Leseproben online -Angel's Secrets Part 2

Fünf Sterne De luxe
»Hey Jack! Alles wieder klar mit deiner Freundin?«, begrüßte sie den Rezeptionist.
»Guten Abend Angel, die Tipps haben mich gerettet. Echt super!« Jack strahlte sie an. »Du bist die Beste.«
»Das weiß ich.« Sie zwinkerte ihm zu. »Reiner Eigennutz oder was soll ich die vielen Stunden, die mein Gast die teuere Zeit verschlafen hat, tun?«
»In der Tat leicht verdientes Geld.« In Jacks Stimme klang jedoch kein Neid mit. Die beiden hatten sich im Laufe der Zeit angefreundet. Er der Nachtportier und sie, die regelmäßig in dem Grandhotel ihre Verführungskünste den Herren schenkte. »Solch unkomplizierte Übernachtungsbuchungen hätte ich gern öfters.« Angel beugte sich über den Tresen und flüsterte: »Das geht bei ihm ruckzuck. Er schläft sofort danach ein und wie ein zufriedenes Baby durch.«
Er grinste. »Aber die Idee mit dem Babyfone ist genial. Darauf muss man erst einmal kommen.«
»Mit den Jahren gewinnst du eben an Kreativität.«
»Wie die Erfahrung zeigt, funktioniert es.«
»Sobald ich höre, er wacht auf, bin ich wieder auf dem Zimmer.«
»Auf jeden Fall hat uns die »Abhörmethode« etliche Plauderstunden beschert.«
»Ich habe es heute ebenfalls eingepackt.« Mit einem Augenzwinkern deutete sie auf ihre Handtasche. »Schließlich kenne ich meine Stammkunden.«
Ein Mann näherte sich dem Rezeptionscounter.
»Hat William schon eingescheckt?«, fragte sie mit gedämpfter Tonfolge.
Jack nickte. »Er ist noch nicht zurück.« Anschließend wandte er sich dem Herrn zu. »Guten Abend und herzlich willkommen in unserem Haus.«
Angel drehte sich diskret zur Seite und begann in der Tasche zu kramen. Es bedurfte keinerlei Absprachen, denn beide wussten um ihre Rollen.
»Mr de Vere, ja wir haben die gewünschte Suite für Sie reserviert«, hörte sie Jack sagen. »Der Page wird sofort Ihr Gepäck nach oben bringen.«
»Verbindlichsten Dank. Wenn ich mich länger in London aufhalte, bevorzuge ich dieses Zimmer.« Mr de Veres Stimme hatte einen angenehmen Klang. Angel warf ihm einen flüchtigen Blick zu.
Sehr sexy, schoss es ihr durch den Kopf. Ob er auch bei uns in der Kartei ist?
Unbeabsichtigt musterte sie ihn. Ein leichtes Kribbeln durchströmte sie. Es kam selten vor, dass sie einen Mann aus persönlichen Gründen attraktiv fand. Offensichtlich hatte er sie bemerkt und erwiderte den Blick.
Was für eine Augenfarbe! WOW!
Auffällig schnell schaute sie weg.
Cool bleiben! Ich gehe mal lieber zügig in die Bar.
Ohne dem Mann weitere Aufmerksamkeit zu widmen, wandte sie sich ab.
Mit ihrem heutigen Gast traf sie sich wie üblich fürs Erste auf einen Drink. Der Ablauf wiederholte sich bei jedem Zusammentreffen. Zunächst lud William sie zu einem Glas Wein oder Cocktail ein, ergoss sich in denselben überschwänglichen Komplimenten, bis er sie mit feuerroten Wangen fragte: »Bist du bereit den den großen King William kennenzulernen?«
»Ich kann es kaum erwarten«, lautete die gewünschte Antwort. »Die Königin ist durchtränkt von Feuchtigkeit.«
»Dann folge mir meine Teure.«

