewusst war.«
»Vielleicht sollte alles so sein und der rote Faden des Schicksals hat uns zusammengeführt.«
»Poetisch, kitschig, schön.« Es entlockte mir ein Lächeln und einen glücklichen Seufzer, da ich wusste, dass es aus tiefstem Herzen kam.
»Es ist ein Geschenk«, fuhr sie fort. »Eines der märchenhaftesten Weihnachtsgeschenke.«
Letzte Abende zeichnen sich oft durch eine unterschwellige Melancholie aus. Die gepackten Koffer standen in Sichtweite, da wir am nächsten Vormittag die Skihütte verließen und abreisten. Wenig später saßen wir auf dem Sofa, der lodernde Kamin verbreitete eine angenehme Wärme. Billy hatte sich an mich gekuschelt und ich fühlte ihr Herz schlagen. Unablässig fuhr ich zärtlich mit meinen Fingern durch ihre Haare. Es waren minimale Gesten, die ich für mich neu entdeckte.
Bis auf das Knistern und Knacken des brennenden Holzes herrschte Stille.
»Küss mich, du kannst das so gut.« Sie kicherte.
»Aber sicher«, raunte ich und strich mit der Zunge über ihre sinnlichen Lippen, die mich aufgrund des wundervoll geschwungenen Lippenherzes zum Schwärmen brachten. Mit einem hingebungsvollen Seufzer folgte sie dem Spiel der Verführung. »Warum schaffe ich es nicht, dich einfach zu küssen, ohne dass ich schon wieder total geil auf dich werde?«
»Upps!« Ihre Finger streichelten die Beule, die sich in meiner Hose abzeichnete. »Das muss an der Umgebung liegen.«
»Oder eventuell an dir.«
»Ich kann gar nicht mit ansehen, wie du leidest.«
»Was schlagen Sie an Therapiemaßnahmen vor?«, scherzte ich.
Sie legte die Stirn in Falten, bis sie mir ein diebisches Lächeln schenkte. So ungern sie sich an ihre Zeit als Cecilia zurückerinnerte, umso mehr fesselten Billy kleine Rollenspiele. »Tja, bei dem Krankheitsbild rate ich dem Patienten eine Langzeitbehandlung.«
»Oh, so ernst?« Mit einem leidvollen Gesichtsausdruck untermauerte ich die Worte. »Ich bin übrigens privat versichert, sofern das hilft.«
»Warum sagen Sie das denn nicht gleich? Das ändert alles.«
»Behandlung durch die Chefärztin persönlich?«
»Selbstredend, für den gutzahlenden Patienten sind mir keine Kosten und Mühen zu viel.«
Mit einer fließenden Bewegung setzte sie sich auf meine Oberschenkel. Ihre langen Haare fielen seidig glänzend über ihre Schultern, wie eh und je begeisterten mich ihre ausdrucksstarken Augen und ich liebte ihren sinnlichen Mund. Ich hatte nie eine Frau gesehen, die ein solch ausgeprägtes Lippenherz besaß. Ein Kussmund, dem ich nur selten widerstand.
»Wir beginnen mit einer speziellen Aufwärmphase.« Ihre Hände wanderten unter mein Shirt. »Ich liebe deine Muskeln.« Ihre Fingernägel strichen stimulierend über den Bauch bis hin zum Hals. »Schockbehandlungen sind nur für Kassenpatienten.«
»Ah, zum Glück.« Mit geschlossenen Augen genoss ich ihre Liebkosungen.
»Der visuelle Teil der Behandlung ist inklusive.« Im Nu hatte ich ihren Pullover über den Kopf gestreift. Zum Vorschein kamen ihre wohlgeformten Brüste. Erneut krallten sich ihre Nägel in die Haut, dabei bewegte sie ihr Becken. »Mobilisationsübungen lösen Verspannungen.«
»Nun, wenn ich das Ergebnis befühle, dann ist das alles andere als entspannt.«
Es war wieder einer der Momente, in denen die Zärtlichkeit von rauschender Lust abgelöst wurde. Diese Anziehungskraft, das Verlangen, Billy zu spüren, wie ich in ihre feuchte Vagina eindrang, langsam und genießerisch jeden Millimeter auskostend.
Ficken, um ein körperliches Bedürfnis zu befriedigen, den Druck loszuwerden, hatte ich konsumiert wie Fast Food. Um bei der Metapher zu bleiben, genoss ich den Sex mit Billy wie ein exquisites Fünf-Gänge-Menü. Echtes, verzehrendes Begehren, der Wunsch, ihren sinnlichen Körper zu erforschen, ihre Atmung zu hören, zu fühlen, wie sich unsere Muskeln anspannten ... Sogar der heranrollende Höhepunkt, der uns gleichermaßen erschütterte, war aufregend und ungewohnt.
»Es ist so wahnsinnig schön mit dir«, murmelte sie, als wir erhitzt auf dem Sofa lagen. »Bleib noch ein bisschen in mir.«
»Diese Intimität nach dem Sex war für mich früher nicht denkbar.« Sie saß auf mir, hatte ihren Oberkörper vorgebeugt, ihre Arme um meinen Hals geschlungen und wir nahmen unsere schnell pochenden Herzen wahr. Ihre Gesichtszüge wirkten entspannt. Im Vergleich zum Ende des letzten Jahres sprühte sie vor Lebensfreude.
»Das ist wundervoll, dass du das sagst. Ich liebe es, dich solange wie möglich in mir zu spüren.« Ihre Stimme zitterte und ihre Fingerspitzen strichen über meinen Nacken, so, als brauchte sie jeden Berührungspunkt. »Das ist ein emotionales Feuerwerk, das darf niemals aufhören.«
»Das wird es auch nicht.« Zärtlich streichelte ich ihren Rücken.
»Ich will nicht zurück in den Alltag.« Es hörte sich traurig an, voller Bedauern. So, als würde jedes Wort die Blase unserer unbeschwerten Zeit zum Platzen bringen.
»Kleines, dann nimm dir eine Auszeit.«
Verwundert hob sie den Kopf. »Wie stellst du dir das vor? Ich habe einen Job, Verpflichtungen und all das, was normale Menschen eben so haben.«
»Was meinst du mit normalen Menschen?«, fragte ich belustigt.
»Blöde Formulierung ... solche wie ich, die kein Vermögen auf der Bank haben, sondern auf ihr monatliches Einkommen angewiesen sind.« Sie rutschte seitlich neben mich und legte ihren Kopf auf meinen Brustkorb.
»Ich meine es ernst«, unterstrich ich die Idee und wurde hippelig bei dem Gedanken, was wir alles gemeinsam unternehmen könnten. »Nimm dir unbezahlten Urlaub und wir verlängern die Liebesreise.«

