TWO FACES - Leseprobe

Piper Verlag, Leseprobe online, Liebesthriller

Das erwartet Dich:

 

TWO FACES – Verbotenes Verlangen (Teil 1) der Trilogie

 

 

 

Billy, eine engagierte Polizistin, wird als verdeckte Ermittlerin in Frankfurt eingesetzt. Sie schlüpft in die Rolle von IT-Girl Cecilia Ballier, um die kriminellen Aktivitäten von Ethan Grafenberg, Patriarch und Narzisst, aufzudecken. Billy verliert sich zunehmend in der Identität der Cecilia, da Grafenbergs Jetset-Leben sie fasziniert. Brisant wird es, als sie Samuel, den Sohn, trifft und dem vermeintlichen Badboy verfällt. Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Liebe und illegalen Machenschaften, die jeden mit ihren zwei Gesichtern konfrontiert.

 

Verbotenes Verlangen ist der erste Teil einer Trilogie, der am 01.10.2018 überall im Buchhandel erhältlich ist. Ein romantischer Thriller rund um Billys und Samuels Ringen, die wahre Identität sowie die große Liebe zu finden. Verlieren sie sich auf dem steinigen Weg oder arrangieren sie sich mit den neuen Rollen ihres gemeinsamen Lebens?

(Bildquelle: Depositphotos_54761211)

 

Du kannst das Buch vorbestellen! Hier geht es zu den Shops:

 


Eine kleine Augenweide - Samuel Grafenberg

Leseprobe  - Viel Spaß!


Prolog

 

November – ein Monat, der durch Nässe und Düsternis besticht. Der 19.11.2004 präsentierte sich sogar trister denn je. Latenter Nieselregen, klamme Kälte und eine wie aus grauem Beton bestehende Wolkendecke unterstrichen den Kummer der Menschen, die schweigend den Sarg zur Grabstätte auf dem Gemeindefriedhof begleiteten. Das Glockengeläut, das nach dem Verlassen der Kirche einsetzte, konnte die Schluchzer nicht übertönen, doch je weiter wir uns von der Kapelle wegbewegten, desto stiller wurde es. Das Knirschen des Kieses unter den Füßen der Trauernden kam mir auf einmal unangenehm laut vor.

 

Obwohl ich festes Schuhwerk und eine warme Jacke trug, fröstelte es mich. Von den vielen Tränen, die ich mittlerweile vergossen hatte, brannten meine Augen und die Nase lief ohne Pause. Die permanente Frage nach dem Warum hämmerte gegen meine Stirn. Wieso musste meine beste und liebste Freundin Kessy mit siebzehn Jahren sterben? Weshalb gelang es ihr nicht, sich von ihren Dämonen zu befreien?

 

Die Sargträger positionierten sich vor dem Erdloch, das sie in wenigen Minuten auf ewig verschlingen würde. Kessys Eltern und ihre Geschwister standen mit versteinerten Mienen hinter dem Pastor, der unsere kleine Gemeinde in der Nähe von Marburg seit Jahren betreute. Die Trauergäste verteilten sich weitläufig über den Ort der Stille und des Todes. Viele meiner Mitschüler, Lehrer sowie Verwandte und Freunde von Kessys Familie nahmen Abschied. Der Verlust eines jungen Menschen berührte unzählige Mitglieder unseres Dorfes, die Kessy das letzte Geleit gaben.  Die vielen Kränze, Blumenbouquets und Kerzen verdeutlichen einmal mehr, welch einen Schock die Tragödie auslöste.

 

Der Pfarrer setzte mit fester Stimme seine Zeremonie fort. Ich hörte nicht hin. Das Geschwafel eines gutmütigen Gottes, der die Hand über uns hält, kotzte mich mehr denn je an. Wo war denn dieser göttliche Herrscher gewesen, als Kessy in die Fänge von skrupellosen Verbrechern gelangte? Wo, verdammt noch mal, war seine Fürsorge geblieben, die ihr vielleicht das Leid erspart hätte?

 

Der Druck auf meiner Seele ließ mich seit dem Verschwinden von Kessy nicht mehr los. Uns verband eine Ewigkeit als beste Freundinnen. Zusammen buddelten wir im Sand, besuchten gemeinsam die Schule und im Teenageralter teilten wir alle Geheimnisse. Fast alle.