Zu Beginn ihrer Karriere reagierte sie mit Irritation auf solche eigenwilligen Gewohnheiten. Mittlerweile gab es selten etwas, was die dreißigjährige Angel überraschte. Rasch realisierte sie, dass sie einen Part bestritt, dessen Drehbuch ihr zahlender Kunde vorgab. Es oblag ihr, wie sie diesen mit Leben füllte. Eine Schauspielerin konnte gut oder schlecht performen. Angel schlüpfte in die Rolle der »Geliebten auf Zeit« und sie beherrschte ihr Metier meisterhaft. Sie verkörperte die Sexgöttin, die schmutzige Hure, eine kurzweilige Gesellschafterin und die Vertraute, der man die intimsten Heimlichkeiten anvertraute.
Die gut situierten Herren, die sie über ihre Agentur »Unlimited Secrets« buchten, erwarteten für den nicht unbeträchtlichen Tribut, eine perfekte Dienstleistung. Eine Professionalität die unsichtbar blieb und in der sie die Führung übernahm. Trotz allem Glamour und dem Luxus der Angel umgab, wusste sie, dass sie sich prostituierte und gesellschaftlich weit unten auf der Scala rangierte. Die Scheinwelt »Fünf-Sterne-Deluxe« regierte ihren Alltag. Mit dem Preis, den sie dafür zahlte, hatte sie sich arrangiert.
Ein hohes Maß an Flexibilität durch eine permanente Abrufbereitschaft für spontane Buchungsanfragen schränkte ihr privates Leben ein. Nachts zu arbeiten und am Tag zu schlafen, stellte ebenfalls nicht die beste Voraussetzung dar, um soziale Kontakte aufzubauen. Die Disziplin ihre Schönheit und damit das Kapital zu erhalten, kostete manches Mal Überwindung. In seiner Gesamtheit betrachet liebte sie ihren Job. Angel gab unverhohlen zu, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt dem Rausch des Geldes verfiel. Ab da agierte sie kompromisslos, um mit ihrem Geheimnis den größtmöglichen Gewinn zu erzielen.

Um diese Uhrzeit herrschte reger Trubel in der Hotelbar. Ein Pianospieler musizierte dezent im Hintergrund und unterstrich die genehme Atmosphäre. Hinter der Theke wirbelte ein Barkeeper und beeindruckte gerade einige Gäste mit der Zubereitung eines Cocktails. Angel fand es ebenfalls spannend, wie Sam die Zutaten schwungvoll zusammen mixte und er dabei keinen Tropfen verschüttete.
Eleganten Schrittes trat sie heran und spürte, wie sie auch hier die Aufmerksamkeit auf sich zog.

»Guten Abend Angel«, begrüßte Sam sie freundlich. »Alles gut?«
»Danke der Nachfrage«, sie setzte sich auf einen der Barhocker und sondierte diskret die Lage. »Ich erwarte William.«
»Was möchtest du trinken?«
»Ein Wasser bitte.« Ohne ein weiteres Kommentar schob sie ihm eine Zehn Pfundnote zu, die unauffällig in seiner Hosentasche verschwand.
»Dein Getränk Mylady.« Sams Grinsen galt nicht Angel, denn viel mehr ihrem großzügigen Obolus, der ihn zum Wegschauen animierte.
»Du weißt doch, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.«
»Angel, das schätze ich an dir.« Sam lachte und wandte sich erneut seinen Aufgaben zu.
Den Eingang im Auge schweiften ihre Gedanken zu dem Mann, der sich Mr de Vere nannte. Dem Dialekt nach zu urteilen stammte er aus den Vereinigten Staaten.
Was er für eine interessante Ausstrahlung er besitzt. Sofern er schwul ist, wäre das ein tragischer Verlust für die gesamte Frauenwelt.
 Die Mutmaßung schien nicht allzu abwegig. Die am besten gepflegtesten und gekleideten Kerle fühlten sich demselben Geschlecht hingezogen.
Ob er die Präsidentensuite gemietet hat? Was er wohl macht, das würde mich interessieren. Banker? Eigentlich sieht er nicht wie einer aus. Anwalt? Die sind mäßige Liebhaber ... eine gehobene Position oder Reich geboren?
Angel schüttelte den Kopf, so als wolle sie die ungewollten Überlegungen abschütteln.
Vielleicht sucht er ein wenig Abwechslung, da er laut seinen Worten länger in der Stadt zu bleiben scheint. Wer weiß, ob sich unsere Wege ein weiteres Mal kreuzen.

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