Letztendlich stimmte sie zu und wir nahmen uns die Zeit, die wir brauchten, um unsere Gefühle zu festigen. Zwar setzten wir uns nicht mit der Alltagsroutine auseinander, sondern erlebten eine gemeinsame rosarote Wölkchenzeit, in der wir vierundzwanzig Stunden zusammen waren. Das schaffen nicht alle Paare, wir schon. Aufgrund von Billys Anregungen genoss ich eine völlig neue Art des Reisens. Nicht nur auf einer Jacht cruisen und Partys feiern, stattdessen eine Mischung aus Rundreise, Aktivurlaub und Relaxen. Leider ging auch die aufregendste Traumreise zu Ende und ich spürte, wie sehr es sie aufwühlte.
»Ich habe Angst vor dem Alltag!« Sie saß an dem letzten Abend im Schneidersitz auf unserem Bett des Luxusresorts. Zwei Wochen auf den Malediven, die wir genutzt hatten, um zu schnorcheln und die einzigartige Inselgruppe zu genießen.
 »Wer weiß, was mich erwartet.«
»Was soll dich erwarten, was du nicht schaffst?« Ich wusste, dass sie sich riesige Sorgen machte. Die Trennung von ihrem Mann und wie sich der geplante Hausverkauf entwickelte, all das belastete sie. »Es steht so viel an, was zu regeln ist.« Sie seufzte. »Und dann ... das mit uns.«

 

Lesermeinungen:

 

CBF Mel J
5,0 von 5 SternenGefällt mir !!!
7. Januar 2019
Format: Kindle EditionVerifizierter Kauf
Nachdem ich Teil 1 schon so unglaublich toll fand, hab ich natürlich mit Hochspannung den zweiten Teil erwartet.
Und auch hier, wurde ich kein bisschen enttäuscht.
Die Autorin hat es geschafft, mich wiedermal komplett zu überzeugen und nun warte ich mit Hochdruck auf den dritten und letzten Teil.