 

»Wir trauern um Kirsten Schlüter, die vom rechten Pfad abgewichen ist …«, drangen die Worte an mein Ohr.

 

Was für ein Bullshit. Sie ist nicht abgewichen, sondern sie wurde von irgendwelchen miesen Typen aus Frankfurt vom Weg gezerrt.

 

»Wir begleiten sie gemeinsam, um ihr nachzublicken, wenn sie vorausgeht in eine neue Welt, in ihre ewige Heimat …«

 

Bei der Formulierung hatte ich den dringenden Wunsch, den Pfarrer laut anzuschreien oder ihn persönlich in seine neue Welt zu schicken.

 

Alles begann bei einem Wochenendausflug. Wir hatten die Erlaubnis, bei einer Freundin zu übernachten, die vor einiger Zeit mit ihrer Familie nach Frankfurt gezogen war. Für uns Landeier war das ein aufregendes Erlebnis, mit dem Zug in die hessische Metropole zu fahren, um für einen Tag dem beschaulichen Dorfleben zu entfliehen. Dass Anja bereits in Kreisen verkehrte, die jedem Erziehungsberechtigten normalerweise die Haare zu Berge stehen ließen, ahnte niemand. So kam es, dass wir heimlich die gesamte Nacht um die Häuser zogen. Anjas Eltern verbrachten das Wochenende bei Verwandten, so hatten wir sturmfreie Bude und kein Mensch bemerkte unseren nächtlichen Ausflug. Ich fühlte mich dabei unwohl, wollte jedoch nicht als Spaßbremse wirken. Kessy, die viel cooler als ich auftrat, tauchte mit Begeisterung in das aufregende Nachtleben ein. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als sie einen Typen traf, in den sie sich sofort verknallte. Zugegeben ein sehr smarter Mann, der es verstand, sie in der Disco, in die wir uns hineingeschmuggelt hatten, zu umgarnen. Dass an diesem Ort Drogen konsumiert wurden, bekam ich erst im Nachhinein mit.

 

Nach dem Wochenende veränderte sich meine beste Freundin. Ich hörte nur noch den Namen Joe. Joe hier, Joe dort. Selbstverständlich tolerierten ihre Eltern den Kontakt nicht. Rückblickend betrachtet, ist es nahezu unmöglich, einen verliebten und eigensinnigen Teenager aufzuhalten. Sogar meine Bedenken schlug sie in den Wind. Nachdem sie mit diesem Joe geschlafen hatte, verfiel sie endgültig seiner Scheinwelt in Frankfurt. Die Spannungen in ihrem Elternhaus nahmen zu, sodass es eskalierte. Nichts hielt sie mehr in ihrem bis dahin behüteten Teenagerleben. In einer Nacht- und Nebelaktion verschwand sie, um ihr Leben mit diesem Joe zu verbringen. Es gab keine Information, die das belegte, dennoch gab es keinerlei Zweifel, dass das der Grund für ihr Verschwinden war.

 

Zu dieser Zeit hörte ich zum ersten Mal die Bezeichnung Loverboy. Smarte Typen, die sich an unbedarfte Teenager heranmachen und ihnen Liebe und Treue vorspielen. Wie der Kerl es schaffte, junge Frauen wie Kessy emotional in eine Abhängigkeit zu bringen, war mir einst ein Rätsel. Doch die Polizei erklärte uns damals, dass regelmäßig der Zeitpunkt kommt, an dem die Loverboys in großen finanziellen Nöten stecken. Sie flehen um Hilfe, da angeblich ihr Leben bedroht wird. Ein erfolgreicher Klassiker. Das Ergebnis bei der perfiden Vorgehensweise ist immer identisch: Alle Mädchen, die den Absprung in letzter Sekunde nicht schaffen, landen auf dem Strich. Es ist grausam und die Kunden sind Männer, die ihre Väter sein könnten. Noch heute bin ich fassungslos und mein Herz krampft sich zusammen, wenn ich mir vorstelle, dass Kessy von einem der Wichser gefickt wurde.

 

Doch alle Bemühungen, sie ausfindig zu machen, schlugen fehl. Die Polizei nahm an, dass sie nicht gefunden werden wollte.

 

Durch die Ereignisse wandelte sich mein Leben schlagartig. Ich vermisste Kessy und litt darunter, nicht zu wissen, wo sie sich aufhielt und wie es ihr erging. Ich hoffte bis zur letzten Minute, sie gesund wiederzusehen.

 

Den Tag mit der schrecklichen Nachricht ihres Todes werde ich niemals vergessen. Die Schmerzensschreie der Mutter, die in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte, höre ich noch immer. Vermutlich begleiten sie mich ein Leben lang. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Keine junge Seele hält Missbrauch über längere Zeit aus. Alle griffen sie zu Rauschgiften, die sie von ihren mittlerweile brutalen Zuhältern problemlos erhielten. Kessy starb an einer Überdosis Crystal Meth, diese Droge gehörte üblicherweise nicht zu denen der Szene, da es schnell für körperlichen Verfall sorgt. Das war schlecht fürs Geschäft. Die Ermittler vermuteten, dass sie sich das Gift selbst besorgte, denn die Wirkung ist intensiv und lässt einen das Elend besser als mit Kokain ertragen. Außerdem ist es billiger, da die Opfer eines Loverboys kaum über Geld verfügen. Sie müssen jeden verdienten Cent abgeben und falls es nicht genug ist, werden sie geschlagen. In meinen Albträumen sah ich Kessy, wie sie durch die Hölle ging.

 

Zunächst wussten wir nicht, was sie durchlebte. Welche Qualen sie erlitt. Die Ungewissheit fühlte sich zu der Zeit wie ein Mühlenstein auf unser aller Schultern an.  Ich weiß im Rückblick nicht, ob es den Schmerz vermindert hätte, wenn uns die grausamen Details verborgen geblieben wären: Ihre Leiche wurde wie Müll im Main entsorgt und verfing sich in einer Schiffsschraube. Das bohrende Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber diesen Organisationen, löste eine ungeheure Wut in mir aus. Die Polizei gestand, dass sie es für unwahrscheinlich hielt, das Verbrechen aufzuklären. Der vielleicht einzige Trost des Dramas war, dass sie in Würde begraben werden konnte. An einem Ort, an dem wir unseren Erinnerungen nachhängen und uns ihr nahe fühlen können. Der Kummer jedoch, der verliert sich nie.

 

 

 

Ich kehrte gedanklich wieder an den Ort des Kummers zurück. Die Kirchenglocken läuteten erneut und der Sarg wurde langsam hinabgelassen. Das Leid und die Trauer sind in einem solchen Augenblick nicht in Worte zu fassen. Mit weichen Beinen trat ich an das offene Grab.

 

»Ich werde dich nie vergessen«, wisperte ich und warf eine extra zusammengestellte Bildercollage mit den schönsten Aufnahmen des gemeinsamen Lebens auf den braunen Holzsarg. Fotos, auf denen wir lachten, scherzten, Grimassen schnitten, zusammen im Freibad sonnten, Dorffeste, Geburtstage feierten, auf Klassenfahrt in den Alpen waren, ... Alles Momente, die mir bewiesen, dass meine beste Freundin, die wie eine Schwester für mich war, mir für immer entrissen wurde.

 

»Ich trage dich tief in meinem Herzen.« Schluchzend wandte ich mich ab. Ich musste weg, konnte es nicht länger aushalten.

 

An dem Tag manifestierte sich mein Lebens- und Berufsziel. Ich beschloss, mich bei der Polizei zu bewerben, um dafür zu sorgen, Arschlöchern wie diesem Joe das Handwerk zu legen. Ich wusste, dass ich nicht die Macht besaß, die Welt zu retten. Dennoch schwor ich, einen winzigen Teil dazu beizutragen.