Ich empfehle es gern weiter

 

***

Bookjunkie_Ela
5,0 von 5 SternenSpannende und emotionale Fortsetzung
11. Dezember 2018
Format: Kindle Edition
Erstmal vielen Dank an NetGalley und den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar, welches Sie mir kostenlos zur Verfügung gestellt haben.
Vorab muss ich sagen, dass ich den ersten Teil der Trilogie noch nicht gelesen habe. Doch dies hinderte mich nicht daran, in die Geschichte problemlos einzusteigen. Die Rückblenden zum ersten Teil machten dies möglich.

Der Schreibstil ist flüssig und fesselnd zu lesen. Gepickt mit Hochspannung, Emotionen und einer guten Prise Erotik ist es Tabea S. Mainberg gelungen mich mit dieser Geschichte zu beeindrucken.
Die Protagonisten sind sympathisch & authentisch dargestellt, was mir in Büchern unheimlich wichtig ist. Dadurch konnte ich ihre Ängste, Gedanken und Hoffnungen sowie Zweifel gut nachvollziehen.

Eine rundum gelungene Geschichte, die eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt.

Mit Spannung erwarte ich nun den dritten und somit letzten Teil der Trilogie und erhoffe mir, das Billy & Samuel zu ihrem Happy End kommen.


 


TWO FACES III: Makel der Schönheit


Wahre Liebe zeigt auch ihre Makel. Versuche nicht, sie zu verbergen, nur so findest du Glück und Wertschätzung.

 

Die Auszeit in den USA hat Billy gutgetan und sie freut sich auf ihre Weiterbildung zur Fallanalytikerin in Wiesbaden. Im Rahmen einer Sonderkommission soll sie ihre ehemaligen Kollegen bei einer mysteriösen Mordserie an drei Influencern aus der YouTuber-Szene unterstützen. Billys Fallanalysen führen sie in das Umfeld des Blue66, dort trifft sie zum ersten Mal nach ihrer Trennung auf Samuel. Beide hegen weiterhin tiefe Gefühle für einander und nach einer vorsichtigen Annäherung siegen Leidenschaft und Begehren. Doch durch ihre Rückkehr wird Billy erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, was die wiederentdeckte Liebe ein weiteres Mal auf eine brisante Probe stellt. Wird es beiden endlich gelingen, der Vergangenheit zu entfliehen? 

 

Ein romantischer Thriller rund um Billys und Samuels Ringen, die wahre Identität sowie die große Liebe zu finden.

 

»Two Faces - Makel der Schönheit« ist der Abschluss der Trilogie. Die anderen Bände der Reihe, »Two Faces - Verbotenes Verlangen« und »Two Faces - Herzenssplitter« erscheinen  ebenfalls bei Piper Spannungsvoll.