 

1. Kapitel Sweet Home

 

Sybille (Billy) Winkler – April 2017

 

Erschöpft parkte ich den Kleinwagen vor unserem Haus. Ein für den Monat ungewöhnlich warmer Tag neigte sich dem Ende zu. Da die Kiste, Baujahr 2006, keine Klimaanlage besaß, klebten mir die Kleider am Körper. Ich freute mich auf eine kalte Dusche und auf ein kühles Bier, um den Feierabend einzuläuten. Einen Moment harrte ich aus, um eine Radiomeldung zu Ende zu verfolgen. Jedoch sprang die Frequenz eigenständig hin und her, sodass ich den Inhalt nur bruchstückhaft mitbekam.

 

»Radio Eriwan, na toll«, murmelte ich. Ich nannte es so, da es sich anhörte, als schalte sich ein Störsender ein, um einen Lauschangriff zu starten. »Okay, dann nicht.«

 

Ursprünglich hatte ich geplant, ein neues Auto zu kaufen, doch das musste ich zurückstellen. Der Erwerb des Häuschens in einer Randgemeinde von Frankfurt sprengte das Budget. Mein Mann Markus hatte sich mit den anstehenden Renovierungsarbeiten gehörig verkalkuliert. Ein Haus mit Renovierungsstau aus den Fünfzigerjahren entpuppte sich als die Büchse der Pandora, einmal geöffnet, ließ sie sich nicht mehr schließen. Da wir den Kauf gemeinsam entschieden und uns einen lang gehegten Wunsch erfüllten, bissen wir die Zähne zusammen. Eigentum bedeutete in dem Fall, Verzicht auf lieb gewonnene Extras wie ein funktionierendes Autoradio.

 

Markus‘ Kastenwagen konnte ich nicht sehen. Vermutlich hatte er sich wieder einmal im hiesigen Baumarkt festgefressen. Mir war es von jeher ein Mysterium, was Männer dazu bewog, mit steigernder Faszination Schrauben, Schleifmaschinen und der weiteren Produktpalette zu verfallen. Er hatte mir per vor zwei Stunden eine Nachricht geschrieben, dass ihm für die abschließende Parkettverlegung im Obergeschoß Leisten und sonstiger Kleinkram fehlten.

 

Glücklicherweise besaß mein Mann Talent in etlichen Handwerkssparten. Als Schreiner konnte er viele Arbeiten professionell erledigen. Beim Thema Heizung, Sanitär und der Elektrik stieß er jedoch an seine Grenzen, was uns bereits diverse Pannen beschert hatte. Da er sich ausschließlich nach Feierabend und an den Wochenenden der Renovierung widmete, ging es langsam voran. Ich bemühte mich, ihn in allen Bereichen zu unterstützen. Meine Fähigkeiten in handwerklichen Dingen waren allerdings beschränkt und ich fungierte als eher Handlanger. Billy, hol mal den Kleister aus dem Auto. Billy, rühre bitte die Farbe um. Im Grunde rannte ich wie ein gejagtes Kaninchen hin und her, Trepp auf, Trepp ab. Meine Begabung lag im Gestalterischen. Ich liebte es, Möbel, Tapeten, Gardinen und Fliesen auszusuchen, ich konnte es gar nicht abwarten, endlich damit loszulegen.

 

Der Job als Kriminalkommissarin ließ mir nur minimalen zeitlichen Spielraum. Die stetig anfallenden Überstunden und Wochenenddienste sorgten in der letzten Zeit für Diskussionen. Trotz der zeitraubenden Instandsetzung, weigerte ich mich, meine Stundenzahl herunterzuschrauben und die angestrebten Karriereziele aus den Augen zu verlieren. Dafür hatte ich zu lange gekämpft und mir den Status im BKA Frankfurt hart erarbeitet. Gleichberechtigungsdebatte hin oder her; wir Frauen hatten es schwerer als unsere männlichen Kollegen.

 

Markus‘ Argumente, dass ich die Prioritäten anders legen sollte, wiegelte ich schlicht ab.

 

Zügig zerrte ich zwei Einkaufstüten aus dem Kofferraum und schleppte sie zum Hauseingang. Mir lief der Schweiß den Rücken herunter, da zudem noch meine Laptoptasche über der Schulter hing.