Leseprobe - 1. Kapitel

1    Rückenwind

Billy

Den Sonnenaufgang in einem Flugzeug zu verfolgen, ist ein phänomenales Erlebnis. Ich war fasziniert von dem Farbspiel aus Rot, Orange und wie der leuchtend gelbe Ball langsam die graue Wand des Horizonts erklomm. Die Tragflächen der Boeing 747 durchbrachen das Schauspiel, was jedoch der Aussicht nicht seinen Reiz nahm. Bei Flugreisen legte ich enormen Wert auf einen Fensterplatz. Es bot mir eine Art emotionalen Rückzugsort, wenn ich den Kopf an die Kabinenwand lehnte und in ein Universum schaute, welches noch vor einhundert Jahren niemand auf der unserer Erde kannte. Dazu sah die geschlossene Wolkendecke aus wie ein riesiger Teppich aus Zuckerwatte.
Der fast neunstündige Rückflug aus Washington neigte sich dem Ende zu und ein aufregendes Magensausen erfasste mich, je mehr wir uns dem Frankfurter Airport näherten. Sechs Monate waren vorübergezogen, in denen ich viele Eindrücke gewann, die mir für die Ausbildung zur Fallanalytikerin hilfreich sein konnten. Praktische Erfahrungen zu sammeln, sicherte mir Pluspunkte bei dem strengen Auswahlverfahren der Zentralstelle für die operative Fallanalyse. Diese unterlag zwar dem BKA in Wiesbaden, dennoch blieb mir die Möglichkeit, trotz all der turbulenten Ereignisse in Frankfurt zu leben und zu arbeiten.
Sechs Monate Flucht bewertete ich als ausreichend, um einigermaßen unbelastet durchzustarten. Der Wechsel zur Mordkommission war bereits beschlossene Sache. Die neue Aufgabe reizte mich und diente ebenso als Basis für die Erfüllung meines beruflichen Lebenstraums. Ein weiterer Grund, in ein anderes Dezernat zu wechseln, waren die Köpfe der Hydra, die stets nachwuchsen. Eine weltweit agierende Organisation wie die Black Desperados schwächte man mit einer Razzia wie die im King Size nur geringfügig. Ethan Grafenberg und Johannes trieben vermutlich weiterhin ungestört ihr Unwesen. Nein, die sollten mich alle in Ruhe lassen. In dem Fall war ich bereit, die drei Äffchen zum Vorbild zu wählen. Nichts sehen, nichts hören und kein Wort darüber verlieren. Ein schlauer Plan, wie ich fand. Das, was mich dazu an berufsbegleitenden Ausbildungsmaßnahmen erwartete, würde mir kaum Zeit lassen, mich mit dem Menschen zu beschäftigen, der mein Herz in viele Splitter gesprengt hatte. Es war ungemein wichtig, alle meine Sinne zusammenzuhalten, da ich mein Fernstudium im Fachbereich Soziologie fortsetzte. Aufgrund des damaligen Undercovereinsatzes hatte ich es unterbrochen. Glücklicherweise konnte ich nahtlos anknüpfen, da ein Studiengang in einem solchen Wissensgebiet ebenfalls zu der Ausbildung gehörte.
Persönlich benötigte ich endlich wieder ein Zuhause. Der Lebensmittelpunkt, ein Refugium, um zur Ruhe zu kommen, hatte mir gefehlt. Das Vorhaben hatte dank Internet einen vielversprechenden Status angenommen. Eine Immobilienmaklerin hatte mir etliche Angebote zusammengestellt und zeitnah Besichtigungstermine nach meiner Rückkehr vereinbart. Ein gutes Omen!
Ja, ich hatte eine Menge vor und nichts und niemand hielt mich zukünftig davon ab, auch kein Samuel Grafenberg. Konsequent zog ich mittlerweile meinen Plan durch und vermied jeglichen Kontakt. Jedes Detail aus seinem Leben würde mich nur unnötig quälen. Das Internet wurde in einem solchen Fall zum Fluch. In manchen Nächten hatte ich vor dem Laptop gesessen und schaffte es nicht, die Website des Blue66 oder den Instagram Account zu meiden. Erstaunlich, dass dieser Drang im Laufe der Monate nachließ. Nicht nur einmal klopfte ich mir auf die Schultern, als ich dem unterschwelligen Bedürfnis widerstand, Informationen zu ergattern.
Mit seinem Auftauchen kurz vor der Abreise hatte er mir rückblickend extrem zugesetzt. Die Szenerie am Flughafen war mir bis heute in Erinnerung geblieben. In manchen Nächten hörte ich unsere Unterhaltung nachhallen.
»Was ist falsch gelaufen? Waren wir zu schwach, zu leichtgläubig?«, hatte er mich gefragt.
Nicht einmal nach sechs Monaten fand ich darauf eine schlüssige Antwort.
»Ich möchte nicht an die Fehler denken, sondern an das, was gut war und davon gab es eine Menge.«
Da widersprach ich ihm nicht. Wir erlebten wundervolle Momente, in denen ich mir sicher war, dass uns nichts auf der Welt mehr trennen könnte. Doch Träume und Realität harmonierten leider nicht immer so, wie man es sich wünscht.
»Ich liebe dich, Billy Winkler.«
Dem unnahbaren Snob emotional aus der Reserve zu locken, viele Frauen hätten sich den Satz aus Samuels Mund gewünscht. In dieser Deutlichkeit hatte er es mir nur wenige Mal zu verstehen gegeben. Warum gerade direkt vor dem Abflug in eine selbstbeschlossene Flucht? In einer krisengeschüttelten Zeit hatte er sich von dieser Soraya verführen lassen. Selbst ein halbes Jahr später krampfte mein Magen bei der Vorstellung zusammen. Dass er sich in dieser Nacht zugedröhnt hatte, machte es nicht besser.
»Gib uns eine Chance. Ich beweise es dir. Ich kann dich jederzeit besuchen ...«
Es war mir bis heute ein Rätsel, wie mir die vernunftgesteuerten Antworten über die Lippen kamen. Mit dem Andenken an seinen Duft, den zärtlichen Berührungen und dem letzten Blickkontakt quälte ich mich durch viele Wochen. Doch ein zersplittertes Herz lässt sich nicht von einen Tag auf den anderen reparieren. Aktuell konnte ich Samuels Worten, dass auch ein Makel mit Schönheit besetzt sei, nicht zustimmen.
Die äußeren Umstände, die zum Aus unserer Beziehung führten, die Machtlosigkeit nicht gegensteuern zu können, entfachte eine übermächtige Wut, sogar noch heute. Allen, die darin involviert waren, wünschte ich die Pest an den Hals.