 

»Wo ist der verdammte Schlüssel?«, grummelte ich und suchte fahrig in der in die Jahre gekommenen Messenger Bag. Wie immer versteckte er sich in den Untiefen und verhedderte sich beim Herausziehen mit allerlei Inhalt. Ich merkte, wie sich Anspannung aufbaute. »Ich hasse es, Scheißding.«

 

Geschickt balancierte ich den Schlüssel in das Zylinderschloss, ärgerte mich darüber, dass Markus nicht abgeschlossen hatte und stolperte beim Betreten über einen Berg Verpackungsmüll.

 

»Ruhig bleiben, nicht aufregen«, murmelte ich, da mich in der Küche ein nicht abgeräumter Frühstückstisch empfing. Das Geschirr des gestrigen Abends stand ebenfalls noch im Spülbecken. Ich seufzte genervt, da Markus in seiner bekannten Manier alles hatte stehen lassen, obwohl ich ihn darum gebeten hatte, die Sachen in die Spülmaschine zu räumen. Dass er schon immer ein Chaot war, wusste ich und hatte mich damit arrangiert, da er es verstand, sich auf charmante Weise herauszureden. Dabei sah er mich mit einem unschuldigen Dackelblick an, sodass ich ihm niemals ernsthaft böse sein konnte.

 

Meinen außergewöhnlich frühen Dienstschluss wollte ich mir nicht vermiesen lassen und so verstaute ich die Lebensmittel im Kühlschrank, räumte die Maschine aus und das dreckige Geschirr ein. Im oberen Stockwerk kämpfte ich mich durch die Hinterlassenschaften eines überstürzten Aufbruchs. Da wir noch kein Geld für Türzargen hatten, verdeckten Planen die Zimmereingänge. Das hatte wiederum den Nachteil, dass bei Schleif- oder Bohrarbeiten alle Räume einstaubten. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass auch das irgendwann einmal ein Ende finden würde und wir gemütlich den Feierabend auf unserer Terrasse, die ebenso wenig fertiggestellt war, verbringen könnten. Meine Pläne, am vergangenen Wochenende mit der Beseitigung des Gestrüpps in dem verwilderten Garten zu beginnen, waren einem unerwarteten Diensteinsatz zum Opfer gefallen. Deswegen hatte ich mir vorgenommen, mich die Tage darauf nicht wegen der halbfertigen Arbeiten zu beschweren. Allerdings fragte ich mich, wie lange es her war, dass ich problemlos meinen Feierabend mit einer Dusche hatte genießen konnte.

 

Im Schlafzimmer ließ ich mich auf das ungemachte Bett fallen. Das Bettgestell hatte Markus eigenhändig gefertigt und mir zur Hochzeit vor sechs Jahren geschenkt. Ich liebte die verspielten zarten Details aus Holz, die die Seiten und das Kopfteil zierten. Dann wanderte mein Blick durch den Raum. Der alte Kleiderschrank hatte den Umzug nicht überlebt. Auf einen versprochenen selbst gebauten wartete ich bislang vergebens. Etliche Kleidungstücke schlummerten noch in den Umzugskartons und ein Kleiderständer diente als vorübergehendes Provisorium. Ein gemütliches Schlafzimmer bedeutete mir viel und ich hatte darauf bestanden, den Raum so weit es ging fertigzustellen. Das Kleidungsaufbewahrungsdesaster zauberte ich mit einem Vorhang weg. Die Gardinen hingen, die alte Kommode meiner Oma hatte ihren Platz gefunden und es gab sogar eine Lampe. Unbestritten der gemütlichste Raum des Eigenheims, was bei all den Kompromissen schon viel aussagte.

 

Wenngleich das Zimmer der anhaltenden Sexflaute wenig entgegenzusetzen hatte. Der Stress der letzten Monate hatte unser Liebesleben auf ein Minimum reduziert. Vielleicht lag es auch an der langen Beziehung mit Markus. Zu Beginn hatten wir uns das Gehirn herausgevögelt. Ich erinnerte mich, dass ich schon mit einem nassen Höschen in die gemeinsame Wohnung gekommen war und es kaum erwarten konnte, seinen stattlichen Schwanz in mir zu spüren. Zu jener Zeit hatten wir auch viel um die Ohren. Meine duale Ausbildung beim BKA forderte mich und Markus pendelte täglich fünfzig Kilometer zum Arbeitsplatz und zurück. Das hatte uns aber nicht gehindert, eine Menge Spaß miteinander zu haben, sobald wir uns im gleichen Raum befanden.

 

Mit einem Seufzer sprang ich hoch und zog die verschwitzten Klamotten aus. Auf Zehenspitzen huschte ich über den staubigen Flurboden und freute mich auf eine kalte Dusche.

 

»Was in aller Welt … Nö! … Ich kotze!« Der Anblick eines Farbeimers in der Badewanne sprengte meine bisherige Gelassenheit. Markus hatte Pinsel ausgewaschen und vergessen, sie wegzuräumen. Wütend leerte ich den Eimer, donnerte ihn in den Flur  und begann die Farbreste voller Zorn wegzuschrubben. Ich dankte Gott, dass Markus noch nicht zurückgekehrt war. Sonst hätte ich mich wahrscheinlich tätlicher Körperverletzung schuldig gemacht.

 

Nach einer halben Stunde stand ich endlich unter der Dusche. Das angenehm kühle Wasser und der Duft von meinem Lieblingsshampoo erfrischten und entspannten mich. Wie so oft in der letzten Zeit beschloss ich, den Ärger herunterzuschlucken. Eine Auseinandersetzung bis hin zu einem handfesten Streit wollte ich umgehen. Irgendwann musste diese Baustelle schließlich ihr Ende finden.

 

»Billy, rate mal, wen ich getroffen habe?« Markus schlug die Plane an der Tür zur Seite und ich zuckte zusammen, da ich ihn nicht gehört hatte. »Oh, die Pinsel.«

 

Ganz ruhig Billy, nicht aufregen, atme tief durch … Nur die bewusst durchgeführten Atemübungen verhinderten einen Tobsuchtsanfall. Da ich sowieso fertig war, drehte ich den Wasserhahn ab und kletterte aus der Wanne.

 

»Mhhm.« Es fiel mir schwer, zu lächeln.

 

Er musterte mich flüchtig. Doch kein Wort eines Komplimentes oder dergleichen kam über seine Lippen. Früher bekam er beim Anblick meiner üppigen, wohlgeformten Brüste und des knackigen Pos einen Ständer. Spontaner Sex war eine heiße Leidenschaft, die wir ausgiebig genossen. Es gab nicht einen einzigen Ort in der alten Wohnung, an dem wir es nicht getrieben hatten.

 

»Wen hast du getroffen?«, fragte ich und schlang ein Badetuch um, seine Gleichgültigkeit löste ein Schamgefühl bei mir aus.

 

»Einen ehemaligen Schulfreund. Er ist ebenfalls hier in die Gegend gezogen.«

 

»Die Welt ist klein.« Ich wischte den beschlagenen Spiegel ab und begann, meine langen Haare zu bürsten. »Ich muss unbedingt zum Friseur, die Farbe ist ausgeblichen.« Ich sprach eher zu mir selbst, denn Markus fuhr einfach fort.

 

»Na ja, auf jeden Fall haben wir an der Imbissbude vor dem Baumarkt ein Bierchen getrunken und er hat uns für morgen spontan zum Angrillen eingeladen.«

 

»Ah.« Das, was mir dazu einfiel, wollte ich nicht aussprechen. Eigentlich war geplant, die Terrasse gemeinsam zu entrümpeln. Er hatte mir versprochen anzupacken, da viele Teile zu schwer und sperrig waren, sodass ich es ohne seine Hilfe nicht schaffte.

 

»Das ist doch super. Also ich freue mich, endlich mal ein bekanntes Gesicht zu sehen.«

 

»Wann?« Ich wollte keine Spielverderberin sein.

 

»Gegen sieben. Am Freitag ist Feiertag.«

 

»Ach ja, Ostern, ist mir komplett entfallen.«

 

»Ich habe zugesagt. Ist doch okay?«

 

Nein, ist es nicht, dachte ich, erwiderte jedoch: »Wenn ich es zeitlich schaffe, gern.«

 

»Dann wirst du es eben einrichten.« Er grinste und wandte sich pfeifend ab. Seine gute Laune ging mir auf die Nerven. Ich sollte mir mal eine Scheibe davon abschneiden. Es wollte mir nicht gelingen und es kostete mich Mühe, zumindest eine neutrale Miene aufzusetzen.