Da ich bewusst einen Nachtflug ausgewählt hatte, fühlte ich mich relativ fit und für die Ankunft gewappnet. Ich streckte meine steifen Glieder und der freundliche Japaner neben mir wünschte mir einen guten Morgen: »Ohayou Gozaimasu.«
Nein, ich würde mich niemals auf Samuels letzten Strohhalm einer Theorie, dieses Kintsugi, einlassen. Dafür hatte er mich viel zu sehr verletzt.
Langsam erwachten die Mitreisenden und die Stewardessen schoben ihre Essenswagen durch den schmalen Gang. Als kleines Mädchen hegte ich ebenfalls den Berufswunsch, durch die Welt zu fliegen. Zwangsläufig schweiften meine Gedanken zu Kessy, da wir beschlossen hatten gemeinsam den Beruf zu ergreifen. Sofort erfasste mich die immerwährende Traurigkeit.
Ich seufzte und sah erneut aus dem Fenster. Vor der Abreise hatte ich meine Eltern besucht und wie jedes Mal führte mich mein Weg zum Friedhof. Der Kies knirschte unter den Sohlen und in dem Augenblick läuteten die Kirchenglocken zum Sonntagsgottesdienst. Mit einem kleinen Engel aus Keramik in der Hand stand ich vor dem liebevoll gepflegten Grab. Warum hört die Trauer nie auf? Ich vermisse dich immer noch ...
»Billy, schön dass ich dich mal wieder treffe.« Kessys Mutter trat unvermittelt neben mich. Ich zuckte zusammen, als sie mir ihre Hand auf den Arm legte. »Ich hörte, du hast Reisepläne?«
»Hallo Frau Schlüter, ja ich gehe für ein paar Monate in die USA.«
Ohne darauf zu antworten, zupfte sie die welken Blätter und Blüten von einer der zahlreichen Pflanzen. »Es ist ungerecht, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben«, murmelte sie und kämpfte gegen die Tränen. Die Trauer hatte aus ihr einen anderen Menschen geformt. »Ich bin dir unendlich dankbar, dass du die Umstände aufgeklärt hast.« Sie strich über die Vorderseite der Grabsteinplatte, so als streichle sie die Wange ihrer Tochter. »Es hilft. Die Gewissheit, was mit ihr in den letzten Wochen vor ihrem Tod widerfahren ist, auch wenn es noch so grausam ist, erleichtert.« Ihre Gesichtszüge blieben starr. »Ich verstehe nicht, warum Menschen so abgrundtief böse sind. Aber zumindest besteht jetzt die Möglichkeit, ihm seiner gerechten Strafe zuzuführen.«
Das hoffe ich! »Ungewissheit ist ein bedrückender Schmerz.« Dabei dachte ich an die Eltern von Annika, die ebenfalls erst durch die Ereignisse der vergangenen Monate Details über den Tod ihres Kindes erfuhren.
Mühsam erhob sie sich und wir schauten uns in die Augen. »Obwohl ich bis heute nicht verstehe, wieso sie sich auf Gedeih und Verderb auf diese Person eingelassen hat.« Die Stimme klang verbittert. »Haben wir als Eltern etwas falsch gemacht?«
Ich schüttelte den Kopf. »Sie tragen keine Schuld daran.« Was sollte ich ihr sonst antworten? Die Wahrheit, dass meine Freundin sich in dem strengen und christlich geprägten Elternhaus eingesperrt fühlte und den Wunsch verspürte, dem kleinbürgerlichen Mief zu entkommen? Nein, damit war niemanden gedient.
»Ach Billy, ich weiß wir waren unnachsichtig und mein Mann hat mit seinem ausgeprägten Glauben nicht alles richtig gemacht.«
»So gesehen trage ich ebenfalls eine Mitschuld. Sie war meine beste Freundin.« Eine Träne löste sich und kullerte das Gesicht herunter. »Aber Kessy wollte sich nicht beschützen lassen.«
Sie nahm meine Hand und drückte sie. »Mein kleines Mädchen, lustig, lebensfroh, so bleibt sie mir für ewig in Erinnerung.« Ich kniete mich nieder und platzierte den Engel zwischen zwei Schalen mit Lavendel. Für einen Moment harrten wir schweigend aus. Ich wusste, dass Kessys Mutter seit dem Unglück keine Kirche mehr betrat. Dies hatte zu erheblichen Spannungen in ihrer Ehe geführt. »Was ist das für ein Gott, der das zulässt!«, hatte sie damals vor Schmerz herausgeschrien. »Gütig und gerecht? Nein, das ist eine Lüge.« Damit vertrat sie dieselbe Ansicht wie ich. Ja, wo war er gewesen, der Schöpfer, der auf seine Schäfchen achtete? In der Mittagspause? Nach den vielen Jahren hatten sich die Eltern allerdings arrangiert. Der Vater besuchte den Gottesdienst und seine Frau weilte am Grab, egal ob Winter oder Sommer, ob Regen oder Sonne. Jeden Sonntag saß sie auf einer kleinen Bank, hielt ein altes Stofftier in den Händen und streichelte über den Grabstein. Auch jetzt ließ sie sich auf die verwitterte Sitzfläche nieder. Vorher legte sie ein Sitzkissen darauf. »Es ist ein Ritual, welches ich nicht mehr missen möchte.« Sie lächelte, doch ihre Augen hatten schon lange ihren Glanz verloren. Die eigene Tochter unwiderruflich zu verlieren, stellte ich mir unerträglich vor. Was war dagegen mein Liebeskummer? Lediglich ein winziger Splitter im großen Universum.