 

 

 

Einige Zeit später kam ich zu ihm ins Wohnzimmer. Er saß vor dem Fernseher und hatte eine Tüte Chips in der Hand. Ich betrachtete ihn. Für mich war es Liebe auf den ersten Blick gewesen. Ein großer, stattlicher Kerl, sportlich und mit einer sympathischen Ausstrahlung, der sein Umfeld zum Leuchten brachte. Die lockere und positive Lebenseinstellung gefiel mir, da sie einen Kontrast zu meiner durchstrukturierten und ehrgeizigen Lebensweise darstellte. Ein Charakterzug, der sich insbesondere mit dem Erwerb des Hauses als problematisch herausstellte, da er sich in den Jahren kein bisschen verändert hatte. Nach dem Motto: Komm ich heut' nicht, komm' ich morgen.

 

»Willst du nicht auch erst mal duschen?« Sein verschwitzter Anblick und die Arbeitskleidung wirkten wenig anziehend.

 

»Gleich«, murmelte er mit vollem Mund und ohne die Augen von dem Bildschirm abzuwenden, auf dem sich zwei Kerle ein abenteuerliches Autorennen inklusive Schießerei lieferten. Wortlos stapfte ich in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Gedankenverloren lehnte ich an der Küchenzeile. Die Einbauküche war, bis auf diverse Feinheiten, fertig. Ich nannte es den Winkler-Endstatus. Markus fehlte einfach der Sinn fürs Detail.

 

Trotz all des Chaos‘ hatten sich meine Gefühle zu ihm niemals geändert. Im Moment dominierten eben die etwas schlechteren Zeiten, aber es gab keinen Zweifel, dass wir diese gemeinsam überstanden.

 

 

 

Am Donnerstagabend fuhren wir zu Swenja und Paul Hilgers. Das Ehepaar wohnte in einem schmucken Neubauviertel. Ich seufzte bei dem Anblick der Immobilien. Auch wenn ich beim BKA Karriere machte, blieb das ein unerreichbarer Traum.

 

»Schick«, murmelte ich und stieg aus meiner alten Kiste. Vor dem Haus seines ehemaligen Schulkameraden standen ein SUV und ein Cabrio.

 

»Er hat Karriere als Wirtschaftsprüfer in einer renommierten Kanzlei gemacht.«

 

»Wann sind sie hier eingezogen?«

 

»Vor drei Monaten oder so.«

 

»Ah!« Der Eingangsbereich sah top gepflegt aus und in dem Vorgarten blühten die ersten Blumen. Ich dachte an unseren Urwald und mein Magen zog sich unangenehm zusammen.

 

Der Empfang fiel für meinen Geschmack zu herzlich aus. Swenja begrüßte mich freundschaftlich mit Umarmung. Ich hasse das! Du kennst mich doch gar nicht!

 

»Wir gehen mal auf die Terrasse, mein neuer Gasgrill ist der Wahnsinn.« Paul und Markus verschwanden umgehend.

 

»Haha, mein Mann ist bei solchen Anschaffungen wie ein kleines Kind.«

 

Das konnte ich bestätigen und murmelte: »Ja, das kenne ich. Albern.«

 

Swenja wirkte wie ein Abziehbild dieser Hausfrauen aus dem US-Fernsehen, die einerseits erfolgreich im Job waren und gleichzeitig hübsch gestylt sowie energiegeladen die abendlichen Dinnergäste empfangen konnten. »Ach, sei nicht zu streng mit den Männern. Sie sind eben große Kinder. Haha.« Ihr blödes und künstliches Lachen störte mich. »Ich zeige dir erst mal unser Haus, ja?« Die Hausherrin zwang mir eine Besichtigung auf. »Einhundertfünfzig Quadratmeter, zwei Bäder …«

 

Die Details drangen nicht zu mir durch, als ich ihr folgte. Zugegebenermaßen beeindruckte mich die gesamte Ausstattung. Keine Staubschicht, überall Türen, keinerlei halb tapezierte Wände und nicht ein einziger unausgepackter Karton. »Sehr chic«, lobte ich und ein Kloß bildete sich in meinem Hals, der unaufhörlich wuchs, je mehr ich an unser Zuhause dachte.

 

»My Home is my Castle«, flötete Swenja. »Ich bin stolz darauf. Es ist traumhaft, hier zu wohnen.« Sie begann die Vorzüge aufzuzählen und schwelgte in ihren weiteren Plänen zur Ausstattung. Kellerausbau, Möbel für das Gäste- und Kinderzimmer – bla, bla. Es fehlte nur noch, dass sie mir ihren begehbaren Kleider- und Schuhschrank zeigte, den ihr Mann ihr geschenkt hatte.  

 

An diesem Abend verhielt ich mich schweigsam, trotz Swenjas Versuche höflicher Ehefrauen-Konversation. Für Markus' Geschmack zu ruhig. »Warum bist du so abweisend?«, flüsterte er mir in einem unbemerkten Moment zu, da die Hilgers fasziniert vor dem monströsen Gasgrill standen, um uns die zweite Runde der gegrillten Leckereien zu kredenzen. »Du wirkst unhöflich.«

 

»Ich bin müde«, wich ich aus. »Es tut mir leid.«

 

»Bitte, Billy, Süße, setze ein anderes Gesicht auf.« Ich nickte, er lächelte und hauchte mir einen Kuss auf den Mund. »Es ist ein wunderschöner Abend. Und weißt du was unglaublich ist?“ Er ließ mir keine Möglichkeit zu antworten und strahlte. »Er steht immer noch im Kontakt mit unserem damaligen Fußballverein.«

 

»Ah.« Was sonst sollte ich sagen?

 

»… und das Haus. Ich bin begeistert.«

 

»Ja eben«, rutschte es mir heraus. Er sah mich verständnislos an. In diesem Moment registrierte ich, dass er von meinen Gefühlen und der in mir keimenden Unzufriedenheit keinen Schimmer hatte.

 

Zur Bestätigung stand er auf und gesellte sich zu den Hilgers. Da er die Bierflasche mitnahm, suchte er vermutlich eine aufgelockerte Atmosphäre. 

 

»Es ist schon ein Unterschied, seitdem wir den Grill nutzen. Das Fleisch wird gleichmäßig braun, da schau mal   die exakten Bratstrukturen, wie vom Sternekoch.« Der Grillmeister platzte nahezu vor stolz und seine Frau strahlte, als sei er der Konstrukteur dieses monströsen Gasgrills.

 

Keiner nahm in dem Moment Notiz von mir. Ich kam mir dämlich vor, aber alles in mir weigerte sich, mich zu ihnen zu stellen. Trotz aller Bemühungen gelang es mir nicht, zur Stimmungskanone zu mutieren. Da ich mich bereit erklärt hatte zu fahren, trank ich keinen Alkohol. In einer Runde mit drei angetrunkenen Menschen kam ich mir wie eine Außenseiterin vor. Sie sprachen viel über die Vergangenheit, zu der ich nichts zu sagen vermochte. Die lustigen Anekdoten aus ihrer Schulzeit katapultierten mich umgehend in die Zeit von Kessys Tod. Ich erinnerte mich, dass sich die Stimmung niemals mehr von dem schrecklichen Ereignis erholte. Warum nahm Markus darauf keine Rücksicht und lenkte von dem Thema ab? Stattdessen bogen sich die Männer vor Lachen.

 

 

 

Später überlegte ich, mit Markus zu sprechen und ihm meine Gefühle zu erklären. Dazu kam es jedoch nicht. Er fiel müde ins Bett und schlief sofort ein. Ich kam mir seltsam verloren vor und fühlte mich mies. Mit offenen Augen starrte ich an die Decke. Die Kirchturmuhr schlug dreimal. Bis zu meinem Sweet Home schien es noch ein unendlich langer Weg. Ob ich jemals das Ziel erreichte? In den Stunden kurz vor Sonnenaufgang kamen mir erstmals Zweifel.

 

Bei Amazon vorbestellen    

 

Bei Thalia vorbestellen

Wenn Du Lust hast melde dich an und wir chatten

Freue mich auf Kommentare