»Tee oder Kaffee?«, riss mich die freundliche Stimme der Stewardess aus den Gedanken.
»Kaffee mit Milch bitte.« Ich wandte mich ihr zu und der Japaner machte sich noch kleiner, um nicht zu stören.
»Gern.« Sie reichte mir das Frühstückstablet, die Tasse und drehte sich zu dem nächsten Passagier um. Nein, ich war froh, keine Flugbegleiterin geworden zu sein. Kellnerinnen der Lüfte, wie es so schön hieß.
Nach dem Frühstück schälte ich mich aus meinem Sitz und suchte die Toilette auf, um mich zu erfrischen. Es half nicht wirklich. Neun Stunden in einem solchen Vogel eingesperrt zu sein, löste bei mir zwangsläufig ein klebriges Körpergefühl aus. In der winzigen Toilettenkabine spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht, warf einen Blick in den Spiegel und lockerte mit den Händen die Haare auf. Eine neue Frisur gehörte ebenfalls zu einem Neubeginn und der abgedunkelte Farbton gefiel mir gut. Ich krauste die Nase. Ich war dem Cecilia-Strähnenlook in vielerlei Hinsicht überdrüssig geworden.
»Neustart die Zweite oder die Dritte? Dieses Mal wird es gelingen«, sprach ich zuversichtlich zu meinem Spiegelbild. Das Magengrummeln nahm zu, denn mittlerweile hatte sich die Boeing wieder um viele Kilometer der Mainmetropole genähert. Beim Zähneputzen hörte ich den Flugkapitän sagen: »Guten Morgen, ich hoffe, Sie hatten bislang einen angenehmen Flug. Wir haben perfektes Wetter und Rückenwind, sodass wir pünktlich in Frankfurt um zehn Uhr Ortszeit landen.« Ich hatte bereits meine Armbanduhr umgestellt und warf einen Blick darauf. Ein kleiner Schauer lief mir den Rücken herunter, in zwei Stunden hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen.